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Das Frauenbild im spanischen Roman „Tiempo de silencio" von Luis Martin-Santos

Seminararbeit 2015 21 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Historischer Kontext: der franquismo und seine tragenden Säulen
2.2 Die Frau im franquismo
2.3 Literaturwissenschaftliche Analyse
2.3.1 la decana de la pensión
2.3.2 Dorita – „la sirena silenciosa”
2.3.3 Florita
2.3.4 Ricarda

3. Resümee und Ausblick

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit thematisiert eine Erscheinung, die im Zuge der Französischen Revolution immer mehr an Bedeutung gewonnen hat und Diskussionsbedarf weckt – die Benachteiligung der Frau.

Politik, Wirtschaft, Gesellschaft: Frauen rücken auf. Trotzdem bleiben sie laut Studien der World Economic Forums[1] weltweit benachteiligt und die globale Gleichstellung der Geschlechter noch immer eine Vision. Bisher hat kein einziges Land die Gleichstellung der Frau erreicht, obwohl schon sehr viel durchgesetzt wurde: In Deutschland können Frauen sich heutzutage frei bewegen, sie können reisen, wohin sie wollen. Frauen haben ein gesetzlich verankertes Recht auf Abtreibung. Niemand muss sich sexuelle Belästigung gefallen lassen, Vergewaltigungen werden angezeigt und bestraft – und zwar auch, wenn sie in der Ehe passieren. Und vor allem: Fast überall gilt es als selbstverständlich, dass Mädchen dieselbe Bildung zusteht wie Jungen. Im Roman Tiempo de silencio von Luis Martín-Santos fehlen diese Rechte und Möglichkeiten, wie wir sie heutzutage kennen.

Im Vordergrund der folgenden Seminararbeit steht die Fragestellung, wie sich die Rolle der Frau in Tiempo de silencio gestaltet. Ziel der Arbeit ist es, das im franquismo verbreitete Frauenbild herauszuarbeiten und einzelne Frauen im Roman unter Berücksichtigung der Charakteristika des ideal femenino zu analysieren.

Um einen ersten Einblick in die Thematik des Romans zu bekommen, wird im ersten Teil der Arbeit der historische Kontext dargestellt. Dabei liegt das Hauptaugenmerk auf den tragenden Säulen des franquismo und wie diese zum damaligen Frauenbild beigetragen haben. Anschließend wird das Leben der Frauen während des franquismo näher beschrieben und das typische Frauenbild skizziert, anhand derer die literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt wird. In der Analyse wird der Roman im Bezug auf das herausgearbeitete gesellschaftliche Bild der Frau mithilfe der vier Frauen decana de la pensión, Dorita, Florita und Ricarda untersucht. Dabei werden deren individuellen Darstellungen als Frau näher beleuchtet. Abschließend werden im Resümee die Ergebnisse der Analyse zusammengefasst und ausgewertet.

Als Grundlage für die Textanalyse dient die 27. Ausgabe aus dem Verlag Seix Barral Tiempo de silencio von Luis Martín-Santos aus dem Jahre 1987.

2. Hauptteil

2.1 Historischer Kontext: der franquismo und seine tragenden Säulen

Mit dem Sieg der rechtsgerichteten Putschisten im Jahre 1939 unter General Francisco Franco endete der spanische Bürgerkrieg. Damit begann die Diktatur in Spanien, die den Zeitabschnitt von 1939 bis zum Tod Francos im Jahr 1975 umfasst[2] und in der Franco und seine Anhänger ihr Bestes gaben, alle Reformen und Errungenschaften der Liberalen und Demokraten rückgängig zu machen. Diese beinhalteten unter anderem die Gesetze zur Gleichberechtigung der Frau sowie die Reformen in den Bereichen des Schulwesens und der Kirche[3].

Die nahezu 40-jährige Diktatur wurde von verschiedenen Gruppierungen gestützt. Franco war sehr geschickt darin, diese gegeneinander auszuspielen und für seine eigenen Interessen einzusetzen. Einig waren sie sich nur in dem, was sie ablehnten: Demokratie, Republik, Kommunismus sowie die in den Jahren zuvor umkämpfte Trennung von Staat und Kirche. Zudem traten sie als Einheit auf, um den baskischen und katalanischen Separatismus zu bekämpfen. Denn „Einheit bedeutete in Spanien vor allem Widerstand gegen die lokalen Nationalismen. „Jede Art von Separatismus ist ein Verbrechen, das wir nicht verzeihen werden““[4] behauptete die Falange mit ihrem damaligen Parteiführer José-Antonio Primo de Rivera.

Vor allem zu Beginn des Regimes, während des Bürgerkrieges und der ersten Nachkriegsjahre stütze sich Franco auf die Falange. Besonders maßgebend war der Beitrag zur Ideologie seitens der Falangisten, den sie dem „ideologiearmen System“[5] verliehen haben. Neben der schon erwähnten Ablehnung von Separatismus und politischer Parteien fanden weitere Grundsätze wie die Hervorheben der „natürlichen Einheiten“ Familie, Gemeinde und Syndikat sowie die Betonung des Katholizismus Anklang.[6] Hierbei lässt sich schon vermuten, dass die übernommenen Prinzipien das weibliche Geschlecht benachteiligen würde, so dass man sie jahrzehntelang für politisch unmündig erklären würde und sie dem Familienvater oder Ehemann Gehorsam zu leisten hatten[7]. Dennoch musste die Falange nach 1939 ihre ursprünglich nationalsyndikalistisch-sozialrevolutionäre Orientierung sehr schnell aufgeben. Im Verlangen der Entfaschisierung des Regimes wurde die Anzahl der Falangisten kontinuierlich reduziert und die Macht der Übrigen zurückgedrängt. In Zusammenarbeit damit stand die „rechtliche Auslöschung des alten Namens „Falange“; nach 1958 war in offiziellen Texten des Staates nur noch von der „Nationalen Bewegung“ die Rede.“[8]

Im Kontext der „Entfaschisierung“ des Regimes stellte sich das Militär als eine weitere zuverlässige Stütze heraus. Es war stark in der Regierung vertreten, kontrollierte die Sicherheitskräfte, nahm einen Teil der öffentlichen Verwaltung wahr und übte wichtige Funktionen in öffentlichen Unternehmen aus. Trotz seiner herausragenden Stellung drängte Franco auch diese Kraft im Laufe der Zeit in nahezu allen Bereichen zurück.[9]

Neben der Falange und dem Militär zählte die katholische Kirche zu den tragenden Säulen des franquismo.[10] Wie Bernecker bestätigt, verteidigten spanische Bischöfe Mitte 1937 in ihren Briefen den Aufstand als „nationale Bewegung zur Verteidigung der grundlegenden Prinzipien jeder zivilisierten Gesellschaft“.[11] Aus gutem Grund positionierte sich die Kirche unmissverständlich zu Gunsten des Regimes: Sie erwartete im Gegenzug die Erhebung des Katholizismus als Staatsreligion wie es in Zeiten vor der Republik zutraf. 1945 wurde dies schließlich durch Gesetze bekräftigt, so dass ihr nach und nach die alten Privilegien zuteil wurden. Die Errichtung von gewaltigen Machtapparaten wie Gesetzgebung, Erziehungsprogramm und Zensur sollte sicherstellen, dass konträre Ideologien dauerhaft aus den Köpfen der Gesellschaft verschwinden. Besonders Frauen wurde eine entscheidende Rolle zuteil, da sie nach traditionellen Werten für die Erziehung des Nachwuchses verantwortlich waren. Dass ein Zusammenspiel von verschiedenen Bereichen wie Religion, Moral, Recht, Pädagogik, Publizistik in Verbindung mit dem Katholizismus Früchte trägt, fasst van Deest wie folgt zusammen:

„Gerade der Schulterschluss mit der katholischen Kirche erweist sich als besonders effektiv. Denn der normative Weiblichkeitsdiskurs dehnt sich über die katholische Lehre auf die private Sphäre aus und setzt sich in den Köpfen der Gläubiger fest, da abweichendes Verhalten als Sünde gewertet wird. Im alltäglichen Verhalten herrschen somit Selbstzensur und Selbstreglementierung vor.“[12]

Martín-Santos hat mit seinem Roman Tiempo de silencio (1961) zweifelsohne (und im wahrsten Sinne des Wortes) Geschichte geschrieben und die spanische Literatur der posguerra revolutioniert. Aufgrund der Zensur wurde der Roman erst zwei Jahrzehnte nach der ersten Veröffentlichung 1961 in Mexiko vollständig und unzensiert in Spanien publiziert. Martín-Santos verstand es sehr gut, die Zustände eines „estado de anarquía y corrupción moral“[13] in eine simple Erzählung um den Protagonisten Pedro zu verwandeln und zu verschleiern. Sehr interessant in diesem Zusammenhang ist die Frage nach der Rolle der Medizin und der Krankheit Krebs im Roman, wobei der letztere „el símbolo de la enfermedad social y moral que corro[ía] a España“[14] ist. Dies ist aber, im Rahmen dieser Analyse, keine zu analysierende Frage, da sie den Rahmen der Arbeit überschreiten würde. Vielmehr liegt der Fokus auf den damaligen soziopolitschen Strukturen und wie Martín-Santos die weiblichen Charaktere Ironie behaftet darstellt und auf diese Weise Sozialkritik übt.

Dementsprechend werden die in diesem Werk dargestellten und die vier ausgesuchten Frauen herausgearbeitet und mithilfe des zugrunde liegenden Textes analysiert. Dafür bedarf es jedoch zunächst einer näheren Skizzierung des franquistischen Frauenideals, welches im nächsten Kapitel folgt.

2.2 Die Frau im franquismo

“El verdadero deber de las mujeres con la patria es formar familias con una base exacta de austeridad y de alegría, en donde se fomente todo lo tradicional […]. Lo que haremos nunca es ponerlas en competencia con ellos porque jamás llegarán a igualarlos y en cambio toda la elegancia y toda la gracia indispensable para la convivencia.”[15]

Die in der demokratisch organisierten Zweiten Republik errungenen Rechte der Frau, welche unter anderem die Berufstätigkeit, das weibliche Stimmrecht, den Erwerb von Verhütungsmitteln und die Ehescheidung ermöglicht haben, wurden bereits in der Frühphase der franquistischen Ära abgeschafft.[16] Pilar Primo de Rivera, eine Frau, die sich für diesen Prozess eingesetzt hat und damit ihre eigene nahezu vollständige Entmündigung gefördert hat, gründete 1934 die Frauenorganisation Sección Femenina innerhalb der Falange, welche später die offizielle Frauenvertretung der „Nationalen Bewegung“ wurde. Dem obigen Zitat entsprechend vertrat die Sección Femenina das traditionelle Familienbild und lehnte eine Gleichstellung der Frau gegenüber dem Mann ab. Die zu der Zeit verbreiteten drei „K“ Kinder, Küche, Kirche der Nationalsozialisten fanden auch im franquismo Einklang und beschreiben die Rolle der Frau innerhalb der Gesellschaft nach konservativen Wertvorstellungen[17]: Demnach sollte sich die Frau als gebärfreudige Mutter und aufopfernde Ehefrau um die Hausarbeit kümmern und die moralische Grundhaltung der Kirche einhalten und ihren Kindern vermitteln.

In Bezug auf die Arbeitssituation der Frauen im Franco-Regime wurde 1938 im Fuero del Trabajo beschlossen, dass „el Estado prohibirá el trabajo nocturno de las mujeres, regulará el trabajo a domicilio y libertará a la mujer casada del taller y de la fábrica“[18]. Mit Ausnahmen durften verheiratete Frauen arbeiten: Solange sie in der Lage waren, ihre Pflichten als Mutter, Erzieherin und Hausfrau zu erfüllen, konnten sie mit der Erlaubnis ihres Ehemannes einer Arbeit nachgehen.[19] Wenig überraschend ist, dass die Frau nicht frei entscheiden durfte, in welchem Bereich und in welchem Rang sie tätig sein will. Auch hierfür gab es Gesetzeseinführungen. Diese besagten, dass sie Positionen einnehmen konnten „donde desempeñen funciones parecidas y acordes con “sus labores” o tareas propias de “su sexo”: enfermería, magisterio o, en ese momento de desarrollo del turismo, trabajos como guía turística o azafatas”[20].

[...]


[1] Bekhouche, Yasmina [u.a.] (2014): The Global Gender Gap Report 2014. Cologny: World Economic Forum.

[2] Vgl. Bernecker, Walther L. (2006): Spanien-Handbuch: Geschichte und Gegenwart. Tübingen/Basel: Francke. S. 47.

[3] Vgl. van Deest, Anne (2012): Vom Franquismus zur postmoderne. Weiblichkeitskonstruktionen in der spanischen Literatur. Berlin: Logos-Verlag. S. 85.

[4] Vilar, Pierre (1998): Spanien: das Land und seine Geschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. Berlin : Wagenbach. S. 154.

[5] Bernecker 2006, S. 47.

[6] Vgl. Bernecker, Walther L. (1997): Spaniens Geschichte seit dem Bürgerkrieg. Orig.-Ausg., 3., neubearb. und erw. Aufl. München: Beck. S. 67.

[7] Vgl. van Deest 2006, S. 9.

[8] Bernecker 1997, S. 67.

[9] Vgl. Bernecker 2006, S. 49f.

[10] Vgl. Ebd. S. 50.

[11] Vgl. Bernecker 1997, S.72f.

[12] van Deest 2006, S. 91.

[13] Ortega, José (1969): La sociedad española contemporánea en tiempo de silencio de Martín-Santos. In: Symposium (Herbst 1969), Vol. 22, Nr.3. S. 256-260. S. 256.

[14] Ebd.

[15] Discurso de Pilar Primo de Rivera en el II Consejo Nacional de la Sección Femenina de F. E. T. y de las J. O. N. S. (Segovia), 1938.

[16] Vgl. van Deest 2006, S. 85f.

[17] Vgl. Ortiz Heras, Manuel (2006): Mujer y dictadura franquista. In: Aposta: Revista de ciencias sociales (Mai 2006), Nr. 28. S. 5.

[18] Ebd., S. 2f..

[19] vgl. Morcillo Gomez, Aurora (2012): Españolas con, contra, bajo, (d)el franquismo. In: Museu d’Art Contemporani de Barcelona.(Hrsg.) (2012): Desacuerdos. Sobre arte, políticas e esfera pública en el estado español. Band 7. Madrid. S.42-63. S. 42f.

[20] Ebd., S 43f.

Details

Seiten
21
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668118010
ISBN (Buch)
9783668118027
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v312579
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Romanistik
Note
1,0
Schlagworte
Franquismo Diktatur Franco Frauenbild Unterdrückung Tiempo de Silencio Luis Martin Santos
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