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Strukturen technischen Denkens in Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“

Wissenschaftlicher Aufsatz 2015 26 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

Inhalt

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften

Rahmenkonstellationen des Romans

Ulrich nimmt Urlaub vom Leben

Subjektloses Ich als Eigenschaft

Der Wille zur Macht und Gewalt: Moosbrugger und Clarisse

Strukturen technischen Denkens

Ausgangspunkt für die nachfolgenden Überlegungen ist der oben genannte Bildungsroman. Robert Musils Denken wurde sowohl durch seine naturwissenschaftlichen und technischen Studien, als auch durch seine philosophischen und kulturwissenschaftlichen Arbeiten, geprägt.

Dem Gesamtwerk Musils lässt sich entnehmen, dass er sich mit vielfältigen philosophischen Strömungen, insbesondere mit der Willensphilosophie Nietzsches auseinandergesetzt hat. Den größten Einfluss auf ihn übte jedoch in jungen Jahren Ernst Mach, Physiker, Philosoph und Psychologe aus. Nach seinem Technikstudium schloss Musil seine Promotion am 13. März 1908 an der Friederich-Wilhelms-Universität Berlin in der Philosophischen Fakultät zum Thema: Beitrag zur Beurteilung der Lehren Machs ab. Über seine Studien zur Technik und Psychotechnik gewinnt Musils Kritik an der mechanistischen Weltsicht Machs und seine Einwände gegen den Fideismus in Bezug auf den Empiriokritizismus an Bedeutung[1]. Darüber hinaus formiert seine Kontroverse mit Mach seinen Literaturbegriff.

„Wenn die Anpassung der Gedanken an die Tatsachen den Sinn der Beobachtung erfüllt, so wird es zur Aufgabe des Dichters, die Sprache zu einem Präzisionsinstrument der analytischen Erfahrung zu machen und somit die exakte Situation der Elementkonstellation literarisch zu vermitteln. In der Annäherung der Sprache an die Unmittelbarkeit der Sinnesimpulse wird Dichtung zum Erkenntnismedium. Sie erkennt, so wendet Musil gegen Mach ein, dabei durchaus, dass die Erfahrung selbst mehr ist als die dynamische Verwandlung chaotischer Sinneseindrücke, dass sie sich nämlich durch Strukturprinzipien auszeichnet, die etwa in den Prinzipien der „Steigerungsmoral“ auch poetisch vermittelbar sind“[2].

Diese „Strukturprinzipien“ zeigen Musils Ansatz insofern, als er die Strukturhomologie zwischen Poesie und Erkenntnistheorie aus dem Fideismus herauslöst und diese fruchtbar macht für eine erkenntniskritische Literaturästhetik. Bereits hier kann festgestellt werden, dass das „was Ulrich vorschwebt, seit Herder als Konzept der poetischen Sprache gesucht wird“.[3]

R. Musils Vorhaben, ein episches Ich im Roman oder Essay fixieren zu können, hängt eng mit der historischen Situation, mit den Kriegsereignissen, Anfang des 20. Jahrhundert zusammen. Wie im Krieg, in dem Menschen (Gestalten), vernichtet werden, zeigt Musil mit seiner Gestalttheorie die Gestaltlosigkeit der Figuren im Roman: Der Mann ohne Eigenschaften. „Das Substrat Mensch“ wird literaturästhetisch zum „Theorem der Gestaltlosigkeit“[4]

Gleichzeitig enthält dieser Ansatz einen experimentellen Charakter, da der Ausgang eines solchen Denkens bei Musil der essayistischen Form unterliegt. „Die Analogie der Romanstruktur zum Experiment ist zuletzt begründet in einer spezifischen Art der Verbindung von Phantasie und Kalkül“[5]. Insbesondere im ersten Band ist diese Verbindung auch sprachlich offensichtlich. Der Mann ohne Eigenschaften ist ein Roman über die Sprache und, wie sich später noch zeigen wird, ein Roman über die Sprache der Liebe, die zu scheitern droht.

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften

Eine Vielzahl von Interpretationen liegt bereits zum Roman Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ vor. Sie beschäftigen sich überwiegend mit der Frage nach dem Möglichkeitssinn“ sowohl, als auch mit dem Problem der Mystifikation der Erzählweise Musils. Eingebettet sind Reflexionen zur Geschichte im Umbruch des 19. zum 20. Jahrhundert, die besonders durch die Kriegsereignisse gekennzeichnet sind. Darüber hinaus gibt es Überlegungen zum Verhältnis von Eros und Thanatos, das das utopische Denken Musils speist.[6]

In der Verzahnung von Pädagogik und Literatur geht es hier um die Frage der Transformation der bisher aus philosophischer und anthropologischer Sicht herausgearbeiteten „Strukturen technischen Denkens“ in ein Subjekt Technik, für das der Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ Pate steht.

Rahmenkonstellationen des Romans

„Der Rahmen des Werkes wird geschaffen durch den Plan einer „vaterländischen Aktion“: im Jahre 1913 denkt man in Wien daran, dass fünf Jahre später der Kaiser Franz Josef I., siebzig Jahre Regent Österreichs, sein wird. Gleichzeitig aber wird Wilhelm II. dreißig Jahre deutscher Kaiser sein. Soeben hat sich der Hohenzoller zu seinem fünfundzwanzigsten Jubiläum als Friedenskaiser feiern lassen. Die Patrioten beider Reiche kommen in Bewegung, und aus diesem künftigen Zusammentreffen entwickelt sich der Wettlauf der beiderseitigen Vaterlandsfreunde, die einander schlagen wollen. Die Österreicher befinden sich dabei im Vorteil: weder die Deutschen noch überhaupt ein Staat auf der Erde können einen Herrscher mit einer so ehrwürdig langen Regierungszeit vorweisen oder gar ein Herrscherhaus von so langer Dauer. Auf Preußen-Deutschland darf man ebenso wie auf die Hohenzollern offen oder im stillen als auf Arrivierte herabsehen, denen die Weihe der Jahrhunderte fehlt. Aber die Schwierigkeit zeigt sich bereits, als es sich darum handelt, für das weltgeschichtliche Ereignis, in dem sich der Geist des Jahrhunderts dartun soll, ein überzeugendes und sichtbares Symbol zu finden. Der Zwiespalt zwischen Idee und Wirklichkeit offenbart sich; man wählt als Arbeitstitel das ärmliche Wort „Parallelaktion“, womit man sich wider Willen ebenso abhängig von reichsdeutschen Unternehmungen zeigt, wie mit der Absicht, den alten Kaiser als „Friedenskaiser“ zu feiern. Aber das Komitee, das sich „Vaterländische Aktion“ nennt, findet im Laufe der Monate seit August 1913 doch mancherlei, was sich für eine Feier solchen Stils eignet: die „Schwarz-Gelben“ haben die „Österreichische Idee“ und denken an ein „Weltösterreich“. Das leicht doppeldeutige Wort weist weniger auf die utopische Idee der Weltherrschaft hin als auf das Wunschbild einer europäischen Ordnung nach dem Modell Österreichs; der Vielvölkerstaat soll ein Muster für die Gliederung der Welt werden, mit einem „Friedenskaiser“ an der Spitze. Man denkt an ein Größer-Österreich nach dem Vorbild des Greater Britain oder an ein „Österreichisches Jahr“, das ein Publizist erfindet. Mit allem ist ein Gegenstück zu Preußen aufgestellt, das die Idee der Macht auf Grund der technischen Vollkommenheit ausgebildet hat. Hier aber soll eine Repräsentation des geistigen Wesens gegründet werden, das Österreich besser bewahrt hat als der ungeliebte Verwandte im Norden. Beide Mächte werden im Jahre 1918 ihr Jubiläum feiern und damit offenbaren, was sie sind“.[7]

Eine Fülle von Einzelvorgängen, Handlungen, Beratungen und Entwürfen bilden das Fundament des Erzählstoffes. Die Begebenheiten werden geschaffen durch zahlreiche Personen, von denen wichtige im Laufe des Romans erst eingeführt werden und damit den Handlungsverlauf beleben. Auf die Frage, wie er diese „Umwelt“ respektive die „Umwelten, die sich aus dem Ganzen herauslösen und selbständig werden, in Bewegung setze, hat Musil Antwort gegeben durch den Hinweis auf Ulrich, den er zur Hauptfigur seines Werkes macht, ist die „Vaterländische Aktion“ gewissermaßen die institutionelle Grundlage des Werkes, so wird Ulrich die personelle; das meiste, was sich als Erzählstoff darlegt, hat eine Beziehung auf ihn, steht mit ihm in einem engeren oder weiteren Zusammenhang, der auch dann sichtbar bleibt, wenn er an den Vorgängen nicht beteiligt ist oder ihnen sogar entgegensteht. Nur in einem geringeren Maße schaffen die übrigen Personen wieder Kreise um sich, in deren Mitte sie stehen. Zugleich werden sehr viele Perspektiven der Sicht und des Urteils durch Ulrich bestimmt: Wir sehen die Vorgänge mit seinen Augen und fühlen uns seinem Urteil ausgesetzt. Indem Musil Ulrich zur Hauptgestalt seines Werkes macht, stellt er sich die Aufgabe, an ihm zu verdeutlichen, wie ein geistiger Mensch sich in der Welt, wie er sie vorfindet, verhält.[8]

Er lässt ihn durch Phasen der Entwicklung gehen, wobei die Gegenwart der Erzählung durch Schichten der Vergangenheit die Raumtiefe des Gewesenen aufnimmt. Hier, wie an anderen Stellen, macht Musil von der Technik des Einblendens Gebrauch. Schon in der Schule kündigt sich in Ulrich der spätere Selbstdenker an, der seiner Zeit mit eigenem Urteil gegenüberstehen will; er löst sich vom Vater und von den Ideologien der Zeit, er dispensiert sich zuletzt für ein Jahr aus den Zusammenhängen mit dem Leben, um mehr beobachtend als tätig, eher kritisch Abstand nehmend als in Taten verwickelt die Wirklichkeit seiner Zeit zu erkennen und daraus die Schlussfolgerungen zu ziehen. Er ist es, der gegen seine Natur und sehr gegen seinen Willen den Anstoß zur Gründung der „Vaterländischen Aktion“ gibt, indem er dem Wunsch des Vaters nachgibt. Damit wird die Handlung des Romans recht eigentlich eingeleitet. Besuche beim Staatsminister Graf Stallburg und beim Grafen Leinsdorf, der die offizielle Person der Aktion wird, die Gründung des Komitees, dem seine schöngeistige Kusine Ermelinda Tuzzi präsidieren wird, die Einführung des Preußen Doktor Arnheim, der zum Berater der Parallelaktion wird und mit der schönen und schwärmerischen Leiterin des Unternehmens eine nahe Freundschaft unterhält, die Sonderrollen, die Ulrichs Geliebter Bonadea, dem ungleichen Ehepaar Walter und Clarisse, dem jüdischen Bankdirektor Fischel und seinem Hause, besonders seiner Tochter Gerda, zufallen, die Sitzungen des Komitees im Salon der Leiterin, die Sonderrolle des Generals Stumm von Bordwehr, die Einführung von Nebenpersonen, wie die des unklaren germanischen Schwärmers Hans Sepp oder des philosophischen Schwätzers Meingast: Das alles gibt den Erzählstoff ab, der hier stark verkürzt, nur einen schmalen Bruchteil des ganzen Werkes ausmacht.

Die Konstellationen verschieben sich nur geringfügig im zweiten Teil des Romans. Die „vergessene Schwester“ Agathe, die im ersten Teil kaum jemals erwähnt wurde, übernimmt nun die den Roman bestimmenden Linien. Der Tod des Vaters führt die Geschwister zusammen, die Ereignisse um die Vorbereitungen zur Bestattung, Entdeckungen im Nachlass, Kondolenzbesuche und der Nachhall von juristischen Kontroversen, die der berühmte Mann geführt hatte, bilden ebenso sehr den Erzählstoff wie die Vorgeschichte und die Lebensumstände der Schwester, die hier eingeblendet werden. Obwohl die „Parallelaktion“ noch da ist und sich meldet, ja, jetzt sogar Ulrich für ihre unmittelbaren Zwecke einspannen will, führen die Geschwister ein abseitiges Leben. Ein Leben, in dem es zu geistigen und emotionalen „Verwirrungen“ in der Beziehung der Geschwister kommt.

Der Nachlass von Musils Werk bringt noch andere Personen ins Spiel: den Pädagogen Lindner, das Gegenbild zu dem Professor Hagauer, von dem sich Agathe scheiden lassen will, wobei der Gatte als Pedant, Lindner als der immer Grundsätzliche geschildert werden. Eine andere Gestalt ist der sozialistische Student Schmeißer. Die Linien des Romans führen in Entwürfe: Zwischen den Geschwistern entzündet sich eine gefährliche Liebe; Clarisse, die immer Schwärmerische, die sich in ihren Gefühlen Übersteigernde, die Freundin Nietzsches, wird unter Wahnvorstellungen in ein Sanatorium gebracht.

[...]


[1] Vgl.: Diersch, Manfred: Empiriokritizismus und Impressionismus: Über Beziehungen zwischen Philosophie, Ästhetik und Literatur um 1900 in Wien, Berlin 1977, S. 44f.

[2] Willemsen, Roger, a.a.O., S. 81.

[3] Böhme, Hartmut: Natur und Subjekt. II: Subjektgeschichte, a.a.O., S. 12.

[4] Musil, Robert: Prosa, Aphorismen, Autobiographisches, Essays und Reden, Kritik, Reinbek: Rowohlt 1978, S.1368.

[5] Rasch, Wolfdietrich: Über Robert Musils Roman: Der Mann ohne Eigen schaften, Göttingen, o. Jahreszahl., S. 82.

[6] Vgl. Rasch, Wolfdietrich: Über Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften, Göttingen o. Jahreszahl, Willemsen, Roger, a.a.O. und bibliographische Daten im Anhang.

[7] Vgl. Grenzmann, Wilhelm: Der Mann ohne Eigenschaften, in Karl Dinklage: Robert Musil: Leben Werk, Wirkung, herausgegeben im Auftrag des Landes Kärnten und der Stadt Klagenfurt, Wien 1960, S. 52f.

[8] Vgl. Musil, Robert, Gesammelte Werke Bd. II, S. 785.

Details

Seiten
26
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668096806
ISBN (Buch)
9783668096813
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v310968
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Bildungswissenschaften, Allgemeine Pädagogik
Note
Schlagworte
Subjekttheorie Ideologiekritik Verlust von Ich-Identität

Autor

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