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Demokratieentwicklung in Kolumbien. Politische Legitimität des Regierungssystems von der Frente Nacional bis zur Verfassung von 1991

Eine Untersuchung mit Blick auf die Prinzipien der Volks- und Staatssouveränität

Hausarbeit 2015 23 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Mittel- und Südamerika

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichtlicher Überblick (Kolonialzeit – Amtszeit Uribe)

3. Die politischen Akteure
3.1. Die Regierung und die politischen Parteien
3.2. Die Rolle der Guerilla
3.3. Der Paramilitarismus

4. Die politische Kultur Kolumbiens
4.1. Das Staatswesen
4.2. Politische Partizipation und Opposition

5. Demokratische Performanz in Kolumbien
5.1. Volkssouveränität und Partizipation
5.2. Staatssouveränität und Gewaltmonopol

6. Fazit

7. Quellenverzeichnis

Abstract

Kolumbien ist formal zwar die erste und somit älteste Demokratie Lateinamerikas, doch befindet sie sich seit ihrem Existieren in einer tiefen Krise, die berechtigte Zweifel darüber aufwirft, ob es sich de facto um eine funktionierende und rechtstaatliche Demokratie handelt. Im Betrachtungszeitraum untersucht wird zum einen, ob das Gewaltmonopol alleinig beim Staat liegt und zum anderen inwiefern Bürger politisch partizipieren können sowie oppositionelle Einstellungen und Haltungen offen und frei praktiziert und artikuliert werden können. Untersuchungsgegenstand sind dabei das Prinzip der Staatssouveränität sowie das der Volkssouveränität, die als formale Bewertungskriterien und Legitimationsprinzipien herangezogen und geprüft werden. Unter Berücksichtigung der Kriterien einer formalen Demokratie, nach dem amerikanischen Politikwissenschaftler Robert A. Dahl, beruht der Schwerpunkt folgender Fallanalyse auf den Rahmenbedingungen und Politikprozessen des politischen Herrschaftssystems Kolumbiens, die in einem diachronen Vergleich beleuchtet werden. Betrachtet wird der Zeitraum zwischen dem Beginn der großen Regierungskoalition der Frente Nacional, im Jahr 1958 und der veränderten Verfassung vom Jahr 1991. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es darzulegen, dass die genannten Faktoren der Demokratie des Lands die Legitimation entziehen und aufgrund dessen im Untersuchungszeitraum de facto keine Demokratie vorliegt.

1. Einleitung

Mit ca. 5,3 Millionen Binnenvertriebenen zum Ende des Jahres 2013, ist das lateinamerikanische Bürgerkriegsland Kolumbien auf Rang zwei der globalen Statistik der UNO-Flüchtlingshilfe (UNHCR 2013), die eindrucksvoll darlegt, dass das Land sich in einer fortwährenden sozialen Krise zu befinden scheint. Rund 30.000 Tötungsdelikte und 2.000 Entführungen jährlich sowie eine Straflosigkeit in ca. 90 Prozent der Fälle (in: Helfrich-Bernal 2001, S.29f.) legen darüber hinaus nahe, dass diese Krise sich zum einen ausgesprochen gewaltsam darstellt und zum anderen anzuzweifeln ist, ob der kolumbianische Staat über das Gewaltmonopol verfügt und seiner Funktion als Exekutive und Judikative eines demokratischen Systems gerecht wird.

Nach seiner Fläche ist Kolumbien das viertgrößte Land Lateinamerikas und stellt mit lediglich sieben Jahren Militärherrschaft gewissermaßen eine Ausnahmeerscheinung unter den lateinamerikanischen Staaten dar. Seit dem Ablösen von der spanischen Kolonialmacht vor ca. 200 Jahren verwaltet sich das Land politisch selbständig, befindet sich jedoch in einer andauernden Legitimationskrise, die ursächlich auf verschiedene Faktoren zurückzuführen ist. Es liegt ein extremer Kontrast zwischen Armut und Reichtum vor und seit Jahrhunderten bestehen soziale Ungleichheiten, die sowohl die Entwicklung des Landes wie auch die politische Kultur prägen, wie im Verlauf herausgearbeitet wird.

Die vorliegende Arbeit untersucht, ob im betrachteten Zeitraum eine legitimierte Demokratie in Kolumbien vorliegt. Zu diesem Zwecke ist es zunächst erforderlich, die komplexe Geschichte des Landes knapp darzustellen und die historischen Gegebenheiten und insbesondere den andauernden politischen und sozialen Konflikt zu erläutern. In einem weiteren Schritt gilt es die Akteure Kolumbiens näher zu beleuchten, wobei der Schwerpunkt der Betrachtung, zur Reduktion der Komplexität, hierin auf drei großen Akteursgruppen liegen wird, dem Staat, der Guerilla und dem Paramilitarismus. Der Hauptteil der Arbeit analysiert und bewertet die demokratische Performanz Kolumbiens unter Berücksichtigung der Legitimationsprinzipien der Staats-und Volkssouveränität. Um eine genaue Analyse dieser Prinzipien zu ermöglichen, werden der Grundsatz des Gewaltmonopols sowie die Möglichkeiten politischer Partizipation als formale Bewertungskriterien herangezogen. Demnach handelt es sich um einen Vergleich zwischen dem politischen System Kolumbiens und der Kultur des Landes und einem Demokratieideal.

2. Geschichtlicher Überblick (Kolonialzeit – Amtszeit Uribe)

Die ersten Spanier erreichten die Nordküste des südamerikanischen Festlandes um 1500, als die Bevölkerungsgröße der dort lebenden Menschen sich schätzungsweise auf ca. 3-4 Millionen belief (Meschkat et al. 1980, S.11). Dabei stießen sie sowohl auf nomadisierende Stämme als auch auf dörfliche und städteartige Ansiedelungen und Zentren, wobei der sesshafte Teil der Bevölkerung hauptsächlich vom Ackerbau lebte (ebd.). Topographisch zeigt sich bis dato eine durch die Anden bedingte Fragmentierung der Regionen Kolumbiens, die Transport und Kommunikation einiger Gebiete unter- und miteinander erschwerten und erschweren (König 2008, S.10). Diese mangelnde überregionale Verbindung ist laut König mitunter Ursache für "problematische(n) Regionalismen und interregionalen Rivalitäten" (ebd.), die in der Geschichte des Landes von enormer Bedeutung waren und sind und im weiteren Verlauf dieser Arbeit erläutert werden.

Mit dem Niedergang des spanischen Reiches folgte die Dynastie der Bourbonen (1701-1788), die Spanien und seine Kolonien durch ein umfangreiches Reformprogramm erneuern wollten, um die Stellung als Großmacht wiederherzustellen (König 2008, S.34). Dieses Reformprogramm beinhaltete unter anderem die Modernisierung der inneren Ordnung Kolumbiens und regelte den Handel der Kolonien untereinander. Die Kolonialmacht belastete ihre Kolonien zudem mit einem "vielfältigen und erdrückenden" (Meschkat et al. 1980, S.48) Abgabesystem und unterschiedlichen Steuern und Zöllen. Darüber hinaus besaß die Krone das Staatsmonopol an bestimmten Gütern und Erzeugnissen wie dem Tabak, was zu zunehmendem Missmut unter der Bevölkerung führte (ebd.).

Die Eroberung Trinidads durch England im Jahre 1797 leitete das Ende des spanischen Handelsmonopols ein und die Idee des Freihandels fand vermehrt Anklang in den Kolonien, insbesondere bei den Kreolen, einer Bevölkerungsgruppe, die mittlerweile die wirtschaftliche Macht des Landes darstellte (ebd. S.55). Als Napoleon 1808 erneut seinen Bruder Josef Bonaparte zum spanischen König ernannte, forderten die Kreolen ihre Unabhängigkeit und entfachten in den Folgejahren eine politische Revolution. In einigen Regionen lag die politische Macht nun bei der kreolischen Oligarchie, die jedoch keinen Konsens untereinander finden konnte, sich in Zentralisten und Föderalisten trennten (ebd. S.63) und in einem Bürgerkrieg bekämpften. Dieser interne Konflikt kam Spanien zugunsten, das die Rückeroberung der Kolonien bereits plante und dort 1815 ein Terrorregime unter General Pablo Morillo errichtete (ebd.). Dem Führer der Kreolen, Simón Bolívar, gelang die Flucht ins Ausland, wo er die "Britische Legion" aus Resten der Unabhängigkeitstruppen sowie einigen Engländern, Iren und Deutschen mobilisierte und im Jahr 1819 siegreich in die Hauptstadt einzog um die Bildung der Republik Kolumbien auszurufen. Kolumbien umfasste zunächst Teile Venezuelas und die Regionen Neu-Granada und Quita und unterlag der Präsidentschaft Bolívars (ebd. S.67). Im Verlauf kristallisierten sich zwei dominante politische Strömungen heraus, die auch im weiteren Verlauf der kolumbianischen Geschichte von entscheidender Bedeutung sind, namentlich die Liberale und die Konservative Partei. Die Liberalen strebten nach Veränderung, während letztere am Status quo festhielt (ebd. S.71). Auf das Parteisystem und die genannten Parteien, in ihrer Funktion als politische Akteure, wird in detaillierter Form in einem späteren Teil dieser Arbeit eingegangen.

In den Folgejahren blieb der Landbesitz trotz einiger Reformmaßnahmen bei einer kleinen Minderheit. Die Erschließung von am Rande liegenden Regionen Kolumbiens führte zu der Entstehung einer neuen Gesellschaftsschicht, die durch kleinere und mittlere Betriebe sowie selbstständigen Bauern geprägt war (ebd. S.83f.). Einige dieser Gebiete erachteten sich als souveräne Staaten und strebten eine Vereinigung in föderativer Form, was sie gewaltsam durchzusetzen suchten. Nach Jahren des Bürgerkriegs wurde 1886 unter Präsident Rafael Núñez eine Verfassung erlassen, die einen zentralistischen Einheitsstaat mit territorialen Einheiten, den Departamentos, die über eingeschränkte Befugnisse verfügten, vorsah (ebd. S.88). Weiterhin wurde die Amtszeit des Präsidenten von zwei auf sechs Jahre erhöht und das Amt mit besonderen Befugnissen ausgestattet, die es unter anderem ermöglichten Gesetze ohne Zustimmung eines Kongresses zu erlassen und die Exekutivmacht so enorm stärkten (ebd.).

Die darauf folgenden Jahrzehnte waren durch die “Vorherrschaft der Konservativen” (ebd. S.89) geprägt, die den Staatsapparat kontrollierten und jegliche oppositionellen Kräfte zu unterdrücken suchten. Die politische Situation spitzte sich im “Krieg der tausend Tage” zu, einem weiteren Bürgerkrieg, der mit der Kapitulation der Liberalen 1902 endete und viele Teile des Landes verwüstet hinterließ. Darüber hinaus wurde das Gebiet Panama von Kolumbien durch die USA abgetrennt und die Wirtschaft der Republik lag vielerorts brach (ebd. S.94). In den folgenden Jahrzehnten entstanden vermehrt soziale Unruhen im Land und es formierte sich eine soziale Bewegung, deren Führung der liberale Jorge Eliécer Gaitán übernahm, der von der Regierung als ernstzunehmende Bedrohung erachtet und am 9.April 1948 in der Hauptstadt Bogotá öffentlich ermordet wurde (ebd. S.123). Das Volk reagierte daraufhin mit Aufständen und Protesten gegen die Regierung, doch ohne politische Führung wurden sie durch Repressionsmaßnahmen seitens der Regierung gezielt zerschlagen (ebd. S.124).

In den Folgejahren entfachten in vielen Regionen des Landes erneut gewaltsame soziale Auseinandersetzungen und Parteikämpfe zwischen liberalen und konservativen Anhängern, die als „la Violencia“ bezeichnet werden. Die herrschende konservative Partei bediente sich dabei des Militär- und Polizeiapparats als Mittel der Repression und vertrieb so unter anderem über 2 Millionen Menschen von ihrem Land (ebd. S. 128), während die liberale Partei Guerillas aus verschiedenen Regionen des Landes rekrutierte und teilweise finanzielle Unterstützung durch einige reiche Großgrundbesitzer erfuhren, die ihren Besitz durch die herrschende Willkür der amtierenden Regierung gefährdet sahen (ebd. S.126). So entstanden ganze Guerillagebiete, die eine neue gesellschaftliche „Parallelstruktur“ darstellten und von der Regierung als unabhängige Republiken behandelt und bekämpft wurden (ebd. S.130). Auf die Bedeutung der Guerilla als politischer Akteur wird im weiteren Verlauf genauer eingegangen.

In einem Militärputsch vom Juni 1953 durch den Generalstabschef Gustavo Rojas Pinilla, ergriff dieser die Macht und errichtete eine Militärregierung aus Militärs und Vertretern beider Parteien. Die neue Regierung wollte die Violencia beenden, doch es kam zu einem erneuten Aufflammen des Konfliktes. Die gemeinsame Unzufriedenheit mit der Regierung führte zu einer Annäherung zwischen der Liberalen und Konservativen Partei und als Rojas sich wider die Verfassung im Jahre 1957 erneut zum Präsidenten wählen ließ, wurde in Bogotá der Generalstreik ausgerufen und der Präsident zum Rücktritt gezwungen (ebd. S.132).

1958 wurde unter liberaler und konservativer Federführung eine neue Regierung eingesetzt, die Frente Nacional, die eine gleichmäßige Beteiligung beider Parteien an der Regierung vorsah und auf 16 Jahre Herrschaft ausgehandelt war (ebd. S.133). Die Regierungszeit war durch Wahlbetrug und Korruption gekennzeichnet und oppositionelle Parteien wurden weiterhin in ihren Befugnissen stark eingeschränkt (ebd. S.134). Mit den politischen und sozialen Auswirkungen dieses Regierungszeitraums wird sich der Hauptteil der vorliegenden Arbeit ebenfalls zu einem späteren Zeitpunkt beschäftigen.

In den 1970er Jahre erfolgten zwar einige Agrarreformen in Kolumbien, doch blieben die Besitzstrukturen und die damit verbundenen Ungleichheiten weitgehend unangetastet. Weiterhin erfolgte in diesem Jahrzehnt eine Integration Kolumbiens in den Weltmarkt, die laut Meschkat et al. zu Lasten der Bevölkerung getragen wurde (Meschkat et al. 1980, S.163f.) und mit steigenden Lebenshaltungskosten bei sinkenden staatlichen Investitionen in sozialen Bereichen einherging und somit die Ungleichheit weiter verschärfte. Auf die zunehmende Unzufriedenheit und Empörung der Bevölkerung reagierte die Regierung mit Repressionen und regierte überwiegend im Ausnahmezustand, was nicht zuletzt dazu beigetragen hatte, dass das “kolumbianische Herrschaftssystem immer mehr an politischer Legitimität” (ebd. S. 136) verlor. Formal bestand zwar eine Demokratie in Kolumbien, doch in der Realität war ausschließlich die herrschende Klasse im Regierungssystem der Frente Nacional, bis zu deren Ende 1974, beteiligt (König 2008, S.158).

Mit dem Wahlsieg Julio César Turbay Ayalas zum Präsidenten im August 1978 wurden die Möglichkeiten der legalen politischen Betätigung seitens der Oppositionellen mit der Verabschiedung des Dekretes “Zum Wohle und Schutze des Bürgers” weiter eingeschränkt (Meschkat et al. 1980, S.176). Dieses Sicherheitsstatut beinhaltete unter anderem eine Einschränkung der Pressefreiheit, ein höheres Strafmaß für politische Delikte sowie die Unterstellung selbiger unter die Militärgerichtbarkeit, die eine Verurteilung im Schnellverfahren ermöglichte. Mit diesen Maßnahmen wurden “sämtliche rechtsstaatliche(n) Prinzipien außer Kraft gesetzt” (ebd. S.177) und die Willkür der Exekutivgewalt legalisiert. Die staatlichen Übergriffe gegen oppositionelle Gruppierungen mehrten sich und weitere Wellen der Repression folgten wie Massenverhaftungen, Haussuchungen, Folter und Misshandlungen (ebd. S.178f.).

Neben dem Paramilitär trat in den 80er Jahren die Drogenmafia als weiterer Akteur zunehmend in Erscheinung und die Konkurrenzkämpfe der Akteursgruppen untereinander und mit anderen Gruppierungen verschärften die ohnehin gewaltsame Situation Kolumbiens (ebd. S.162). Auf die Rolle der einzelnen Akteure wird im Verlauf dieser Arbeit näher eingegangen.

Die seit 1886 geltende Verfassung wurde durch eine verfassungsgebende Versammlung im Jahre 1991 abgelöst und seit dem 2.Juli des genannten Jahres definiert sich Kolumbien formal als “unitarischer, dezentralisierter, demokratischer, partizipativer, pluralistischer und sozialer Rechtsstaat” (ebd. S.165). Im Zuge der neuen Verfassung wurde das traditionelle zwei-Parteien-System aufgebrochen und es erfolgte eine veränderte Zusammensetzung des Parlaments, die auch oppositionelle Parteien zuließ.

Die Präsidentschaftswahl des Jahres 2002 gewann der Kandidat Álvaro Uribe Vélez, der zuvor angekündigt hatte den vorherrschenden Konflikt zwischen Guerilla und der Regierung mit militärischen Mitteln zu lösen (ebd. S.172). Laut König erreichte die Militarisierung Kolumbiens während der Amtszeit Uribes ihren bisherigen Höhepunkt (ebd. S.173). Um seinem Versprechen nach einer Lösung des Konfliktes gerecht zu werden, schränkte der neu gewählte Präsident umgehend die bürgerlichen Freiheiten ein und revidierte verfassungsmäßige Rechte, weitete die Kämpfe gegen die Guerilla aus und militarisierte abermals zivile Bereiche (ebd.). Nach einer Verfassungsreform, die es ihm ermöglichte in zwei aufeinanderfolgenden Legislaturperioden als Präsident zu regieren, wurde Uribe im Mai 2006 mit über 62% der Stimmen erneut gewählt (ebd. S.174).

3. Die politischen Akteure

3.1. Die Regierung und die politischen Parteien

Mit der Verfassung von 1886 versteht sich Kolumbien als Präsidialrepublik respektive als präsidentieller Einheitsstaat, der in 32 Departamentos und einen Hauptstadtdistrikt (Bogotá) gegliedert ist. Der Präsident wird als Chef der Exekutive alle vier Jahre durch direkte Wahlen zum Staatsoberhaupt gewählt. Das Parlament (Kongress) besteht aus zwei Kammern, dem Repräsentantenhaus und dem Senat, die ebenfalls alle vier Jahre gewählt werden. Vom Präsidenten frei ernannte Gouverneure verwalten die Departamentos mithilfe eines gewählten Regionalparlaments (Versammlung). Auf lokaler Ebene regiert ein Bürgermeister, der durch den regionalen Gouverneur ernannt wird und einem allgemein gewählten Stadtrat gegenüber steht. Inwiefern regionale und territoriale Gegebenheiten und Machtkonstellationen, insbesondere die (partei-) politische Zugehörigkeit sich auf die Legitimität des Regierungssystems und das politische Klima des Landes auswirken, wird im Folgenden genauer untersucht.

Von dominanter Präsenz im Parteisystem Kolumbiens waren und sind seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zum einen die Liberale, bzw. Partido Liberal Colombiano (PLC) und zum anderen die Konservative Partei, bzw. Partido Coservador (PC). In der Vergangenheit kam es mehrfach zu Abspaltungen innerhalb dieser beiden Parteien und auch stellen sie nicht die einzigen Parteien dar, die in Kolumbien bis dato existier(t)en und gegründet wurden. Da der Fokus der vorliegenden Untersuchung allerdings auf den herrschenden politischen Akteuren des Regierungssystems liegt, wird sie sich zur Reduktion der Komplexität ausschließlich auf die relevanten Entscheidungsträger konzentrieren.

Primär in den genannten Parteien repräsentiert war und ist aktuell noch die Oberschichtgruppe und Elite Kolumbiens, die sich nicht auf Basis gemeinsamer Ideologie oder sozialen und politischen Interessen, sondern „entlang von Verwandtschaft und Freundschaftsbanden in liberale und konservative Fraktionen“ (Helfrich-Bernal 2002, S.87) teilte und somit mehr „losen Zusammenschlüssen von Großgrundbesitzern und Händlern“ (ebd. S.88) glich. Aufgrund der fehlenden ideologischen Basis war die politische Parteikultur zunächst durch einen Kampf um die territoriale Vorherrschaft in bestimmten Regionen des Landes und darüber hinaus durch die Verteilung von Herrschaftspositionen und Ämtern geprägt. Die territoriale und topographisch bedingte Zersplitterung des Landes begünstigte dabei die Entstehung eines Zugehörigkeitsgefühls zu einer der beiden dominierenden Parteien durch „natürliche Zuschreibung“ (ebd. S.91). Konkret bedeutet dies, dass die Parteizugehörigkeit bereits qua Geburt in eine bestimmte Region oder durch familiäre Konstellation vorbestimmt war und so „allen sozialen Klassen als nationale Identifikationspunkt in einem regional zersplitterten Land“ (ebd.) diente.

Einhergehend mit der Zugehörigkeit zu einer der beiden herrschenden Parteien entwickelte sich in der Bevölkerung Kolumbiens ein tiefgreifender gesellschaftlicher Konflikt, der zum einen durch ein rigides „Freund-Feind-Denken“ (ebd. S.92) geprägt und zum anderen durch wiederkehrende Gewalt, die wiederholt in Bürgerkriegen und bürgerkriegsähnlichen Zuständen zum Ausdruck kam, gekennzeichnet war. Die Parteizugehörigkeit und die darauf basierenden Parteikämpfe fungierten dabei als hauptsächlicher Initiator des gewalttätigen Klimas und so gingen Machtwechsel, die fast ausschließlich zwischen der Liberalen und Konservativen Partei erfolgten, mit gewalttätigem Widerstand der nunmehr nicht regierenden Partei einher, was zu dem Phänomen führte, dass „die Einsetzung von Gewalt als Instrument der politischen Auseinandersetzung (…) eine lange Tradition“ (Hörtner 2006, S. 59) hat und sich darüber hinaus zu einem „allgemeinen Verhaltensmuster“ (ebd.) entwickelte, mit dem neben politischen auch wirtschaftliche, persönliche und kriminell motivierte Konflikte ausgetragen wurden und nach wie vor werden.

Einerseits kennzeichnend für das Parteisystem ist demnach der Parteikampf der beiden dominierenden Parteien, der großteils zu Lasten der kolumbianischen Bevölkerung ausgetragen wird, andererseits erfolgte jedoch auch die Zusammenarbeit der Parteien miteinander, die ihren Höhepunkt in einem Zusammenschluss zur Frente Nacional, einer gemeinsamen Regierungskoalition beider Parteien in den Jahren 1958-1974, fand. Das Regierungssystem zwischen Liberaler und Konservativer Partei wirkte dabei hauptsächlich als Mittel der machtpolitischen Exklusion und der Festigung bestehender oligarchischer Herrschaftsverhältnisse, die laut den Autoren Meschkat et al. auf “extremer Ausbeutung” (Meschkat et al. 1980, S.146) der nicht-elitären Gruppen beruhte, sodass der bewaffnete und gewaltsame Widerstand und Kampf von großen Teilen der Bevölkerung als einzige Alternative empfunden wurde (ebd.). Auf den Aspekt der Gewalt wird in einem späteren Teil dieser Arbeit näher eingegangen.

3.2. Die Rolle der Guerilla

Um den politischen Konflikt und die Legitimationskrise, in der sich Kolumbien seit dem Ausrufen der Republik befindet, zu erfassen, ist es erforderlich, weitere Akteursgruppen zu betrachten, die an der Verwaltung und Gestaltung Kolumbiens maßgeblich, wenn auch mitunter informell, beteiligt waren und weiterhin sind. Zunächst gilt es in diesem Kontext die Guerillabewegungen und deren Rolle als politischer Akteur und Oppositionsbewegung zu untersuchen.

Die Entstehung erster organisierter revolutionärer Guerillagruppen in Kolumbien ist in den 1960er Jahren anzusiedeln und auf Zusammenschlüsse linksgerichteter Intellektueller und Studenten zurückzuführen, deren Ziel es war einen gesellschaftlichen Umsturz und sozialen Wandel zu erwirken (Hörtner 2006, S.101). Die anfänglichen Ursprünge reichen bereits in die 40er und 50er Jahre zurück, als sich Teile der ländlich lebenden Bevölkerung zu Formen von bewaffneten Selbsthilfegruppen zusammenschlossen um die fehlende staatliche Präsenz zu ersetzen. Darüber hinaus wurden sie teilweise durch die Liberale Partei mobilisiert, wie bereits erläutert. Während des Zeitraums der Frente Nacional wurden aufständische und oppositionelle Gruppen dieser Art weitgehend unterdrückt und zerschlagen. Als Reaktion auf staatliche Gewalt-und Repressionsmaßnahmen gegen die Aufstände der Guerillagruppen formierten sich diese 1966 zu den Bewaffneten Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (kurz FARC) und erarbeiteten ein Reformprogramm zugunsten der ländlichen Bevölkerung. In einigen, für den Staat schwer zugänglichen, Regionen Kolumbiens übernahm die FARC darüber hinaus staatliche Funktionen wie beispielsweise dem Gewährleisten von Sicherheit und Schutz der Bürger, der Organisation des ländlichen Lebens sowie der Verbesserung der Grundversorgung der ländlichen Bevölkerung (König 2008, S.156). In den darauf folgenden Jahren zeichnete sich jedoch eine Verstärkung der Militarisierung ab und primäres Ziel der Guerillas war es nunmehr eine militärische Gegengewalt zum Staat aufzubauen (Hörtner 2006, S.106). Dabei blieben die meisten der gegründeten Guerillagruppen, die oftmals Abspaltungen der FARC darstellten, isoliert und agierten regional, sodass die bestehenden staatlichen Machtstrukturen kaum erschüttert wurden (Zelik 2009, S.25). Die daran anschließenden Jahrzehnte waren geprägt durch immer wieder aufflammende Gewalt in Form von Massenentführungen, Ermordungen und Attentaten, Beteiligung am Drogenhandel sowie Gewalthandlungen an der Zivilbevölkerung seitens unterschiedlicher Guerillaorganisationen, die somit zunehmend an Unterstützung durch die Bevölkerung verloren (Hörtner 2006, S.110ff.).

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Details

Seiten
23
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668115514
ISBN (Buch)
9783668115521
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v312092
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld – Fakultät für Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
Demokratie Staatssouveränität Volkssouveränität

Autor

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Titel: Demokratieentwicklung in Kolumbien. Politische Legitimität des Regierungssystems von der Frente Nacional bis zur Verfassung von 1991