Lade Inhalt...

Patrick Süskinds Novelle "Die Taube". Eine Analyse der Symbolik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Inhaltsangabe

3. Forschungsstand

4. Symbole
4.1. Die Taube
4.2. Vogel-Assoziationen
4.3. Die Sphinx
4.4. Der Clochard
4.5. Das Gewitter

5. Zusammenfassung und Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Autor Patrick Süskind ist vor allem für zwei Dinge berühmt: seinen Roman Das Parfum und seine zurückgezogene Lebensweise. Doch beides soll nicht Thema dieser Arbeit sein, denn Patrick Süskind hat mehr zu bieten als die Geschichte um den Parfümeur Jean-Baptiste Grenouille und ein geheimnisvolles Privatleben. Nach seinem bisher einzigen Roman, der ihm zu Weltruhm verhalf, schrieb Süskind ein Büchlein mit genau 100 Seiten, das sich zur näheren Betrachtung lohnt. Die Gattungszugehörigkeit des Textes Die Taube wurde in der Forschung diskutiert, jedoch führen die meisten Überlegungen dieser Art zu dem Schluss, dass es sich um eine Novelle handele (vgl. Jöns 1997, S. 177).

In einer Novelle gehe es laut Paul Heyse immer um „die tiefsten und wichtigsten Fragen“ (zitiert nach: Rath 2000, S. 244), die sich im zentralen Konflikt der Geschichte offenbaren. Dieser Konflikt, den Heyse als ‚Silhouette’ bezeichnet, sei oft stellver­tretend durch ein Symbol gekennzeichnet, das er ‚Falke’ nennt (vgl. Rath 2000, S. 245). Er bezieht sich mit dieser Bezeichnung auf eine Novelle Boccaccios aus dem Decamerone, in der ein armer Edelmann seiner Auserwählten seinen einzigen, wertvollen Besitz, einen Falken, zum Essen anbietet. Die Dame seines Herzens verspeist den Vogel nur um den Edelmann hinterher um ebendiesen Falken als Geschenk für ihren kranken Sohn zu bitten. Dieses zentrale ‚Falken’-Symbol in Novellen wird auch Dingsymbol genannt, bei dem es sich oft um einen Vogel handelt. Zu Die Taube bemerkt darum scherzhaft Karl-Heinz Kramberg in der Süddeutschen Zeitung: „Der Boccaccio-Falke jagt die Titel-Taube“. Der Vogel Taube wird häufig als das Leitsymbol dieser Novelle verstanden.

Symbole in der Literatur werden „im Sinne eines Gegenstandes gebraucht, der sich auf einen anderen Gegenstand bezieht, der aber auch als Gegenstand selbst, als Darstellung, Aufmerksamkeit beansprucht“ (Wellek & Warren 1972, S. 201). Ein Symbol verweist somit auf eine andere Bedeutungsebene, die im Text nicht explizit genannt werden muss. Von einem Bild oder einer Metapher unterscheide sich das Symbol durch sein wiederholtes Auftreten im Text und seine starke Akzentuierung (vgl. Wellek & Warren 1972, S. 201f.).

In der Forschung gibt es unterschiedliche Ansätze, die Symbole in Die Taube zu verstehen. Diese Arbeit wird zunächst einen Überblick über die bisherigen Interpretationen geben, bevor eine eigene, kritische Beleuchtung der symbolhaltigen Gegenstände der Novelle erfolgen kann. Hierbei soll so vorgegangen werden, dass alle Interpretationen mithilfe der Original­quelle auf ihre innerfiktionale Logik überprüft werden. Die sich stellende Frage ist, welche Interpretationen für die Symbole stichhaltig sind und welche sich nicht an Süskinds Text belegen lassen. Zum Abschluss wird eine Zusammenfassung folgen, in der deutlich gemacht werden soll, welche in der Novelle auftretenden Gegenstände tatsächlich Symbole und wie diese im Gesamtzusammenhang des Textes zu verstehen sind oder ob Nadezda Frankes These zutrifft, dass Die Taube „keine durchgehende Symbolik“ aufweist und eingesetzte Bilder und Figuren nur zu Veranschaulichung des Innenlebens Noel eingesetzt würden (vgl. 2014, S. 2).

2. Inhaltsangabe

Inhaltlich handelt die Geschichte von dem Franzosen Jonathan Noel, der als Wachmann bei einer Bank arbeitet. Als sich eine Taube auf den Hausflur vor seiner Wohnung verirrt, gerät das wohlgeordnete Leben des Parisers völlig aus der Bahn.

Zu Beginn der Erzählung wird in einer Art Vorspann der bisherige Werdegang Noels kurz zusammengefasst: Früh von seinen Eltern durch die nationalsozialistische Besatzungsmacht im Sommer 1942 getrennt, wachsen seine kleine Schwester und er auf dem Bauernhof eines bis dahin unbekannten Onkels auf. Auf Wunsch dieses Onkels verpflichtet Noel sich 1951 zum dreijährigen Militärdienst, den er unter anderem in Indochina mit angeschlagener Gesundheit ableistet. Nach seiner Rückkehr in die französische Heimat ist seine Schwester nach Kanada ausgewandert und sein Onkel verlangt, dass er Marie Baccouche, ein Mädchen aus dem Nachbarort, heirate. Seine Frau verlässt ihn nach einem halben Jahr mit einem vor der Ehe gezeugten Sohn wegen eines tunesischen Gemüsehändlers. Jonathan zieht daraufhin mit seinen Ersparnissen in ein kleines Zimmer im sechsten Stock eines Pariser Mietshauses und nimmt die Stelle als Wachmann an. Er führt dort ein eintöniges, sich ständig wiederholendes Leben ohne nennenswerte Kontakte zu anderen Menschen.

Im August 1984 jedoch entdeckt er morgens auf dem Gang zum Etagenklo eine Taube auf dem Hausflur. Noel erschreckt sich sehr vor dem Tier und malt sich einige Schreckens­szenarien aus. Unfähig sein Zimmer ohne Vorkehrungen zu verlassen, uriniert er in sein Waschbecken und tritt dann vermummt und mit einem Regenschirm bewaffnet hinaus in den Flur. Der sonst so kontaktscheue Noel spricht sein Problem bei der Concierge Madame Rocard an. Während seiner Arbeit ist er völlig durcheinander und in Gedanken versunken, sodass er vergisst, für die Limousine des Bankdirektors Monsieur Roedel das Tor zu öffnen. Tief beschämt mietet er sich während seiner Mittagspause in ein günstiges Hotel für die Nacht ein und verspeist sein Mittagsessen im Park neben einem Clochard (einem Bettler). In einer Rückblende wird erzählt, dass Noel den Clochard um seine Freiheit und Ungebundenheit beneidete, bis er ihn beim öffentlichen Koten auf der Straße gesehen habe. Nach seinem Mittagessen reißt sich Noel an einer Schraube seine Diensthose auf und will diese noch vor Ende der Mittagspause flicken lassen. Die Schneiderin Madame Topell vertröstet ihn jedoch auf eine Reparatur innerhalb der nächsten drei Wochen. Noel flickt den Riss daraufhin mit etwas Klebeband und geht wieder zur Arbeit. Während seiner nachmittäglichen Schicht schlägt seine Stimmung zu einer inneren Wut um, die sich auf seine gesamte Umwelt bezieht. Nach Dienstschluss spaziert er durch die Straßen, nimmt im Hotel ein Abendessen ein und beschließt sich am nächsten Tag das Leben zu nehmen. In der Nacht ereignet sich ein Gewitter, das ihn erwachen lässt. Am nächsten Morgen geht er mit neuer Hoffnung zu seiner Wohnung und findet den Flur gereinigt und taubenfrei vor.

3. Forschungsstand

Direkt nach Erscheinen der Novelle 19871 wurde sie im Feuilleton fast jeder großen deutsch­sprachigen Zeitung und auch in einigen Zeitschriften besprochen. Unter der Vielzahl an Rezensionen seien beispielsweise ‚Duft des Erfolgs’ aus der Zeitschrift ‚Der Spiegel’ und ‚Menschmaschine, Todestier’ in ‚Die Zeit’ genannt. Der Spiegel kommt zu dem Urteil, dass Süskind mit Die Taube versuche, an seinen Erfolg mit dem Roman Das Parfüm anzuknüpfen, jedoch scheine hierbei die Novelle seinem „Schreibtisch aus der Not entnom­men zu sein, den Süskind-Markt bedienen zu müssen“. Auch nach Henrichs’ Ansicht in ‚Die Zeit’ bleibt Süskind weit hinter seinen Möglichkeiten zurück: Das Buch wirke „wie eine ausgestopfte Kurzgeschichte“. Trotz dieser niederschmetternden Kritiken erfreute sich Die Taube bei der deutschen Leserschaft großer Beliebtheit. So war die erste Auflage von hunderttausend Exemplaren bereits nach kurzer Zeit vergriffen (Der Spiegel, 1987).

In der Forschung beschäftigt sich zunächst Katharina Reimann mit Die Taube.2 Sie klassifiziert diese als Kurzgeschichte und beschäftigt sich in ihrem 1992 erschienenen Aufsatz mit der stilistischen Struktur, inhaltlichen Komponenten und den eingesetzten sprachlichen Merkmalen, bevor sie Die Taube mit einem anderen Werk Süskinds, Die Geschichte von Herrn Sommer, in Beziehung setzt.

1997 folgt eine umfassende Interpretation von Die Taube durch Dietrich Jöns. Er bezeichnet das Buch schon in seinem Aufsatztitel als eine Novelle und begründet seine Zuordnung im Weiteren ausführlich. Edgar Miensopust stellt in seiner Magisterarbeit von 1998 Jöns’ Zuordnung schon nicht mehr in Frage. Er untermauert diese nur und sieht Die Taube als „Parodie ihres Genres“ (S. 111). Weiterhin beschreibt und interpretiert er neben der Figuren­kon­stellation auch die sprachliche Gestaltung des Werks.

Frank Degler befasst sich in seinem Buch ‚Aisthetische Reduktionen’ (2003) mit Süskinds Werken Der Kontrabaß, Das Parfum und Rossini. Jedoch finden sich in einigen Kapiteln auch explizite Hinweise zur Interpretation von Die Taube. Hierbei geht Degler vor allem auf das Fehlen weiblicher Bezugspersonen für den Protagonisten ein und auf deren Ersatz durch seine „sichere Insel in der unsicheren Welt“ (T.3, S. 12): seinem Zimmer (vgl. S. 87ff.). Im Weiteren erkennt er in der Beschreibung der auftretenden Frauen eine Vogel-Metaphorik, die im Gegensatz zur Sphinx stehe, mit der sich Jonathan Noel als Wachmann identifiziert (vgl. S. 93). Die Taube wiederum werfe den Protagonisten im Verlauf der Novelle aus seiner Bahn, da sie nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen sei (vgl. S. 94).

In ihrer Masterarbeit nähert sich Muriel Fleischer der Novelle mithilfe der psychoanalytisch-tiefenhermeneutischen Literaturanalyse und vergleicht die Figur Jonathan Noel mit Herrn Sommer aus Süskinds Kurzgeschichte Die Geschichte von Herrn Sommer. In der Taube erkennt Fleischer ein „als gleichzeitiges Spiegel- und Komplementärbild“ (2005, S. 37) zum Protagonisten der Novelle. Sie stehe einerseits für alles, was mit Noels Lebensplan nicht übereinstimme, andererseits habe das Tier mit Jonathan die Funktion als Wächter gemeinsam: Noel bewache die Bank, die Taube hindere Noel am Verlassen und Betreten seiner eigenen Wohnung (vgl. 2005, S. 70). Auch in den Figuren, mit denen Noel interagiert, finde sich die Taube symbolisch wieder: Die Concierge und die Schneiderin verkörperten ebenso wie die Taube Weiblichkeit, Fruchtbarkeit, Vitalität und Anziehungskraft und der Clochard den Schmutz und das öffentliche Verrichten der eigenen Notdurft (vgl. 2005, S. 68f.).

David Freudenthal fasst in seinem Buch ‚Zeichen der Einsamkeit’ zunächst den Stand der Süskind Rezeption zusammen (vgl. 2005, S. 16ff.), bevor er sich mit der selbst gewählten Isolation des Protagonisten befasst (vgl. S. 104ff.). Jonathan Noel hat für Freudenthal viele Gemeinsamkeiten mit Jean-Baptiste Grenouille, der Hauptfigur aus Das Parfum. Beide hätten einen Moment der Erkenntnis, der zu einer Todesreflexion führt: Noel als er seine Spiegelung im Taubenauge sehe und Grenouille als er seine eigene Geruchlosigkeit entdecke (vgl. S. 108).

[...]


1 Die in diesem Kapitel nicht erwähnten Schriften, zum Beispiel weitere Rezensionen in Tageszeitungen, waren für die Verfasserin dieser Arbeit nicht (rechtzeitig) zu erhalten.

2 Den ersten Deutungsversuch der Novelle legte 1992 Thomas SÖDER vor. In dieser Arbeit wird allerdings auf seine Interpretation aus dem Jahr 2008 Bezug genommen.

3 Im Folgenden wird ‚Süskind, Patrick (1987): Die Taube. Zürich.’ mit dem Kürzel ‚T.’ zitiert werden.

Details

Seiten
15
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668093706
ISBN (Buch)
9783668093713
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v310981
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Neuere Deutsche Literatur
Note
1,7
Schlagworte
Die Taube Patrick Süskind Das Parfüm Novelle Symbol Symbolik Symbole

Autor

Zurück

Titel: Patrick Süskinds Novelle "Die Taube". Eine Analyse der Symbolik