Lade Inhalt...

Über die gesellschaftliche Macht von Nachrichtenagenturen

Eine systemische Analyse über den Zugang zu Informationen in modernen Gesellschaften

von Jakob Müller (Autor)

Hausarbeit 2008 20 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Je ferson-Dilemma

3 Zugang: Netzwerke statt Märkte

4 Gesellschaftliche Macht

5 Die Bedrohung der Pressefreiheit

6 Arti zielles Monopoly

7 Fazit

Literatur

1 Einleitung

«Der Hauptgrund warum Zeitungen weiterhin eine gute Anlage darstel- len, ist nach E.F. Hutton der, daß Zeitungen Zugang verkaufen: ‚Werbe- treibende kaufen den Zugang zu potentiellen Käufern ihrer Waren und bestreiten damit 70 bis 80 Prozent der Erträge von Zeitungen‘. Gleichzei- tig, meint der Marktanalytiker, zahlen Leser ‚für den Zugang zu Nachrich- ten, Informationen, Werbung und Unterhaltung, die ihnen in einem be- quemen, voraussehbaren, billigen Paket zusammengestellt werden.‘ In der marktwirtschaftlichen Konsumgesellschaft seien keine neuen Lieferanten dazugekommen, die solchen Zugang anbieten, erinnert Hutton, so daß Anzeigentarife von Zeitungen und Funk stetig weiter ansteigen können.»1

Dieser kurze Ausschnitt aus Herbert Altschulls kritischer Studie über die Welt der Nachrichtenmedien enthält drei zentrale Fragen. Nämlich, erstens: Wie wird der Zu- gang zu Informationen gewährleistet? Zweitens: Welche Bedeutung hat dieser Zugang für eine Konsum- beziehungsweise Informationsgesellschaft? Drittens: Welchen Ein üssen sind die Informationen vor der Bereitstellung ihres Zugangs ausgeliefert?

Ein Blick in Enzyklopädien und Lexika erö fnet, dass hinter dem Produkt Zeitung Redaktionen verborgen sind, welche Informationen sammeln, redaktionell bearbeiten und in verschiedenen Formaten wie Berichten, Reportagen oder Interviews zu Papier bringen. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, dass in einer globalisier- ten Welt Redaktionen schlicht damit überfordert wären, alle relevanten Informationen selbst einzuheben und zu bewerten, um aus ihnen Zeitungsmeldungen zu machen. Die- se Rolle haben professionalisierte Dienstleister übernommen: die Nachrichtenagentu- ren. Sie liefern Nachrichten aus Informationen über aktuelle Ereignisse und erstellen vorgefertigte Meldungen zur Verwendung in Zeitungen und Nachrichtensendungen. Darüber hinaus gibt es PR-Agenturen, über die Pressestellen von Unternehmen und Organisationen Informationen und Presseerklärungen verbreiten. Sie ho fen ihrerseits auf eine Rezeption in den Medien und liefern damit einen ersten Anhaltspunkt für die Ressource, um die es eigentlich geht: Zugang.

Auf die Frage wo der Unterschied zwischen einer Information und einer Nachricht liegt oder wie Redaktionen ihre Meldungen politisch färben können — so dass sich die TAZ und die FAZ ziemlich deutlich in ihrer politischen Ausrichtung unterscheiden las- sen — soll nicht weiter eingegangen werden. In dieser Arbeit soll es vornehmlich um das Nadelöhr gehen, welches Nachrichtenagenturen bilden, wenn sie Medienunterneh- men mit Nachrichten versorgen. Als Basis dafür soll in erster Linie die Abstraktion ei- niger Ausführungen aus dem bereits zitierten Werk von Herbert Altschull dienen, wel- ches zuvorderst die Nachrichten verarbeitenden Unternehmungen untersucht. Nach richtenagenturen sind für das Verständnis dieser Arbeit Institutionen, die als Kontor Nachrichten sammeln und verkaufen.

Die eigentliche Nachricht wird also zur Ware, die verarbeitenden Unternehmen zum Endkunden und die Institutionen, welche die Nachrichtenagenturen beliefern, zu Herstellern. Nachrichtenagenturen sind also in eine Lage versetzt, in der sie Zu- gang zu Mediennetzwerken haben, denen sie Nachrichten weiterleiten oder nicht. Die Nachrichtenrohsto fe dagegen werden zuvor von Dritten bereitgestellt. Da jene Dritten natürlich ein Verö fentlichungsinteresse haben, gelangen Nachrichtenagenturen in die vorteilhafte Position, dass sie als reiner Vermittler auftreten, kostenlos an die Produkte gelangen und entscheiden können, ob sie diese Produkte auf dem Nachrichtenmarkt anbieten oder es bleiben lassen. Entscheidend dabei ist die Reichweite, die den Wert des Zugangs bestimmt. So lassen sich durchaus auch Meldungen gezielt in einzelnen Medi- en „platzieren“. Klar ist jedoch: Eine professionelle Verbreitung über eine Nachrichten- agentur, die eine vermeintliche oder tatsächliche Qualitätssicherung durchlaufen hat, erhöht die Abdruck- und Verö fentlichungswahrscheinlichkeit der eigenen Meldung. Dieser Zusammenhang erhöht den Eigenwert des Zugangs zu einer Nachrichtenagen- tur. Schließlich gilt:

«Diese Agenturen also wählen aus, was wir täglich wissen sollen. Auf ih- re Informationen müssen wir uns verlassen, um das Weltgeschehen richtig einschätzen und uns darüber eine Meinung bilden zu können. Die Nach- richtenagenturen, die nahezu anonymisierten Mächte, von denen die Öf- fentlichkeit so gut wie nichts weiß, steuern den Strom der Informationen zwischen den Kontinenten.»2

O fensichtlich geht bei den Nachrichtenagenturen also um die eigentlichen Akteu- re, die Wissen in Form von Informationen lenken und steuern können. Es sind nicht die Zeitungen, welche zwar die Informationen in eine bestimmte Richtung deuten kön- nen, jedoch keinen Ein uss auf die Grundverfügbarkeit der Informationen haben, oder den Zugang zu ihnen.

An die drei Ausgangsfragen anknüpfend, ist also zu klären, wovon Nachrichten- agenturen selbst abhängen, was gesellschaftliche Macht dem Sinn dieser Arbeit nach überhaupt ist und welche essentielle Bedrohung durch den Zugangsgedanken eigent- lich entsteht.

2 Das Je ferson-Dilemma

Das Je ferson-Dilemma geht zurück auf den dritten Präsidenten der Vereinigten Staa- ten von Amerika, Thomas Je ferson3, und die freiheitliche Tradition der zu einer Na- tion zusammengeschlossenen ehemaligen britischen Kolonien. Eine dieser freiheitli- chen Traditionen war das Recht auf eine eigene freie Meinung und ihre Äußerung. Im First Amendment der amerikanischen Verfassung ist festgelegt, dass die Rede- oder Pressefreiheit durch kein erlassendes Gesetz eingeschränkt werden darf. Die Crux des Je ferson-Dilemma lässt sich vor diesem Hintergrund auf eine relativ kurze Pointe zu- führen: Wenn die Presse positiv berichtet, ist die Pressefreiheit gut, berichtet sie negativ, ist die Pressefreiheit schlecht. Das Grundproblem war, dass das liberale Bürgertum sich als Elite nun auch den Meinungsfreiheiten des Pöbels ausgesetzt sah. Auf den Punkt gebracht:

Die Gründerväter (der USA, Anm. d. Verf.)erwarteten, dass die Presse ih- re politischen Ziele mittrug. Die zeitgenössischen Zeitungen wurden für die gesellschaftliche und kulturelle Elite geschrieben und von ihr gelesen. ... Die in dieser Presse vertretenden Ansichten waren erwartungsgemäß die der gesellschaftlichen und kulturellen Elite. Würde die breite Ö fent- lichkeit diese Publikationen lesen, würde sie von den in der Presse darge- legten Ideen und politischen Prinzipien beein ußt werden, wurde speku- liert. Aus dieser Sicht war die Presse ein Instrument sozialer Kontrolle, ei- ne Art Agentur mit der Aufgabe, die Gesellschaft zu verbessern und ihr zu nützen.4

Je ferson löste dieses Dilemma auf, indem sein Außenminister Madison ein System einführte, das Zeitungen belohnte, die Je fersons Politik unterstützten. Auf diese Weise schuf er Abhängigkeiten der Zeitungen von ihren exekutiven Förderern. Einer von Je fersons Nachfolgern, Andrew Jackson5, verfeinerte das System, indem er für regierungstreue Journalisten Ämterpatronage in der Exekutive einführte.

Weniger subtil ging der Eiserne Kanzler Otto von Bismarck6 vor. Er bestach Jour- nalisten systematisch, um sie zu einer positiven Berichterstattung über seine Politik und einzelner politischer Ziele zu bewegen. Durch den sogenannten Reptilienfonds wurde manch ein Journalist reich. Der Historiker Erich Eyck bezeichnete diese Journalisten als „Pressehunde“. Eine aktuelle Variante solcher Abhängigkeiten zeigt das System Ber- lusconi. Allerdings baut das Nachrichtenmanagement dabei nicht auf pekuniären Anreizen auf, sondern basiert auf simplen Besitzverhältnissen, die für den italienischen Ministerpräsidenten derzeit günstig verteilt sind.

Das Grundproblem aber, nämlich dass es auch Zeitungen gab, die nach wie vor nicht „auf Linie“ gebracht werden konnten, wurde dadurch freilich nicht gelöst, denn dafür hätte es eines Ansatzes bei der für eine Story verwendeten Information selbst bedurft. Jackson unternahm diesen Versuch, indem seine Administration selbst Nach- richten verfasste und kolportierte.7 „Nachrichtenpolitik“ hieß der neu geprägte Begri f und schuf ein vollkommenes Neuverständnis von Ö fentlichkeitsarbeit. Nicht mehr unmittelbar die Presse an sich wurde zum Instrument der sozialen Kontrolle, sondern das Nachrichtenmanagement zum Instrument zur Sicherstellung der sozialen Kontrol- le. Altschull ist an dieser Stelle ungenau, er schreibt: „Nachrichtenmanagement ist eine Form sozialer Kontrolle.“8 Richtiger wäre: Nachrichtenmanagement induziert die so- ziale Kontrolle, welche durch direkte Subvention von Zeitungen nicht erzielt werden konnte.

Angesichts der wachsenden Informationsdichte, des Bevölkerungswachstums und der Zunahme an weltweiten Ereignissen, die aufgrund extrem verkürzter Informati- onswege9 überall auf der Welt abru ar sind, hat sich die unmittelbare Ansprache der unzähligen Medien durch das Nachrichtenmanagements als nicht hinreichend erwie- sen. Vor allem, da sich auch private Unternehmungen, Stiftungen und ähnliche Insti- tutionen des Nachrichtenmanagements bedienen. Nachrichtenagenturen treten nun als Mittler auf, welche die Mediennetzwerke zusammenhalten, p egen und mit den Informationen versorgen, die sie zum einen für ihre Produkte benötigen. Auf anderen Seite werden sie von Institutionen beliefert, damit diese sich gedruckt oder allgemein ge- sprochen: verö fentlicht sehen. Nachrichtenagenturen liefern ihre Informationen stich- wortartig, gekleidet in kurze Artikel oder als Weiterleitung von Institutionsmitteilun- gen an ihre Kunden aus.

Sofern Nachrichtenagenturen als freie, nichtstaatliche Akteure auftreten, sind sie in ihren Außenein üssen im Wesentlichen von drei Arten von Manipulationen betrof- fen: Instrumentalisierung durch das Nachrichtenmanagement eines Akteurs, pekuniär bedingte Ein ussnahme eines Akteurs auf den Output und die direkte Kontrolle durch einen Akteur. Im ersteren Fall wird der Charakter der Nachrichtenagentur als Zugangs- garant zu einem Informationsverteilungssystem korrumpiert, im zweiten und dritten Fall werden konkrete Machtpositionen einer Nachrichtenagentur ausgenutzt, indem durch die Ein ussnahme auf den Instrumentenkatalog zugegri fen wird, den Nach- richtenagenturen nutzen, um ihrerseits ihre Kunden zu beliefern. Wenn der Output einer Nachrichtenagentur in tendenziöser Weise beein usst wird, also der geschilderte Korrumpierungse fekt eintritt, nimmt die Agentur eine passive Rolle als ausgenutztes Bindeglied zwischen zwei Systemen, vereinfacht: Nachrichten herstellendes und Nach- richten verarbeitendes System, ein. Ihre Eigenschaft als strukturelle Kopplung10 wird instrumentalisiert. Die Agentur kann aber auch aktiv werden, indem sie die Aufrecht- erhaltung dieser strukturellen Kopplung an Bedingungen knüpft, die über den bloßen Anspruch auf Entlohnung für den geleisteten Service hinausgehen. Und viel gravieren- der: Sie kann diese strukturelle Kopplung für einzelne Nutzer aufrechterhalten und für andere selektiv blockieren.

Die Stärke dieser Drohung steigt natürlich proportional zur Größe des Kunden- portfolios und der Unabhängigkeit der Agentur, Nachrichten zu generieren. Das be- deutet, wenn es einer Agentur gelingt, sich von Nachrichtenlieferanten unabhängig zu machen, weil das eigene Recherchenetzwerk dermaßen groß und die technische Infra- struktur dermaßen ausgeprägt ist, dann kann sie vom reinen Transporteur, vom Kon- tor13 zum Kontrolleur werden. In diesem Moment ist eine Nachricht keine frei verfüg- bare Ware mehr, sondern eine zugangsbeschränkte Information. Plakativ: Es steckt kein Machtpotential dahinter, einem Kunden den Kauf eines Autos zu verwehren, wenn dieser in der Lage ist, es in einer anderen Filiale zu bekommen. Es steckt aber sehr wohl Macht dahinter, dem Kunden den Zugang zu dem Auto komplett zu verwehren, selbst wenn dieser in der Lage wäre, es zu kaufen, also — systemtheoretisch gesprochen: im geeigneten Medium zu kommunizieren. Im Falle von Nachrichtensteuerung erwächst den Nachrichtenagenturen also die Macht, einzelnen eine Information vorzuenthalten und sie im Vergleich zu jenen zu benachteiligen, welche die Information bekommen. Anders als ein Auto ist eine Information aber kein materieller Gegenstand. Das bedeu- tet, ein Kunde könnte unter Umständen nicht einmal bemerken, dass ihm eine Infor- mation vorenthalten worden ist.

[...]


1 Altschull, Herbet J. (1990): S. 302.

2 Höhne, Hans-Joachim (1984): S. 22.

3 Thomas Je ferson lebte von 1743 bis 1826 und war von 1801 bis 1809 amerikanischer Präsident.

4 Altschull, Herbert J. (1990): S. 48f.

5 Andrew Jackson lebte von 1767 bis 1845 und war von 1829 bis 1837 der siebte amerikanische Präsident.

6 Otto von Bismarck, mit vollem Namen Otto Eduard Leopold von Bismarck-Schönhausen, lebte von 1815 bis 1898 und gründete das Deutsche Reich und wurde erster Kanzler, nachdem er zuvor Bundes- kanzler des Norddeutschen Bundes war.

7 Vgl. Altschull, Herbert J. (1990): S.88-97.

8 Ebd.

9 Beispielsweise durch Internet, Telefon, Fax, Satelliten.

10 Vgl. Brodocz, André (2002): S. 465-495.

Details

Seiten
20
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783668093645
ISBN (Buch)
9783668093652
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v310986
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaft
Note
2.3
Schlagworte
Kybernetik Nachrichtenagentur Jeremy Rifkin Access Zugang Informationsfreiheit World of Warcraft Jefferson-Dilemma Macht Netzwerke Pressefreiheit Informationsverarbeitung Zensur

Autor

  • Jakob Müller (Autor)

Teilen

Zurück

Titel: Über die gesellschaftliche Macht von Nachrichtenagenturen