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Sozialarbeiterische Fallanalyse. Die lebensweltliche Perspektive

Hausarbeit 2015 9 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Kurzvorstellung des Fallbeispiels

3. Die Lebensweltorientierte Theorie: Inhalte und Ziele

4. Fallbetrachtung
4. 1 Theoretischer Blickwinkel- Mannis Lebenswelt und dessen Erklärungsversuch
4. 2 Methodisch- praktischer Blickwinkel- Mögliche sozialarbeiterische Vorgehensweise und Lösungsansatz

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Alltag- ein Phänomen das jeden Menschen einholt. Niemand kann sich vor seinem Alltag entziehen, niemand kann ihn komplett ignorieren. Entgegen der menschlichen Wahrnehmung steht jedes Wesen in permanenter Abhängigkeit und Wechselwirkung zu und mit seiner Umwelt, ist gesellschaftlich determiniert. Diesen interessanten Ansatz greift die Lebensweltorientierte Soziale Arbeit auf und überzeugt damit hinsichtlich ihres ganzheitlichen Blicks auf das Individuum und dessen relevanten Einflussfaktoren. Wie wohl kaum eine andere Theorie, stellt sie dabei die Klient*Innen im immer komplexer werdenden Leben in den Fokus und versucht sie zu verstehen und zu respektieren, Kardinaltugenden von Sozialen. Imponierend erscheint aber neben diesem „Arbeiten an der Basis”, nämlich dem Menschen, die gleichzeitige politische Funktion, die dem Konzept beiwohnt und die schließlich auch in der Thematisierung sozialer Gerechtigkeit sowie ethischer Prinzipien mündet. Diese Theorie prägt und identifiziert sich mit dem Selbstverständnis, das die Soziale Arbeit heute verkörpern soll.

Das nun im Folgenden vorgestellte Fallbeispiel eignet sich zur theoretischen sowie praktisch- angewandten Darstellung der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit in besonderem Maße: Nicht nur, dass es sich dabei um ein realitätsnahes „Alltagsszenario” eines Jugendlichen handelt, das mit „Schwierigkeiten” und Veränderungen im Rahmen der Identitätsdiffusion (Flammer 1996, S.88) in Verbindung steht, schildert das Beispiel sehr anschaulich, in welchen Netzwerken der Heranwachsende in seiner Freizeit agiert, wie diese sein Verhalten kausal bedingen und welche Konsequenzen sich daraus ergeben.

Im Zentrum der Untersuchung des Beispiels aus alltagsorientierter Sichtweise soll dabei die Frage stehen, an welchen Stellen Ansatzpunkte für sozialarbeiterische Interventionsmöglichkeiten bestehen und wo diese auf mögliche Grenzen stoßen.

2. Kurzvorstellung des Fallbeispiels

Geschildert aus der Perspektive eines „Freundes/ Freundin” vom Protagonisten handelt der Fall vom Jugendlichen Manni. Er ist mit anderen Personen seiner Altersgruppe auf einem kleinen Dorf aufgewachsen. Das Untereinander wird dabei sehr vom Zusammenhalt geprägt. Dieser beschränkte sich jedoch vorrangig auf Partys, Tänze und Alkoholkonsum. Manni nahm in dem sozialen Beziehungsgeflecht die Rolle einer schikanierten Person ein. Er wird als gering intelligent beschrieben; eine Person, die man gern an der Nase herumführte. Da der Junge Probleme hatte, über Diskussionen Zugang zu anderen Jugendlichen zu finden, bemühte er sich, diesen mittels massiven Alkoholmissbrauchs zu verschaffen- zum Spott aller Heranwachsenden. In betrunkenem Zustand galt er schließlich als anerkannt. Dagegen wurde er bei Besuchen von Diskotheken und Geburtstagsveranstaltungen aus der Gruppe ausgeschlossen.

Eines Tages kam er schließlich in Kontakt mit den Jugendlichen des Nachbardorfes. Doch auch diese wussten ihn auszunutzen: Für seinen neuen Freundeskreis beging er schließlich Diebstähle und Einbrüche für die er von ihnen Anerkennung erhielt und endlich nicht mehr ausgelacht wurde. Aber lange ging sein kriminelles Verhalten nicht unbestraft davon. Er wurde von der Polizei ertappt und erhielt eine zunächst zur Bewährung ausgesetzte Strafe. Die erzählende Person beschreibt im Folgenden, dass sie versucht hat, einzuschreiten, wenn der Dorffreundeskreis Manni wieder abfüllen wollte. Der Erzählende bemühte sich, ihn zu anderen, abwechslungsreichen Veranstaltungen mitzunehmen. Dies scheiterte im Endeffekt am Mut des Erzählenden sich gegen seine eigenen Freund*Innen konfrontativ durchzusetzen und Manni schloss sich stattdessen erneut der Clique aus dem Nachbarort an. Das führte dazu, dass er nach weiteren Delikten für zwei Jahre in eine Jugendanstalt gehen musste. Die sehr nachdenkliche und mit Schuldgefühlen behaftete erzählende Person meint abschließend, dass sie dies mit ihrer Gruppe hätte verhindern können, wenn sie dem Protagonisten gegenüber mehr Akzeptanz und Wertschätzung an den Tag gelegt hätten (Müller 2012, S.183f.).

3. Die Lebensweltorientierte Theorie: Inhalte und Ziele

„Da anfangen, wo die Menschen leben, in ihren Verhältnissen agieren“, so- auf den ersten Blick relativ schlicht dargestellt- beschreibt Hans Thiersch (1997, Text 2), der Urheber des Konzepts, den Ansatzpunkt der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit. Doch was heißt das konkret?

Im Zentrum der Theorie steht der subjektiv, ganz individuell wahrgenommene Alltag aus Sicht der Adresat*Innen, sowie deren Erfahrungen, die sie in ihren Lebenszusammenhängen sammeln, und ihre eigenen Lebenskompetenzen. Dieser Alltag wird gleichzeitig im gesellschaftlichen Kontext als „Gegenwelt einer gerade angesichts vielfältiger Entfremdungen unmittelbaren, unverstellten und protestativen Kraft“ beschrieben (Grunwald/ Thiersch 2008, S.14). Der Alltag, synonym zur Lebenswelt zu verwenden, kann sich damit zu einem Bedingungsfaktor sozialer Exklusion entfalten, der sich u.a. im Prozess der Individualisierung, Pluralisierung von Lebensformen, Neudefinition von Geschlechterrollen oder einer zunehmende sozialen Ungleichheit bemerkbar macht. Somit kommt der Aufgabe der Lebensbewältigung in Zeiten der Ungewissheit eine zentrale Rolle zu (ebd., S.14f.). Innerhalb der verschiedenen gegebenen Sozialräume und Verständnis- und Handlungsmuster der oft unübersichtlichen realen Wirklichkeit, legt die Soziale Arbeit Wert auf den Respekt in und vor der Lebenswelt. Dieser liegt ein Eigensinn zu Grunde, den es zu erkennen gilt. Nur so können Ressourcen zu einer gelingenderen Lebensbewältigung aktiviert und neu erschlossen werden (Thiersch 1997, Text 2).

Das Subjekt nimmt in diesem Hilfeprozess die im Zentrum stehende Figur einer selbstständigen, aktiven und handlungsfähigen Persönlichkeit wahr, dennoch bestimmen die gesellschaftlichen Verhältnisse die Grenzen seiner individuellen Denk-, Handlungs- und Wertemuster. Die Theorie der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit beruht sich in ihren Ausführungen auf die Prinzipien der „Hilfe zur Selbsthilfe, Fordern und Fördern, Aktivieren und Empowerment“, auf diese Weise sollen die Klient*Innen begleitet werden, in die Gesellschaft reintegriert zu werden (Seithe 2012, S.60f.). Außerdem kommt der Sozialen Arbeit dabei die Rolle zu, in den Möglichkeiten ihres methodisch- fachlichen Repertoires zu stets individuell angelegten Lernprozessen anzuregen und für Veränderung und Aufbruch zu motivieren (Brumlik 1992 und Frommann 1987, zit. n. Grunwald/ Thiersch 2011, S.858). Dabei formulieren sich die Bewältigungsaufgaben- im Kontrast zu anderen Erziehungskonzepten- im Hier und Jetzt, die Gegenwart bildet schließlich den Zeitpunkt der Wirklichkeitskonstruktion (Winkler 2006, zit. n. Grunwald/ Thiersch 2011, S.858).

Darüber hinaus versucht die Soziale Arbeit die beidseitigen Wechselbeziehungen zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft auf politischer und ethischer Ebene zu beeinflussen. „Es gilt, Ungleichheiten in den realen Lebensverhältnissen abzubauen“ (Grunwald/ Thiersch 2011, S.855) und gegen die „Macht von Verhältnissen“ anzukämpfen, schließlich eröffnet sich der Blick für Barbareien und Rücksichtslosigkeiten gerade im Alltagsleben der Klient*Innen (Thiersch 2014, S.339). Zur Umsetzung dieser „Politik des Sozialen“, die stets konkreten individuellen Lebenslagen statt einer normativen Logik folgt, fordert Thiersch im Rahmen seines Konzeptes eine vorangehende Analyse der Gesellschaft (Deller/ Brake 2014, S.25).

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Details

Seiten
9
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668091931
ISBN (Buch)
9783668091948
Dateigröße
871 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v310487
Institution / Hochschule
Hochschule Magdeburg-Stendal; Standort Magdeburg – Fachbereich Soziale Arbeit, Gesundheit und Medien
Note
Schlagworte
sozialarbeiterische fallanalyse perspektive

Autor

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Titel: Sozialarbeiterische Fallanalyse. Die lebensweltliche Perspektive