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Der menschliche Wahrnehmungsprozess und Schizophrenie. Wahrnehmungstäuschung und Wahrnehmungsstörung

von Miriam Walchshäusl (Autor)

Hausarbeit 2015 26 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Wahrnehmung
2.1 Der Wahrnehmungsprozess am auditiven Modell
2.1.1 Umgebungsreiz und Transformation des Reizes
2.1.2 Transduktion der Energieform
2.1.3 Neuronale Signalübertragung und -verarbeitung
2.1.4 Perzeption
2.1.5 Erkennen
2.1.6 Handeln
2.2 Prozesse der Identifikation und des Wiedererkennens
2.2.1 Bottom-Up- und Top-Down-Prozesse
2.2.2 Einfluss von Erwartung und Kontext
2.3 Wahrnehmung als multisensorieller und ganzheitlicher Vorgang

3 Veränderte Wahrnehmung
3.1 Wahrnehmungstäuschung
3.1.1 Definition und Abgrenzung
3.1.2 Beispiele von Wahrnehmungstäuschungen
3.2 Wahrnehmungsstörungen
3.2.1 Definition und Abgrenzung
3.2.2 Wahrnehmungsstörungen am Beispiel der Schizophrenie

4 Schizophrenie
4.1 Übersicht der Schizophrenie
4.2 Therapie
4.2.1 Somatische Behandlung
4.2.2 Psychologische Behandlung
4.2.3 Andere Behandlungsformen
4.3 Prognose

5 Diskussion

Literatur- und Quellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Querschnitt durch das menschliche Ohr, halbschematisch

Abbildung 2: Die Müller-Lyer-Täuschung.

1 Einleitung

Tagtäglich nimmt der Mensch unzählige von Reizen auf, begreift diese und reagiert darauf mit bestimmten Handlungen. Die Komplexität dieser Wahrnehmungsprozesse wird meist vom Individuum nicht erfasst. Scheinbar ist die Perzeption etwas, das wie von selbst und mit einer erstaunlichen Leichtigkeit vor sich geht.[1]

Menschliche Wahrnehmung funktioniert bereits vom Beginn des Lebens an und erfordert keine physiologischen oder perzeptionspsychologischen Kenntnisse um täglich genutzt zu werden. Tatsächlich erfolgt Wahrnehmung nicht nur ständig und ohne wissenschaftliche Vorkenntnisse, sondern auch häufig unbewusst und unreflektiert. Viele Eindrücke nimmt der Mensch zwar wahr, bezieht sie aber nicht bewusst in sein Denken und Handeln ein. Wird jedoch die Aufmerksamkeit willentlich auf die wahrgenommenen Eindrücke gelenkt, ist es erstaunlich wie viele Informationen das Perzeptionssystem gesammelt, gespeichert und bereits interpretiert hat. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich nach dieser Einleitung im zweiten Kapitel zunächst mit den theoretischen Grundlagen des Wahrnehmungsprozesses. Dabei werden die einzelnen Schritte, sowie Identifikationsprozesse und die Wahrnehmung als ganzheitlicher Vorgang betrachtet.

Nicht immer funktioniert Perzeption reibungslos. Daher steht im Mittelpunkt von Kapitel 3 die gestörte Wahrnehmung. Hier werden im ersten Abschnitt die Wahrnehmungstäuschungen aufgezeigt. Im Anschluss befasst sich die Arbeit mit den Wahrnehmungsstörungen. Jeweils werden die Begriffe definiert und voneinander abgegrenzt. Anhand von Beispielen werden die Perzeptionstäuschungen und –störungen näher erläutert.

Das vierte Kapitel behandelt das Krankheitsbild der Schizophrenie. Nach einem kurzen Überblick über die Erkrankung erfolgt die Darstellung über die gebräuchlichen Therapieformen. Danach wird die Prognose für Schizophrenie-Erkrankte dargestellt.

Die Arbeit schließt im Kapitel 5 mit einer Diskussion. Das Vorgehen der Erarbeitung dieser Hausarbeit wird auf die wissenschaftlichen Gütekriterien geprüft. Anschließend erfolgen das Fazit und der Ausblick.

2 Wahrnehmung

Händeklatschen. Ein einfaches Geräusch, jedoch ist der Prozess vom Auslöser bis zum kognitiven Verständnis des auditiven Reizes ein höchst komplexer Vorgang.

Im Folgenden sollen die nacheinander ablaufenden physiologischen und psychologischen Wahrnehmungsstufen und -schritte anhand des Hörprozesses verdeutlicht werden.

2.1 Der Wahrnehmungsprozess am auditiven Modell

Am Anfang der Wahrnehmung steht der Sensorische Prozess. Durch die Stimulation der Sinnesrezeptoren werden neuronale Impulse generiert, die ins menschliche Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet werden.[2] Die initiale Stufe des Wahrnehmungsprozesses jedoch ist der Umgebungsreiz an sich.

2.1.1 Umgebungsreiz und Transformation des Reizes

Auditive Wahrnehmung beginnt mit den Tönen und Lauten, die das menschliche Ohr als Reiz aus der Umgebung aufnimmt. Die Aufnahme setzt voraus, dass die Geräusche in Schallreize transformiert wurden.

Diese Transformation des Reizes stellt den zweiten Wahrnehmungsschritt dar. Geräusche entstehen durch Vorgänge (z.B. in die Hände klatschen), die die umgebende Luftmoleküle in Schwingungen versetzen. Diese, sich in Sinuswellen ausbreitenden Druckschwankungen bezeichnet man als Schallwellen. Die Besonderheit des Schalles liegt darin, dass er Hindernisse umgehen und blickdichte Materialien durchdringen kann, sowie in einem 360°-Winkel wahrgenommen wird.[3] Man unterscheidet zwischen zwei Qualitäten: der Tonhöhe und der Lautstärke. Die Höhe eines Tons wird durch die Frequenz (= Anzahl der Perioden, die die Welle in einem bestimmten Zeitraum durchläuft) der Schallwelle bestimmt, die Lautheit eines Tons wird durch die Amplitude (= physikalische Stärke der Welle) derselben bestimmt. Zusätzlich nimmt der Mensch die Klangfarbe eines Tons wahr, die die Unterscheidung von spezifischen Klängen ermöglicht.[4]

Die Schallwellen treffen auf die menschliche Ohrmuschel, welche dazu dient die

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Richtung einer Schallquelle zuzuordnen. Die Genauigkeit des Richtungshörens wird dabei vom Relief der Ohrmuschel unterstützt. Über den 3 – 4 cm langen, äußeren Gehörgang gelangt der Schall zum Trommelfell, das in Schwingungen versetzt wird. Hinter dem Trommelfell befindet sich die luftgefüllte Paukenhöhle, das menschliche Mittelohr. Dieser Hohlraum führt über die Ohrtrompete zum Rachenraum und beinhaltet drei kleine Gehörknöchelchen, die das Trommelfell gelenkig mit dem ovalen Fenster verbinden und als akustisches Verstärkersystem dienen. Direkt am Trommelfell angeschlossen liegt der Hammer, der mit dem Amboss verbunden ist, welcher wiederum mit dem Steigbügel zusammenhängt. Die Gehörknöchelchen übersetzen die Schwingungen des Trommelfells in kraftvolle, kleinere Stöße des Steigbügels, welcher sie auf das Ovale Fenster überträgt. Dieser Vorgang sorgt für eine drei- bis vierfache Verstärkung der Schallempfindung.[5]

Hinter dem Ovalen Fenster beginnt das Innenohr, das zusammen mit dem Gleichgewichtsorgan ein System aus flüssigkeitsgefüllten Gängen darstellt. Hier befindet sich die Schnecke (Cochlea), in der die eigentlichen Sinneszellen des Hörorgans liegen. Sie besteht aus drei flüssigkeitsgefüllten Hohlgängen und der sogenannten Basilarmembran, die die auditiven Rezeptoren beherbergt. In der Mitte verläuft der Mittlere Hohlgang (Scala media), darüber der Obere (Scala vestibuli), darunter der Untere Hohlgang (Scala tympani). Der Obere und Untere Hohlgang sind dabei an der Spitze der Schnecke miteinander verbunden. Der Mittlere Hohlgang ist oben durch die Tektorialmembran, unten durch die Basilarmembran von den anderen Scalen getrennt. Auf der unteren Membran sitzt das Corti Organ, auf dem die Hörzellen angesiedelt sind.[6]

Der Steigbügel stößt rhythmisch gegen das Ovale Fenster und erzeugt Druckschwankungen in der Innenohrflüssigkeit. Durch den Oberen Hohlgang läuft die Druckwelle bis zum Apex der Schnecke und durch den Unteren Hohlgang in umgekehrter Richtung zurück, wo sie am Runden Fenster ankommt. Dieses dient dem Druckausgleich und wölbt sich jeweils spiegelbildlich zum Ovalen Fenster. Die Schwingungen der Lymphflüssigkeit versetzen sowohl die Basilarmembran, als auch die Tektorialmembran in Bewegung, was wiederum in einer Auf- und Abbewegung des Corti Organs resultiert. Die darauf befindlichen Haarzellen mit ihren Stereozilien werden ausgelenkt.

2.1.2 Transduktion der Energieform

Dies führt zur Transduktion der Druckschwankungen in ein elektrisches Signal, dem dritten Wahrnehmungsschritt:[7] Als Transduktion bezeichnet man die Umwandlung einer Energieform (Geräuschenergie) in eine andere Energieform (elektrische Energie).[8] Nur durch die Transformierung der Energie wird eine Weiterleitung an das Gehirn ermöglicht. Durch die Auslenkung der Haarzellen und Stereozilien werden kleine Ionenkanälchen an ihrer Spitze geöffnet, die sogenannten Tip-Links, sodass Kalium-Kationen in die Zelle einströmen können. Bei Auslenkung in entgegengesetzter Richtung schließen sich die Kanäle und es findet kein Zustrom statt. Je nach Auslenkung findet eine Signalpause oder ein Einströmen von Kationen statt. Nur wenn K+- Ionen hineinfließen schüttet die Haarzelle Neurotransmitter in den synaptischen Spalt aus. Diese treffen sodann auf eine Nervenfaser des Hörnervs und stimulieren die Faser zum Feuern.[9]

G. von Békésy entdeckte dass sich die Schwingungsbewegungen der Basilarmembran in Form einer Wanderwelle ausbreiten. Dabei hängt der Ort der stärksten Schwingung auf der Membran von der Frequenz ab, die gehört wird. Diese Ortstheorie des Hörens besagt, dass es für jede bestimmte Tonfrequenz einen besonders sensiblen Punkt auf der Basilarmembran gibt, der darauf anspricht (Tonotopie). Die Wanderwellen hoher Töne enden nahe dem ovalen Fenster, die tieferer Töne weiter hinten Richtung Schneckenspitze. Aufgrund dieser Tatsache kann das Gehirn jeder einzelnen Haarzelle eine spezielle Tonhöhe zuordnen. 1961 wurde der Wissenschaftler für seine Erkenntnisse mit dem Nobelpreis ausgezeichnet und hat mit seiner Theorie zur Entwicklung von Cochlearimplantaten beigetragen, die tauben Patienten mit geschädigten Haarzellen das Hören ermöglichen können.[10]

Békésys Ortstheorie, die eine Erklärung für Tonhöhenwahrnehmung über 1000 Hz liefert, wird ergänzt durch die Frequenztheorie, die die Wahrnehmung von Frequenzen unter 500 Hz erklärt. Sie besagt, dass die Anzahl der übertragenen Neuronensignale des Hörnervs der gehörten Tonfrequenz entspricht.[11] Die Kombination der beiden Theorien stellt derzeit die beste Erklärung für Tonhöhenwahrnehmung dar.

2.1.3 Neuronale Signalübertragung und -verarbeitung

An vierter Stelle im Wahrnehmungsprozess steht die Neuronale Signalübertragung und –verarbeitung. Diese spielt auch beim Hörvorgang eine wichtige Rolle. Jede einzelne der inneren Haarzellen besitzt Synapsen mit Nervenzellen. Die dazugehörigen Axone verlaufen mit denen des Gleichgewichtsorgans als VIII. Hirnnerv durch den inneren Gehörgang, über den Kleinhirnbrückenwinkel bis in den IV. Ventrikel, in dem die beiden Kochleariskerne liegen. Die Nervensignale werden hier umgeleitet und kreuzen auf die gegenüberliegende Hirnseite, wo sie über Trapezkörper, Olive und seitlichen Schleifenkern die Vierhügelplatte und den Kniehöcker im Thalamus (Corpus geniculatum mediale) erreichen. Die Fasern fächern sich zur sogenannten Hörstrahlung auf und enden im primären auditorischen Cortex, der primären Hörrinde, die in der Furche zwischen Schläfen- und Scheitellappen liegt.[12]

Der Großteil der auditorischen Verarbeitung passiert auf dem Weg von der Schnecke zum auditorischen Cortex.[13] Die Datenverarbeitung in der Olive stellt die Raumwahrnehmung, das bedeutet das Richtungshören, sicher. Hier treffen die rechts und links aufgenommenen Hörsignale das erste Mal aufeinander und können so miteinander abgeglichen werden. Hierbei werden die zeitliche Differenz (hörbar ab 10 bis 20 µs) und der Schalldruckpegel gegeneinander verrechnet, sodass sehr genau lokalisiert werden kann aus welcher Richtung der Schall kommt.[14] Wie die Cochlea, sind der Hörnerv und auch der auditorische Cortex tonotop aufgebaut. An zentraler Position verlaufen die Neuronen, die tiefe Tonfrequenzen übermitteln, an periphereren Positionen die Nervenzellen, die für die Weiterleitung höherer Frequenzen zuständig sind. Im Gehirn werden die eintreffenden Signale zu rezeptiven Feldern gegliedert und die akustische Trennschärfe erhöht. Dies ermöglicht beispielsweise die Konzentration auf ein Gespräch in einem Raum mit generell hohem Geräuschpegel.[15] On-Off-Nervenzellen werden bei speziellen Frequenzen aktiviert bzw. deaktiviert und ermöglichen so das Feststellen von auditorischen Mustern. Die Sprachmustererkennung geschieht aufgrund der Spezialisierung der cortexnahen Nervenzellen auf spezifische Frequenzen und Schalleigenschaften. Dies trägt maßgeblich zum Verstehen von Sprache und zur Erkennung von Klängen bei.[16]

2.1.4 Perzeption

Der fünfte Wahrnehmungsschritt ist die Perzeption an sich. Diese Stufe stellt die Registrierung der physikalischen Eigenschaften des Reizes dar. Im Hörprozess wird also die Tonhöhe, die Lautstärke, die Länge des Geräuschs und die Tonmelodie erfasst und realisiert. Alleine mit diesen Informationen kann der Mensch jedoch nichts bewerkstelligen. Erst durch Identifikation und Wiedererkennung wird den verschiedenen Wahrnehmungen Bedeutung verliehen.[17]

2.1.5 Erkennen

Das Erkennen und bewusste Zuordnen des Reizes stellt deswegen den sechsten Wahrnehmungsschritt dar. Im Gegensatz zum bloßen Registrieren des Vorhandenseins des Reizes in der fünften Stufe, erfolgt nun eine Kategorisierung und das Verstehen um welches Objekt es sich handelt. Neben des reinen Hörens des Klappergeräusches versteht der Mensch nun: Aha, da klatscht jemand. Man weiß, dieses Geräusch entsteht durch Hände die bewusst und rhythmisch aufeinander geschlagen werden und dass die Geste meist benutzt wird um jemanden Lob auszusprechen.

[...]


[1] Vgl. Gerrig, R.J.: 2015, S. 112.

[2] Vgl. Gerrig, R.J.: 2015, S. 112.

[3] Vgl. Wendt, M.: 2014, S. 248.

[4] Vgl. Wendt, M.: 2014, S. 249 - 253.

[5] Vgl. Schwegler, J. S.: 2002, S. 505ff.

[6] Vgl. Wendt, M.: 2014, S. 254ff.

[7] Vgl. Wendt, M.: 2014, S. 257 - 260.

[8] Vgl. Goldstein, E. B.: 2015, S. 5.

[9] Vgl. Goldstein, E. B.: 2015, S. 271.

[10] Vgl. Goldstein, E. B.: 2015, S. 273.

[11] Vgl. Gerrig, R. J.: 2015, S. 133.

[12] Vgl. Schwegler, J. S.: 2002, S. 511.

[13] Vgl. Goldstein, E. B.: 2015, S. 292.

[14] Vgl. Wendt, M.: 2014, S. 262ff.

[15] Vgl. Schwegler, J. S.: 2002, S. 511.

[16] Vgl. Jansen, L.: 2015, S. 101.

[17] Vgl. Gerrig, R. J.: 2015, S. 155.

Details

Seiten
26
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668115811
ISBN (Buch)
9783668115828
Dateigröße
646 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v312373
Institution / Hochschule
SRH Hochschule Riedlingen
Note
1,3
Schlagworte
Wahrnehmungsprozess Schizophrenie Perzeption Wahrnehmungsstörungen Wahrnehmungstäuschungen Halluzination

Autor

  • Miriam Walchshäusl (Autor)

    18 Titel veröffentlicht

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Titel: Der menschliche Wahrnehmungsprozess und Schizophrenie. Wahrnehmungstäuschung und Wahrnehmungsstörung