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Herrschaftsformen jenseits der Staatlichkeit. Drei nicht-normative Ansätze im Vergleich

Hausarbeit 2010 13 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Entwicklungspolitik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Parastaatlichkeit

3. Heterarchie

4. Nicht-repräsentative Partizipation

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Erosion der Staaten in Afrika und in der UdSSR in den 1990er Jahren hat eine rege Debatte über die Transformation von Staatlichkeit angestoßen. Mit der Zeit vollzog sich ein Paradigmenwechsel weg vom Konzept des Staates. Die Gemeinsamkeit der hier vorgestellten Autoren ist, dass sie sich von normativen „failed states“-Theorien abwenden. Statt dessen beschäftigen sie sich mit neuen Herrschaftsformen in Afrika, die neben dem Staat existieren, ohne diese zu werten. Im Rahmen dieser Arbeit werden die folgenden drei Konzepte zu Herrschaftsformen jenseits des Staates kurz vorgestellt: Parastaatlichkeit (Trutz von Trotha), Heterarchie (Georg Klute und Alice Bellagamba) und nicht-repräsentative Partizipation (Thomas Bierschenk). Der Schwerpunkt liegt dabei auf ihrer Position zur Rolle des Staates. Von Trothas Ansatz wird als erster vorgestellt, weil seine Position dazu kontrovers ist und die anderen Ansätze sich im Folgenden davon abgrenzen lassen. Auf die Parastaatlichkeit folgt die Heterarchie, die zum Teil aus ihr entstanden ist. Die nicht-repräsentative Partizipation erhebt nicht den Anspruch, auf der gleichen Ebene generalisierbar zu sein, wie die beiden anderen Konzepte, zeigt aber einige interessante Aspekte auf, die bei den anderen nur indirekt erwähnt werden. Die drei Ansätze werden miteinander verglichen, indem ihre grundlegenden Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet werden.

Auf dieser Basis soll die Frage danach beantwortet werden, wie lokale Akteure in eine Machtposition gelangen können: Wie erklären die einzelnen Ansätze den Einfluss lokaler Machthaber? Unter welchen Bedingungen ist ihr Aufstieg möglich? Und in welcher Beziehung stehen sie zum Staat? Lokale Akteure haben möglicherweise das Ziel, selbst Staat zu werden, sie sollten aber nicht darauf reduziert werden, da oft auch andere Logiken eine Rolle spielen, wie zum Beispiel eine lokal gerechtere Ordnung zu schaffen.

2. Parastaatlichkeit

Die zentrale These von Trothas ist, dass der Zerfall des Staates notwendig ist, um den Aufstieg der Parastaatlichkeit zu ermöglichen. Ein zerfallener Staat ist durch das Fehlen von Gewaltmonopol[1] und Basislegitimation[2] gekennzeichnet. Die Ursachen für das Fehlen dieser beiden zentralen Elemente der Staatlichkeit sieht von Trotha in der Kolonisation: Die Kolonialmächte scheiterten an ihrem Ziel, die Utopie des westlichen Staates in Afrika zu verwirklichen (Von Trotha 2000: 255). Daraus kann abgeleitet werden, dass die Grundlage für den Zerfall der postkolonialen Staaten in den Kolonialstaaten gelegt wurde. Auf die Frage, inwieweit die Kolonialstaaten jedoch über Basislegitimation und Gewaltmonopol verfügten, finden sich bei von Trotha etwas widersprüchliche Antworten.

Von Trotha unterscheidet zwischen der Basislegitimation der Gewalt, der Organisationsmacht, der Ordnung und der kulturellen Zugehörigkeit (ebd.: 260)[3]. Während die Kolonialstaaten über die Basislegitimationen der Gewalt, der Organisationsmacht und der Ordnung verfügten, konnten sie niemals die Basislegitimation der kulturellen Zugehörigkeit erlangen (ebd.). An anderer Stelle beschreibt er jedoch die Organisations ohnmacht, die kolonialen sowie postkolonialen Staat gleichermaßen prägt (ebd. 257). Beide brauchten in wesentlichen Bereichen ihrer Verwaltung das administrative Häuptlingswesen als Mittler zwischen Zentralstaat und Lokalem (ebd.). Was das Gewaltmonopol betrifft, sagt von Trotha einerseits, dass es den Kolonialstaaten gelang, das staatliche Gewaltmonopol durchzusetzen, andererseits relativiert er diese Aussage gleich wieder, indem er darlegt, wo der Staat nicht mehr hin reichte (ebd. 258). Es ist also nicht eindeutig, ob der Prozess des Staatszerfalls schon während der Kolonialzeit begann.

Postkoloniale Staaten wiederum werden klar als zerfallene Staaten dargestellt[4]. Sie verfügen nicht (mehr) über das Gewaltmonopol, was nach von Trotha das folgenreichste Zeichen für Staatszerfall ist (ebd.). Darüber hinaus schafften es die postkolonialen Regime nicht, Basislegitimität anzuhäufen (ebd. 261). Für die anti-kolonialen Bewegungen lag es nahe, sich als Gegenpart zum Kolonialstaat mittels kultureller Zugehörigkeit zu legitimieren. Dies hielt jedoch nur so lange vor, bis sich der Mangel an Organisationsmacht nicht mehr verbergen ließ. Auch die Basislegitimation durch Gewalt wurde in vielen Fällen mit der Zeit von der Opposition angeeignet (ebd.). Schließlich blieb für den postkolonialen Staat keine Basislegitimität mehr übrig.

Trutz von Trotha betrachtet diese Situation als „Experimentierraum für neue Formen politischer Herrschaft“ (ebd. 254). Durch den Staatszerfall entsteht ein Machtvakuum, das lokale Akteure nutzen, um in eine Machtposition zu gelangen. Auf diese Weise entsteht ein Gefüge unterschiedlicher Herrschaftsformen, das von Trotha als Parastaatlichkeit[5] bezeichnet. Im Gegensatz zum hierarchischen Staat beschreibt er ein horizontales „Gefüge von parastaatlichen Herrschaftszentren“ (ebd. 271). Das nationale Herrschaftszentrum besteht als eines dieser parastaatlichen Herrschaftszentren fort, obwohl der Staat zerfallen ist und durch die Parastaatlichkeit ersetzt wurde!

Mit welchen Mitteln schaffen es lokale Akteure nun, ein parastaatliches Herrschaftszentrum zu werden? Eine wichtige Rolle spielt hierbei das administrative Häuptlingswesen, das schon im Bezug auf die Organisationsohnmacht der kolonialen und postkolonialen Staaten erwähnt wurde. Beim Aufstieg der Parastaatlichkeit wird der Staat von einer nicht-staatlichen Gruppe um einen Teil seiner Souveränitätsrechte und Verwaltungsaufgaben enteignet. Diese Gruppen sind oft die früheren Mittler wie administratives Häuptlingswesen oder Entwicklungshilfeorganisationen (ebd. 270). Seit Beginn der Kolonisation wurde das Häuptlingswesen als Mittlerinstanz zwischen Zentralstaat und lokaler Basis eingesetzt und konnte sich in dieser machtvolle Position über alle Regimewechsel hinaus behaupten. Nach dem Zerfall der postkolonialen Staaten kam es zur „Reorganisation der politischen und administrativen Ordnung“, die durch Demokratisierung, Dezentralisierung und Strukturanpassung eingeleitet wurde (ebd.). Daraus ergeben sich für das administrative Häuptlingswesen weitere Chancen zur Machtakkumulation (ebd.) und es geht aus der Reorganisation stärker hervor, während der Staat weiter geschwächt wird. Diese Chancen sehen folgendermaßen aus: Demokratisierung bietet lokalen Akteuren die Möglichkeit, die Ämterbesetzung zu beeinflussen, indem sie Wahlen manipulieren (ebd. 274). Dezentralisierung ermöglicht Gebietsherrschaft. Diese war für das Häuptlingswesen früher nicht relevant, im Zuge der Demokratisierung ergeben sich daraus aber beispielsweise Wählerstimmen, Parlamentssitze und Steueranteile (ebd. 274/275), mit anderen Worten Einfluss und Ressourcen. Eine relativ neue Form der Machtakkumulation ergibt sich aus der Verknüpfung von parastaatlichem Häuptlingswesen und Nichtregierungsorganisationen[6]: Es kommt zur „wechselseitigen Verstärkung des parastaatlichen Charakters“ und die Zentralregierung kann dadurch in die Position der Mittlerinstanz gedrängt werden (ebd. 276). Das Häuptlingswesen hingegen gewinnt an Unabhängigkeit, Zugriff auf Ressourcen und eventuell sogar an Legitimation auf internationaler Ebene.

Dass die Machtakkumulation erfolgreich verläuft, zeigt sich deutlich wenn ein Häuptlingstum es schafft, sich gegenüber der Zentralregierung als regionale Schutzmacht zu etablieren. Ein möglicher Weg dahin ist das strategisch ausgeklügelte Zusammenspiel von bewaffnetem Widerstand einerseits und Friedensgesprächen und Zusammenarbeit andererseits (ebd. 272)[7]. Die Einrichtung einer regionalen Schutzmacht, die die Sicherheit von Leib und Leben ihrer „Bürger“ gewährleistet, ist ein Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol. Ob nun der Verlust des Gewaltmonopols durch die regionale Schutzmacht verursacht wird, oder ob dadurch erst ihre Entstehen möglich wird, ist bei von Trotha nicht klar ersichtlich, kann aber womöglich nicht eindeutig beantwortet werden. Fest steht aber, dass das Häuptlingstum, das sich als regionale Schutzmacht etabliert, den Staat um einen Teil seiner Souveränitätsrechte und Verwaltungsaufgaben enteignet und damit zur Entstehung eines parastaatlichen Herrschaftsgefüges beiträgt.

Kurz zusammengefasst beschreibt von Trothas Ansatz einige historische Bedingungen, die den Aufstieg lokaler Akteure in eine Machtposition ermöglichen: Das Versagen der Kolonialstaaten führt zum Zerfall der postkolonialen Staaten, die sowohl Gewaltmonopol, als auch Basislegitimation verlieren. Raum für neue Herrschaftsformen entsteht und es bildet sich ein Gefüge von mehreren, horizontal angeordneten Herrschaftszentren. Das hauptstädtische Herrschaftszentrum wird eines davon und geht nicht während dem Staatszerfall unter. Diese Situation bezeichnet von Trotha als Parastaatlichkeit. Die auf den Staatszerfall folgende Reorganisation bietet eine Reihe von Chancen zur Machtakkumulation, die vor allem vom Häuptlingswesen genutzt werden, das schon seit der Kolonialzeit als Mittlerinstanz etabliert ist. Eine relativ neue Entwicklung ist die Zusammenarbeit von Häuptlingswesen und NGOs, die die Position des Staates weiter schwächt. Auch die Einrichtung einer regionalen Schutzmacht durch Häuptlingstümer stellt den Staat in Frage, indem sie sein Gewaltmonopol angreift.

Es muss noch einmal betont werden, dass von Trotha trotzdem nicht die Ansicht vertritt, die lokalen Akteure, in diesem Fall das Häuptlingswesen, wollten den Staat ersetzen. Sie organisieren sich neben dem Staat, indem sie sich durch ihre Position als Mittler Freiräume schaffen. Insgesamt schlussfolgert von Trotha, der Staat habe als System ausgedient, sowohl im Bezug auf Afrika, als auch zukünftig im Bezug auf die Welt.

3. Heterarchie

Die Herrschaftsform der Heterarchie ähnelt auf den ersten Blick sehr stark der bereits beschriebenen Parastaatlichkeit. Diese Ähnlichkeit erklärt sich dadurch, dass Klute und von Trotha gemeinsam das Konzept Parastaatlichkeit entwickelten. Das Konzept Heterarchie entstand später aus der Zusammenarbeit zwischen Klute und Bellagamba. Der Begriff Heterarchie kommt aus der Neurologie und bezeichnet kognitive Prozesse, die nicht hierarchisch angeordnet sind, sondern als horizontales Netzwerk. Übertragen auf politische Herrschaft bedeutet das, zwischen allen Akteuren können Verknüpfungen entstehen. Der Begriff Heterarchie wurde außerdem bewusst gewählt, um einen Gegensatz zum hierarchischen System des Staates auszudrücken, der über anderen Machthabern in der Gesellschaft steht und diese dominiert (Bellagamba/Klute 2008: 9). Wie bei von Trotha stehen also verschiedene Herrschaftszentren nebeneinander und die nationale Regierung ist nur eines davon.

[...]


[1] Gewaltmonopol definiert von Trotha in Anlehnung an Hobbes als den Anspruch und die Verpflichtung des Staates, die Sicherheit von Leib und Leben seiner Bürger zu gewährleisten (von Trotha 2000: 258). Der Begriff Gewaltmonopol kann auch für ein durch feste Grenzen eingefasstes, kontrolliertes Territorium stehen.

[2] Von Trotha verwendet den Begriff der Basislegitimation in Anlehnung an Heinrich Popitz. Basislegitimation bedeutet, dass die Beherrschten die Herrschaft als richtig anerkennen.

[3] Keine dieser Kategorien wird weiter definiert.

[4] Als Beispiele nennt von Trotha Liberia und Somalia (2000: 260).

[5] Das Konzept der Parastaatlichkeit entwickelte Trutz von Trotha gemeinsam mit Georg Klute.

[6] NGOs sind per Definition anti-staatlich. Klar erkennbar ist das an Begriffen wie „Partizipation“, „Bottom-up“, „an der Basis“ etc., die sich durch ihre „policy papers“ ziehen, um ihre Arbeit zu legitimieren.

[7] Von Trotha verwendet als Beispiel die Verhandlungen zwischen Ifoghas-Tuaregs und malischer Regierung um die Autonomie eines Gebiets.

Details

Seiten
13
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668100848
ISBN (Buch)
9783668100855
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v311418
Institution / Hochschule
Universität Bayreuth – Fachbereich Entwicklungssoziologie
Note
1,3
Schlagworte
Afrika Staatszerfall Gewaltmonopol Herrschaft lokale Akteure Heterarchie Legitimation Parastaatlichkeit nicht-repräsentative Partizipation Dezentralisierung

Autor

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Titel: Herrschaftsformen jenseits der Staatlichkeit. Drei nicht-normative Ansätze im Vergleich