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Die Bedeutung der Rhetorik für die Philosophie nach Aristoteles und der "Neuen Rhetorik" Chaim Perelmans

Hausarbeit 2014 20 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die alte Rhetorik
2.1 Die aristotelische Dialektik
2.2 Das Verhältnis von Dialektik und Rhetorik
2.3 Das Verhältnis von Rhetorik und Philosophie

3. Die Weiterentwicklung der alten Rhetorik in der Neuen Rhetorik

4. Die Bedeutung der Rhetorik für die Philosophie

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Philosophie ohne Rhetorik ist mittellos.1 In Verbindung mit den platonischen Dialogen erscheint diese Abhängigkeit suggerierende Verknüpfung von Rhetorik und Philosophie eher abwegig. So stellt Platon die Rhetorik im Gorgias als „[…] Schattenbild eines Teils der politischen Kunst […]“2 dar und wertet sie damit nicht als eigenständige Disziplin. Durch den für die Philosophie prägenden Charakter der platonischen Schriften, wurde die Rhetorik nicht als Teil der Philosophie oder als gleichwertige Kunstfertigkeit anerkannt. Demnach wurde der Rhetorik kein eigener Gegenstandsbereich zugeschrieben. Doch bereits Platons Schüler Aristoteles belebt den Charakter der Rhetorik als Disziplin wieder. In der Topik und Rhetorik bringt er die Rhetorik mit der Dialektik in Verbindung und ermöglicht auf dieser Grundlage die Verbindung von Rhetorik und Philosophie in einer Form, die nicht in einem Konkurrenzverhältnis endet.

Die Entwicklung der Rhetorik und insbesondere die Debatte um das Verhältnis zwischen Rhetorik und Philosophie endet jedoch nicht mit Aristoteles. Basierend auf der platonischen Auslegung des Verhältnisses von Rhetorik und Philosophie wurde der Gegenstand der Rhetorik in der klassischen Rhetorik auf den Bereich der Form und des Stils reduziert.3 Mit dieser einseitigen Reduktion als Anlass entstanden einige neue Rhetorikkonzeptionen, die sich an einer Rehabilitation der Rhetorik bzw. des rhetorisch-philosophischen Verhältnisses versuchten. Darunter auch Chaim Perelman, der die aristotelische Rhetorik der Philosophie als Argumentationstheorie wieder näher bringen wollte.4

Das dadurch entstandene Konkurrenzverhältnis zwischen Rhetorik und Philosophie nehme ich als Anlass folgender Frage nachzugehen: Welche philosophische Bedeutung kommt der Rhetorik nach der aristotelischen Darstellung und der Aufarbeitung durch Chaim Perelman zu? Um diese Frage zu erläutern setze ich mich zunächst mit dem Verhältnis von Dialektik und Rhetorik auseinander um daraus die Verbindung von Rhetorik und Philosophie zu erarbeiten. Im Weiteren betrachte ich die Weiterentwicklung der aristotelischen Rhetorik in der Neuen Rhetorik Perelmans um abschließend eine mögliche Antwort auf die Frage geben zu können, worin die Bedeutung der Rhetorik für die Philoso- phie liegt.

2. Die alte Rhetorik

Die Bezeichnung alte Rhetorik wird von Chaim Perelman genutzt um die aristotelische Rhetorikauslegung der klassischen gegenüberzustellen und im zweiten Schritt von seiner Neuen Rhetorik abzugrenzen. Damit legt Perelman eine Weiterentwicklung der alten Rhetorik vor.5 Worauf sich diese Weiterentwicklung bezieht und wie sie sich auf den Zusammenhang zwischen Rhetorik und Philosophie auswirkt wird an späterer Stelle betrachtet.

Erweitern wir den Begriff der alten Rhetorik so, dass auch die platonische Darstellung der Rhetorik unter diesen Begriff fällt, stellt sich schnell die Differenz zwischen Platon und Aristoteles heraus. Bei einer Betrachtung der platonischen Dialoge stellt sich ein klares Bild der Rhetorik dar, das er Sokrates in den Dialogen vermitteln lässt. Die Rhetorik erscheint hier in erster Linie als manipulativ. Diese Darstellung kann auf die Konkurrenz zwischen Philosophie und Sophistik zurückgeführt werden. Während die Philosophie den Anspruch der Erkenntnis der Wahrheit zu erfüllen sucht, sei der Rhetorik daran gelegen, die Anerkennung von Meinungen herbeizuführen bzw. Meinungen zu plausibilisieren.6 Wenn die Rhetorik nun also eine Fertigkeit ist die es ermöglicht Meinungen zu plausibilisieren, so ist auch denkbar, dass der Redner mit genügend rhetorischer Fähigkeit auch eine Lösung plausibilisieren könnte die nicht auf die bestmögliche Lösung des Problems bezogen ist, sondern auf den bestmöglichen Vorteil des Redners ausgerichtet ist. Hier zeichnet sich der manipulative Charakter der Rhetorik ab, der von Platon hervorgehoben wird. Und Platons Skepsis vor dem Missbrauch der Rhetorik durch die Sophisten scheint nicht unbegründet. So wird dem Sophisten und Rhetoriklehrer Gorgias die Gründung einer Rhetorenschule zugeschrieben, die die rhetorischen Redetechniken vor dem Hintergrund einer „[…] Umwertung der Werte […]“7 gelehrt haben soll. Wenn diese einseitige Darstellung der Rhetorik vollständig und ausreichend wäre, würde die Verbindung zur Philosophie klar sein: Die Philo- sophie könnte demnach als eine Instanz dargestellt werden, die es ermöglicht gegen die manipulativen Verführungsstrategien der Rhetorik zu bestehen. Doch diese Darstellung wir der Rhetorik nicht gerecht. Gorgias war nicht der einzige Rhetoriklehrer. So „[…] gründete [Isokrates] eine einflussreiche Rhetorenschule und nannte sein Credo <<Philosophie>> […].“8 Demnach scheint die Darstellung der Rhetorik bei den Rhetoriklehrern selbst vielfältiger gewesen zu sein als es Platon vermittelt.

So wenig die Darstellung der Rhetorik unter den Rhetoriklehrern einheitlich ist, so vielfältig ist sie in der Philosophie. Bereits mit Aristoteles liegt eine weitere, von Platon differenzierte, philosophische Betrachtungsweise der Rhetorik vor. Mit den aristotelischen Darstellungen schlägt die philosophische Betrachtung der Rhetorik eine weniger konfliktbehaftete Richtung ein. Damit verändert sich auch die Verbindung von Rhetorik und Philosophie. Daher soll im Folgenden die aristotelische Dialektik (2.1) und die aristotelische Rhetorik (2.2) im Hinblick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede betrachtet werden. Durch die Verbindung von Dialektik und Rhetorik soll der Zusammenhang zwischen Rhetorik und Philosophie (2.3) rekonstruiert und verdeutlicht werden.

2.1 Die aristotelische Dialektik

Am Anfang der Topik definiert Aristoteles das Ziel seines Werkes und damit auch das grundlegende Wesen der Dialektik:

„Die Abhandlung beabsichtigt, ein Verfahren zu finden, aufgrund dessen wir in der Lage sein werden, über jedes vorgelegte Problem aus anerkannten Meinungen zu deduzieren und, wenn wir selbst ein Argument vertreten, nichts Widersprüchliches zu sagen.“9

Bereits an dieser allgemein gehaltenen Definition, lassen sich drei Grundbestandteile der aristotelischen Dialektik darstellen. Christof Rapp stellt dies als ein Verfahren dar, dass sich durch einen dialogischen und universellen Charakter auszeichnet, sowie auf anerkannten Meinungen beruht.10 Den universellen Charakter der Dialektik belegt Rapp in einer Abgrenzung zu den festgelegten Wissenschaften. Demnach dient die Dialektik der Prüfung beliebiger Aussagen, die Wissenschaft hingegen der Erkenntnis von Wissen.11 Die wissenschaftliche Relevanz der dialektischen Methode wird im nachfolgenden dargestellt. Betrachten wir jedoch zuerst das dialogische in dieser Methode. Einerseits rekonstruiert Christof Rapp den dialogischen Charakter der Dialektik in Form eines Wettstreits zwischen zwei Gesprächspartnern die sich an die ihnen zugewiesenen Rollen und die „[…] vorgegebene[n] Spielregeln halten müssen.“12 Andererseits beschreibt der letzte Teil der zu Beginn des Abschnitts genannten Definition eine Situation, in der wir selbst ein Argument vorbringen und verteidigen. An dieser Stelle kann die Äußerung und Verteidigung von Thesen sowohl als wirklich dialogisch als auch als übertragen dialogisch, also schriftlich, verstanden werden. Bei Aristoteles steht jedoch die wirklich dialogische Situation in Vordergrund.13

Rapp betont auch die Ausgangsbasis der dialektischen Methode: die anerkannten Meinungen. Aristoteles versteht unter den anerkannten Meinungen, „[…] diejenigen [Meinungen], die entweder von allen oder den meisten oder den Fachleuten und von diesen entweder von allen oder den meisten oder den bekanntesten und anerkanntesten für richtig gehalten werden.“14 Diesen Ausgangspunkt für die dialektische Methode zu wählen erscheint, unter Beachtung der beschriebenen Zielsetzung der Universalität, nachvollziehbar. So ist es zielführender für eine Methode zur Bewältigung universaler Probleme auf anerkannte Meinungen zurückzugreifen, als auf Evidenzen, deren überzeugender Charakter vorwiegend in der Verbindung zu ihrem jeweiligen Wissenschaftsbereich besteht und damit nicht mehr universal anwendbar ist.

Jedoch stellt sich die Frage, inwiefern diese Grundlage dem Wahrheitsanspruch der Philosophie gerecht wird, den ihr auch Aristoteles zuschreibt.15 Aristoteles ist sich dieser Problematik durchaus bewusst und grenzt die dialektische Methode von der wissenschaftlichen Methode ab, indem er zwei Beweisverfahren unterscheidet, die hier als Ergänzung zu den drei Grundbestandteilen der dialektischen Methode nach Rapp aufgeführt werden sollen. Die aristotelische Dialektik weißt in Ergänzung zum dialogischen und universellen Charakter auch einen wissenschaftlichen Charakter auf, welcher in der Form deduktiver Beweisführung deutlich wird. Während die streng wissenschaftliche Beweisführung auf apodiktischen Syllogismen beruht, basiert die dialektische Beweisführung auf dialektischen Syllogismen.16 Sowohl der apodiktische als auch der dialektische Syllogismus beschreibt ein deduktives Vorgehen, mit dem aus bestimmten Prämissen eine Konklusion abgeleitet werden kann.17 Während die Prämissen des apodiktischen Syllogismus auf „[…] wahre und erste (Sätze) [zurückgehen]“18, greift der dialektische Syllogismus auf anerkannte Meinungen zurück.19 Es handelt sich bei der dialektischen Methode also um eine Form der Argumentation, die sich in der Art der Prämissen von einer streng apodiktischen Beweisführung unterscheidet. Da Aristoteles hier die Grundlage der Prämissen unterscheidet, liegt die Differenz zwischen dialektischem Syllogismus und apodiktischem Syllogismus nicht in der wissenschaftlichen Form beider Syllogismen, sondern in ihrer Verbindlichkeit. Aus der unterschiedlichen Art der Prämissen leitet sich ein unterschiedlicher Grad der Verbindlichkeit der Konklusion ab. Die Konklusion am Ende des apodiktischen Syllogismus ist, im Gegensatz zum dialektischen Syllogismus, notwendiger Weise aus den Prämissen abzuleiten, da diese „[…] durch sich selbst überzeugend sind.“20 An dieser Stelle kommt die wissenschaftliche Relevanz der Dialektik zum Vorschein. Da die spezifischen Wissenschaften nicht in der Lage sind ihre jeweiligen ersten Sätze zu prüfen, denn sie und ihre weiteren Schlüsse beruhen auf diesen, wird für dieses Vorhaben eine Disziplin benötigt, die universell anwendbar ist. Nach Aristoteles wird die Dialektik genau diesem Anspruch gerecht, denn sie ermöglicht es, die jeweiligen ersten Prinzipien „[…] mit Hilfe der über sie bestehenden anerkannten Meinungen durchzugehen.“21

[...]


1 vgl. Cicero: 1998, S. 9.

2 Platon: Gorgias 463d.

3 vgl. Perelman 1980, S. 4f.

4 vgl. Perelman 1980, S. 7-9.

5 vgl. Kopperschmidt 2006, S. 10f.

6 Ueding 2000, S. 112.

7 Flashar 2013, S. 141.

8 Flashar 2013, S. 142.

9 Aristoteles: Topik 100a.

10 vgl. Rapp 2001, S. 104.

11 Rapp 2001, S. 105f.

12 Rapp 2001, S. 106f.

13 Vgl. Primavesi 2011, S. 206-209.

14 Aristoteles: Topik 100b.

15 vgl. Aristoteles: Topik 105b.

16 vgl. Flashar 2013, S. 193f.

17 vgl. ebd.

18 Aristoteles: Topik 100a.

19 vgl. ebd.

20 Aristoteles: Topik 100b.

21 Aristoteles: Topik 101b.

Details

Seiten
20
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668101111
ISBN (Buch)
9783668101128
Dateigröße
607 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v311455
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Institut für Philosophie
Note
1,3
Schlagworte
Rhetorik Philosophie Chaim Perelman Aristoteles Ethik praktische Philosophie Universität Rostock Neue Rhetorik Philosophie und Rhetorik

Autor

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Titel: Die Bedeutung der Rhetorik für die Philosophie nach Aristoteles und der "Neuen Rhetorik" Chaim Perelmans