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Der manipulierte Tod - Möglichkeiten und Grenzen der Sterbehilfe aus medizinischer Sicht

Seminararbeit 1999 18 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhalt

1. Definitionen

2. Intensivmedizin

3. Problematik der Intensivmedizin

4. Manipulation Sterbehilfe?

5. Würde des Menschen

6. Conclusio

Literaturhinweise

Möglichkeiten und Grenzen der Sterbehilfe aus medizinischer Sicht

1. Definitionen

Wenn man aus medizinischer Sicht über Sterben und Tod zu sprechen hat, bedarf es wohl einleitend einiger Bemerkungen über die Begriffe Leben, Altern und eben Sterben und Tod.

Das Altern setzt Leben voraus und führt schließlich über das Sterben zum Tode. Mit Sterben ist jener Vorgang gemeint, bei dem es innerhalb einer kürzeren oder längeren Zeitspanne zu einem Übergang aus dem Zustand des Lebens in den Zustand des Todes kommt. Aber hier sollte eigentlich schon die Überlegung einsetzen, daß die Bezeichnung von Leben als Zustand unzureichend ist. Leben könnte man definieren als die Gesamtheit von Erscheinungen, durch die sich Lebewesen von leblosen Körpern unterscheiden. Wesentliche Kennzeichen liegen in den höchst verwickelten Vorgängen, die das Lebewesen in einem dynamischen Gleichgewicht von Aufbau und Abbau erhalten. Werden diese Abbau- und Zerfallsvorgänge nicht mehr durch Aufbauvorgänge ausgeglichen, so endet das Leben mit dem Tod.

Dynamik, Änderung im Ablauf der Zeit, Reaktionen auf Reize, Formwechsel, alles das sind Erscheinungen, die ohne die Kategorie der Zeit nicht beschrieben werden können. Kann man Leben dann als Zustand bezeichnen? Dies ist, so glaube ich, nur möglich, wenn man erläutert, daß es sich um ein Fließgleichgewicht handelt. Eine Störung dieses Gleichgewichts mit Überwiegen des Abbaus führt schließlich zum Tode. Hier kommt der Begriff des Alterns zum Tragen.

In der Phase des Alterns überwiegen Rückbildung und Zelltod. Der „natürliche Tod steht am Ende dieser Phase. Das passive Verlöschen der Organfunktionen im Ablauf des Alterunsprozesses und unser Unvermögen, dies zu verhindern, wird jedoch nicht durch die Feststellung eines Alterstodes reflektiert. Es finden sich stattdessen Krankheitsdiagnosen, die vielleicht eine Alibifunktion haben. Der Tod wird nicht als Endresultat des natürlichen Alterungsvorganges anerkannt.

Wie entsteht nun der Tod? In der Entwicklung der Medizin wurde der Tod zunächst mit dem Aufhören der sichtbaren Zeichen der Atmung gleichgesetzt, später definierte man ihn als Aufhörung der Atmung und der Herztätigkeit. In den letzten Jahrzehnten hat man erkannt, daß Wiederbelebungsmaßnahmen auch dann noch erfolgreich sein können, wenn nach der bisher gültigen Definition der Tod bereits eingetreten ist. Man erkannte, daß der Tod ein biochemischer Prozeß ist, der über einen kürzeren oder längeren Zeitraum abläuft. Von entscheidender Bedeutung für die Aufrechterhaltung des Lebens ist die Sicherstellung einer ausreichenden Versorgung sämtlicher Zellen mit Sauerstoff und der Abtransport von Stoffwechselschlacken aus dem Körper.

Mit diesen Erkenntnissen über den Tod als Resultat eines biochemischen Vorgangs, der sich über eine gewisse Zeitspanne erstreckt, und über die Voraussetzungen für die Aufrechterhaltung des Lebens war die Grundlage gegeben, diese Vorgänge zu beeinflussen, sie zu manipulieren. Während in früheren Zeiten die Medizin lediglich über die Möglichkeit verfügte, mit Medikamenten eine gestörte Organtätigkeit zu beeinflussen und eventuell mit Hilfe der natürlichen Heilungsmöglichkeiten den Organismus zu normalisieren, können heute sogar völlig ausgefallene Organtätigkeiten für eine kürzere oder längere Zeitspanne von Maschinen übernommen werden, z.B. die Herz – Lungenmaschine.

Die Medizin kann also infolge der neuen Erkenntnisse und Möglichkeiten verschiedene Todesbegriffe definieren. Damit versucht man, den Ablauf des Sterbens in seinen einzelnen Abschnitten klar zu beschreiben. Es stellt sich aber hierbei immer wieder das Problem, auf welche Phase des Sterbens die Definition des Todes abgestellt werden soll. Das bedeutet, daß der Tod eigentlich kein zeitlich definierbares Ereignis ist. Wenn es plötzlich zu einem Stillstand der Herztätigkeit kommt, so nennt man diesen Zustand „klinischen Tod“. Je nach Ursache kann man trotzdem Wiederbelebungsversuche innerhalb einer kurzen Zeitspanne vornehmen, die zu einer vollständigen, zu einer vorübergehenden, oder auch nur zu einer teilweisen Wiederherstellung der Funktionssysteme des menschlichen Organismus führen können.

Ein Zustand, in dem die wesentlichen Eigenschaften des Lebendigen, vor allem die Reagibilität und die Reizbarkeit auf ein Minimum reduziert sind, haben Masshoff[1] und Neuhaus[2] 1963 als „vita reducta“, als eingeschränktes, reduziertes Leben bezeichnet, wobei jedoch durch Intensivtherapie prinzipiell eine vollständige Erholung möglich ist. Wenn es jedoch zu nicht mehr rückbildungsfähigen Schädigungen lebensnotwendiger Organe und fortschreitendem Versagen lebensnotwendiger Regulationssysteme kommt, entwickelt sich aus der vita reducta der Vorgang des Sterbens. In der vita reducta sind die Kranken bewußtlos, die Atmung funktioniert nicht normal und von selbst, und sie leiden an Untertemperatur.

2. Intensivmedizin

Zur Intensivtherapie gehören Maßnahmen wie etwa die Anwendung künstlicher Beatmung, der Einsatz von elektrischen Herzschrittmachern zur Übernahme der ausgefallenen spontanen Schrittmacherfunktion des Herzens sowie die Benutzung der künstlichen Niere.

Hier beginnt die Problematik der modernen Intensivmedizin, die in den Vorgang des Sterbens eingreift, ihn in gewisser Weise manipuliert, sogar den klinischen Tod überwindet und in manchen Fällen über sehr lange Zeit den Totaltod, d.h. wenn in sämtlichen Organen und Zellverbänden alle Stoffwechselvorgänge zum Erliegen gekommen sind, hinausschieben kann. Dieses Eingreifen kann im positiven Sinne, wenn es nämlich erfolgreich ist, zur Heilung, zur Lebenserhaltung, zur völligen Wiederherstellung der Gesundheit führen, selbst wenn es nur zu einer Erhaltung des Lebens ohne vollkommene Gesundheit führt, ist es in vielen Fällen durchaus positiv zu bewerten.

Problematisch wird diese Manipulation des Sterbens in Situationen, bei denen es sich um unheilbare Krankheitszustände handelt. Lebensverlängerung wird hier zur Sterbensverlängerung. Hier ein fiktives Beispiel:

Ein 70jähriger Mann mit Magenkrebs und Krebsabsiedlungen in der Wirbelsäule bekommt eine Lungenembolie, eine Verstopfung einer Lungenschlagader durch eine Blutpfropf. Ein Chirurg entfernt ihm den Blutpfropf und rettet ihm somit das Leben. Der Kranke äußert, bei der nächsten Komplikation soll nichts mehr unternommen werden, da er wegen seiner Krebserkrankung starke Schmerzen aushalten muß. Kurz darauf bekommt er einen Herzinfarkt und wird mehrmals wiederbelebt, jedoch treten Hirnschäden auf. Durch intensivmedizinische Maßnahmen wird der Tod um drei weitere Wochen hinausgeschoben. Schließlich kommt es zu einer Atemlähmung und nur, weil das Beatmungsgerät nicht schnell genug herbeigeschafft wird, darf der Patient endlich sterben.

Nach der Einleitung von Wiederbelebungsmaßnahmen ist es zunächst nicht möglich, eine sichere Voraussage über einen Erfolg, Teilerfolg oder Mißerfolg dieser Maßnahmen zu machen. Während des Zustandes des klinischen Todes kann es wegen des Grundleidens oder auch wegen einer zu spät einsetzenden Wiederbelebung in Einzelfällen noch zu rückbildungsfähigen, in anderen Fällen zu nicht mehr rückbildungsfähigen Schädigungen bestimmter Organe, vor allem des Gehirns, kommen, während die übrigen Organfunktionen und Lebenserscheinungen im Gesamtorganismus mehr oder weniger störungsfrei ablaufen. Für diese Zustände wurden Begriffe wie „Individualtod“, „Organtod“ oder auch „Partialtod“ geprägt. Der „Totaltod“ ist erst dann eingetreten, wenn in sämtlichen Organen und Zellverbänden alle Stoffwechselvorgänge zum Erliegen gekommen sind.

Als das für das menschliche Leben repräsentative Organ wird das Gehirn angesehen. Ist die kurze Frist für eine Erholung der Gehirnzellen überschritten, dann kehrt das Bewußtsein trotz Wiederbelebungsmaßnahmen nie wieder, dann liegt ein Totaltod der Gehirnzellen vor, dann sind wesentliche Äußerungen menschlichen Lebens endgültig verloren gegangen. Eine Wiederbelebung im strengen Sinne ist also nur dann als gelungen anzusehen, wenn die Tätigkeit der Hirnzellen sofort oder nach einer gewissen Zeitspanne in ausreichendem Umfang wiederkehrt. Unter normalen Verhältnissen ist bereits nach 8 bis 10 Minuten eines vollständigen Sauerstoffmangels der Organtod des Gehirns eingetreten. Der Hirntod kann aber erst dann angenommen werden, wenn die Gewebestruktur dieses Organs in seiner Gesamtheit und endgültig zerstört ist. Wenn dem krankhaften Geschehen ein Stillstand des Kreislaufes vorausgeht und die Wiederbelebungsmaßnahmen erst 10 Minuten nach Einsetzen des Kreislaufstillstandes eintreten oder erfolglos bleiben, so besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit für einen endgültigen Gehirntod. Trotzdem ist der Nachweis eines isolierten, nicht mit Kreislaufversagen einhergehenden Hirntodes überaus schwierig – ein Erscheinungsbild wie es besonders bei Hirnverletzungen vorkommt.

[...]


[1] W. Mashoff: Die Kriterien des Individualtodes aus allgemein pathologischer Sicht. S. 1503

[2] G.A.Neuhaus: Medizinische Probleme bei der Todeszeitfeststellung..S. 397

Details

Seiten
18
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638118781
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v3109
Institution / Hochschule
Universität Wien – FB Medizin/Philosophie
Note
1,0
Schlagworte
Möglichkeiten Grenzen Sterbehilfe Sicht Seminar Alter Krankheit Sterben Probleme Geriatrie

Autor

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