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Die historische Entwicklung der Novelle bis ins 19. Jahrhundert (Boccaccio- Cervantes- Kleist- Goethe)

Hausarbeit 2004 17 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Novelle
2.1 Eigenschaften der Novelle
2.2 Aufgabe I: Entwicklung der Novelle aus dem Exemplum
2.2.1 Boccaccio: 'Decamerone' X, 4 (1348)
2.2.2 Cervantes: 'Die Stimme des Blutes' (1613)
2.2.3 Kleist: 'Die Marquise von O...' (1810)
2.2.4 Goethe: 'Novelle' (1828)

3. Aufgabe II: Probleme humaner Selbstfindung, Identitätsbehauptung und Identitätsgefährdung, dargestellt an Kleist: 'Die Marquise von O…'
3.1 Die Marquise
3.2 Der Graf F
3.3 Der Vater
3.4 Die Mutter

4. Fazit

5. Literatur

1. Einleitung

Die Novelle entstand aus dem Exemplum, emanzipierte sich als eigenständige literarische Gattung. Was aber ist ein Exemplum, was genau ist eine Novelle? Und wo liegen die Unterschiede, wo die Gemeinsamkeiten dieser Formen? Ich möchte im ersten Teil dieser Hausarbeit diese Fragestellungen möglichst einfach beantworten. Ich werde weiterhin die Entstehung der Novelle von ihren Anfängen bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts an Auszügen von Boccaccios Decamerone (1348), Cervantes' Die Stimme des Blutes (1613), Kleists Die Marquise von O... (1810) und Goethes Novelle (1828) beispielhaft erläutern.

Im zweiten Teil der Arbeit werde ich dann eines dieser Werke, Die Marquise von O... auf Identitätsbehauptung, bzw. -gefährdung, Selbstfindung und Selbstbewußtwerdung der Haupt-Charaktere untersuchen.

2. Die Novelle

2.1 Eigenschaften der Novelle

Um die nachfolgenden Punkte verständlicher zu machen, werde ich nun kurz die Eigenschaften einer Novelle beschreiben.

Die Novelle ist eine kurze Form der Epik. Sie unterscheidet sich insofern von der "herkömmlichen" Erzählung, als dass sie einen straffen, auf ein einzelnes Ereignis hin komponierten Aufbau mit dramatischem Moment hat.

Durch eine Novelle will etwas Neues, etwas Interessantes, bzw. Merkwürdiges mitgeteilt werden. Der Name dieser Form stammt von ital. "Novella", Neuigkeit, ab. Man kann die Novelle durch fünf Punkte treffend charakterisieren[1]:

1. Die "wahre, unerhörte" Begebenheit

,,Goethe zu Eckermann, 25.1. 1827: 'Wissen Sie was, wir wollen es die Novelle nennen; denn was ist eine Novelle anders als eine sich ereignete unerhörte Begebenheit. Dies ist der eigentliche Begriff, und so vieles was [...] unter dem Titel Novelle geht, ist gar keine Novelle, sondern bloß Erzählung oder was Sie sonst wollen.'"

(Ebd., S. 272, Z. 19-23)

Der Anspruch auf Wahrheit stellt vielleicht das wichtigste Merkmal der Novelle dar. Eine Novelle soll den Anschein haben, dass sie sich tatsächlich ereignet haben könnte und ist oft gegenwarts-, bzw. ortsbezogen.

Der goethische Anspruch der Novelle auf Unerhörtheit: Die Novelle soll etwas Neues, noch nicht Dagewesenes, also tatsächlich "Unerhörtes" berichten. Die Urform der Novelle ist das ungewöhnliche Ereignis, zum Beispiel Berichte über Katastrophen und Skandale.

Neu ist auch das Bekenntnis zum persönlichen Schicksal, zum Erleben des Einzelnen.

2. Szenischer Ausschnitt

Die Szenen sind oft örtlich sehr begrenzt, statt einer Milieuschilderung gibt es einzelne einprägsame Szenen und Bilder.

3. Mensch und Schicksal

Die Figuren sind eng mit dem Vorfall, der Krise, verbunden und müssen um ihr Glück kämpfen.

4. Verdichtung zur Krise

Die Erzählung wird konzentriert auf das Wichtigste, es gibt einen gerafften Zeitablauf.

Die Struktur ist dem Drama verwandt: Die Ausgangssituation und die Hauptcharaktere werden bereits zu Beginn vorgestellt, darauf folgt die Krise, der Höhe- und Wendepunkt, und schließlich der Abfall und Ausklang der Geschichte.

5. Höhe- und Wendepunkt

Anders als im Roman konzentriert sich in der Novelle alles auf nur ein krisenhaftes Ereignis; wiederum ähnlich wie in einem Drama.

Durch dieses Ereignis erfährt der Protagonist eine schicksalhafte Wendung. Der Wendepunkt wird oft durch ein sog. "Dingsymbol", ein gegenständliches Zeichen des Wendepunktes, eingeläutet, und schließlich erfüllt.

2.2 Aufgabe I: Entwicklung der Novelle aus dem Exemplum

2.2.1 Boccaccio: 'Decamerone' X, 4 (1348)

Ich werde nun die Eigenarten und die geschichtliche Entwicklung der Novelle versuchen thesenhaft aufzuzeigen. Beginnen werde ich mit Boccaccio. Seine Novellensammlung gilt in der europäischen Literatur als der Urvater der Novelle. Das Dekameron wurde für Jahrhunderte Vorbild der europäischen Novellendichtung.[2]

In X, 4 muss sich der Mensch im Kampf mit den großen beherrschenden Kräften der Welt, Schicksal und Liebe, bewähren.

1. Der Anspruch auf die "unerhörte Neuigkeit" wird erfüllt durch ein Gespräch, durch welches die einzelnen Episoden des Decamerone eingeleitet werden.
2. Als Bühne wurde das Städtchen Bologna gewählt. Eine Stadt die real existiert, und so ebenfalls den unter 1. verlangten Anspruch auf Authenzität erfüllt.
3. Schon die "Einleitung" erklärt, um was es gehen wird: Nämlich darum, dass ein Verliebter alles hingeben wird, nur um den Gegenstand seiner Liebe zu bekommen.[3] Hier wird also wie für das Exemplum typisch, etwas verallgemeinert; etwas allgemein Gültiges zur Sprache gebracht. Hinzu kommt die Tatsache des Schicksals, der "göttlichen Fügung", der der Mensch nur folgt. Gentile handelt zwar, aber doch nur sozusagen im Auftrag der Bestimmung.
4. Die Krise erfolgt kurz darauf: Der Verliebte Messer Gentile wird von der Angebeteten abgewiesen, die aber kurz darauf für tot erklärt wird (S. 851). Gentile sucht diese in ihrer Gruft auf, bemerkt dass sie noch am Leben ist, und bringt sie zu sich nach hause. Exempelhaft wird die Nutritura, der Trieb, der Gentile dazu brachte seiner Herzensdame nach dem Busen zu greifen, zur göttlichen Fügung (S. 853-857).
5. Der Höhepunkt erfolgt durch die "Rückgabe" der Madonna durch Gentile an ihre Familie. Hier tritt nun das Exemplum in seiner Reinform (nämlich als Gleichnis) auf den Plan, sozusagen als Geschichte in der Geschichte: Messer Gentile vergleicht die Madonna mit einem kranken Diener, den er großmütig aufgenommen und gesund gepflegt habe, und den er ebenfalls aus Ritterlichkeit nun seinem urprünglichen Besitzer zurückgibt.

Boccaccio hat aber nicht nur die göttliche Macht und die Ritterlichkeit an sich im Blick, nein er scheint auch augenzwinkernd auf die menschliche Eitelkeit mit einer Figur wie der von Messer Gentile hinzudeuten. Das wiederum wäre ein aufklärerisches Element, welches ebenfalls charakteristisch für eine Novelle ist.

Laut dem Reallexikon der d. Literaturgeschichte[4] gewann die Novelle in Europa an Form, als das Gefühl für Individualität sich ausbildete. Boccaccio gehörte als Novellist Italiens der Renaissance an, vermischte aber bereits realistische Geschichten und Legendenstoffe.

[...]


[1] Die folgenden Angaben stammen aus Braak, Ivo; Neubauer, Martin: Poetik in Stichworten: Literaturwissenschaftliche Grundbegriffe. Eine Einführung. 7. Aufl. Unterägeri: Verlag Ferdinand Hirt, 1990. (=Hirts Stichwortbücher). S. 267f.

[2] Vgl. Knörrich, Otto (Hrsg.): Formen der Literatur. In Einzeldarstellungen. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag, 1981. (=Kröners Taschenausgabe; Bd. 478). S. 260f.

[3] Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. (In der Übertr. von Karl Witte, durchges. von Helmut Bode.) Düsseldorf: Artemis & Winkler, 1999 [1348]. Zitatbelege nach dieser Ausgabe mit Seitenangabe künftig im Text.

[4] Kohlschmidt, Werner; Mohr, Wolfgang: Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte. Band 2, L-O. 2. Aufl. Berlin: Gruyter, 1965. S. 685-701.

Details

Seiten
17
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638321938
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v31083
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Seminar für Deutsche Literatur und Sprache
Note
2-
Schlagworte
Entwicklung Novelle Jahrhundert Cervantes- Kleist- Goethe) Einführung Literaturwissenschaft

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