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Charles Dickens’ „The Cricket on the Hearth“ auf der Opernbühne. Fehlgeleitet von Schwangerschafts-Hormonen

Wissenschaftlicher Aufsatz 2015 16 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Rezeption

Charles Dickens

Die Handlung der Novelle:

Erstes Zirpen

Zweites Zirpen

Drittes Zirpen

Erste Abtheilung [!]

Zweite Abtheilung [!]

Dritte Abtheilung [!]

Die Komposition

Vorbilder

Auf dem Theater

Rezeption

Szenische Rezeption: Vom Heimchen zum Seelchen

Probleme mit dem Titel

Einleitung

Wie Alexander von Zemlinsky (1871 – 1942), war auch der gut eine Generation ältere Komponist Carl Goldmark (1830 – 1915) mit seinen Opernbeiträgen zwar nicht seiner Zeit voraus, aber jeweils auf der Höhe der Zeit.

So erlebte Goldmarks „Königin von Saba“ als Exotik-Beitrag in Konkurrenz zu Meyerbeers „Afrikanerin“ 1876 ihre Uraufführung. 1886, vier Jahre nach der Uraufführung von Wagners „Parsifal“, kam Goldmarks „Merlin“ heraus. Der Blüte der Märchenoper am Ende des 19. Jahrhunderts, die durch Humperdincks „Hänsel und Gretel“ ausgelöst wurde, folgte Goldmark mit einer Opernversion von Dickens’ „Das Heimchen am Herd“, die 1896 uraufgeführt wurde. Die Strömung des Verismo nahm Goldmark 1897 mit „Der Fremdling“ und 1899 mit „Die Kriegsgefangene“ auf und gipfelte in der Nachfolge von Verdis „Falstaff“ und parallel zu Strauss’ „Salome“ und „Elektra“ mit den Literaturopern „Götz von Berlichingen“ nach Goethe, uraufgeführt 1902, und „Ein Wintermärchen“ nach Shakespeare, uraufgeführt 1908.

Aufschlussreich erscheint das Ansteigen der Märchenopern-Produktion in der Wagner-Nachfolge, wobei nicht anzunehmen ist, dass alle Komponisten dieser Gattung hiermit Richard Wagners Vorschlag gefolgt sind. Denn der soll, wie Siegmund von Hausegger überliefert, gesagt haben, „dass die jungen Komponisten heutzutage weder in den Stil der alten Oper zurückkehren dürften, ohne sich lächerlich zu machen, noch etwa nach den gewaltigen Stoffen des germanischen Heldenmythos greifen könnten, ohne in Nachahmung seiner Werke zu verfallen. Es ruhe aber noch ein reicher ungehobener Schatz im kleineren Ideenkreise der Sage, der Märchen und der Legende, der Gelegenheit böte, auf engerem Gebiete auch nach ihm Neues zu schaffen." [1]

Die Häufigkeit von Märchenopern in der Nachfolge Richard Wagners erscheint vielmehr als Symptom für eine gegenläufige Entwicklung zur Industrialisierung und zum wissenschaftlichen Fortschritt.

Rezeption

Tatsächlich hatte Engelbert Humperdinck als Wagner-Schüler (und Wagner-Lehrer, nämlich der Kompositionslehrer Siegfried Wagners) mit der durchkomponierten Opernfassung seines zuvor als Spiel mit einzelnen Gesangsnummern konzipierten Musik-Märchens „Hänsel und Gretel“ eine Lawine losgetreten.

Siegfried Wagner folgte ihm nur indirekt, denn er konnte sich auf Richard Wagner berufen, der Grimms „Bärenhäuter“ als offenen Stoff für eine Oper bezeichnet hatte. Dass Siegfried Wagner dann tatsächlich mit seinem Opernerstling „Der Bärenhäuter“ alle Rekorde brach und in der Spielzeit 1899/1900 nicht Humperdincks, sondern nur Verdi und Richard Wagner an Aufführungszahlen überrundete, zog seine Neider auf den Plan. Aber auch jede Menge Mitläufer und Nachahmer, darunter – durchaus eigenwillig und eigenständig – auch Emanuel Wolf-Ferrari mit „Aschenputtel“ (Venedig 1900), Alexander Zemlinsky mit „Es war einmal“ (Wien 1900). Ihnen voran ging bereits vier Jahre früher Carl Goldmark mit „Das Heimchen am Herd“.

Im Urteil von Julius Kapp in dessen Buch „Die Oper der Gegenwart“ schwingt deutlich Antisemitismus mit, wenn er in seinem Kapitel „Die Eklektiker“ Carl Goldmark attestiert:

„Da er selbst keine eigene, ausgeprägte künstlerische Physiognomie trägt, sieht man ihn haltlos stets der Tagesmode nachlaufen. Dem ‚Parsifal’ stellt er einen stark verwagnerten mystischen ‚Merlin’ (Text von S. Lipiner, 1886) gegenüber, dem Welterfolg von ‚Hänsel und Gretel’ jagt er mit einer Dickens-Verballhornung ‚Das Heimchen am Herd’ (1896) nach, und als durch den Bungert-Rummel vorübergehend das Interesse für die alten Griechen besonders rege wird, erscheint auch Goldmark sofort mit einer Griechenoper ‚Briseis’ (1899) auf dem Plan.“[2]

Denn stillschweigend beruft sich der spätere Reichsdramaturg in seiner Argumentation im Jahre 1922 auf Richard Wagners Pamphlet „Das Judentum in der Musik“.

Folgt man den leider unvollendet gebliebenen Memoiren von Carl Goldmark, welcher darin leider nur noch sehr kurz auf seine zweite Oper zu sprechen kommt, so erfolgte die Empfehlung durch seinen Librettisten ein halbes Jahr nach der Uraufführung von Humperdincks „Hänsel und Gretel“:

„Anfang des Jahres 1894 wurde ich von Dr. A. M. Willner auf das ‚Heimchen am Herde’ von Dickens aufmerksam gemacht; es war, was ich suchte: ein Kreis einfacher, glücklicher Menschen am traulichen Herd, in Liebe verbunden, durch eine kleine, aufregende Handlung vorübergehend gestört, aber bald wieder gelöst, das Ganze vom Zauber des Märchens umflossen.“ [3]

In der Tat ist das „Heimchen am Herd“ keine klassische Märchenoper, auch wenn es als solche rezipiert wurde, wozu der Komponist mit seiner Klassifizierung „vom Zauber des Märchens umflossen“[4] beigetragen hat. Eher handelt es sich bei Goldmarks zweitem Bühnenwerk bereits um eine Literaturoper.

Allerdings ist die Oper – entgegen Kapps Behauptung – keine „Dickens-Verballhornung“.

Betrachten wir zunächst die literarische Vorlage.

Charles Dickens

Dickens’ Novelle „The Cricket on the Hearth“, aus dem Jahre 1845, ist eine der fünf eigenständigen Weihnachtsgeschichten dieses Autors. Sie handelt vom Glück, welches die Grillen im Ofen bringen sollen.

Bezug nehmend auf die Grillen oder auch „Heimchen“ ist die Novelle in drei „Chirps“, „Zirpen“ genannte Kapitel unterteilt.

Die Handlung der Novelle:

Erstes Zirpen

Fuhrmann John Peerybingle und seine wesentlich jüngere Frau Mary, genannt „Dot“, haben bereits ein Kind. Aber auch Mary/Dot fühlt sich vom Gatten wie ein kleines Kind behandelt. Eines Abends bringt John einen Fremden mit nach Hause.

Zum Bekanntenkreis der Peerybingles gehört der kaltherzige, alte Spielzeughändler Tackleton. Er teilt ihnen mit, dass er demnächst May Fielding, die gemeinsam mit Dot die Schule besucht hat, heiraten werde. Dot hält Tackleton zu alt für May, aber für John empfindet den Altersunterschied keineswegs erheblicher als den zwischen ihm selbst und seiner Frau.

Zweites Zirpen

Tackletons Angestellter Caleb Plummer hat eine blinde Tochter und einen für tot geglaubten Sohn.

Der aber ist niemand Anderes als der von den Peerybingles aufgenommene Fremde. Das erfährt Mary bei einem gemeinsamen Abendessen bei Tackleton, an welchem sie und ihr Mann, zusammen mit May, Mays Mutter und den Plummers teilnehmen. Die Peerybingles haben ihren fremden Hausgast mit zum Essen gebracht. Nach dem Essen enthüllt der Fremde Dot in einem Hinterzimmer die Zusammenhänge. Mr. Tackeleton beobachtet die Beiden von einem Fester aus, nimmt an, sie hätten ein Verhältnis und ruft John zu sich. Als John seine Frau und den Fremden durch das Fester sieht, glaubt auch er, May habe eine Affäre.

Drittes Zirpen

John sitzt die ganze Nacht vor der Tür des Fremden. Wartend lauscht er dem Zirpen der Grille am Herd.

Als das Hausmädchen den Fremden aus dem Zimmer holen soll, ist der verschwunden. Am Morgen der geplanten Hochzeit zwischen Mr. Tackleton und May besucht der Bräutigam seinen Freund John. Der hat sich entschlossen, seine Frau zu verlassen, da er sich zu alt für sie hält und sie dem Jüngeren überlassen will, mit dem sie glücklicher werden soll. Doch Tackleton bittet John, noch bis zur Hochzeit da zu bleiben.

John bringt den Fremden in der Kutsche zur Familie Plummer, wo sich auch Dot aufhält. Dot enthüllt nun, der Fremde sei Edward, der tot geglaubte Sohn der Plummers. Daraufhin nimmt John Dot wieder bei sich auf.

May, im gleichen Alter wie Edward und ihm bereits von Jugend an versprochen, hat Caleb Plummers vermissten Sohn am frühen Morgen geheiratet. Der vor der Kirche von seiner Braut sitzen gelassene Tackleton, den May nur aus wirtschaftlicher Not heiraten wollte, insbesondere um ihrer Mutter das Überleben zu sichern, schenkt dem Paar sogar bei der Hochzeitsfeier für Edward und May den für seine Hochzeit mit May gebackenen Hochzeitskuchen. Alle sind versöhnt und tanzen – wozu die Grille im Herd fröhlich mitzirpt.

Goldmarks Librettist Alfred Maria Willner hat die Anzahl der handelnden Personen auf sechs reduziert: auf den Postillon John (Bariton) und seine Frau Dot (Sopran), auf den Puppenfabrikanten Tackleton (Bass) und die Puppenarbeiterin May (Sopran), den Seemann Edward Plummer (Tenor) – und ergänzt um die Rolle des Grillenelfe Heimchen (Sopran). Der Chor fungiert in der „Anfang des 19. Jahrhunderts“[5] in „ein[em] Dorf in England“ angesiedelten Handlung als Dorfleute und Elfen.

Die gegenüber der Novelle im Libretto eingekürzte Handlung der Oper:

Erste Abtheilung [!]

Dot ist glücklich mit dem Postillon John verheiratet, aber – im Gegensatz zur literarischen Vorlage – noch kinderlos. Im Zwiegespräch mit dem Heimchen, einer Grillen-Elfe, tauscht sich Dot darüber aus, dass sie baldigen Nachwuchs erwartet.

Die junge Puppenmacherin May klagt Dot ihr Leid, dass ihr Bräutigam, der Seemann Eduard, schon so lange verschwunden ist, dass sie nun, um die Pflege von dessen krankem Vater aufbringen zu können, am nächsten Tag den reichen, alten Tackleton heiraten wird. Da trifft John mit seiner Postkutsche und einem Fremden ein.

Zweite Abtheilung [!]

John gewährt dem Fremden Gastfreundschaft. Der, ein alter Seefahrer, hat den Frauen reiche Geschenke mitgebracht. Dot gegenüber enthüllt der Fremde seine Identität. John ist eifersüchtig und will sich umbringen. Doch das Heimchen hält ihn davon ab und verrät ihm, dass er bald einen Sohn bekommen wird.

Dritte Abtheilung [!]

May wird von Eduard auf die Probe gestellt. Er gibt sich ihr zu erkennen. In Tackletons Wagen fahren beide zur Trauung, doch der Bräutigam wird von Freunden aufgehalten. Dot gesteht ihrem John, dass sie schwanger ist. Alle außer Tackleton sind glücklich.

Neu in der Opernhandlung gegenüber der literarischen Vorlage ist also das direkte Auftreten der Titelfigur in allen drei Akten.

[...]


[1] Richard Wagner, zitiert nach Siegmund von Hausegger: Alexander von Ritter. Berlin 1907, S.103.

[2] Dr. Julius Kapp: Die Oper der Gegenwart. Max Hesses Verlag, Berlin 1922, S. 61 f. Vgl.: Franz Schreker: Mein Charakterbild. In: Musikblätter des Anbruch. Heft 3, Wien 1921, S. 22.

[3] Carl Goldmark: Erinnerungen aus meinem Leben. Wien 1922, S. 153 f.

[4] Daselbst.

[5] Carl Goldmark: Das Heimchen am Herd. Oper in drei Abtheilungen. Klavierauszug. Leipzig: Berté o. J. (1896).

Details

Seiten
16
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668116498
ISBN (Buch)
9783668116504
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v312630
Note
Schlagworte
charles dickens’ cricket hearth opernbühne fehlgeleitet schwangerschafts-hormonen

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Titel: Charles Dickens’ „The Cricket on the Hearth“ auf der Opernbühne. Fehlgeleitet von Schwangerschafts-Hormonen