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Psychodiagnostische Verfahren in der Sonderpädagogik. Förderschwerpunkt "geistige Entwicklung"

Ausarbeitung 2015 21 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Vorstellung des Schülers

2 Problemstellung

3 angewandte Methoden
3.1 Struktur-Lege-Verfahren (SLV)
3.1.1 Ratings
3.1.2 SLV
3.2 Beobachtung
3.3 Befragung mit TRF(6/18)
3.4 Befragung mit FEPAA

4 Schlussfolgerung

5 Förderziele - Interventionen
5.1 Förderziele
5.2 Hauptidee der Förderung

Literatur

Abbildungsverzeichnis

1 Struktur-Lege-Verfahren F. C

2 Beobachtungsbogen F. C. zum Auftreten aggressiven Verhaltens

3 TRF-Fragebogen Erzieher

4 TRF-Fragebogen Lehrer

5 TRF-Fragebogen Lehrer

6 FEPAA-Fragebogen F. C

1 Vorstellung des Schülers

F. C.:

F. ist 17 Jahre alt und besucht im ersten Jahr die Werkstufe der Förderschule mit dem Schwerpunkt „Geistige Entwicklung“. In seiner Klasse lernt er mit 7 weiteren Schülern mit unterschiedlichen körperlichen und kognitiven Beeinträchtigungen. Er stammt aus Montenegro und kam vor 6 Jahren nach Deutschland. Er hat zwei ältere Brüder, einen Vater und eine Stiefmutter.

Zu schulischen Schwierigkeiten belasteten gerade in den ersten Jahren psychosozia- le Probleme die Integration. So verstarb die leibliche Mutter vor 8 Jahren (F. spricht von zeitweise von Selbstmord der Mutter, zu belegen ist das bisher nicht)und der Vater arbeitete damals bereits seit 13 Jahren in Deutschland. Er wuchs mit seinen beiden Brü- dern in den Bergen Montenegros bei seiner Großmutter auf, die aus gesundheitlichen Gründen die weitere Betreuung der Kindern abgeben musste. F. kam ohne Deutsch- kenntnisse nach Deutschland, besuchte erst eine Regelschule bevor vor 5 Jahren der Förderschwerpunkt geistige Entwicklung diagnostiziert und er in die Förderschule in die Mittelstufe einer Schule diesen Förderschwerpunktes eingeschult wurde. Schon früh wurden bei ihm ebenso wie bei seinen Brüdern Verhaltensauffälligkeiten festgestellt, so benahm er sich oftmals zu jung für sein Alter, äußerte sich wiederholt mit seltsamen Lauten und verhielt sich in der Regelschule "clownhaftëvtl. zur Erlangung von Auf- merksamkeit, die er durch fehlende Deutschkenntnisse und Unsicherheiten im neuen Kulturkreis nicht anders zu erlangen wusste.

Auf Grund der früheren Alkoholsucht des Vaters und gewalttätigen Übergriffen, bezog F. eine Wohngruppe, aus der er zweimal monatlich zum Wochenendbesuch bei seinem Vater beurlaubt werden kann.

Nach eigenen Angaben hält die verbale und körperliche Gewalt des Vaters gegenüber F. in bestimmten Stresssituationen weiterhin an. Auch erfährt F. von seinen Brüdern ähnliche Verhaltensweisen. Vom Vater erhält F. keine positiven Rückmeldungen bez. schulischer oder sportlicher Leistungen sondern vorwiegend das Gegenteil.

F. ist sehr sportlich und auf sein äußeres Erscheinungsbild bedacht. Vorbilder sieht er körperlich überlegenen männlichen Personen. Bei Misserfolgen und besseren Erfolgen anderer zeigt F. schnell verbale Ausfälle bis hin zu Beleidigungen. Sobald ein Mitschüler bessere Ergebnisse hervorbringt als F. selbst, steigert sich F. mit verbalen bis körper- lichen Ausfällen hinein, aus denen er selbst keinen Ausweg mehr findet. Mädchen und jungen Frauen begegnet er mit wenig Respekt und spricht ihnen jegliche Leistungs- bereitschaft und -möglichkeit ab. Dies ist möglicherweise durch die Erziehung seines Vaters als auch kultureller Ideale seiner Heimat stark beeinflusst. Dennoch zeigt er vor älteren Frauen Respekt bis hin zur Ängstlichkeit, die evtl. auf die Erziehungsmethoden seiner Großmutter zurückzuführen ist. Er berichtete mehrmals über Erziehung mit- tels Gewalt, wie Benutzung des Schürhakens, Schläge auf das nackte Hinterteil sowie Aussetzen als Kind in beschämenden Situationen(nackt auf die Straße gejagt).

Dennoch kann F. als ein freundlicher und bemühter Junge beschrieben werden, der in mehreren Situationen Hilfsbereitschaft, Anstrengungsbereitschaft, Freundlichkeit und Empathie zeigt. Im Vergleich zu seiner Altersgruppe in dieser Schulform zeigt F. gute Schulergebnisse und Lernbereitschaft. Er findet sich im Zahl- und Mengenraum im Hunderterraum gut zurecht. Er hat starke Lese- und Schreibschwierigkeiten, kann aber Wörter und kurze Sätze sinnhaft erlesen. Er besitzt gute Orientierungsfähigkeiten und findet sich im Alltag gut zurecht.

2 Problemstellung

Die zu beobachtende Problemstellung befasst sich bei F. mit seiner Anwendung kör- perlicher und verbaler Gewalt. Von seinen bisherigen Lehrern wurde eine ständige Gewaltbereitschaft- und Anwendung sowie unaufhörliche Störung und Belästigung sei- ner Mitschüler berichtet. Grenzen und Anweisungen wurden ungern beachtet bzw. übergangen sowie zeigte F. bei subjektiv erlebten Misserfolgen schnell aufbrausendes Verhalten und Wut.

Auch in diesem ersten Schuljahr, welches F. in der Werkstufe lernt, beobachteten meine Colehrerin und ich dieses Verhalten. Jedoch war auffallend, dass die Quanti- tät(Häufigkeit des Verhaltens) und Qualität (Zeitpunkte des Verhaltens) nicht so ex- trem wie bisher beschrieben zu beobachten war sondern offensichtlich situationsabhän- gig auftrat. Ebenso die Widersprüche des einerseits erlebten freundlichen, hilfsbereiten und andererseits das auffälligeren gewalttätigen und respektlosen Jungen.

Um die Verhaltensweisen besser eingrenzen zu können, deren Ursachen herauszufin- den und auf dieser Basis Interventionen durchzuführen, wurde verschiedene Methoden angewandt.

3 angewandte Methoden

- Struktur-Lege-Verfahren (SLV)
- Beobachtung verbaler und körperlicher Gewalt
- Lehrerfragebogen über das Verhalten von Kindern und Jugendlichen (TRF/ 6-18)
- Fragebogen zur Erfassung von Empathie, Prosozialität, Aggressionsbereitschaft und aggressivem Verhalten (FEPAA)

3.1 Struktur-Lege-Verfahren (SLV)

Mittels des SLV sollte determiniert werden, worauf die Verhaltensauffälligkeiten von F. fußen. Dazu wurden zum einen die Ratings zur Lerntätigkeit bearbeitet, um eine Problemeingrenzung in der Lerntätigkeit zu erhalten sowie von dem zu untersuchenden Verhalten der Aggressionsbreitschaft ausgehend mittels des SLV versucht die Ursachen für dieses Verhalten eingegrenzt werden(Vgl. Matthes1 ).

3.1.1 Ratings

1. Tätigkeitsinhalte (Mit welchen Inhalten beschäftigt der Schüler sich in der Un- terrichtszeit(mehr oder weniger gute Aufmerksamkeit und Mitarbeit)?): Rating 3 - 4 von 6 - Die Aufmerksamkeit ist schwank zwar stark interessenabhängig, aber kann im Durchschnitt mit einer 4, d.h. überdurchschnittlich ausdauernd bewertet werden.

2. Kontaktgeschehen (Hat der Schüler angemessene soziale Kontakte oder ist er eher isoliert(vor allem beim Lernen im Unterricht)?): Rating 5 von 6 - F. ist sehr gut in der Klasse integriert. Der Abzug besteht in der Art der sozialen Interaktion beim Auftreten des Hauptproblems des aggressiven Verhaltens.

3. Emotionale Lage (Fühlt sich der Schüler im Unterricht (beim Lernen) sicher, aufgehoben und wohl): Rating 3 - 4 von 6 - Der Schüler ist engagiert beim Lernen bis zum Auftreten von Schwierigkeiten im Lösen/ Bearbeiten der Aufgaben mit der Folge von aggressiven Verhaltens- auffälligkeiten.

Das Lernverhalten von F. ist demnach stark interessensgeleitet. Bei subjektiv er- lebten Misserfolgen auch im Vergleich zu anderen Mitschülern, die bessere Ergebnisse oder auch gleiche Ergebnisse nur schneller erbrachten, erlebt F. schnell Frustration, die über verbale und körperliche Attacken artkuliert werden. Unter Umständen kann sich F. nicht selbstständig aus diesem Gefühlskreis befreien, so dass solche Situationen in Gewalt zu eskalieren zu drohen.

3.1.2 SLV

Mittels des SLV (Abb. 1) ist zu erkennen, dass das aggressive Verhalten offensicht- lich auf dem subjektiven Erleben von Misserfolgen beruht. Nicht zu erfüllende An- forderungen bzw. Schwierigkeiten beim Lösen von Aufgaben gepaart mit einer über- höhten Selbsteinschätzung führt bei F. schnell zur Frustration und dem Gefühl des Nicht-Verstanden-Werdens. Als Reaktion folgt evtl. auch als Selbstschutz vor weiterer Frustration und Enttäuschung ein aggressives Verhalten, da F. durch seine körperli- che Stärke hier sowohl den Mitschülern als auch dem Lehrpersonal Vorteile sieht bzw. überlegen ist.

3.2 Beobachtung

Als nächste Maßnahme im Rahmen des Diagnosprozesses wurd eine Beobachtung des Verhaltens von bezüglich des auffälligsten Verhaltens - seiner Aggressivität - durch- geführt (Abb. 2). Besonderes Augenmerk wurde dabei auf die Richtung seiner Ag- gressivität (gegen sich selbst,gegen Mitschüler, gegen Lehrer / Erzieher, gegen Gegen- stände) sowie der aktuellen Situation gelegt. Diese Beobachtung wurde an 2 Tagen durchgeführt, um so zu verschiedenen Situationen Informationen zu erlangen. Außer- dem wurde festgehalten, ob es sich um verbale Aggression oder körperliche Aggression handelte. Am ersten Tag wurde mit der Klasse eine Waldexkursion mit verschiede- nen Aufgaben angesiedelt im Sinnes- und Kunstbereich.(Barfußpfad, Rindenretusche, Wiesenpicknick)

Das aggressive Verhalten richtete sich nach dem Auswerten der Beobachtungen auf bestimmte Personen und wurde nicht ziellos verwandt. Sowohl quantitativ als auch qualitativ konnte in dem Verhalten eine Situations- und Personenabhängigkeit beob- achtet werden und nicht wie angenommen eine Ziellosigkeit und hohe Quantität. Den- noch scheint bisher nach dem Rating, dem SLV und der Beobachtung dieses aggressive Verhalten sowohl die Lebens- als auch Lernaktivitäten von F. stark zu beeinflussen als auch ihn für ihn umgebene Personen unsympathisch wenn nicht sogar bedrohend wirken lassen.

3.3 Befragung mit TRF(6/18)

Um ein Eindruck von F.s Verhalten auf sein Umfeld zu erhalten, wurde eine Befra- gung seiner beiden Lehrer als auch seines Betreuers in der Wohngemeinschaft mit dem Lehrerfragebogen über das Verhalten von Kindern und Jugendlichen (TRF/ 6-18), der auch in Form für Eltern bzw. Erzieher und Betreuer vorliegt durchgeführt2.(Vgl. auch: Becker, 20083 und Ziereis, 20154 ) Vom Vater von F. konnte nach Nachfragen keine Mitarbeit erwartet werden.

Mittels dieser Befragung sollen internalisierende, externalisierende und gemischte Störungen des Jugendlichen erfasst werden. Die internalisierenden Störungen werden in die Subskalen ’Sozialer Rückzug’, ’Körperliche Beschwerden’ und ’Angst/Depressivität’ unterteilt. Die Externalisierenden Störungen werden unterteilt in die Subskalen ’Delin- quentes Verhalten’(Lehrerfragebogen) bzw. ’Dissoziales Verhalten’(Elternfragebogen) sowie ’Aggressives Verhalten’. Die gemischten Störungen sind unterteilt in ’Soziale Pro- bleme’, Schizoid/Zwanghaft’ und ’Aufmerksamkeitsstörung’ Grundsätzlich ergibt sich bei der Auswertung ein Unterschied zwischen den Ergebnissen der Lehrerfragebögen und des Elternfragebogens. Demnach ergibt sich im Bereich der Wohngruppe bzw. der Wahrnehmung der Erzieher eher eine Unauffälligkeit von F. bez. aller Skalen mit Aus- nahme der Zwanghaftigkeit, aber nach Aussage des Erziehers mit abnehmender Häu- figkeit (Abb. 3). Allgemein wurde F. eine Zwanghaftigkeit von allen Seiten bescheinigt, aber jeweils in anderer Ausprägung (Erzieher- sammelt elektronische Geräte, Lehrerin- dankt ständig an eine Freundin, Lehrer- alle anderen sind Schuld), so dass sich hier kein konkretes Bild ergibt. Jedoch wird im Elternfragebogen angegeben, dass F. im Rahmen der WG keine Freunde besitzt und nur wenig soziale Kontakte pflegt.Diese Kontakte begrenzen sich auch 2 Schüler aus seiner bzw. der Parallelklasse. Obwohl er in der Freizeit sportlich sehr aktiv ist, sind diese Aktivitäten oft auf Einzelaktivitäten im Fitnesscenter beschränkt. In der Fußballmannschaft eines örtlichen Vereins ist er aufgrund seiner Verhaltensauffälligkeit oft nicht gern gesehen. Dagegen ist die beschei- nigte Auffälligkeit in den Lehrerfragebögen interessant. So besitzt F. im Fragebogen ID-L01 (Abb. 4) in den externalisierenden Störungen Auffälligkeiten sowie den inter- nalisierenden Störungen und im Gesamtwert liegt er im Grenzbereich zur Auffälligkeit. Im Fragebogen ID-L02 (Abb. 5) werden F. Auffälligkeiten in alle Störungsbereichen und im Gesamtwert bescheinigt. Die Schwerpunkte liegen in beiden Lehrerfragebögen im Aggressiven Verhalten.

Offensichtlich wird das aggressive Verhalten von F. nur im Rahmen sozialer Inter- aktionen wirksam bzw. sichtbar. Somit spricht einiges dafür, dass F. wie auch beob- achtet einer freundlicher und hilfsbereiter Junge ist, situationsabhängig jedoch schnell Frustration erlebt für die er keine Bewältigungsstrategie besitzt außer des aggressi- ven Verhaltens. Gepaart mit dem Wissen seiner Kindheit, in der er regelmäßig solchen Erlebnissen der Ohmächtigkeit gegenüber seines Vaters, seiner Brüder und seiner Groß- mutter ausgesetzt war, erscheint dieses Verhalten erklärbar.

[...]


1 Individuelle Lernförderung - Struktur-Lege-Verfahren.

2 Arbeitsgruppe 1993.

3 Becker 2008, vgl.

4 Ziereis 2015.

Details

Seiten
21
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668140653
ISBN (Buch)
9783668140660
Dateigröße
2.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v312910
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – WiB e.V. - Aninstitut
Note
2,3
Schlagworte
psychodiagnostische verfahren sonderpädagogik förderschwerpunkt entwicklung

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