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Ästhetik als Spiegel der Gesellschaft? Der Schönheitsbegriff im Wandel

Hausarbeit 2013 17 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärungen
2.1 Ethik
2.2 Ästhetik

3. Begriff und Werdegang der Schönheit
3.1 Erste Begriffe von Schönheit
3.2 Entwicklung des Eigenwertes von Schönheit
3.3 Die Ästhetik wird eigenständige Disziplin
3.4 Schönheit als universales Ordnungsprinzip

4. Der Ästhetisierungsprozess
4.1 Ästhetisierung des Alltags
4.2 Auswirkungen des Ästhetisierungsprozesses in der Gesellschaft

5. Ästhetik als Spiegel der Gesellschaft
5.1 Ästhetik - Spielgel des Schönheitsbegriffs der Gesellschaft
5.2 Einschub: neuer Begriff von Ästhetik
5.3 Ästhetik - Spiegel der Werte unserer Gesellschaft

6. Abschlussgedanken

Quellenverzeichnis:

1. Einleitung

Es sei etwas ästhetisch, hört man des öfteren von Menschen die Autorität und Respekt ausstrahlen und man traut sich so direkt nicht viel sagen, denn die Beurteilung von Ästhetischem ist wohl eher Sache der Experten der Künste. Ästhetik im allgemeinen ist eher eine Sache der Theorie, als etwas das mit dem Leben zu tun haben könnte – eine weitreichende Meinung. Wie bei den meisten Themen, scheint auch die Ästhetik weit weg bevor man sich mit ihr beschäftigt, doch nur bei ihr ist die Verwunderung umso größer wenn man bemerkt, dass eigentlich kein anderes Thema derart viel mit dem eigenen Leben zu tun hat. Sehr nebensächlich kommt sie daher, und baut sich um so höher auf, will man sie einmal begreifen. Es beginnt mit der Frage bei dem täglichen Blick in den Spiegel: „Bin ich schön?“ Je nach dem wie man sich fühlt wird man diese Frage mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten wie man es gewohnt ist und geht seinen Alltag weiter. Doch hält man einen Moment inne und reflektiert so kommt man vom Kleinen zum Großen : „was ist eigentlich schön? Woher kommt mein Schönheitsbegriff? Und wie beeinflusst das mein Handeln? “ Auf einmal merkt man, dass an dieser simplen Frage sehr viel mehr hängt als eine krumme Nase, dass Ästhetik sehr viel mehr Glück hervorbringen kann, als ein hyperdesigntes Schlafzimmer und dass Schönheit die Menschen nicht nur in die Fitnessstudios treibt, sondern auch zum guten Handeln motivieren könnte. Das, und dass diese Fragen der Ästhetik die Werte einer ganze Gesellschaft - unserer Gesellschaft - widerspiegeln, soll im Folgenden gezeigt werden.

2. Begriffsklärungen

Zum besseren Verständnis werde ich zunächst zentrale Begriffe des Themas definieren. Auch wenn die Extensionen weitgehend bekannt sein dürften ist es nötig die genaue Bedeutung festzulegen um einheitliche Startbedingungen zu schaffen und Missverständnissen vorzubeugen.

2.1 Ethik

Die Ethik ist eine Teildisziplin der Philosophie die sich mit Moral und ihrer Begründbarkeit, also den Werten menschlichen Handelns beschäftigt. Weil sie sich speziell mit praktisch orientierten Themen beschäftigt wird sie auch „praktische Philosophie“ genannt. Als eine Analyse von Sitten, Pflichten und Gewohnheiten ist sie schon seit den Anfängen der Philosophie unerlässlich für die Bildung eines Wertekanons in der Gesellschaft und steht genau in diesem Zusammenhang auch mit der Ästhetik. Hintergrund der Notwendigkeit einer ethischen Reflexion war schon bei den Sophisten die Überzeugung, dass der Mensch, als ein von Vernunft geleitetes Wesen, zu differenzierterer Beurteilung seiner Handlungen fähig sei, als nur nach Tradition und Konvention zu handeln. Deswegen wurde es Aufgabe der Ethik Kriterien zur Beurteilung von gutem und schlechten Handeln und zur Beurteilung seiner Motivationen aufzustellen. Die Frage der Ethik ist also immer die nach dem “guten Handeln“.

2.2 Ästhetik

Der Begriff der Ästhetik sowie dazugehörige Vokabeln wie "ästhetisch", werden im Alltagsgebrauch wie auch in der Wissenschaft häufig verschieden verstanden. Deshalb ist es notwendig die hier verwendeten Begriffsbestimmungen genauer zu erläutern:

Das Problem mit der Ästhetik als Wissenschaft an sich, ist wohl auf ihre relative Neuheit zu schieben. Während in älteren philosophischen Disziplinen genereller Einklang über Grundsätze ihrer Richtungen gelten, besteht in der Ästhetik nicht mal ein Übereinkommen darüber, ob es sich überhaupt um eine philosophische Disziplin handelt. Sieht man die Ästhetik wie sie hier verwendet werden wird, in der Definition von Baumgarten, so bezieht sie sich auf Erkenntnis, was zweifelsfrei philosophischen Charakter hat und daher schon mal als philosophischer Fachbereich bezeichnet werden kann. In seinem Werk Aesthetica formuliert Baumgarten im ersten Paragraphen: „ Ästhetik (die Theorie der freien und schönen Künste, die Logik der unteren Erkenntniskraft, die Lehre und Kunst des schönen Denkens, die Lehre und Kunst des Analogons der Vernunft) ist die Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis" (Schneider,1997,S.22) Im engeren Gebrauch wird Ästhetik häufig gleichgesetzt mit Schönheit, was bedeutet, dass es sich nicht auf Erkenntnis über die Sinne im allgemeinen, sonder einzig auf die positiv bewerteten Sinneserfahrungen beschränkt. Als “ästhetisch“ wird etwas in diesem Sinne bezeichnet, welches beim Betrachten die Sinne erfreut, oder die Lust weckt.

3. Begriff und Werdegang der Schönheit

Was ist Schönheit? Oder wer ist schön? Was kann schön sein? Und wer will das? Antworten auf diese Fragen gibt es viele und jede einzelne hat ihren Teil zu unserem Verständnis heute beigetragen, weshalb sie im Folgenden behandelt werden sollen:

3.1 Erste Begriffe von Schönheit

Wie so vieles in der Philosophie, haben auch die Überlegungen über die Schönheit ihren Ursprung in der Antike. Eine kulturell ideale Person war hier diejenige die Schönheit und Tugend, also ästhetische und ethische Vollkommenheit in sich vereinte. Die Kalokagatie, so nennt man diese Perfektion in Körper uns Geist, war bei Platon deshalb „höchster Wert“ und „Ziel der Seele“ (Trebeß,2006,S.336) Im Hellenismus wird dann erstmals ein Verbindung von der Schönheit zur Kunst geschaffen. Schönheit ist für Epikur nicht mehr objektiv gegeben sondern kann subjektiv bestimmt werden und wird damit „auf das Glück des Individuums bezogen“ ( T.,2006,S.336) Im Mittelalter gehen diese Erkenntnisse verloren. Schönheit ist in dieser Zeit nur Gott und Menschen mit Macht also dem Adel vorbehalten. Das Denken der Renaissance knüpft erfreulicherweise, nach der theologischen Unterdrückung philosophischer Überlegungen, an dem der Antike an und verbindet die Möglichkeit zum schön sein wieder mit der „Außerordentlichkeit“ ( T.,2006,S.336) einzelner Menschen.

3.2 Entwicklung des Eigenwertes von Schönheit

Einen radikalen Paradigmenwechsel bringt die europäische Aufklärung: sie widerruft die Zusammengehörigkeit von Ästhetik und Ethik und formuliert die Selbstständigkeit und den „Eigenwert moderner Schönheit“ (T.,2006,S.336). In der französischen Aufklärung geht Descartes weiter und löst die alleinige Gründung der Ästhetik auf der Schönheit auf – auch inspiriert durch englischen Einfluss, der Ästhetik nicht nur auf Schönheit, sonder auch auf der Erhabenheit aufbaut und damit wohl die erste Verwirrung über den Bedeutungsbereich der selbigen herbeiführt.

In dieser Zeit werden, vor allem in der französischen Aufklärungen aber auch vom englischen Sensualismus, viele moderne Grundsätze im Diskurs über die Ästhetik gelegt. Sie betonen die „sinnlich-emtionalen Momente des Schönen in Differenz zum rationalem Erkennen“ (T.,2006,S.337) ,warum man das das 18. Jahrhundert auch als das des Schönheitsbegriffes nennen kann.

3.3 Die Ästhetik wird eigenständige Disziplin

1750 formuliert und systematisiert Baumbarten in seiner Aesthetica, wie bei der Begriffserklärung schon beschrieben, die Ästhetik als „Logik sinnlicher Erkenntnis“ (T.,2006,S.337) und führt sie damit als eigenständige philosophische Disziplinen ein. Zwar vollzieht sich durch die erhöhte Aufmerksamkeit gegenüber der Schönheit eine Aufwertung des sinnlichen gegenüber der, seit der Aufklärung über alles gestellten, rationalen Vernunft, jedoch bedarf es stets einer vernünftigen Kontrolle dieses „unteren Erkenntnisvermögens“ (T.,2006,S.337). Diese Aufgabe übernimmt von nun ab die Kunst mit dem Begriff des Kunstschönen. Die Künste, bis her nur als Techne bezeichnet - also als ein vortrefflich beherrschtes Handwerk, werden zusammengefasst zum Kunstbegriff und mit Hilfe dessen soll begriffen werden was sich rationaler Erkenntnis entzieht, was wiederum Unbehagen in der aufklärerischen Ästhetik hervorruft. Damit beinhaltet die Ästhetik zum Ende des 18. Jahrhunderts schon drei Zugänge, den „Erkenntnis-und Lustgewinn“ und „Sicherheit im Kunsturteil“, und macht den Weg frei für einen offenen, demokratischen Schönheitsbegriff (vgl..T.,2006,S.337). Kant verbindet die Lust zu ästhetisches Empfinden mit einem belanglosem angenehmen Wahrnehmen und trennt dadurch die Schönheit von der Nützlichkeit. Im Klassizismus um 1800 mündet die Ästhetik durch zurückerinnern an die Antike in einer Verherrlichung der Schönheit und des schönen Menschen als Vollendung von Natur und Kunst. Durch den Wunsch nach absoluter Perfektion fanden in dieser Zeit mathematische Formeln in die Kunst. Räume wurden, sogar exakter als in der Realität, konstruiert, Bilder im goldenen Schnitt aufgeteilt. Der Wunsch nach vollkommener Schönheit sollte mit mathematischer Korrektheit erreicht werden und wurde doch genau dadurch nahezu erstickt. Auch Schiller glaubt an den schönen Menschen als Ultimatum erhebt dieses Bild jedoch, ernüchtert durch grausame Erlebnisse während der französischen Revolution, zu einer nie erreichbaren Utopie „hin zu Sittlichkeit, Freiheit und Selbstbestimmung im ethisch-ästhetischen Staat“ (T.,2006,S.337). Und wieder wird der Ästhetik ein neuer Aspekt hinzugefügt, nämlich die Schönheit als Werte bildende erzieherische Kraft.

Hegel wiederum siedelt die vollkommene Schönheit in der Antike an Für ihn gab es seit dem nichts was wahrer Schönheit entsprechen könnte und wird es auch in der Zukunft nicht geben und deshalb ist das Bewusstsein von Schönheit als Wertorientierung stets das Bewusstsein eines Mangels „ ,die Prosa der Welt' – Hegels Terminus für die zeitgenössische bürgerliche Gesellschaft – und die Schönheit schließen einander aus“ (T.,2006,S.338) Die Ästhetik der Kunst, also Schönheit abgesehen vom Naturschönen, gipfelt für Hegel in der Kunstschönheit und findet in der Romantik ihren Höhe - und Endpunkt und schiebt die Brisanz des Themas in die hinteren Reihen theoretischen Denkens. So haben sich bis zum Ende des 18. Jahrhunderts so verschiedene Philosophen der Ästhetik angenommen, dass sie eigentlich alles beinhaltet und doch nichts. In der Romantik „ gehört Schönheit zur Gesamtsicht von Welt Natur und Kunst“, Friedrich Schlegel wiederum kann komplett auf die Schönheit verzichten indem er sie etwa wie Schiller in den realitätsfernen Bereich der nicht zu befriedigenden Bedürfnisse verschiebt . Die Schönheit und auch das schön sein wollen der Kunst räumt das Feld für das Interessante, Attraktive, Schockierende und Groteske (vgl.T.,2006,S.338).

3.4 Schönheit als universales Ordnungsprinzip

Im 19. bis ins 20. Jahrhundert hinein versinkt die Schönheit in tiefer Nicht-Anerkennung. Durch die Industrialisierung und den mit ihr einhergehenden Klassenkampf, und durch das Entstehen von Massenkultur findet ein Wertewandel statt der für die antike Schönheit keinen Platz mehr hat. Das Schöne an sich verliert nach Schopenhauer jede Aussagekraft über Kunst oder Phantasie, die schon lange mehr komisch hässlich oder grotesk Anmutet. Doch trotz dieser Entfremdung des Schönen von der Realität, behält die Schönheit „Hoffnungspotential“ (T.,2006,S.338) das durch alle negativen Gefühle und Aspekte dieser unmenschlichen Zustände und Grausamkeiten bestehen bleibt.

Marx mit seiner Theorie über die merkantile und politische Abhängigkeit der Schönheit gibt dem Schönen zwar noch einmal eine glaubhafte Relevanz, doch die „kulturellen Erschütterungen der Moderne irritieren die ästhetische Reflexion“ weiter und der Verdacht der „ kosmetischen Instrumentalisierung“ und Verkitschung des Schönen, der „ schöne Schein der Realität“ (T.2006.S.339) wird demaskiert. Schönheit verliert den möglichen Zusammenhang mit der Realität und wird nur noch Schein. Für Nietsche ist sie in der Kunst eine bewusste Täuschung über die Sinnlosigkeit des menschlichen Daseins. Und Freud sieht im Schönen „einen milden Rausch, um die Krankheiten der Moderne ertragen zu können“ (T.2006.S.339).

Um das Schöne von der endgültigen Verkitschung zu retten versuchen Kunstströmungen wie das Bauhaus oder der Dadaismus die Werte der Ästhetik neu zu definieren, ihre heilende Wirkung und Andersartigkeit in den Vordergrund zu schieben, doch spätestens nach der Instrumentalisierung des Schönen in der Politik verliert sie jegliche Lebendigkeit. Der Begriff des Schönen und der Ästhetik wurde nun zu sehr ausgeweitet und verallgemeinert, dass er, als zu unklar über seine Bedeutung, nicht mal mehr kritisiert werden kann.

Die postmoderne Ästhetik um 2000 beschäftigt sich deshalb nicht mit dem Schönen, sondern dem “Ästhetischen“, das zwar eine gewisse „Familienähnlichkeit (Wittgenstein) zum Schönen besitzt, aber wegen seiner Polysemantik den gegenwärtigen „Generaltrend der Ästhetisierung“ (Welsch) adäquater reflektiert“. (T.,2006,S.339) Damit vollzieht sich eine Trennung von Ästhetik in der Theorie und Schönem in der realen Gesellschaft, welches sich durch Reduktion auf Lifestyle und Körperkult manifestiert. Verstärkt wird diese Entwicklung durch die von den Medien vermittelten Glücksversprechungen der Kulturindustrie, welche Schönheit noch mehr auf das einfache oberflächliche Reduzieren und sie ihrer Inhalte beraubt (vgl.T.,2006,S.340) Neue Inhalte, die gegen diese einseitige Auslegung der Schönheit sprechen, kommen aus der Naturwissenschaft, hier erkannte man: „Makro- und Mikroformen des Seins haben gleiche Strukturmuster wie die vom Menschen geschaffenen Kultur- und Kunstobjekte. Der Doppelhelix menschlicher DNA, galagtischen Supernoven, antike Tempel, da Vincis Mona Lisa und dem Eiffelturm ist die Schönheit ihr universales Ordnungsprinzip, gilt sie als innerster Kern allen Seins.“ (T.2006, S.340)

Durch diese Erläuterungen wird nun auch klar, worin der Konflikt unserer Zeit über die Schönheit besteht. Die Gesellschaft hechtet, ausgehend von einem Schönheitsbegriff der Glück durch Lifestyle und äußerliche Schönheit verspricht, Oberflächlichkeiten hinter her, und verpasst dabei das Verständnis für Schönheit an sich, die von innen nach außen dringt und nicht umgekehrt. So kann beispielsweise ein Mensch nur dann schön sein, wenn er es von sich aus ist, nicht wenn er sich schöne Bekleidung kauft oder sich operieren lässt. Schönheit existiert nur im Sein, nicht im Schein.

[...]

Details

Seiten
17
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668111189
ISBN (Buch)
9783668111196
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v312245
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Philosophie
Note
1,7
Schlagworte
Philosophie praktische Philosophie Ethik Ästhetik Designethik Design Kulturkritik Konsumkritik Gesellschaftskritik Schönheit Philosophie des Schönen Wahrheit

Autor

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