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Zu „Individuum und Gesellschaft in Lebensanschauungen des 18. und 19. Jahrhunderts“ von Georg Simmel

Referat (Ausarbeitung) 2015 7 Seiten

Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

1 Die Problematik (122-128)

2 Das 18. Jahrhundert (128 – 137)

3 Das 19. Jahrhundert (137-149)

Ergänzende Literatur

Einführung

„Die Renaissance hat die Individualität entdeckt, der Sturm und Drang erhebt sie zum Programm.“[1] Damit ist -zugespitzt- ausgedrückt, dass die Vorstellung von der Individualität des einzelnen Menschen als seinem zentralen Wesensmerkmal bis zum Beginn der Neuzeit[2] faktisch keine Rolle spielte, und erst die Dichter und Denker des Sturm und Drang sich allmählich dem Prinzip der Individualität zu nähern begannen.

Die Ideengeschichte der Neuzeit schreibt diesem Prinzip einen ontologischen Status zu.[3]

Vorher wurde der Mensch im Wesentlichen von seiner Gattungszugehörigkeit her betrachtet, sein Verhalten, seine Rechte und Pflichten, seine Anschauungen und Ziele etc. wurden davon abgeleitet und bestimmt. Besonderheiten ergaben sich zusätzlich noch aus der Zugehörigkeit zu einem speziellen Stand, aber auch in diesem Fall zählten die übergeordneten Normen, in diesem Fall also die des Standes, aber nie die des Individuums.[4]

Die Frage nach dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft ist daher ein neuzeitliches Phänomen, das sich bis zu seiner heutigen Vielfalt erst entwickelt hat. Insofern ist die Sozialwissenschaft bzw. die Soziologie eine verhältnismässig junge Disziplin. 1917 fasste der deutsche Philosoph und Soziologe Georg Simmel (1858-1918) die zeitgenössische Diskussion in seinem Buch „Grundfragen der Soziologie (Individuum und Gesellschaft)“ zusammen. Dieses Werk enthält vier Grosskapitel, die sich mit der Abgrenzung des Gebietes der Soziologie (Kap.1), der Allgemeinen Soziologie (Kap.2) und der Geselligkeit als Beispiel der Formalen Soziologie (Kap.3) befassen, bevor Simmel sich dann dem Themenbereich Individuum/Gesellschaft von der (sozial-) philosophischen Seite her nähert. Dieses 4. Kapitel ist Gegenstand des folgenden Referats.[5]

1 Die Problematik (122-128)

Einerseits rinnen, so Simmel, die sozialen Elemente des „Sondergebilde(s) Gesellschaft“ (122) in den Individuen zusammen, andererseits entwickelt Gesellschaft eigene Organe, die dem Einzelnen als „fremde Partei“ (ebd.) gegenübertreten.

Aufgrund der Fähigkeit des Menschen, sich quasi selbst zu zerlegen und einen Teil seiner selbst als sein eigentliches Selbst zu empfinden, setzt sich die Spannung zwischen Individuum und Gesellschaft in den Individuen als Kampf ihrer Wesensteile fort (ebd.).

Gesellschaft will eine organische Einheit mit „geeigneten Einzelträgern“ (ebd.) sein, der Ganzheitstrieb des Individuums sträubt sich dagegen. Dieser Widerspruch ist nach Simmel prinzipiell unlösbar (123).

Die Forderung der Gesellschaft nach Anpassung des Individuums stellt einen Egoismus der Vielen dar, der Ganzheitswunsch des Einzelnen jedoch nicht unbedingt, da er durchaus ein objektives (überpersonales) Ideal sein kann. Dieses kann sich durchaus gegen den individuellen Glücks- bzw. Unglückszustand stellen (Nietzsche, Goethe) (124). Der Gesellschaft ist derlei prinzipiell gleichgültig, sie möchte das Individuum in eine in ihre Ganzheit einfügbare Form bringen, oft auch durch die Forderung nach Spezialistentum. Repräsentant der Gesellschaft im Einzelnen ist dessen sozial-sittliches Gewissen (125).

Das konkrete sozial-gesellschaftliche Interesse steht nicht selten im Widerspruch zum Menschheitsinteresse (Nietzsche, Beispiel: Schönheit, Kunst, Religion etc.) (123), Werte des Schaffens entsprechend zu Werten des Seins. In letzteren zeigt sich für Nietzsche die „Höhe des Menschengeschlechts“ (126), Kant verlegt ähnlich den „Schätzgrund“ (ebd.) des Menschen vom Tun in die Gesinnung bzw. den Willen zurück.

Die Leistung der Menschheit kann, muss aber nicht zwangsläufig auch für die Gesellschaft förderlich sein (127).

Die Gesellschaft fordert einen Durchschnitt, verbietet also den Individuen ein Darüberhinausgehen sowohl in Richtung des Allgemeinen als auch des Individuellen.

Dieser Konflikt hat sich in der neueren Gesellschaft zum Wunsch nach individueller Freiheit sublimiert[6] (128) !

2 Das 18. Jahrhundert (128 – 137)

Im 18. Jahrhundert findet nach Simmel das Bedürfnis nach Freiheit, nach Lösen der Fesseln, mit denen die Gesellschaft das Individuum gebunden hat, „seine stärkste Bewußtheit und Wirksamkeit“ (128).[7]

In der zeitgenössischen Philosophie wird das Ich zum Träger der erkennbaren Welt, absolute Autonomie wird zum sittlichen Wert schlechthin (Kant, Fichte).

Die Unzulänglichkeit der gesellschaftlich gültigen Lebensformen, wie Stände, Zünfte, Kirchen und Frondienst, erscheint den Individuen als unerträgliche Bindung ihrer Energien. Von der Beseitigung solcher „unnatürlicher“ Institutionen verspricht man sich die Verwirklichung der Freiheit des Individuums und die Rückführung in den „natürlichen“ Zustand des Menschen (128f).

Simmel konstatiert hier einen Selbstwiderspruch, da dieser Zustand nur durch „gleich starke... und...gleich begünstigte... Individuen“ (129) bestehen könne, die aber in der realität nirgends existierten. In der „Befreiung“ des Individuums gebe man den Stärkeren gleichsam die Freiheit zur Unterdrückung der Schwächeren (130).

Insgesamt sei der für das 18. Jahrhundert typische Individualismus gegenüber dieser Realität völlig blind (131). Getragen sei er darüber hinaus von dem „eigentümlichen Naturbegriff“ (ebd.) der damaligen Zeit, der die Erkenntnis der Naturgesetze, nach denen auch der einzelne Mensch konstituiert sei, sei als höchstes Erkenntnisideal formuliert hatte (132). Individualität wurde damit trotz aller Unterschiede je als Manifestation des „allgemeine(n) Mensch(en)“ (ebd.) verstanden.

Von der Befreiung des Individuums aus seinen jeweiligen konkreten, mehr oder weniger zufälligen Lebensverhältnissen versprach man sich ein Hervortreten des allen Gemeinsamen des Menschen als solchem und damit dessen Möglichkeit, sein „eigentliches“ Leben zu leben und sich zu vervollkommnen (133).

Die höchste intellektuelle philosophische Sublimierung sieht Simmel bei Kant. Das von ihm postulierte Ich als Einheit, die in der Lage ist, mittels seines Intellekts mannigfaltige Sinneseindrücke zu Einheiten zu formen und daher ein Bewusstsein von Objekten zu bilden, wird Subjekt, Träger und Produzent der objektiven Welt und gewinnt dadurch seine absolute Souveränität. Diese Souveränität des Subjekts reicht zu mehr als der blossen Selbsterhaltung, diese seine Kraft kann auf Andere quasi „überströmen“(134) , den eigenen empirischen Egoismus “übergreifen“(135) und empatisch wirken. M.a.W.: „wir sind also um so sittlich wertvoller, um so mitleidiger und gütiger, je mehr jeder nur er selbst ist, d.h., je mehr er seinen innersten Kern in sich souverän werden lässt“ (ebd.).

Der Naturbegriff in seiner Doppelrolle als Knotenpunkt zwischen Natur und Ethik erhält damit (am stärksten bei Rousseau) im 18. Jahrhundert seinen stärksten Ausdruck, Natur wird, ebenso wie das reine Ich, zum erst zu verwirklichenden Ideal für das Individuum (ebd.). Auf diesem Hintergrund formuliert Kant dann seinen bekannten Kategorischen Imperativ (135).

[...]


[1] Kaiser,G. : Aufklärung, Empfindsamkeit, Sturm und Drang, 3.Aufl.1979, S.184, zit.n. http://www.goethezeitportal.de/db/wiss/epoche/jannidis_bildung.pdf (16.11.15)

[2] Genauer muss man wohl sagen , bis zur Spätzeit der Aufklärung von ungefähr 1750 bis 1870 (sg.“Sattelzeit“).

[3] Damit ist gemeint, dass „Individualität“ nicht quasi erfunden, sondern schon immer vorhanden und nunmehr entdeckt wurde (vgl. goethezeitportal.de, S.46).

[4] a.a.O., S.47

[5] Die Seitenangaben in Klammern im folgenden Text beziehen sich ebenfalls auf Bd.16 der GA von 1999

[6] Sublimierung: Steigerung des Konkreten, Banalen, Alltäglichen ins Erhabene (Verf.)

[7] Rousseau sieht nach Simmel die Vergewaltigung des Menschen durch die geschichtlich gewordene Gesellschaft als „Ursprung aller Verkümmerung und alles Bösen“ (ebd.), politisch geformt durch die Französische Revolution (ebd.)

Details

Seiten
7
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668093287
ISBN (Buch)
9783668093294
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v310809
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Lotmann - Institut
Note
unbenotet
Schlagworte
Philosophie Sozialphilosophie Soziologie Sozialwissenschaft

Autor

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Titel: Zu „Individuum und Gesellschaft in Lebensanschauungen des 18. und 19. Jahrhunderts“ von Georg Simmel