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Lebenskompetenzbildung im Kontext von Sozialer Arbeit an Schulen. Möglichkeiten und Grenzen

Hausarbeit 2015 19 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Wissenschaftskonzepte der Lebensweltorientierung

2. Zentrale Begriffe der Lebensweltorientierung
2.1. Alltag, Alltaglichkeit, Lebenswelt
2.2. Rekonstruktionen der Lebenswelt

3. Dimensionen der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit

4. Struktur- und Handlungsmaxime

4.1. Prevention

4.2. Alltagsorientierung/Alltagsnahe

4.3. Integration

4.4. Partizipation

4.5. Dezentralisierung/Regionalisierung

5. Sozialpadagogisches Handeln

6. Lebensweltorientierte Schulsozialarbeit

7. Bildungsbegriff/Kompetenzbegriff
7.1. Lebenskompetenzen
7.2. Bildung durch Lebenskompetenzen

8. Fazit / Ausblick

Literaturverzeichnis

Einleitung

Basierend auf meiner derzeitigen Tatigkeit als Schulsozialarbeiterin an einer Berufsschule mochte ich mich mit der Frage auseinandersetzen, welche Moglichkeiten in der Lebensweltorientierten Schulsozialarbeit bezuglich des Erwerbs von Lebenskompetenzen liegen. In der padagogischen Praxis erlebe ich des Ofteren, dass Verhaltensweisen von Schuler/innen primar auf den Lebensalltag Schule bezogen werden. Meines Erachtens ist es allerdings notwendig, den/die Schiiler/in in seiner/ihrer Ganzheitlichkeit zu betrachten und alle sicht- und denkbaren Lebenslaufe in die Planung und Handlung von Sozialer Arbeit mit einzubeziehen.

In der folgenden Ausarbeitung werde ich das Konzept der Lebensweltorientierung detailliert darstellen und mich zur Bildung und dem Erwerb von Lebenskompetenzen auBem. Anschlieflend werde ich mich im Fazit/Ausblick zu den Bedingungen einer gelungenen Umsetzung des Konzeptes der Lebensweltorientierung im Kontext Schule bezogen auf den Erwerb von Lebenskompetenzen auBem.

Das Konzept der Lebenswelt- oder Alltagsorientierung - im Folgenden Lebensweltorientierung genannt - ist eine der zentralen Theoriestromungen, welche die Entwicklung der Sozialen Arbeit sowohl in der Theorie als auch in der Praxis seit den 70er Jahren gepragt haben. Lebensweltorientierung bezeichnet zum einen ein Rahmenkonzept sozialpadagogischer Theorieentwicklung, zum anderen stellt Lebensweltorientierung eine grundlegende Orientierung der sozialpadagogischen Praxis dar. Das Konzept der Lebensweltorientierung stellt eine Verknupfung der Frage nach den Bestimmungsmerkmalen der heutigen Lebensverhaltnisse und den Konstruktionsprinzipien einer zeitgemaBen Sozialen Arbeit her. Es kritisiert nicht nur die gewachsenen Strukturen sozialer Dienstleistungserbringungen und Professionalitatsmustem, sondem entwirft neue institutionelle Strukturen und professionelle Handlungsmuster, die den heutigen Lebensverhaltnissen angemessener sind (vgl. Thiersch/Grunwald 2001, S. 1136). Beziehend auf die Bewaltigungs- und Verarbeitungsformen von Problemen in der Lebenswelt der Adressat/innen bearbeitet Lebensweltorientierung Vorgaben, Themen und Strukturen, die sich aus der gesellschaftlichen Situation, den biographisch gepragten Lebenserfahrungen und den institutionellen Vorgaben ergeben (vgl. Thiersch 2002, S. 204).

1. Wissenschaftskonzepte der Lebensweltorientierung

Lebensweltorientierung als Konzept Sozialer Arbeit greift auf folgende vier unterschiedliche Wissenschaftskonzepte zuriick (vgl. Grunwald/Thiersch 2004, S. 17):

1. In der hermeneutisch-pragmatischen Traditionslinie der Erziehungswissenschaft

Die hermeneutisch-pragmatische Padagogik orientiert sich an der alltaglichen Praxis des Verstehens und dem diesbezuglichen Handeln. Das Alltags- und Praxiswissen wird rekonstruiert, um anschliefiend Methoden des hoheren Verstehens zu entwickeln. Dadurch, dass das hohere Verstehen durch die Entlastung vom alltaglichen Handlungsdruck ermoglicht wird, wird - ohne die Perspektive des Alltags und des Handelns im Alltag abzuwerten - eine kritische Distanz zu der aufzuklarenden Alltagspraxis hergestellt (vgl. Thiersch u.a. 2012, S. 182)

,Jm Zentrum steht die immer bereits vorgefundene und vorinterpretierte, dock auch die verdnderbare Lebenswirklichkeit in ihrer historischen, kulturellen und sozialen Dimensioned (Grunwald/Thiersch 2004, S. 17-18).

2. Durch das phanomenologische-interaktionistische Paradigm a

Lebenswirklichkeit und Handlungsmuster werden in den phanomenologischen und interaktionistischen Analysen unter dem Gesichtspunkt der Alltaglichkeit rekonstruiert. Alltag als die ausgezeichnete Wirklichkeit fur die Menschen, ist bestimmend fur deren Lebenswelt. In der alltaglichen Lebenswelt, welche durch die erlebte Zeit, den erlebten Raum und die erlebten sozialen Beziige strukturiert ist, wird pragmatisch Relevantes von Nicht-Relevantem unterschieden - so werden Interpretationen rmd Handlungen zu Alltagswissen und Routine (vgl. Thiersch u.a. 2012, S. 183)

,JDie Rekonstruktion der alltaglichen Lebenswelt sieht Menschen in ihren alltaglichen Verhaltnissen, von denen sie gepragt werden, die sie aber auch aktiv mitbestimmen und mitgestalted (Grunwald/Thiersch 2004, S. 18).

3. In der kritischen Variante der Alltaestheorie

Alltag als Doppelbodigkeit von Gegebenem und Aufgegebenem, von Realitat und Moglichkeit, tritt hier in den Vordergrund (vgl. ebd. S. 18). In der kritischen Variante von Alltagstheorie wird Alltag dialektisch betrachtet und ist gekennzeichnet durch die entlastende Funktion von Routine, die Sicherheit und Produktivitat im Handeln erst ermoglicht, die aber wiederum Enge, Unbeweglichkeit und Bomiertheit erzeugt und somit menschliches Leben in der Entwicklung und den Moglichkeiten einschrankt und behindert (vgl. Thiersch u.a. 2012, S. 183). Lebensweltorientierte Soziale Arbeit soli den Alltag und die Ressourcen respektieren, sie aber auch kritisieren, um verborgene Moglichkeiten und Potenziale hervorzubringen (vgl. Grunwald/Thiersch 2004, S. 18).

4. Auf Analysen gesellschaftlicher Strukturen beziehend

Lebenswelt ist eng mit der kritischen Alltagstheorie verbunden und in ihren Selbstverstandlichkeiten und Doppeldeutigkeiten durch gesellschaftliche Strukturen bestimmt (vgl. Thiersch u.a. 2012, S. 183). Es besteht ein Zusammenhang von Strukturen und Erfahrungen, Vermittlung von objektiv-sozialstrukturellen und subjekt-qualitativen Forschungszugangen. (vergl. Grunwald/Thiersch 2004, S. 19).

Das Konzept der Lebensweltorientierung kann im Zusammenspiel dieser vier Zugange als theoretisches Konzept verstanden werden, das seinen Ausgang in der Verbindung der Tradition der hermeneutischen-paradigmatischen Erziehungswissenschaft mit dem interaktionistischen Paradigma, im emeut formulierten Kontext der kritischen Alltagstheorie nimmt und sich auf Gesellschaftsanalysen zu Ungleichheiten und Offenheiten in der reflexiven Modeme bezieht (vergl. ebd. S. 19).

2. Zentrale Begriffe der Lebensweltorientierung

Charakteristisch fur das Konzept der Lebensweltorientierung sind die Begriffe Alltag, Alltaglichkeit, Alltag und Lebenswelt auf die ich im Folgenden eingehen werde.

2.1 Alltag, Alltaglichkeit, Lebenswelt

Alltag, charakterisierend durch die Vielfaltigkeit von Problemen und Aufgaben, die bewaltigt werden miissen, zielt auf die allgemeinen, speziell die gering scheinenden und unauffalligen Alltagschwierigkeiten ab. Da die Menschen zustandig fur die Bewaltigung der Aufgaben des Alltags sind, meint Alltag auch die Kompetenzen des Menschen. (vgl. Thiersch 2006, S. 17). Thiersch (vgl. 2006, S.19) sieht Alltag als ein Aspekt der Wirklichkeit an, der nicht nur akzeptiert, sondem auch verstanden werden muss.

Alltaglichkeit wird von Thiersch (vgl. 2002 S. 120) als ein Modus beschrieben, in dem man sich schon immer vorfmdet und in dem man das Leben, in dem man sich befindet, bewaltigt. Alltaglichkeit bezieht sich seines Erachtens auf Raum, Zeit und Sozialbeziehungen; sie bewegt sich in einer Welt unmittelbarer Erfahrungen und erschafft diese zugleich neu, was wiederum eine Welt der eigenen Zustandigkeit ergibt. Alltaglichkeit meint die Gemeinsamkeit von Erinnerung und Geschichte in Erfahrung und Aufgaben“ (Thiersch 2006, S. 24).

Weitergehend wird Alltaglichkeit von Thiersch (vgl. 2009, S. 47) durch die Pragung der komplexen Wirklichkeit beschrieben. Er bezeichnet Alltaglichkeit als eine Wirklichkeit, die aus ihren eigenen Erfahrungen heraus nicht begriindet und verstanden werden kann; er sieht sie als Schnittstelle objektiver Strukturen sowie subjektiver Verstandnis- und Bewaltigungsmuster. Seiner Auffassung nach ist Alltaglichkeit zum einen durch die Lebensgeschichte der Menschen, ihren Erfahrungen, Hoffnungen und Traumatisierungen, zum anderen durch die Vorgabe der gesellschaftichen Entwicklungstendenzen der Pluralisierung/Individualisierung sowie der ungleichen Verteilung von Lebensressourcn gepragt.

Im Verstehen und Handeln sieht Thiersch (vgl. 2006, S. 22) die Alltaglichkeit als pragmatisch orientiert an. Schwierigkeiten und Konflikte mussen geklart, Situationen bewaltigt und Aufgaben gelost werden.

Der Begriff der Lebenswelt umfasst laut Thiersch unterschiedliche institutionelle Arrangements, in denen Menschen alltaglich handeln (vgl. ebd. S. 24). Seiner Auffassung nach, hebt Lebenswelt die Verbindung zwischen gesellschaftlichen Strukturen und subjektiven Deutungs- und Handlungsmustem hervor. Lebenswelt wird somit als Gegenwelt zu gesellschaftlichen Eignungsprozessen gesehen;

- als Ort eigensinniger und zu respektierender Lebensarrangements
- als Ort von Autonomie und Selbstgestaltung des Alltags
- als Ort einer notwendigen Destruktion pseudokonkreter Bewaltigungsmuster (vgl. Thiersch/Grunwald 2001, S. 1138-1139)

„Unter Lebenswelt wird die unmittelbar erfahrene, unhinterfragte und sinnhaft strukturierte Welt des alltdglichen Lebens verstanden, die den kulturellen Rahmen der gemeinsamen Lebenspraxis von Menschen bildet“ (Thole u.a. 2015, S. 198-199).

2.2 Rekonstruktionen der Lebenswelt

Thiersch beschreibt einen speziellen Zugang zur Strukturierung der Aufgaben der Sozialen Arbeit, der sich aus seiner Sicht, aus bestimmten Rekonstruktionen der Lebenswelt ergibt, die er in funf Aspekten darstellt:

1. Lebenswelt als ein beschreibender, phanomenologisch orientierter Begriff Thiersch sieht den Menschen in seiner subjektiven Erfahrung der Wirklichkeit. Materielle und immaterielle Ressourcen werden gegliedert in Erfahrung des Raumes, der Zeit und der sozialen Beziehungen. Menschen werden in ihrer Anstrengung, die in der Lebenswelt zu bewaltigenden Aufgaben gesehen; Routine und Typisierung wirken dabei entlastend, doch besteht die Gefahr der Selbstverstandlichkeit ihrer Pragmatik.

In dieser Lebenswelt erscheint der Mensch als bestimmt und fahig sich anzupassen sowie sich verandemd mit den Strukturen auseinanderzusetzen und diese zu verandem. Thiersch nennt dies „Sich-Arrangierens im Uberleben“ und meint damit nicht nur die Anstrengung der Selbstdarstellung, sondem auch die Kompensation und die Uberanpassung des Menschen. Abweichendes Verhalten ist laut Thiersch ein Ergebnis dieser Anstrengung und miisse demnach respektiert werden.

2. Lebenswelt als erfahrene Wirklichkeit gegliedert in unterschiedliche Lebensraume Ein weiteres Merkmal ist die Einteilung in unterschiedliche Lebensraume bzw. Lebensfelder (Familie, Arbeit, Gleichaltrige) und deren Inhalt und Funktion. Indem die Menschen durch diese untcrschicdlichcn Lebensfelder hindurchgehen, bewegen sie sich im Neben- und Nacheinander verschiedener lebensweltlicher Erfahrungen. Diese Erfahrungen konnen sich sowohl steigem und erganzen als auch blockieren und sich in Traumatisierungen verharten.

Das Konzept der Lebensweltorientierung hat demnach die Aufgabe, die konkreten Verhaltnisse zu rekonstruieren und erfullt eine Sensibilitat fur die Probleme der Anpassung, vermittelt zwischen den Lebensfeldem und ffagt nach den im Lebenslauf erworbenen Ressourcen.

3. Lebenswelt als ein historisch und sozial konkretes Konzept

Da die Wirklichkeit durch gesellschaftliche Ressourcen und Strukturen bestimmt ist, soli Lebenswelt eine Schnittstelle zwischen Objektivem, Subjektivem, Strukturen und Handlungsmuster sein (vgl. Thiersch/Grunwald 2001, S. 1139), vergleichbar mit

Modul ST: Grundlagentheoretische Bezuge Sozialer Arbeit Tonia Lehmann einer ,J3iihne, auf der Menschen in einern Stuck, in Rollen und nach spezijischen Regeln miteinander agieren“ (ebd. 2001, S. 1139).

4. Lebenswelt als ein normativ kritisches Konzept

Ressourcen, Deutungen und Handlungsmuster kbnnen entlastend wirken und somit soziale Sicherheit und Identitat vermitteln. Sie konnen aber auch als einengend, ausgrenzend und blockierend erfahren werden und sich somit in Protest und Trauer aufiem (vgl. ebd. 2001, S. 1140).

Lebenswelt sieht die gegebenen Zustande somit in ihrem Elend - ihren tabuiserten Macht- und Unterdriickungsstrategien, aber auch in den Moglichkeiten sowie der Hoffnung auf gelingerende Verhaltnisse. Die Pointe der Lebenswelt liegt im Widerspiel von Respekt und Destruktion (vgl. Grunwald/Thiersch 2004, S. 21).

5. Lebenswelt bestimmt durch Ungleichheiten in den Ressourcen und in den unterschiedlichen Deutungs- und Handlungsmustem sowie durch Widerspriichlichkeiten zunehmender Pluralisierung und Individualisierung von Lebensverhaltnissen

Lebenswelt ist bestimmt durch Ungleichheiten in Ressourcen, Deutungs- und Handlungsmuster, aber auch durch Widerspriichlichkeiten, die sich durch die neuen Vergesellschaftungsansatze ergeben. Handlungs- und Deutungsmuster pragen sich in der heutigen Lebenswelt neu. Gruppen und Individuen miissen selbst Lebensraume inszenieren, eigene Lebensplane entwerfen und diese auch vertreten konnen. Lebenswelt muss demnach fur neue Muster, Chancen, aber auch fur Belastungen und Uberforderung in den Gestaltungsaufgaben von Erfahrungsraumen und Lebensentwiirfen sensibel sein (vgl. Thiersch/Grunwald 2001, S. 1140). ,f>ie Vermittlung von Widerspriichen, Offenheiten, notwendiger Verldsslichkeit und Perspektivitat muss in der Sozialen Arbeit erfullt werden“ (Thiersch u.a. 2012, S. 186).

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Details

Seiten
19
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668093997
ISBN (Buch)
9783668094000
Dateigröße
7.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v310915
Note
Schlagworte
lebenskompetenzbildung kontext sozialer arbeit schulen möglichkeiten grenzen

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