Lade Inhalt...

Literaturinterpretation von Brechts "Geschichten vom Herrn Keuner". Biografie, Gattung, Entstehung, Inhalt und Charaktere

Facharbeit (Schule) 2014 19 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A) PARABEL
1) Begriff
2) Epische Kurzform
3) Unterscheidung zur Fabel
4) Bild- und Sachebene
5) Wurzeln der Parabel
6) Merkmale der Parabel
7) Parabel in der Literatur

B) BERTOLT BRECHT, DIE GESCHICHTEN VOM HERRN KEUNER
1) Biografie Bertolt Brecht
2) Geschichten vom Herrn Keuner
a) Entstehung
b) Die Figur „Herr Keuner“
c) Inhalt und Themen

C) INTERPRETATION AUSGEWÄHLTER „GESCHICHTEN VOM HERRN KEUNER“

A) PARABEL

1) Begriff

Der Begriff „Parabel“ stammt aus dem Altgriechischen „paraballein“ (παραβαλλειν), was übersetzt „nebeneinander-(‚para‘)-werfen(‚ballein‘) heißt. Das dazugehörige Nomen „parabole“ bedeutet „Nebeneinanderdarstellung, Gleichnis, Vergleich“.

[Diese Information habe ich von meiner Mutter, die Altgriechisch kann.]

2) Epische Kurzform

Bei der Parabel handelt es sich um eine epische Kurzform in Form einer lehrhaften Erzählung, die zur sogenannten Lehrdichtung gehört und einen Vergleich zu einem selbständigen Erzähltext ausweitet. In der Parabel wird eine prägnante Begebenheit als Gleichnis gestaltet. Damit soll ein erzieherischer Gedanken, eine sittliche Idee (z.Bsp. Nächstenliebe, Toleranz) oder eine Lebensweisheit durch einen Vergleich aus einem anderen Vorstellungsbereich verdeutlicht werden. Der Leser soll dann den Prozess der Erkenntnis und des Verstehens einleiten. Damit verfolgt die Parabel eine didaktische (= lehrhafte) Absicht. Der Leser selbst muss das Bild hinter dem Gleichnis erkennen und durch Analogie die Bedeutung des Bildes erkennen. Dadurch kann der Leser aus dem Gleichnis Analogieschlüsse auf seine Wirklichkeit, seine Welt und sein Umfeld ziehen. Hat der Leser dies erreicht, hat auch die Parabel ihre Aufgabe erfüllt, nämlich über den Bezug zur Erzählung hinaus auf abstrakte Gedanken zu leiten.

3) Unterscheidung zur Fabel

Anders als bei der lehrhaften Fabel handeln bei der Parabel nicht Tiere, die mit menschlichen Eigenschaften ausgestattet sind, sondern Menschen. Die moralische Lehre, die der Leser erkennen soll, wird nicht deutlich oder wörtlich formuliert und auch nicht als Lehrsatz angeführt, sondern ist in die Geschichte eingearbeitet. Es ist Aufgabe des Lesers, diese Lehre selbst aus dem Gleichnis herauszufinden und die Bedeutung des Gleichnisses durch Analogie (= Ähnlichkeit, Gleiches) zu ermitteln.

Die Fabel übt nur Kritik an dem, was geändert werden soll. Sie gibt aber keine Lösungs- oder Änderungsvorschläge. Der Leser soll sich in die Figuren der Fabel hineinversetzen und über die Kritik nachzudenken. Die Parabel bietet keine Erklärung für den Leser, sondern versucht den Leser von der inhaltlichen Meinung zu überzeugen. Durch das Gleichnis soll der Leser animiert werden, sein eigenes Verhalten zu ändern.

4) Bild- und Sachebene

Bei der Interpretation einer Parabel muss man zwischen der Bildebene und der Sachebene unterscheiden. Beide Ebenen gehören zur Grundstruktur der Parabel.

Wenn man sich eine geometrische Parabel vorstellt, kann man die Parabeläste mit der Bild- und Sachebene vergleichen. Der Scheitelpunkt ist dann das abstrakte Bindeglied zwischen dem, was die Parabel erzählt und dem, was die Parabel meint und mitteilen will. Letzteres muss – wie schon oben gesagt – der Leser selber erkennen.

Unter „http://www.philosophie-sgl.de/Faecher/deutsch/lessing/parabel.pdf“ (eingesehen im September 2014) habe ich Bilder zur Veranschaulichung gefunden:

Grundschema der Parabelinterpretation:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

5) Wurzeln der Parabel

Die Wurzeln der Parabel liegen in der antiken Rhetorik. Antike Redner haben Gleichnisse und Parabeln verwendet, um ihr Argumente zu verdeutlichen, zu illustrieren und zu unterstützen.

Die literarischen Parabeln haben ihre Herkunft in den Gleichnissen des Alten und Neuen Testaments der Bibel. Vor allem im Neuen Testament sollen die Gleichnisse die Lehre von Jesus veranschaulichen und verdeutlichen.

6) Merkmale der Parabel

Ursprünglich war also die Parabel „nur“ ein Einschub in einer Rede, um Argumente zu untermauern. Daraus erklären sich auch die Merkmale der Parabel:

- lehrhafte Züge
- kurz
- knappe Sprache
- antithetischer Aufbau (= inhaltlicher Gegensatz)
- parabolische Sprechweise (= bildhafte Sprechweise)
- Verwendung von literarischen Stilmittel wie
- Metapher (= bildlicher Ausdruck)
- Vergleich
- Personifikation (= Vermenschlichung)
- konnotierte Begriffe (= Begriffe mit Nebenbedeutungen, z.Bsp. „Quacksalber“ für Doktor mit der Nebenbedeutung, dass dieser nichts kann und nichts taugt)

7) Parabel in der Literatur

Die Parabel ist oft keine eigenständige literarische Form, sondern eine Beifügung, die beim Veranschaulichen und Argumentieren hilft. Sie ist häufig als Binnenerzählung in einen anderen epischen oder dramatischen Text eingefügt. Das berühmteste Beispiel dafür ist die „Ringparabel“ in „Nathan und der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing.

Mit dem Zeitalter der Aufklärung verschwand die Bedeutung der Rhetorik immer mehr. Dadurch ist auch die Parabel im Zusammenhang mit Reden verloren gegangen.

Es entstanden jedoch sogenannte Parabelsammlungen, in denen jede einzelne Parabel für sich allein steht.

Ein Beispiel dafür sind unter anderem Bertolt Brechts „Geschichten vom Herrn Keuner“, mit denen Brecht als ‚eingreifender Denker‘ Aufklärung und Erkenntnis schaffen will.

B) BERTOLT BRECHT, DIE GESCHICHTEN VOM HERRN KEUNER

1) Biografie Bertolt Brecht

Bertolt Brecht lebte von 1989 bis 1956 und war ein deutscher Schriftsteller.

Für genauere Angaben zu seiner Biografie siehe bitte meine Ausarbeitungen zu „Exilliteratur“ (Punkt 3a).

2) Geschichten vom Herrn Keuner

a) Entstehung

„Die Geschichten vom Herrn Keuner“, auch bekannt als „Die Geschichten vom Herrn K.“, sind Parabeln von Bertolt Brecht.

Brecht verfasste die „Geschichten vom Herrn Keuner“ verteilt über einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren, von 1926 bis zu seinem Tod. Die Entstehung der Keuner-Geschichten fällt in die späten 1920er Jahre. Das war Brechts experimentelle Zeit des Schreibens, zu der er in ständigem Kontakt mit anderen Künstlern arbeitete. Diese Phase wurde unterbrochen durch seine erzwungene Flucht aus Deutschland. Während der späteren Jahre entstanden weitere Keuner-Geschichten, die mit der Erfahrung des Exils und seinen letzten Lebensjahren in der DDR zu tun haben.

Die erste Keuner-Geschichte schrieb Brecht 1926 im Zusammenhang mit seiner Arbeit an dem Stück „Fatzer“. Die Figur des Herrn Keuner war zuerst eine handelnde Person in diesem Stück. Brecht bearbeitete dann diese Figur so, dass sie im Sinne des epischen Theaters immer mehr die Rolle des Kommentators einnahm. „Keuner erschien sowohl als handelnde Figur mit den Zügen eines Lehrers der anderen Figuren, …, dem die Verlesung der Kommentare übertragen ist und zugleich als die erzählte Gestalt des ‚Denkenden‘ in den Kommentar-Texten.“[1]

1929-1931 entstanden die meisten Keuner-Geschichten, zwischen1950 und 1956 verfasste Brecht noch weitere Geschichten. Insgesamt entstanden 87 Geschichten.

Brecht plante zunächst nicht, die Geschichten zu veröffentlichen. Auch erwähnte er die Geschichten nie in seinen Erläuterungen. 1948 bat Brecht jedoch den Verleger seiner „Kalendergeschichten“, als letzte Kalendergeschichte eine große Gruppe der „Geschichten vom Herrn Keuner“, insgesamt 39 Stück aus verschiedenen Entstehungszeiten, hinzuzufügen. Insgesamt veröffentlichte Brecht zu seinen Lebzeiten 44 Geschichten.

Nachdem in Brechts Nachlass neue Texte von den Keuner-Geschichten aufgefunden wurden, sind nun insgesamt 121 Geschichten und Fragmente, die die Forschung zu den Keuner-Geschichten zählt, bekannt.

b) Die Figur „Herr Keuner“

Herr Keuner, auch Herr K., ist die Hauptfigur in der Zusammenstellung der Geschichten Brechts.

Der Name Keuner leitet sich aus der süddeutschen Sprechweise eines Lehrers von Brecht ab, der ein „eu“ immer wie ein „ei“ ausgesprochen hat. So, sagt Walter Benjamin (deutscher Philosoph, Literaturkritiker und Übersetzer sowie Weggefährte und Freund Brechts), habe Brecht es ihm erzählt. Somit bedeutet „Keuner“ zunächst „Keiner“ und steht für eine eigenschaftslose Person, die in den Geschichten als der denkende, kritische Kommentator auftritt.

Der Name „Keuner“ kann aber auch als Anspielung auf das altgriechische Wort „koinos“ verstanden werden. Koinos bedeutet: die Allgemeinheit betreffend. Mit „Allgemeinheit“ meinten die Griechen den Staat und die Politik. Somit kann man Keuner als eine Figur sehen, die auf der Suche nach einem neuen Staat ist, der aus den Erfahrungen, die man aus den erzählten Geschichten lernt, entsteht.

Die Figur des „Herrn Keuner“ ist aus einer der vier männlichen Stückfiguren im „Fatzer“ herausgebildet. Ursprünglich ist Herr Keuner eine handelnde Figur im Stück. Nach mehreren Bearbeitungen durch Brecht nimmt Herr Keuner die Rolle eines Kommentators und Lehrers für die anderen Figuren an.

„Herr K. ist ein Mann ohne Gesicht. Ohne Alter, ohne Beruf, ohne Biografie. Man könnte ihn für ein Phantom halten, zeigte er, der Mann ohne Eigenschaften und ohne Unterleib, nicht eine höchst vitale Regung: er denkt. Herr K. ist Denker – dies ist sein einziger Beruf und seine einzige Wollust.“[2] So beschreibt ZEIT ONLINE die Figur des Herrn Keuner.

Herr Keuner ist eine Kunstfigur, erschaffen von Brecht. Brecht hat ihr zwar einen Namen, und damit eine Identität, aber keine individuellen Eigenschaften gegeben. Der Leser erfährt nichts Genaues über Keuner, nur in einigen Geschichten liest man, dass Keuner einen Sohn oder eine Nichte hat. Alle anderen Figuren in den Keuner-Geschichten haben keine Identität. Sie werden oft mit ihrem Berufsstand oder mit ihrer sozialen Position benannt.

Herr Keuner ist der kritische Kommentator, der die Handlungen der anderen kritisch beobachtet und der Denkende, der über die Handlungen der anderen nachdenkt. „Herr Keuner gehört zu den ‚Kopfarbeitern‘, zu den abtrünnigen Intellektuellen im Umfeld eines Proletariates, …“[3]. Herr Keuner zeigt dem Leser Haltungen vor und kommentiert diese Haltungen. Er kommentiert aber nicht immer nur mit Worten, sondern auch damit, dass der seine Gesprächspartner mit seinen Worten und Fragen irritiert und manchmal verwirrt. Herr Keuner möchte für seine Gesprächspartner nicht sympathisch oder angenehm sein, sondern klug und hilfreich.

Manche Literaturwissenschaftler sehen in Herrn Keuner das „alter ego“ Brechts (= zweites Ich). Sie haben erforscht, dass Brecht über die Figur des Herrn Keuner seine eigene Meinung und Handelsweise als denkender Dichter in seine Geschichten einbringt. Sie erkennen in Herrn Keuner einen Doppelgänger Brechts. Damit werden die Keuner-Geschichten zu einer persönlichen und subjektiven Prosa von Brecht.

c) Inhalt und Themen

Brecht hat mit den Keuner-Geschichten kurze Prosastücke entwickelt, mit denen er Fragen zum Verhalten in Politik und sozialem Zusammenleben sowie Probleme der Erkenntnistheorie abhandelt. Er benutzt dazu die Kunstfigur des Herrn Keuner. Brecht bezeichnet Herrn Keuner auch als den „Denkenden“. Er lässt ihn in seinen Parabeln einerseits als Handlungsfigur auftreten, die sich mit überraschenden Fragen oder Situationen auseinander setzt und dabei verschiedene Möglichkeiten überdenkt. Andererseits ist Herr Keuner ein „Lehrer“, der die Erkenntnisse, die er aus den eigenen Erfahrungen gewonnen hat, als Lebensweisheiten wiedergibt.

Die „Geschichten vom Herrn Keuner“ sollen nicht nur reine Erzählung sein, sondern sind nach Brecht auch philosophische Texte. Philosophieren will Brecht vor allem über Veränderungen, egal ob diese Veränderungen durch historische Ereignisse oder das aktive Eingreifen von Menschen verursacht wird.

Literaturwissenschaftler bezeichnen die Keuner-Geschichten auch als „Lehrstücke ohne Lehre, außer dieser einen: dass nicht nur der Starke, sondern auch der Denkende am mächtigsten allein ist.“[4] Dass Denken ein sinnliches Vergnügen ist, hat Brecht immer wieder betont. In den Keuner-Geschichten zeigt er es uns mit der Kunstfigur des Herrn Keuner.

Je nach den verwendeten Themen kann man die Keuner-Geschichten dem Inhalt nach in verschiedene Gruppen einteilen:

- Philosophie und Religion (Bsp.: Wenn Herr K. einen Menschen liebte)
- soziologisch-politische Themen (Bsp.: Maßnahmen gegen die Gewalt)
- Kunst (Bsp.: Herr K. und die Lyrik)
- Tugenden (Bsp.: Verlässlichkeit)
- Haltungen des Denkenden (Bsp.: Weise am Weisen ist die Haltung) – Zu dieser Gruppe zählen die meisten Keuner-Geschichten.

[...]


[1] Kommentar in: Brecht, Bertolt, Geschichten vom Herrn Keuner, Berlin, Suhrkamp Verlag, 2012, S.184.

[2] http://www.zeit.de/1979/35/geschichten-vom-herrn-keuner, eingesehen im September 2014.

[3] Kommentar in: Brecht, Bertolt, Geschichten vom Herrn Keuner, Berlin, Suhrkamp Verlag, 2012, S.182.

[4] http://www.zeit.de/1979/35/geschichten-vom-herrn-keuner, eingesehen im September 2014.

Autor

Zurück

Titel: Literaturinterpretation von Brechts "Geschichten vom Herrn Keuner". Biografie, Gattung, Entstehung, Inhalt und Charaktere