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Möglichkeiten und Grenzen der Moralerziehung im schulischen Kontext

Hausarbeit 2015 22 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Moralbegriff
2.1 Deskriptiver Moralbegriff
2.2 Normativer Moralbegriff

3 Wie entsteht Moral
3.1 Kohlbergs Stufenmodell
3.1.1 Präkonventionelle Ebene
3.1.2 Konventionelle Ebene
3.1.3 Postkonventionelle Ebene
3.2 Moralrelevante Entwicklungsbedingungen nach Lempert
3.3 Die Segmentierungshypothese nach Beck

4 Möglichkeiten der Moralischen Erziehung im schulischen Kontext
4.1 Methode zur Förderung moralischer Urteilsfähigkeit nach Lind
4.1.1 Didaktische Prinzipien

5 Die Grenzen der Moralischen Erziehung in der Schule

6 Schlussbetrachtung

Quellen

Anhang

1 Einleitung

„Die schulische Bildung soll zur Entfaltung der Persönlichkeit der Schüler in der Gemein- schaft beitragen. Diesen Auftrag erfüllt die Schule, indem sie den Schülern insbesondere an- knüpfend an die christliche Tradition im europäischen Kulturkreis Werte wie Ehrfurcht vor allem Lebendigen, Nächstenliebe, Frieden und Erhaltung der Umwelt, Heimatliebe, sittliches und politisches Verantwortungsbewusstsein, Gerechtigkeit und Achtung vor der Überzeugung des anderen, berufliches Können, soziales Handeln und freiheitliche demokratische Haltung vermittelt, die zur Lebensorientierung und Persönlichkeitsentwicklung sinnstiftend beitragen und sie zur selbstbestimmten und verantwortungsbewussten Anwendung von Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten führt und die Freude an einem lebenslangen Lernen weckt. […]“ (§ 1 Abs. 2 SchulG)

Mit der Veröffentlichung des Schulgesetzes gibt das Sächsische Staatsministerium für Kultus die Ziele und Rahmenbedingungen aller schulischen Bildung für den Freistaat Sachsen vor. Neben der Formulierung des Bildungsauftrages wird ebenfalls der Erziehungsauftrag der Schulen in Sachsen gesetzlich verankert, wie dem oben angeführten Zitat entnommen werden kann. Der Schwerpunkt der schulischen Erziehung liegt in der Sozialisation der Edukanten in die bestehende Gesellschaftsordnung, und mit Blick auf „die christliche Tradition im europäi- schen Kulturkreis“ (ebd.) soll die Erziehung u.a. Wert legen auf soziales Handeln und sittli- ches Verantwortungsbewusstsein.

Dem Ansatz des deutschen Soziologen Max Weber folgend, handelt es sich bei sozialem Handeln um Handlungen, die ein auf andere Personen gerichtetes sinnhaftes Tun darstellen. (Weber, 1984, S. 19)

Soziale Handlungen sind nicht nur zielgerichtete zwischenmenschliche Interaktionen, sondern darüber hinaus liegt dem Tun eine Intention des Handelnden zugrunde. Basierend auf dieser Erkenntnis, und wie sich im Lauf der vorliegenden Abhandlung vertiefen wird, ist soziales Handeln unmittelbar an das moralische Empfinden des Handelnden gebunden, sodass eine moralische Erziehung als unabdingbare Grundlage für die Befähigung zum sozialen Handeln betrachtet werden kann bzw. muss. Auch ein sittliches Verantwortungsbewusstsein des Men- schen setzt das Vorhandensein einer moralischen Grundlage in seinem Bewusstsein voraus.

Um den Einstieg in die Thematik zu vereinfachen, kommt es vorangestellt zu einer grundlegenden Betrachtung der Thematik „Moral“ und der Umstände, wie Moral entsteht und welche Ausprägungen sie aufweisen kann.

Diese Arbeit beschäftigt sich danach weiterführend mit der Frage, inwiefern eine moralische Erziehung in der Schule möglich sein kann, welche Mittel dem Erziehenden dafür zur Verfü-gung stehen, und schlussendlich wird die Frage nach den Grenzen der Moralerziehung in der Schule betrachtet.

2 Der Moralbegriff

Der Versuch, einen Zugang zum Thema „Moral“ zu finden, mündet sehr schnell in der Erkenntnis, dass es sich hier um ein weit gefächertes Feld handelt.

Zuerst wurde der Begriff philosophica moralis von Cicero als Übersetzung von 1 geprägt, und der deutsche Begriff Moral kann über das Französische zurückgeführt werden auf den lateinischen Ausdruck moralis2. (Gründer, 1984, S. 149)

Im Allgemeinen Deutschen Sprachgebrauch beschreibt die Moral das Verhältnis zwischen den Handlungen von Menschen und der sittlichen Redlichkeit ihres Handelns, also, ob eine Handlung als gerechtfertigt und für vertretbar bzw. mit dem Gewissen vereinbar wahrgenommen wird. Im Volksmund wird oft von „(un)moralischem Verhalten“ gesprochen, wenn Handlungen zwischenmenschlicher Natur bewertet werden sollen, und auch im Rahmen von Kurzgeschichten und Fabeln wird die Moral schon seit vielen Jahrhunderten zum erzieherischen Mittel stilisiert. (vgl. Busch, 1959; Lessing, 2008)

Nicht zuletzt ist die Moral heutzutage Gegenstand vieler Wissenschaften, wie beispielsweise der Ethik, der Moraltheologie oder der Moralpsychologie, im weiteren Sinne aber auch der Politik- und Rechtswissenschaften sowie der Ökonomie.

Um einen spezifischeren Zugang zum Thema zu finden, sollen im Folgenden zwei grundsätzlich verschiedene Ansätze zur Moral näher betrachtet werden.

2.1 Deskriptiver Moralbegriff

Der deskriptive Moralbegriff findet vor allem Anwendung in der Moralpsychologie und den empirischen Sozialwissenschaften. Er zeichnet sich besonders dadurch aus, dass er einen rein beschreibenden Charakter hat und frei von Wertung jeglicher Art ist. Zweck der Verwendung des deskriptiven Moralbegriffs ist zumeist die empirische Untermauerung normativer morali- scher Theorien und Modelle. Es wird hierbei eine Beschreibung verschiedener moralischer Systeme und Erscheinungsformen vorgenommen, ohne dabei eine Wertung vorzunehmen, welche Ausprägung besser oder schlechter ist als die andere. Als Ergebnis können Kenntnisse über moralische Wertungssysteme erlangt werden und darüber, wie wichtig es ist, im jeweili-gen gesellschaftlichen Kontext bestimmten moralischen Bedingungen zu folgen.

Im Rahmen des deskriptiven Moralbegriffes werden Worte wie „sittlich“ und „moralisch“ benutzt im Sinn von „zur Moral gehörig“, nicht normativ im Sinn von „moralisch gut“. (Luhmann, 1993, S. 362f)

Als Beispiel zur Verdeutlichung der Nutzung des deskriptiven Moralbegriffs soll hier die ak- tuelle Diskussion zur Thematik der gleichgeschlechtlichen Ehe dienen. Sozialforscher, welche dem Ansatz der Deskription folgen, werten die Ergebnisse ihrer Untersuchungen lediglich dahingehend aus, dass sie konstatieren, welche Positionierungen zur Thematik durch jeweili- ge Teilmengen der Gesamtheit vertreten werden, und wie man besagte Teilmengen hinsicht- lich gemeinsamer Merkmale gruppieren bzw. unterscheiden kann. Eine Wertung findet nicht statt.

2.2 Normativer Moralbegriff

Der normative Moralbegriff ist vorrangig durch den alltäglichen Gebrauch geprägt und wird seltener im seriösen wissenschaftlichen Kontext gefunden. Im Gegensatz zum deskriptiven Ansatz kommt es hier zu einem Abgleich mit vorhandenen Normen und Regeln und einer damit einhergehenden Bewertung von Handlungen. Eine wichtige Bedeutung hat hierbei der vorhandene Wertekanon des Bewertenden, der normalerweise von der im Vorfeld erfolgten Sozialisation abhängig ist. (Luhmann, 1993, S. 361) Hieraus geht die besondere Bedeutung der moralischen Erziehung im Rahmen der schulischen Ausbildung und innerhalb des sozia- len Umfeldes hervor, denn mithilfe einer Enkulturation durch Bildung soll der Edukant in die Lage versetzt werden, sich in der Gesellschaft und ihrem normativen Regelwerk sicher bewe- gen zu können. Die Aneignung moralischer Werte und Normen findet sehr häufig nicht direkt statt. Vielmehr liegt hier der Hauptschwerpunkt auf einem indirekten Erwerb im sozialen Umgang miteinander.

Dem bereits angeführten Beispiel folgend, wird also eine normative Bewertung der gleichgeschlechtlichen Ehe mit einer Wertung nach dem Muster „moralisch gut“ oder „moralisch schlecht“ einhergehen, was vor Allem dann ein Problem darstellt, wenn sich innerhalb einer sozialen Einheit unterschiedliche Normen etablieren konnten.

Der normative Moralbegriff ist Gegenstand der Ethik als einem Teilgebiet der Philosophie, welcher sich mit dem Zusammenhang von Normen, Verhalten und dessen Konsequenzen be- schäftigt.

3 Wie entsteht Moral

Die Fülle an disziplinübergreifenden wissenschaftlichen Theorien über die Entstehung von Moral oder moralischem Bewusstsein beim Menschen ist sehr groß. Aus diesem Grund kann an dieser Stelle einführend nur ein grober Überblick gegeben werden, und anschließend findet eine nähere Betrachtung des Stufenmodells von Lawrence Kohlberg, moralrelevanter Ent- wicklungsbedingungen nach Lempert sowie der Segmentierungshypothese nach Klaus Beck statt.

Die in der Entwicklungspsychologie und in der Pädagogik am häufigsten bemühte Theorie über die moralische Entwicklung des Menschen gründet auf der Arbeit des Schweizer Entwicklungspsychologen Jean Piaget. Er führt an, dass ein Kind zwischen seiner Geburt und dem Alter von ca. 12 Jahren ein ausgeprägtes moralisches Bewusstsein durch das Durchschreiten von drei Phasen entwickeln kann. Hier unterscheidet Piaget zwischen dem Stadium der heteronomen Moral, der Phase des Übergangs und dem Stadium der autonomen Moral. Mittelpunkt dieser Theorie ist die zunehmende Fähigkeit des Kindes, Perspektiven wahrzunehmen und zu reflektieren. (Stein, 2008, 62f) Moralentwicklung stellt also nach Piaget einen Prozess in der Kindheit dar, und als Ergebnis desselben erreichen alle Menschen schlussendlich das gleiche Stadium moralischen Denkens. (ebd.)

Einen ebenfalls interessanten Ansatz zur moralischen Entwicklung liefert die amerikanische Sozialpsychologin Nancy Eisenberg mit ihren Studien zwischen 1976 und 2006. Mit ihrer Forschergruppe kommt sie bereits 1996 zum Schluss, dass eine vermeintlich gute Tat und das damit einhergehende psychische oder physische Wohlergehen desjenigen, an dem die Handlung ausgeführt wurde, zu einem Befriedigungsgefühl des Handelnden führen. Eisenberg beschreibt dieses Phänomen als prosoziales Verhalten, welches eine maßgebliche Rolle für die moralische Entwicklung des Menschen spielt. (Bayard et al., 2008, S. 55ff)

Mit der durch ihn aufgestellten Domänentheorie aus 1998 führt der amerikanische Psychologe Elliott Turiel an, dass die moralische Beurteilung von Handlungen abhängig von ihrem Kon- text getroffen werden kann. So ist es möglich, dass eine Handlung ein einem Bereich als „mo- ralisch in Ordnung“ gilt, von einem anderen Standpunkt aus durch den selben Bewertenden aber als „nicht in Ordnung“ eingestuft wird. Turiel unterscheidet zwischen drei Gruppen von Urteilen: Moralische Urteile, die sich auf Gerechtigkeit beziehen, sozial-konventionale Urtei- le, welche sich auf Sitten und Regeln beziehen und persönliche Urteile mit Bezug auf persön- liche Präferenzen. (Lohaus et al, 2015, S. 224) Diese Gedanken finden sich später bei Beck wieder, dessen Studien im Rahmen dieser Arbeit näher betrachtet werden.

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Details

Seiten
22
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668098954
ISBN (Buch)
9783668098961
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v311227
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz – Institut für Pädagogik
Note
1,3
Schlagworte
möglichkeiten grenzen moralerziehung kontext

Autor

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