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Der Schmerz und seine Bedeutung in der interkulturellen Pflege und Therapie - Unter besonderer Berücksichtigung von türkischen Migranten

Seminararbeit 2004 19 Seiten

Gesundheit - Pflegewissenschaft - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Grundlagen zum Thema Schmerz
1.1 Definition des Begriffes Schmerz
1.2 Epidemiologische Daten des Schmerzes in Deutschland

2 Der Schmerz aus ärztlicher Sicht
2.1 Schmerzentstehung und Schmerzweiterleitung im menschlichen Körper
2.2 Darstellung der Schmerzarten
2.3 Medizinische Schmerzbewältigung

3 Der Schmerz aus pflegerischer Sicht
3.1 Pflegerischer Umgang mit chronischen Schmerzpatienten
3.2 Pflegerische Schmerzbewältigung

4 Der Schmerz in Bezug auf interkulturelle Pflege und Therapie
4.1 Die kulturgeschichtliche Bedeutung des Schmerzes
4.2 Schmerzwahrnehmung unter kulturellen Aspekten
4.3 Sprache und Schmerz

5 Schmerz bei Migranten aus der Türkei
5.1 Kulturelle Grundlage bei Migranten aus der Türkei
5.2 Umgang mit dem Schmerz bei türkischen Migranten

6 Verbesserung des interkulturellem Umgangs bei Schmerzen
6.1 Allgemeine Maßnahmen
6.2 Pflegetheorie für den interkulturellen Umgang mit Schmerz

7 Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

Einleitung

Unser Kulturkreis ist von einem biomedizinischen Schmerzbild geprägt, welche das Schmerzerleben der an Schmerzen Leidenden vernachlässigt. Wichtige Fragen, z.B. wie der Schmerzleidende seinen Schmerz individuell deutet, mit welchen Gefühlen er ihn verbindet, welche Rolle er in seinem Leben spielt und wie diese und weitere Aspekte seinen Umgang mit dem Schmerz und der Schmerzbewältigung beeinflussen, werden nicht gestellt.

Schmerz ist immer subjektiv. Man kann zwar wissen, dass jemand an einer Krankheit leidet die mit Schmerzen verbunden ist – aber wie die Person den Schmerz wahrnimmt und was er für sie bedeutet weiß man dadurch nicht. Gerade die subjektive Schmerzwahrnehmung ist stark von der kulturellen Zugehörigkeit der Peson geprägt. Diesen Zusammenhang gilt es zu erkennen um kulturellen Verständigungsschwierigkeiten in der Pflege und Therapie der Schmerzkranken vorzubeugen und eine effektivere pflegerische und ärztliche Betreuung zu gewährleisten.

Gerade auch in Deutschland wird es aufgrund der zunehmenden Einwanderer immer wichtiger den Schmerz auch in einem interkulturellen Kontext zu sehen und die Bedeutungen, Einstellungen und Werte der anderen Kultur zu berücksichtigen. Hierzu ist es notwendig, erst den Umgang mit Schmerz in der eigenen Kultur zu reflektieren, damit man diesen in Bezug zu anderen kulturellen Gegebenheiten setzen kann.

Zuerst werden in dieser Hausarbeit Grundlagen zum Thema Schmerz, d.h. eine Definition und epidemiologische Daten gegeben. Danach folgen zwei Kapitel über den ärztlichen und pflegerischen Umgang mit dem Schmerz, um dieses Grundwissen in einem weiteren Schritt in einen interkulturellen Bezug zu setzen. Dabei wird zuerst kurz auf den kulturgeschichtlichen Hintergrund des Schmerzes in den christlich geprägten westlichen Industriestaaten eingegangen. Anschließend wird besonderes Augenmerk auf den Umgang mit Schmerz bei türkischen Migranten gelegt, da diese den größten Teil der Einwanderer in Deutschland einnehmen.[1] Das letzte Kapitel stellt theoretische und praktische Möglichkeiten zur Verbesserung einer interkulturellen Pflege und Therapie bei Schmerzen dar.

1 Grundlagen zum Thema Schmerz

Um später ein besseres Verständnis zur besonderen Schmerzproblematik im interkulturellen Kontext zu entwickeln, ist es wichtig, die Grundlagen des Themas Schmerz herauszuarbeiten und den Begriff Schmerz zu definieren.

1.1 Definition des Begriffes Schmerz

Die Beschäftigung mit dem Thema Schmerz hat eine lange Tradition und so wurden auch schon viele Versuche unternommen, diesen Begriff zu definieren. Unter den vorhandenen Definitionen der letzten Zeit ragt die der International Association for the Study of Pain (IASP) heraus. Nach ihr „…ist Schmerz ein unangenehmes Sinnes und Gefühlserlebnis, das mit aktueller oder potenzieller Gewebsschädigung verknüpft ist oder mit Begriffen einer solchen Schädigung beschrieben wird“.[2] So definiert treten Schmerzen dann auf wenn Gewebe akut geschädigt wird oder auch in der Nähe einer möglichen Gewebsschädigung, die noch nicht eingetreten ist. Die Schädigung ist also keine Voraussetzung für Schmerz. Somit liegt Schmerz also auch allein dann vor, wenn davon berichtet wird, ohne dass hierfür eine offensichtliche Gewebsschädigung vorliegen muss.[3] Dadurch werden der emotionale Aspekt von Schmerz, sowie die Privatheit und die Subjektivität des Schmerzerlebens hervorgehoben.[4] Es ist also völlig belanglos für das Schmerzgeschehen, ob eine Gewebsschädigung vorliegt oder nicht und es wäre auch völlig falsch in dem einen Fall von echten und in dem anderen von eingebildeten Schmerzen zu sprechen.[5]

Diese Erkenntnis der Subjektivität von Schmerzen ist gerade auch in dem Zusammenhang eines interkulturellen Verständnisses von Schmerz wichtig.

1.2 Epidemiologische Daten des Schmerzes in Deutschland

Es ist davon auszugehen, dass ca. 8-10% der in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Bevölkerung wegen chronischer Schmerzen in Behandlung sind, dies entspricht einer Zahl von ungefähr 6–7 Millionen. Von diesen sind etwa 10% durch die traditionellen Behandlungsmethoden nicht ausreichend therapiert und bedürfen einer spezifischen Schmerztherapie.[6]

Es ist anzunehmen, dass der höchste Behandlungsbedarf bei der Gruppe der 45- bis 64 jährigen liegt. Chronische Schmerzbeschwerden treten im Allgemeinen bei Frauen häufiger auf als bei Männern. Die häufigste Erkrankung ist neben anderen Gelenkschmerzen der Rückenschmerz. Dieser ist unter Einschluss der indirekten Sozialkosten, wie z.B. Arbeitsausfall, auch die teuerste Krankheit für die Versorgungssysteme der westlichen Industriestaaten.[7] Überhaupt haben chronische Schmerzen, gerade auch durch die Kosten die sie verursachen, eine enorme gesundheitspolitische Bedeutung.[8]

Obwohl sich viele der türkischen Migranten in Deutschland unter dem Leitsymptom Schmerz in ärztliche Behandlung begeben, mangelt es an wissenschaftlich fundierten epidemiologischen Untersuchungen über chronische Schmerzpatienten unter Migranten.[9]

Um weitere Einblicke in die Schmerzproblematik zu bekommen wird im Weiteren erst einmal der Schmerz aus ärztlicher und pflegerischer Sicht dargestellt.

2 Der Schmerz aus ärztlicher Sicht

Im biomedizinischen Kontext der Medizin wird das Wort Schmerz hauptsächlich als Wahrnehmungsinhalt und Sinnessystem sowie als Ausdruck für Krankheit und Leiden wahrgenommen. In seiner Funktion als Sinnessystem ist er ein Warnsignal für potenzielle Schädigungen von innen und außen,[10] in der anderen Funktion ist er Zeichen einer Regelwidrigkeit im menschlichen Körper.[11] Diese Regelwidrigkeit will die Medizin feststellen und beheben. Das Problem dabei ist, dass durch den Nominierungsprozess der Medizin eine Entsubjektivierung des Schmerzes stattfindet, die wenig geeignet ist für eine Selbstbestimmung des Patienten.[12] Gerade dadurch wird das Verständnis der individuellen Schmerzdeutung, die bei jedem Einzelnen auch durch die Kultur beeinflusst ist, aber behindert und so auch eine interkulturelle Pflege und Therapie bei Schmerzen erschwert.

2.1 Schmerzentstehung und Schmerzweiterleitung im menschlichen Körper

Schmerzen haben ihre Ursache häufig im Versorgungsbereich des peripheren Nervensystems, also z.B. der Haut. Dort liegen die Nozirezeptoren, die Schmerzempfindungen wahrnehmen. Als schmerzauslösender Reiz kommt hierbei alles in Betracht was zu einer Gewebsschädigung führt, wie z.B. Verletzungen oder den Körper schädigende hohe Temperaturen. Außerdem sind die Nozirezeptoren durch zahlreiche Stoffe erregbar, die von außen oder innen kommen, beispielsweise Säuren oder das körpereigene Histamin. Wichtig ist gerade bei dem Umgang mit chronischen Schmerzen, dass die Nozirezeptoren sich nicht an Schmerzen gewöhnen.[13]

Die Informationen der Nozirezeptoren werden in Aktionspotentiale verschlüsselt und durch Nervenfasern in Rückenmarks und Hirnnerven weitergeleitet. Von dort gelangen sie zum Thalamus, als Verteiler, in das limbische System, den Hypothalamus und zu verschiedenen Arealen des Großhirns. Es existiert kein einheitliches Schmerzzentrum im Gehirn.

2.2 Darstellung der Schmerzarten

Man unterscheidet zwischen akutem und chronischem Schmerz. Akute Schmerzen sind in ihrer Funktion durchaus sinnvoll, da sie auf Gefahren hinweisen.[14] Sie spielen in der Medizin eine erstrangige Rolle in der Erkennung und Behandlung von Krankheiten. Der Betroffene hat meist eine genaue Vorstellung von Ursache und Verlauf der akuten Schmerzen. Da sie zudem meist gut behandelt werden können, stellen sie im Gegensatz zu den chronischen Schmerzen, keine große seelische Belastung dar.[15]

Chronische Schmerzen wurden früher dadurch definiert, dass sie länger als 6 Monate bestehen. Aktuell werden sie durch die IASP folgendermaßen definiert: „Schmerzen werden als chronisch bezeichnet, die den erwartenden Zeitraum, in dem üblicherweise ein Heilung stattfindet, überdauern.“[16] Oft resultiert der chronische Schmerz aus einem akuten Schmerz heraus und wird durch somatische und psychosoziale Faktoren zu einem chronischen Schmerz, der häufig die gesamte Peson einnimmt und über Jahre dauert.[17] Bei hoher Chronifizierung verändert sich bei manchen Personen die gesamte Lebensführung, das soziale Verhalten und zwischenmenschliche Beziehungen werden beeinträchtigt. Die Behandlung chronischer Schmerzzustände ist im internationalen Vergleich noch unterversorgt.[18] Im Folgenden wird deshalb kurz die medizinisch geprägte Schmerzbewältigung dargestellt.

2.3 Medizinische Schmerzbewältigung

Die Medizin behandelt den chronischen Schmerz wie den Akutschmerz vorwiegend medikamentös mit dem Ziel der Schmerzeliminierung. Diese Hypothese ist durch den Verkauf von Arzneimitteln zu belegen. So waren 1990 die vier meistverkauften Arzneimittel allesamt Schmerzmittel. Darunter wurde allein Thomapyrin 22,8 Millionen Mal verkauft.[19]

Die erfolgreiche Schmerzvernichtung durch Medikamente offenbart sich aber zunehmend auch als Fortschrittfalle. So ist bei jedem zehnten Schmerzchroniker die einzige Krankheitsursache die Abhängigkeit von Schmerzmitteln.[20] Außerdem kommt es durch die hohe Einnahme zu Schädigungen von Magen, Leber und Niere und zu psychischen Abhängigkeiten. Obwohl sich das Therapieverhalten der Ärzte bessert, kann man in Deutschland noch nicht von einer angemessenen Schmerztherapie sprechen. Die Notwendigkeit multiprofessioneller Therapieangebote für chronische Schmerzen in denen eine Behandlung nicht nur durch Medikamente stattfindet ist nicht mehr von der Hand zu weisen.[21] Gerade auch bei Migranten in Deutschland ist die medikamentöse Therapie oft nicht allein die richtige Wahl der Behandlung, worauf später noch genauer eingegangen wird.

[...]


[1] Vgl. Gier/ Erim 2004, S. 227

[2] Statt vieler Kröner-Herwig 2004, S. 3, siehe auch Hüper 1997, S. 175

[3] Vgl. Heidenfelder 1991, S. 17-18

[4] Vgl. Körner-Herwig 2004, S. 3-4

[5] Vgl. Hüper 1997, S. 176

[6] Vgl. Kröner-Herwig 2004, S. 13-14

[7] Vgl. Kröner-Herwig 2004, S. 13-14

[8] Vgl. Hasebring/ Pfingsten 2004, S. 99

[9] Vgl. Glier/ Erim 2004, S. 227-228

[10] Vgl. Zimmermann 2004, S. 17

[11] Vgl. Hüper 1997, S. 175

[12] Vgl. Hüper 1994, S. 21

[13] Dieses Kapitel basiert auf Speckmann/ Wittkowski 1998, S. 104-108 und Thomm 2001, S. 21-24

[14] Vgl. Thomm 2001, S. 26

[15] Vgl. Zimmermann 2004, S. 18

[16] Thomm 2001, S. 26

[17] Vgl. Tölle/ Berthele 2004, S. 78

[18] Vgl. Thomm 2001, S. 27

[19] Vgl. Hüper 1997, S. 176-177

[20] Vgl. Hüper 1994, S. 23

[21] Vgl. Kröner-Herwig, S. 14

Details

Seiten
19
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638322195
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v31116
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule Darmstadt, ehem. Evangelische Fachhochschule Darmstadt – Evangelische Fachhochschule Darmstadt
Note
1,7
Schlagworte
Schmerz Bedeutung Pflege Therapie Unter Berücksichtigung Migranten Seminar Transkulturelle Kultur Fremdheit Lebensgeschichte Pflegeprozess

Autor

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