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Lohnsubvention gegen Arbeitslosigkeit

Wieso sich die Zahl der Arbeitslosen durch die Arbeitsmarktreform nicht halbierte

Studienarbeit 2005 119 Seiten

VWL - Makroökonomie, allgemein

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

Einleitung

2 Die Ursachen: Angebot oder Nachfrage?
Ökonomie-theoretische Ursachen der Arbeitslosigkeit
Makroökonomische Schocks und Arbeitslosigkeit
Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums
Regulierung des Arbeitsmarkts Zwischenfazit

3 Die Hintergründe: Konstitution der Lohnarbeit
Entstehung eines Marktes für Arbeit
Beschäftigungspotenzial und Lohnstruktur
Politische Mythen des Arbeitsmarktes
Zukunft der Arbeit und soziale Sicherheit
Historische Wurzeln des Arbeitsmarkts Zwischenfazit

4 Lösungsvorschläge: Lohnsubventionen und negative Einkommensteuer
Allheilmittel – Rettungsanker – Notnagel?
Lohnsubventionen als Multitalent
Modelle der Lohnsubventionen
Modelle der negativen Einkommensteuer
Internationale Erfahrungen
Lohnsubventionen – das deutsche Großexperiment
Lohnsubventionen - Zwischenfazit

5 Resümee

Literatur

Sachwortverzeichnis

Verzeichnis der Abbildung en , Tabellen und Abkürzungen

Abbildung 1: Bereinigte Lohnquote im Ländervergleich

Abbildung 2: Gewinnquoten in Prozent (Net returns on capital stock)

Abbildung 3: V-Hypothese zeitgleicher Verlaufsmuster

Abbildung 4 Synopse zur Bedarfsstruktur eines Niedriglohnsektors

Abbildung 5: Bestandsaufnahme Niedriglohnsektor

Abbildung 6: Spieltheorie Sozialgesetze

Abbildung 7: Modellwirkung von Lohnsubvention

Abbildung 8: Umverteilungswirkung der Lohnsubvention

Abbildung 9: Negative Income Tax (Modell)

Abbildung 10: Wirkungsabschätzung des Bürgergeldes

Abbildung 11: Earned Income Tax Credit (EITC)

Abbildung 12: Lohnsubventionen beim Hartz-Konzept

Tabellen

Tabelle 0.1: Nettolöhne in Deutschland

Tabelle 1: Veränderung der nominalen Lohnstückkosten im internationalen Vergleich

Tabelle 1: Synopse Mainzer Modell und Scharpf-Modell

Tabelle 2: Sozialversicherungsfreibeträge

Tabelle 3: Lohnsubventionsmodelle (Auswahl)

Abkürzungen, die im Duden verzeichnet sind, werden nicht gesondert aufgeführt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Vorwort

Wer in Deutschland arm ist, braucht zwar nicht zu hungern oder unter Brücken zu schlafen. Wer nahe am Existenzminimum liegt, für den sind Ausgrenzung, Krankheit und früher Tod schon eher das Problem. Deshalb sollte es ein staatlich garantiertes Mindesteinkommen geben. Davon profitieren vor allem Alleinerziehende und Menschen mit geringen Chancen auf eine dauerhafte Beschäftigung.

Warum ist es nötig? Arm zu werden, geht seit Hartz IV schneller als vorher. Und das liegt daran, dass atypische Beschäftigung, Zeit-, Mini- und Teilzeitjobs stark zunehmen.

Es war Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), der sich zu den Arbeitsmarktreformen inspirieren ließ. Der politische Druck seitens der Mehrheit der deutschen Ökonomieprofessoren, Wirtschaftsjournalisten und Industrieverbände war immens und mit Peter Hartz fand der Bundeskanzler einen Macher, der die Halbierung der Zahl der Arbeitslosen versprach.

Der Abbau von Arbeitnehmerrechten hat jedoch in den 1970er Jahren nach der Erdölpreiskrise angefangen. Es klingt paradox: Die "Modernen Dienstleistungen am Arbeitsmarkt" sollten die Arbeitslosigkeit halbieren und damit die Einkommensarmut bändigen. Im kundenorientierten Jobcenter sollten Arbeitswillige passgenau gefördert werden, schnell und unbürokratisch einen Job finden und dem Staat nicht auf der Tasche liegen. Die Bilanz ist ernüchternd.

Armut macht Reiche nicht glücklich. Ein perspektivloser Niedriglohnsektor breitet sich aus. Das politische Ziel des Hartz-IV-Systems war und ist: Beschäftigte gefügiger, Arme ärmer und Reiche reicher zu machen. Millionen Menschen spüren Ausgrenzung, Dequalifizierung und Gängelung als wachsende Bedrohung. Das Arbeitsrecht wird ausgehebelt. Minilöhne und Minijobs führen in die Altersarmut. Kinder werden zum Armutsrisiko. Wer einmal arm ist, bleibt arm, wird häufiger krank und stirbt früher.

Es gibt Alternativen zu Hartz. Das Debakel um die Agenda 2010 wird übertüncht durch umtriebige sozialpolitische Pflaster in Trippelschritten. Nach all den Reformen ist Chancengleichheit und gesellschaftliche Teilhabe in weite Ferne gerückt. Weder ein Bildungsfeuerwerk, noch karitative Hilfen oder gute Duale Ausbildung allein werden gegen Armut helfen. Die Schlüsselgröße ist eine menschenwürdige Existenzsicherung.

Nur zusammen mit einem allgemeinverbindlichen Mindestlohn, Kindergrundsicherung und Grundrente wäre die Hartz-IV-Abwärtsspirale zu stoppen. Das Ziel ist ein bedingungsloses Grundeinkommen - ein individuelles, existenzsicherndes Mindesteinkommen, ohne Bedürftigkeitstest und ohne Arbeitszwang. Das ermöglicht kulturelle Teilhabe des Individuums, soziale Mobilität und soziales Engagement.

Sind Menschen glücklicher, wenn sie morgens im Schrebergarten Salat ernten, nachmittags Kinder betreuen, abends Texte schreiben, ohne je Bauer, Kindergärtner, Schriftsteller zu werden? Ein Mindesteinkommen könnte vom allgemeinen Arbeitszwang entlasten, vorausgesetzt, es reicht wirklich zum Leben. Dann würde es auch Spielräume eröffnen, um für gesellschaftliche Alternativen zu kämpfen.

Dieser Text ist kurz nach der Einführung der Arbeitsmarktreformen entstanden und hat sich in der Prognose der Arbeitsmarktwirkung der Reformen am Arbeitsmarkt bestätigt.

Einleitung

Gesellschaft und Arbeitswelt wandeln sich rasant. "Besser ein schlecht bezahlter, als überhaupt keinen Job", ist die Losung seit Mitte der 1990er Jahre. Konsequent wurden Arbeitnehmerrechte wie der Kündigungsschutz unter- und die gewerkschaftliche Vertretungsmacht ausgehöhlt. Die Politik hat den Arbeitsmarkt drastisch liberalisiert, den Niedriglohnsektor rasant ausgeweitet und der miserablen Lohnentwicklung tatenlos zugesehen. Es ist ein Trugschluss zu glauben, mit Arbeit lösten sich die Probleme von selbst.

Es hört sich wie ein riesiger Erfolg an - die Hälfte der in Deutschland leben 82 Mio. Menschen sind erwerbstätig (41 Mio.). Beschäftigungsquote ist mit 50 Prozent auf einem historischen Rekordniveau. Wenn aber das Arbeitsvolumen gleich bleibt, dann werden die Bedingungen für die Beschäftigten schlechter, denn es arbeiten immer weniger Menschen auskömmlich. Es ist für Unternehmen billiger, die Jobs aufzuteilen. "Deutschland ist so wettbewerbsfähig wie nie zuvor", heißt es. Das dicke Ende kommt für Menschen mit Kleinjobs spätestens im Alter, wenn sie kaum sozialversicherungspflichtig waren und gebrochene Erwerbsbiografien haben. Nur noch 20 Mio. sind von 27 Mio. Sozialversicherten sind vollzeitbeschäftigt. Die deutsche Wirtschaft ist international so konkurrenzfähig wie nie, schadet anderen Volkswirtschaften und letztlich sich selbst. Die Gewinne nicht nur der großen Firmen sind kräftig angestiegen. Trotzdem verfällt die Infrastruktur, weil die vielen Milliarden nicht investiert, sondern riskant auf Finanzmärkten verzockt werden. Aus der Krise „herauszusparen“, ist keine Lösung für die nächsten Jahre.

Deutschland ist auf dem Weg zum Niedriglohnland. Ein weiterer Grund für ein staatlich garantiertes Mindesteinkommen ist der technische Fortschritt. In Deutschland stieg die Produktivität in den letzten zwei Jahrzehnten um ein Viertel. Die Reallöhne sind jedoch gleich geblieben und zwischen 1999 und 2007 sogar gesunken (Quelle: Lohnbericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), Dez. 2012). Sinkende Löhne und sinkende Sozialtransfers zeigen - die Einkommensschere klafft immer weiter auseinander. Ein Fünftel der Vollzeitbeschäftigten (3,8 Mio.) schaffen es nicht, mehr als 1.667 Euro im Monat zu verdienen. Rechnet man Auszubildende und Teilzeitkräfte hinzu, dann sind es sogar 8,7 Mio. Beschäftigte, die unter dieser Verdienstgrenze arbeiten - immerhin ein Drittel aller Sozialversicherten. Das hat eine doppelte Wirkung auf die verfügbaren Einkommen: Einerseits können immer weniger Menschen von ihrer Arbeit leben, demzufolge weniger oder keine Steuern zahlen. Andererseits müssen sich Arbeitslose sich mit sinkenden Sozialeinkommen abfinden, weil sie keine Lobby haben und der Staat sparen muss.

Tabelle 0.1: Nettolöhne in Deutschland

Reale Monatseinkommen im Vergleich 2000-2010, Veränderung nach Einkommensgruppen bei abhängig Beschäftigten in Preisen von 2005, Angaben in Euro

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Strukturreformen der Bundesregierungen wurden weltweit gelobt. Sie sollten Deutschland wieder wettbewerbsfähig machen. Sie werden von den „Kunden“ der Arbeitsagentur als überzogen empfunden, denn die Spaltung in Arm und Reich schreitet voran. Die realen Nettolöhne sind in der letzten Dekade durchschnittlich um 2,5 Prozent gesunken. Beschäftigte in den unteren Lohngruppen verdienten in 2010 sogar rund ein Fünftel weniger als vor zehn Jahren. Die oberste Einkommensgruppe legte dagegen zu (siehe Tabelle). Der Niedriglohnsektor ufert weiter aus, weil der Anteil temporärer und prekärer Arbeit steigt und schon 10 Prozent der Menschen im erwerbsfähigen Alter auf Hartz IV angewiesen sind.

Verantwortlich dafür sind nicht das individuelle Schicksal oder widrige internationale Umstände. Vielmehr lässt sich eine geplante Entwicklung beobachten. Ökonomen, Politiker und Wirtschaftsjournalisten vor allem in Deutschland erklären unentwegt, Wachstum lasse sich nur noch durch Ungleichheit, Minimallöhne und abgesenkte Lohnersatzleistungen realisieren. Arbeitslose sollten sich mehr anstrengen. Eigeninitiative und weniger Anspruchsdenken sorgten schon - wie von selbst - dafür, schneller einen Job zu finden. Nur so entfliehe man der Armutsfalle der staatlichen Fürsorge.

Dabei hat die Rosskur für die Löhne die Armutsfalle erst entstehen lassen. Nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ist das Einkommen jedes dritten Erwachsenen unter die Niedriglohn-Schwelle gefallen (DIW 2012). Wie soll sich Arbeit lohnen, wenn die Brücke zur besseren Arbeit durch Niedriglohn einstürzt? Nur die Hälfte der Niedriglohnempfänger schafft es auf ein höheres Einkommensniveau. Die anderen geraten eher in die Abwärtsspirale. Es trifft vor allem Junge und Frauen. Niedriglohn ist zunehmend ein Schicksal der Jungen. Jede Arbeit besser als keine? Lohn- und Einkommenseinbußen werden oft hingenommen, schlechte und schlecht bezahlte Kleinstarbeitsverhältnisse oder Leiharbeiter-Stellen aus Angst vor Hartz IV ohne Murren akzeptiert.

Diese Politik der Umverteilung von unten nach oben wurde im Namen der Wettbewerbsfähigkeit vollzogen. Übersetzt heißt das: Mit jedem Prozentpunkt Wachstum wird unser Land reicher, nicht ärmer, egal, wie viele Ältere oder Arme es gibt. Daher: Auch die demografische Katastrophe ist keine, sondern eine Frage der Verteilungsgerechtigkeit des Steuer- und Abgabensystems.

Wie realistisch ist die Endstation Suppenküche? Das Bundesverfassungsgericht hat mehrere Ungerechtigkeiten erkannt und den Gesetzgeber zum Handeln aufgefordert. Die neuerliche Hartz-IV-Reform vom Dezember 2010 wirft mehr Fragen auf, als sie Antworten bringt. Das fängt bei der Berechnung des Regelsatzes an und setzt sich in fragwürdigen Details fort. Die Bezugsgruppe umfasst nicht mehr wie früher das untere Fünftel, sondern nur die unteren 15 Prozent der Arbeitnehmereinkommen. Verdeckt Arme, also Leute, die keine Sozialleistungen beantragen, werden bei der Referenzgruppe mit gerechnet. Der neue Regelsatz ist folglich realitätsfern, viel zu niedrig und nicht existenzsichernd.

Bildungsgutscheine statt Geld? Weil man einkommensschwachen Menschen unterstellt, sie könnten mit Geld nicht umgehen, fordern viele den Ausbau sozialer Infrastruktur statt Geld. Doch dieser Ansatz hat nicht viel geholfen. Das Bildungspaket wurde am 1. April 2011 eingeführt. Anlass war, dass das Verfassungsgericht die Berechnung der Hartz-IV-Sätze für Kinder für unzulässig erklärte und höhere Ausgaben verlangt hatte. Der Hartz-IV-Satz für Kinder blieb unverändert und sollte durch Bildungsförderung ausgeglichen werden.

Eine Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes bescheinigt dem Gesetz ein vernichtendes Urteil. Der Nettoeffekt sei aufgrund der verwaltungsaufwändigen Strukturen gering. Es werde kaum nachgefragt. Nur ein Fünftel der eingeplanten Mittel werden faktisch für Bildung eingesetzt (129 von 642 Millionen). Der Rest fließe in die Kommunalen Haushalte, müsse nicht an den Bund zurückerstattet werden, werde für andere Zwecke verausgabt also zweckentfremdet. Nicht viel am Programm ist neu. Die Instrumente werden nur neu gebündelt. Am meisten wird der Mittagstisch für Kinder angenommen, doch fehlen flächendeckende Ganztageseinrichtungen. Flächendeckende ehrenamtliche oder staatliche Suppenküchen sind perspektivlos und können existenzsichernde Einkommen nicht ersetzen.

Der politischen Strategie der amtlichen Sozialpolitik "Infrastruktur statt Geld" liegt das Menschenbild zugrunde, bedürftige Menschen seien unfähig, für sich selbst und ihre Kinder vernünftig zu sorgen. Die Datenlage zeigt eine andere Realität. Dem Statistischen Bundesamt zufolge verschulden sich Eltern zusehends, um Bildungsansprüche ihrer Kinder zu erfüllen. Das Bildungspaket dagegen verhöhnt Hilfeempfänger.

Die Basteleien am Hartz-IV-System müssen ein Ende haben. Die Arbeitsministerin redet über ihr Bildungspaket und kürzt Mittel wie noch nie. Fördern bleibt auf der Strecke, wenn Eingliederungsmaßnahmen und sozialpädagogische Betreuung gestrichen werden. Fallmanager sind schlecht aus- und fortgebildet. In der Realität ist Hartz IV zum Instrument der sozialen Gängelung geworden. Niedrigverdiener werden in perspektivlose Warteschleifen "geparkt", aufgestockt und ausgesteuert. Wem nütz Diskriminierung und Sanktionen für Hilfeempfänger?

Mehr soziale Freiheit wagen! Was macht zunehmende Verarmung mit der Gesellschaft? Junge Menschen können ihre Zukunft nicht mehr planen. Frauen leisten anteilsmäßig mehr Teilzeit, haben häufig eine gebrochene Lebensarbeitsbiografie und sind so zusätzlich benachteiligt. Selbst nach 45 Jahren Beitragszahlung in die Rentenversicherung droht verstärkt der Absturz in die Altersarmut. Für Geringverdiener reicht oft das Geld nicht zum Leben und für eine adäquate Altersvorsorge auch nicht. Einmal arm, immer arm.

Was tun gegen die wachsende Gehaltskluft? Vertreter der Agenda 2010 bedauern Fehlentwicklungen. Vergießen sie Krokodilstränen? Sozialverbände und Gerichte fordern, Giftzähne des Hartz-Systems zu ziehen, oder Regelsätze minimal anzuheben. Umsteuern täte Not. Drei Forderungen sind daher unabdingbar: Gute Arbeit, ein allgemeinverbindlicher Mindestlohn und ein garantiertes Mindesteinkommen.

Es hilft unteren Einkommensgruppen individuell, existenzsichernd, ohne Bedürftigkeitstest und ohne Arbeitszwang. Ein kundenorientiertes Jobcenter ist utopischer als ein adäquates staatlich garantiertes Grund- bzw. Mindesteinkommen.

In Kapitel 2 geht es um die theoretischen Grundlagen im Kräftespiel zwischen Arbeit und Kapital. Die neoklassische Modellbildung wird dargestellt und einer kritischen Überprüfung unterstellt. Dies ist deshalb bedeutsam, um die Unterschiede zwischen dem Arbeitsmarkt und anderen Gütermärkten herauszuarbeiten. Weiter befasse ich mich mit den ökonomischen Schocks, welche das Gleichgewicht am Arbeitsmarkt beeinflussen können. In der herrschenden ökonomischen Lehrmeinung sind es vor allem das hohe Anspruchsdenken der Arbeitnehmer und die gewerkschaftlichen Machtpositionen, welche zu Ungleichgewichten am Arbeitsmarkt und zu hohen Arbeitslosenzahlen führen. Dem gegenüber steht die Ansicht, dass die überbordenden Gewinnerwartungen des Kapitals die Arbeitsmarktkrise bedingen.

Im Kapitel 3 befasse ich mich mit den historischen Ausgangsbedingungen, die zur Herausbildung eines Marktes für den Faktor Arbeit führten.

In Kapitel 4 wird das Instrument der Lohnsubvention hinsichtlich der Arbeitsmarktrelevanz untersucht, Modelle der Lohnzuschüsse betrachtet und best-practice-Beispiele analysiert.

In Kapitel 5 werden die wichtigsten Gedanken zusammengefasst.

2 Die Ursachen: Angebot oder Nachfrage?

Die Hartz-Kommission, die Mehrheit deutscher Ökonomen und Publizisten vertreten neoklassische Marktmodelle (BMWi 2006). Danach funktioniert der Arbeitsmarkt wie der Markt für überreife Früchte. Das Beschäftigungspotenzial für gering qualifizierte Kräfte werde nicht ausgeschöpft, denn Löhne im Verhältnis zur Arbeitsproduktivität zu hoch seien und das Arbeitsangebot zusätzlich verknappt werde. Transferleistungen und Arbeitnehmerrechte verleiteten zu einem temporären oder dauernden Rückzug aus dem Arbeitsleben. Markträumend sei vor allem eine Lohn-Preissenkung (Überblick in: Henneberger/Keller 1996; Landmann/Jerger 1999; 2002: 207-224; Jerger/Landmann 2004: 217 f.).1 Der Untersuchungsgang beginnt ökonomietheoretisch und systematisiert dann die internationale Arbeitsmarkttheorie, die - anders als der ökonomische Mainstream hierzulande – ein set von Krisenursachen sieht. Das Kapitel endet mit empirischen Belegen für meine V-Hypothese.

Ökonomie-theoretische Ursachen der Arbeitslosigkeit

Die neoklassische wage gap-Theorie

Reallohnsatz und Arbeitsstunden werden als Angebots- und die Nachfragekonkurrenz am Arbeitsmarkt beschrieben (Abbildung 3.1). Der Reallohn ist die unabhängige Variable und wird von mir – anders als in den meisten Lehrbüchern üblich - mathematisch korrekt auf der Abszisse abgetragen. Die Art der Liniendarstellung soll zeigen, dass keine homogenen Angebots- und Nachfragekurven unterstellt werden können. In der linken Grafik ist das Lehrbuchwissen, in der rechten Grafik ist die anomale Reaktion der Arbeitsangebotskurve auf Lohnänderungen dargestellt. Die Linie W-W zeigt eine bestimmte Präferenzwahl zwischen Arbeit und Freizeit. Für eine steigende Lohnsetzungskurve (wage-setting schedule) sind Gewerkschaftsmacht, Elemente der Effizienzlohntheorie und Insider-Outsider-Phänomene verantwortlich (siehe Kapitel 3.2).

Nach der Grenzproduktivitätstheorie habe der kaufkraftbezogene Reallohn der Grenzproduktivität der Arbeit zu entsprechen (SVR 2005; Tz. 200 ff., Tz. 230 ff.). Vollbeschäftigung, optimale Ressourcenallokation und Gewinnmaximierung sind erreicht, sobald jeder Faktor mit der höchsten Grenzproduktivität eingesetzt werde (Faktormobilität zwischen Wirtschaftssektoren, Berufen, Arbeitsmarktregionen) (Franz 1996; Siebke 1990: 139-145). Die Kurve P nach N korrespondiert mit dem Arbeitsnachfrageverhalten. Der Gewinn maximierende Faktoreinsatz hängt von Art und Höhe des Kapitalstockes sowie der gegebenen Faktor- und Absatzpreise ab (price-employment schedule). Die Linie P-N verläuft im linken Diagramm konvex zum Ursprung. Der gewinnmaximale Gleichgewichtspunkt liegt bei A2 = wr0. Es herrscht Vollbeschäftigung, da das wohlfahrtsoptimierende Arbeitsangebot vollständig absorbiert wird. Ein partielles Gleichgewicht bildet sich bei Unterbeschäftigung heraus, wenn zwischen der Kurve der unternehmerischen Zugeständnisse und den Lohnforderungen eine Lücke klafft (wage gap). Somit wird von einer „natürlichen“ Arbeitslosenquote bzw. Quasi-Equilibrium Rate of Unemployment (QERU) bzw. Non-Market Clearing Equilibrium Rate (NERU) ausgegangen. Ferner ergibt sich Beschäftiungswachstum (ΔN) als Differenz der Wachstumsraten von nominaler Nachfrage (ΔD) und Nominallöhnen (ΔW) (Gottschalk 2002). Sind Preise und Löhne genug flexibilisiert, stellt sich das Marktgleichgewicht wieder ein (Jerger 2003: 10).2

Abbildung 1: Determinanten der Arbeitslosigkeit (Modelle)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bean 1994: 576; eigene Grafik

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Heine/Herr 2003: 136; eigene Grafik

Dieser Automatismus ist aber nicht zwingend. Selbst ein Mindestlohnarrangement muss im neoklassisch definierten Modell keine negativen Beschäftigungswirkungen haben (Ragacs 2002: 70). Denkbar ist der „anomale“ Verlauf der Arbeitsangebotsfunktion. Hier kann die Präferenzwahl zwischen Arbeit und Freizeit mehrere Schnittpunkte aufweisen, etwa weil das Einkommensmotiv bei höherem Einkommen nicht dominant ist. Wenn die Lohnsätze unter das Existenzminimum fallen, so werden oft mehrere Jobs angenommen. Dieser Effekt ist aus vielen Entwicklungsländern und für die working poor in den USA typisch. Mit steigendem Lohnsatz kann das Arbeitsangebot im weiteren Verlauf sinken, weil die Subsistenz bei geringerer Arbeitszeit gesichert ist. Elastisch reagiert das Arbeitsangebot im Bereich von wr2. Bei Lohnsätzen im Bereich eines gesetzlichen Mindestlohns kann das Arbeitsangebot dann sogar steigen, weil zusätzliche Konsumwünsche realisiert werden. In dem Einkommenssegment der Besserverdiener werden die Präferenzen eher zugunsten eines größeren Freizeitanteils getroffen und das Arbeitsangebot kann sinken, da die Freizeit einen höheren Nutzen verspricht, als ein zusätzlicher Verdienst. Der „normale“ Verlauf ist so nur bei wr1 und wr2 anzutreffen. Ein staatlich festgelegter, inflationsindexierter Mindestlohn stützt nicht nur die Kaufkraft, sondern löst innovative Schübe aus, weil mehrere Gleichgewichtspunkte bei verschiedenen Technologien möglich sind (Heine/Herr 2003a).

Kritik der neoklassischen Modellannahmen

Im neoklassischen Arbeitsmarktmodell bestimmt nur das Reallohnniveau die Beschäftigung. Es geht dabei um kaufkraftbezogene Löhne, nicht um Nominallöhne.3 Für viele Ökonomen ist der Unterschied unbedeutend, denn sie unterstellen, dass Nominallohnkürzungen unmittelbar zu neuen Reallöhnen (w) führen. Das allgemeine Preisniveau (p) reagiert in einer Wechselbeziehung auf Nominallohnänderungen (w/p), was im Modell vernachlässigt wird (Herr 2002b: 7f.; Kromphardt 1999b). Tatsächlich wird in Tarifverhandlungen über Nominallöhne debattiert, wobei offen bleibt, welcher Reallohn sich entsprechend der Preis- und Lohnniveauentwicklung schließlich ergibt. In der Hartz-Kommission wurde diskutiert, ob Vollbeschäftigung bei drei oder bei sechs Prozent Arbeitslosigkeit erreicht sei (Weimar 2004: 98). Die Diskussion hat eine gewisse Tradition. Auch ist bekannt, dass ein Gleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt wegen der Vielzahl der Präferenzen und Restriktionen (ceteris-paribus-Klausel) nur als Spezialfall anzusehen ist. Für diese Arbeit möchte ich mich auf fünf Kritikpunkte der Arbeitskostenthese beschränken.4

Der erste Kritikpunkt ist, dass Arbeit nicht homogen ist. Sie ist für die Partialanalyse indes unabdingbar, wurde aber innerhalb des Theoriegebäudes versucht auszuräumen. Lohnarbeit weist eine heterogene Qualifikationsstruktur und Motivationslage der Menschen, geschlechtsspezifische und kulturelle Präferenzen, Besonderheiten der Altersstruktur aus. Diesem Argument begegnet die internationale Arbeitsökonomik, indem eine Vielzahl von Gleichgewichtspunkten und Lohnrigiditäten unterstellt werden (Arbeitsschutz, Gewerkschaftsmacht, Effizienzlöhne, Insider-Outsider-Ansatz). Ein Vorzug der neoklassischen Partialanalyse liegt darin, dass jeweils suboptimale Gleichgewichtslösungen für verschiedene Sonderfälle entworfen werden können. Ein walrasianisches Gleichgewicht lässt sich nicht konstruieren, weil weder eine Arbeitsangebots- noch eine Arbeitsnachfragekurve gesamtgesellschaftlich ableitbar sind (short-term view). Lassen sich die Beschäftigungsziele der Hartz-Gesetze langfristig erreichen, indem höherer Arbeitsangebotsdruck zu einer höheren Arbeitsnachfrage führt? Die Vorstellung eines „funktionierenden“ Niedriglohnsektors, wonach ein flexibler Lohnmechanismus automatisch seine Arbeitsnachfrage schaffe, ist nicht realistisch (Saysches Theorem). Zudem zeigt die Anwendung der Spieltheorie, dass es eine Fülle von Erwartungsgleichgewichten und Zuständen wechselseitiger bester Antworten (Nash-Gleichgewicht) geben kann.5 Im Gegenteil können Lohnsenkungen bei Unterbeschäftigungsgleichgewichten die Arbeitslosigkeit noch erhöhen. Darüber hinaus haben Arbeitnehmer wenig Spielraum, auf Veränderungen der Reallöhne flexibel zu reagieren. Wenn der statische Ansatzpunkt zugunsten eines intertemporalen Ansatzes wechselt, dann ist das Ergebnis des Tradeoff zwischen Beschäftigung und Reallohn offen (Hellwig 2004).

Zweitens sind die Modellannahmen nach dem Muster des walrasianischen Auktionators auf einem vollkommenen Markt wie die vollständige Substitutionalität der Produktionsfaktoren und die vollständige Informiertheit der Wirtschaftsakteure theoretisch fragwürdig und lässt sich empirisch nicht durch Fakten erhärten. Arbeitskräfte werden auch bei steigenden Löhnen gesucht, weil es in einer Welt mit vielen Kapitalgütern keine einfache Beziehung zwischen fallenden Reallöhnen und steigender Arbeitsnachfrage gibt (Harcourt/ Laing 1971). Sobald die artifizielle Eingutwelt der Neoklassik verlassen wird, ist dieser Fall theoretisch selbst bei unbegrenzt substitutionalen Produktionsfunktionen mit sinkenden Grenzerträgen denkbar. Die Arbeitsnachfrage ist selbst unter der Annahme fallender Skalenerträge (Ertragsgesetz), einer limitationalen Produktionsfunktion sowie eines festen Kapitalstocks begrenzt (Kaldor 1973). Konstante, selbst steigende Grenzerträge sind theoretisch denkbar und empirisch evident. Auf die lange Sicht sind mannigfaltige Determinanten und Substitutionsbeziehungen wahrscheinlich (long-term approach).

Der dritte Kritikpunkt ist, dass die gewinnmaximale Technologie nicht allein technisch bestimmt ist, sondern von den Inputpreisen definiert wird. Inputpreise, v. a. indirekte Steuern, Rohstoff- und Vorproduktpreise, Lohn- und Kapitalkosten, sind exogen vorgegeben, die Profitrate ist nicht uniform und die Skalenerträge entwickeln sich uneinheitlich (Heine/Herr 2003a: 453-458).6 Hinzu kommt, dass der Lohnmechanismus weder das dominante noch das einzige Allokationskriterium ist (Sesselmeier/Blauermel 1998). Soziokulturelle Faktoren und Präferenzstrukturen beeinflussen etwa das Nachfrageverhalten von Besserverdiener-Haushalten, die selbst bei Billiglöhnen keine oder weitaus weniger Haushaltshilfen nachfragen als erwartet.

Viertens beeinflusst die „gefühlte“ Kostenklemme das Einstellungsverhalten der Arbeitgeber oft stärker als objektive Faktoren (Bizer/Sesselmeier 2004: 46-52; hier: 46). Gewerkschaften und Unternehmer verhandeln bekanntlich nicht über den Reallohnsatz, sondern über die Höhe der Nominallöhne. Lohnnebenkosten - indirekt die Reallöhne - werden exogen (Gesetze, Geldpolitik, Inflation) determiniert (siehe Kapitel 4.3).7 In der Geldökonomie ist der Reallohnsatz so definiert: w/p (w = Stundenlöhne, p = Preisniveau). Preisüberwälzungen verändern nach der Inflationstheorie von Keynes und seinen Nachfolgern den Reallohnsatz nicht. Schließlich wird durch die Lohnhöhe zwar das Preisniveau auf den Gütermärkten festgelegt, aber nicht das Beschäftigungsniveau (Keynes 1955).

Schließlich fünftens: Die Rolle des Arbeitsmarktes für die Volkswirtschaft ist in der neoklassischen Theorie völlig überhöht, wohingegen die Gütermärkte unterschätzt werden. Im keynesianischen Paradigma gibt es eine Markthierarchie. Die Vermögens- und Gütermärkte haben Priorität. Das Beschäftigungsproblem liegt in der mangelnden effektiven Nachfrage und der Frage der Verteilung begründet (Schefold 1995: 39-76; hier: 50 und 73 f.). Die Inlandsnachfrage, Strukturpolitik (Bildung, Infrastruktur-, Energie-, Umweltpolitik), Entwicklung der Arbeitsproduktivität und andere makroökonomische Faktoren werden bei der Bewältigung der Jobkrise vernachlässigt. Gleichwohl erfüllt die neoklassische Arbeitsmarkttheorie – darunter leidet nicht nur die Wissenschaft - eine verteilungspolitische Funktion. Sie wurde als vielköpfige neoklassische Hydra beschrieben, die, als Keynes die General Theory veröffentlichte, drei Köpfe gehabt habe: das Saysche Theorem, die Partialanalyse des Arbeitsmarktes und die Quantitätstheorie. Keynes glaubte, alle drei Köpfe abgeschlagen zu haben: Den ersten Kopf, weil es erhebliche Einwände gegen die Zwangsläufigkeit des Saysche Theorems (Say 1966) gibt, welches eine allgemeine Nachfrageschwäche für unmöglich hält und obsolet wurde durch die Kombination aus Liquiditätspräferenztheorie und effektiver Nachfrage (Kregel 1988: 19). Die Partialanalyse glaubte Keynes durch seine makroökonomische Theorie besiegt zu haben.8 Den dritten Kopf - die Quantitätstheorie - schien durch einen Doppelschlag besiegt zu sein. Denn Keynes wies nach, dass (a) eine Erhöhung der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes nicht zur erhöhten Nachfrage führen muss, weil (b) die Kassenhaltung wächst. Zudem glaubte Keynes nachgewiesen zu haben, dass Nachfragesteigerungen sowohl auf Mengen- als auch auf Preisreaktion beruhen könne.9 Es wuchs mit der Neuklassik ein vierter Kopf nach, den Keynes übersah. Mit der Neuklassik wurde die Annahme rationaler Erwartungen in die Makroökonomie verankert und die Hoffnung verknüpft, die makroökonomischen Aggregate ließen sich als mikroökonomisches Totalmodell fundieren (Kromphardt, in: Autorenkollektiv 1987: 168 f.).

Interindustrielle Verflechtungen, Technikwahl und Lohnstruktur

Die Kritik an der Grenzproduktivitätstheorie ist zu erweitern um die Frage, ob die beidseitige Lohnanpassung oder nur ein downgrading empfohlen wird (Fritsche et al. 2005: 53). Das Hartz-Konzept verspricht sich von Lohnkürzungen und Entkapitalisierung neue Beschäftigungsimpulse.

Basis der Grenzproduktivitätstheorie bildet eine Produktionsfunktion mit abnehmenden Grenzerträgen. Nach Samuelson (1962) kommt es bei einer Lohnsenkung zu einem anderen, ebenso eindeutigen Technikeinsatz, um dasselbe Nettoprodukt zu erzeugen. Hicks (1963) ergänzt, diese Verschiebung der technischen Relation von Arbeit und Kapital in der Produktionsfunktion sei nur dann verteilungsneutral, wenn das Verhältnis der Grenzproduktivitäten bei gegebener Kapitalintensität gleich bleibt. Verteilungsneutralität ist nach Harrod (1956) gegeben, wenn der durchschnittliche Kapitalkoeffizient und die Grenzproduktivität des Kapitals gleich bleiben. Die Beschäftigungsmenge steigt verteilungsneutral, wenn der technische Wandel die Substitutionselastizität zwischen Arbeit und Kapital von eins hat (Siebke 1990: 402-403). Dem wurde in der Cambridge-Cambridge-Debatte (Städte in USA und UK) empirisch und theoretisch widersprochen. Die Lohnkurven sind keine Geraden und der Kapitalstock lässt sich in der Produktionsfunktion nicht messen (Schefold 1995: 22-24). Vielmehr ist der Kapitalstock eines Unternehmens kurz- und mittelfristig fix und an eine bestimmte Ausrüstung gebunden. Die Inputfaktoren werden in einer limitationalen, wenig veränderlichen Relation eingesetzt. Er ist etwa als Maschine nur en bloc einsetzbar, d. h. unteilbar und limitational. Darüber hinaus ist das Bedienungspersonal von der Anzahl und von der Qualifikation klar definiert. Samuelson musste am Ende der Kapitalkontroverse eingestehen, dass es keine eindeutige Produktionsfunktion gibt, d. h. bei sinkender Lohnrate lohnt sich arbeitsintensive Technik nicht notwendigerweise. Daher sinkt der Grenznutzen zusätzlicher Arbeitskräfte bei schlechtem Kapitalauslastungsgrad nicht, sondern bleibt stets gleich. Betriebswirtschaftlich ist die Erkenntnis banal, dass fixe Kosten nur der steigender Auslastung des Kapitalstocks sinken.

Der theoretische Beweis für die Fixkostendegression ist die Krümmung der Lohnkurven entweder konvex oder konkav zum Ursprung. Daraus folgt, dass die gleiche Profitrate bei einer fast unendlich großen Zahl unterschiedlicher Kapitalintensität möglich (Schefold 1976: 169-179). Die aggregierte Arbeitsnachfrage lässt sich theoretisch also nicht herleiten. Der empirische Beweis für den gekrümmten Verlauf der Lohnkurven ist kürzlich anhand des Lohnkurvenvergleichs von Kanada und Deutschland gelungen. Dabei lassen sich anhand von 32 Input-Output-Tabellen aus der OECD-Datenbank eine Vielzahl reverse-capital deepening -Phänomene (RCD) nachweisen (Han 2003: 144-161). Es ergeben sich mindestens acht nationale Switchpunkte (RCD-Phänomene) aus maximal 236 Profitraten mit den Matrizen B und A in der Größe von jeweils 36 x 72. Da der Faktoreinsatz fix ist, haben Lohnsenkungen kurz- und mittelfristig ab einem bestimmten kritischen Niveau folglich keine beschäftigungsfördernde Wirkung.

Dies lässt sich veranschaulichen. Angenommen, eine Firma investiert bei existierenden Reallöhnen und guten Absatzchancen und einem bestimmten Zinsniveau (interest rate) in eine arbeitsintensive Technologie A. Falls die Reallöhne steigen, weicht die Firma definitionsgemäß auf eine Technologie B aus, die weniger Arbeitskräfte erfordert. Eine Lohnsenkung in einer offenen Wirtschaft würde bedeutet etwa, dass die Produktionskosten der deutschen Autoproduktion günstiger sind als die Herstellungskosten in Frankreich, wenn dort ein höheres Lohnniveau herrschen würde. In der neoklassischen Modellwelt, in der nur ein einzelnes Kapitalgut existiert, würde die Beschäftigung in Frankreich fallen, um Kosten zu sparen. Weniger eindeutig ist dies unter der realistischen Annahme, es existierten mehrere Kapitalgüter. Es ist zwar nicht auszuschließen, dass Unternehmen bei den neuen Konditionen auf eine arbeitsintensive Technologie umschwenken (reswitching). Dieses Phänomen des Technikwechsels gibt es dann, wenn sich eine bestimmte Technik zur Erzeugung verschiedener Güter bei unterschiedlichem Zinsniveau als kostenminimal herausstellt. Wenn keine eindeutige Produktionsfunktion existiert, folgt gleichzeitig, dass ab einer bestimmten Lohnhöhe der Profit zu gering wird (Herr 2002b: 12-15). Dieselbe Beschäftigungsmenge ist in diesem Fall einerseits bei sehr niedrigen und sehr hohen Reallöhnen und andererseits bei hohen und niedrigen Zinssätzen möglich. Anders gewendet: Wenn die Produktivitätsraten auf interdependenten Märkten abweichen, dann divergieren die Profitraten in den einzelnen Branchen. Das Feedback der Lohnstruktur auf die Produktionsbedingungen erfolgt mit unterschiedlicher Intensität und zu verschiedenen Zeitpunkten. Die Beschäftigung kann nach Lohnsenkungen steigen oder fallen. Dies trifft die neoklassische Analyse deshalb hart, weil im Ergebnis weder eine aggregierte Arbeitsnachfragekurve, noch ein eindeutiger Anpassungsmechanismus unterstellt werden können (Herr 2002a: 526-532). Erstens verändert ein neues Preisgefüge nicht nur die eingesetzten Mengen. Ein neues Gleichgewicht löst vielmehr neue Preise für Kapitalgüter, neue Techniken und ein neues Beschäftigungsvolumen aus. Die relativen Preise reagieren somit ungleich stark auf die Variation der Technik, denn es gibt wegen unterschiedlich hoher Kapitalintensitäten keine uniforme Profitrate in den einzelnen Wirtschaftsbranchen (Sraffa 1976). Wenn Inputs und Outputs in Preisen berechnet werden müssen, dann kann zweitens die Wirkrichtung von Lohnsenkungen nicht eindeutig bestimmt werden.

Alternativ könnte man statt einer Budgetrestriktion, die auf dem technologischen Gehalt der Produktionsfunktion beruht, wie bei der Verhandlungstheorie eine Preisgleichung heranziehen (Layard/Nickell/Jackman 1991).10 Dabei spielen die Marktmacht der Tarifpartner und Insider-Outsider Überlegungen eine Rolle. Bei fallenden Reallöhnen im einzelnen Betrieb stellen die Betriebe nicht automatisch von einer kapital- zu einer arbeitsintensive Technik um, denn technische, soziale und ökologische Standards werden aus Wettbewerbsgründen erhalten oder überschritten und weltweit entsprechend der Qualitätsstandards eingesetzt (Hoß et al. 1983). Entkapitalisierung kann auch bei Reallohnanstieg auftreten und Technologieschübe müssten schon parallel zu Beschäftigungsschwankungen verlaufen, was selten oder nie zutrifft.11

Nach der Grenzproduktivitätstheorie üben subventionierte Kleinstarbeitsverhältnisse einen durchschlagenden Beschäftigungserfolg aus. Dazu ein Gedankenexperiment, welches sich auf haushaltsnahe Dienste bezieht. Uneinheitliche Bedarfsstrukturen im Bereich sozialer und haushaltsnaher Dienstleistungen, divergierende Einkommens- und Qualifikationsniveaus oder unterschiedlich hohe Kapitalintensitäten sind zunächst zu vernachlässigen. Die Modellwelt beruht auf einer gegebenen Lohndifferenzierung in der jeweiligen Berufsgruppe und einer spezifischen Lohnstruktur. Die Unternehmen sind in dieser Modellökonomie miteinander verflochten, sie tauschen Vorleistungen aus, die in den Produktionsprozess der anderen einfließen. Exemplarisch lässt sich die Computerbranche nehmen, die ihre Produkte an andere Unternehmen und Haushalte verkauft. Warenbeziehungen werden mittels Waren vermittelt (Sraffa 1976).12 Unternehmen maximieren Profite, indem sie ein optimales Faktorverhältnis (Kapital vs. Arbeit) auswählen, um die Kosten der Vorleistungen zu minimieren. Das entspricht dem in der betrieblichen Kostenrechnung üblichen Verfahren. Je arbeitsintensiver diese Arbeitssphären sind, umso stärker kann der Beschäftigungseffekt bei Lohnsenkungen ausfallen.

Was heißt dies für die vorherrschende Profitrate? Nach der herrschenden ökonomischen Sichtweise soll ein sich ausdehnender Niedriglohnsektor alle anderen Löhne der Volkswirtschaft nach unten ziehen und so die Angebotsbedingungen auf breiter Front verbessern. Dieser Transmissionsmechanismus kann bei stabilen Preisen die Wettbewerbsbedingung der Wirtschaftszweige mit einem hohen Anteil von gering Qualifizierten gegenüber jenen Branchen verbessern, die einen hohen Anteil von hoch qualifizierten und gut bezahlten Mitarbeitern haben. Wie sich das neue Verhältnis innerhalb der Produktivitätsraten darstellt, ob und welche Art zusätzliche Beschäftigung resultiert, ist indes ungewiss (Herr 2002a: 524-526). Der Lohnsubventionsmechanismus der Arbeitsmarkt-Instrumente reduziert den Inputfaktor Arbeit kostenmäßig. Je nach dem Lohnanteil, der in den Produkten steckt, hält er indes unproduktive Firmen länger am Leben (Herr 2002a). Geringere Personalkosten in unproduktiven Bereichen sind nicht unproblematisch, wenn der subventionierte Investitionsstau die Produktivität in einem Zweitrundeneffekt weiter nach unten zieht. Dann kann die durchschnittliche Profitrate abrupt fallen. Veränderte relative Preise üben auf die durchschnittliche Arbeitsproduktivität eine gesamtwirtschaftlich unerwünschte Sogwirkung aus, was durch einen Mindestlohn aufzuhalten wäre (Bosch/Weinkopf 2006). Da sich überdies eine aggregierte Arbeitsnachfrage ebensowenig konsistent nachweisen lässt wie die Anpassung des Arbeitsangebotes auf Lohnschwankungen, sind die theoretischen Mängel der Grenzproduktivitätstheorie also auch der Hartz-Strategie unübersehbar.

Effizienzlohn, Insider-Outsider-Theorie, Gewerkschaftstheorie

Lohnhöhe und Arbeitsproduktivität bilden nach der Effizienzlohntheorie einen Zusammenhang (Akerlof/Yellen 1986; Allmendinger/Eichhorst/Walwei 2005: 25; Lazear 2003; Spitz 2004). Die Insider-Outsider-Theorie beschreibt Anpassungsprozesse, die zur Hysterese führen können (Blanchard/Summers 1986; Lindbeck/Snower 2002), aber empirisch und theoretisch umstritten sind (Utecht 2000). Stammbelegschaften lassen sich durch die Lohn- und Statusunterschiede stark motivieren (Shapiro/Stiglitz 1984).13 Der Betriebsalltag verdeutlicht, dass es sich lohnt, produktiv zu sein (Shirking -Modell). Passive Arbeiter, die bei Kontrollen auffallen, werden schneller entlassen und erdulden harte Einkommenseinbußen. Für Fabrikanten bringt es oft wenig, alteingesessene Insider durch Outsider zu ersetzen. Transaktionskosten entstehen durch Rekrutierung, Training und Entlassungskosten infolge von Arbeitsgerichtsverfahren, Abfindung etc. Insidern gelingt es, ihre Machtposition durch berufliche Qualifikation und durch gewerkschaftliche Interessenpolitik zu perpetuieren und sich gegen den Unterbietungswettbewerb von Outsidern zu schützen. So kommt es zu einer Allianz zwischen Beschäftigten und Arbeitgebern, welche die Lohnstabilität und Unternehmensgewinne durch hohe Arbeitsleistung, Arbeitsmotivation und -frieden, geringe Fluktuation der Beschäftigten, niedrige Wiederbesetzungs-, minimale Such- und Einschulungskosten sichert. Die Zusammensetzung der Arbeitnehmer ist daher nahezu homogen, das Verhältnis aber limitational ohne vollkommene Konkurrenz. Aufgrund dieser Marktmacht gelingt es qualifizierten, gewerkschaftlich organisierten Insidern des Arbeitsmarktes leichter, Gehaltsforderungen und bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Outsidern schaffen dies nur bei zunehmender Beschäftigung (Bean 1994: 604).14 Das bestehende Lohndifferenzial, der Kostenunterschied, ist dennoch groß genug, dass die Insider wenig Rücksicht auf die Interessen der nicht-beschäftigten Outsider nehmen müssen (Weber 2003: 60).15 Die Insider-Outsider-Theorie bescheinigt Langzeitarbeitslosen daher schlechte Beschäftigungschancen aufgrund der betrieblichen Machtallianz zwischen Firma und den Insidern.

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1 Vgl. Robert von Heusinger/Kolja Rudzio: Sparen! -Nein, bloß nicht! Interview mit Hans-Werner Sinn und Peter Bofinger. In: Die Zeit, Nr. 21, 13. Mai 2004 (Online-Artikel).

2 Zugrunde liegt dem eine Cobb-Douglas-Produktionsfunktion mit einem konstanten Gewinnaufschlag (mark up) der Güterpreise auf die Stückkosten.

3 Die rechnerische Größe Reallohn ergibt sich aus der Division des Nominallohns durch einen Preisindex (zum Beispiel das Preisniveau der Konsumgüter). Dadurch erhält man einen Indikator für die tatsächliche („reale“) Kaufkraft des Nominallohns. In den Tarifverhandlungen wird stets über den tariflichen Nominallohn verhandelt.

- URL: http://www.legamedia.net/lx/result/match/e9fe7c4716ac5368a4adaf4e0ae96ade/index.php

4 Angelehnt an die Argumentation im Lehrbuch von Heine/Herr 2003: 120-140. (Argumente gegen die neoklassische Arbeitsmarkttheorie zusammenfassend in: Freeman 1992.)

5 Eine Übersicht über neuere Ansätze gibt (Flemmig 1999).

6 Economics of Scale drücken die Kostenreduzierung für jede zusätzlich produzierte Einheit aus.

7 Lohnnebenkosten: Ausgaben für alle Arten von sozialer Absicherung, die nicht Bestandteil des Nettogehalts sind. Tatsächlich lagen die Lohnnebenkosten seit 1988 trotz der deutschen Einigung fast unverändert bei ca. 46 vH - und nicht bei 82 vH, wie manche Verbandsvertreter behaupten (Schönwälder 2003).

8 Eine „Abrechnung“ mit der These, wonach die Arbeitslosigkeit auf eine verfehlte Lohnpolitik zurückführbar sei, findet sich im Anhang zum 19. Kapitel von Keynes: General Theory of Employment, Interest and Money. Dort setzt sich Keynes mit Pigous Theory of Unemployment auseinander und weist nach, dass der Reallohn nicht primär durch Lohnanpassungen bestimmt wird, sondern durch die Beziehung zwischen der Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals und dem Zinsfuß (Keynes 1936).

9 Die Hydra der Antike hatte neun stets nachwachsende Köpfe als Herkules schließlich die Bestie tötete.

10 Die veränderte Blickrichtung konzentriert sich dann auf den zentralen Preismechanismus. In der Preisgleichung wird der Gewinnzuschlag U (mark up) auf die Stückkosten berechnet, was den Stückpreis P = (W * N * U)/Y ergibt, wobei U > l ist und W * N, die Lohnkosten (Lohnsatz mal Beschäftigung). Dies sei die einzige bei der Produktion von Y anfallende Kostenart. Der Stückgewinn beträgt also (U-1) * (W * N)/Y, der Gewinn setzt sich so zusammen (U-1) * W * N. Im Unterschied zum neoklassischen Modell sind die Nominallöhne und die Wachstumsrate der Arbeitsproduktivität exogen bestimmt, also nicht technologisch durch ein Faktoreinsatzverhältnis vorgegeben. Die Arbeitsproduktivität steht im Vordergrund. Sie wirkt auf die Inflationsrate ein, auf die reale Geldmenge und das Realeinkommen, d. h. auf die realen Expansionsmöglichkeiten der Wirtschaft. Wenn die Nominallöhne in derselben Geschwindigkeit wie die Arbeitsproduktivität wachsen, verändern sich die Preise im selben Ausmaß wie der Gewinnzuschlag. Die Preise bleiben demnach konstant (p = 0), wenn der Stückgewinn konstant bleibt (u = 0). Oder anders: die Gewinne wachsen nur mit dem Output, also mit der Rate y. Bleiben die Nominallöhne hinter der Produktivität zurück (w - (y - n) < 0) und der Gewinnzuschlag steigt nicht an (u = 0), dann sinken die Preise: p < 0. Fällt der Gewinnzuschlag und der Nominallohnzuwachs hinter das Produktivitätswachstum zurück, sinken zwar nicht die Preise, aber die Inflationsrate (Flassbeck 1999: 55-56). [w, y, n, p, u sind Veränderungsraten der jeweiligen Parameter.]

11 Argumente gegen die Annahme stochastischer Produktivitätsschocks der real business cycle -Theorien findet man bei (Flemming 1999: 156-177).

12 Diese Modellökonomie untersuchte Piero Sraffa und zeigte, dass sich die Zinsrate (Profitrate) aufgrund des vorgegebenen Verhältnisses von Lohnsatz und Profitrate bildet. Ist eine der Größen festgesetzt, ergibt sich die andere als Residualgröße. Zur längerfristigen Entwicklung der Verteilungsrelationen siehe Kapitel 3.3.

13 S hirking bedeutet, „Bummeln“, das etwa durch private Telefonate, viele Kaffeepausen, Internet-Surfen entsteht. Dieser Ansatz wurde in verschiedenen Automobilwerken umgesetzt (z.B. Gruppenarbeit bei Opel). Der Autor hatte Gelegenheit, die Werke Rüsselsheim und Eisenach zu besichtigen.

14 Ein Beispiel für den gewerkschaftlichen Insider-Ansatz ist der geforderte Tarifbonus in Höhe von 100 € p. a. für Gewerkschaftsmitglieder. Vgl. Eva Roth: Arbeitgeber lehnen Bonus ab. IG-Metall-Zentrale stützt Gewerkschaftsstrategie in NRW. In: FR, Nr. 248, 23. Okt. 2004, S. 11.

15 Ähnliche Unterscheidungen lassen sich bei der BA finden (Insider sind Vermittlungskunden, Outsider sind Betreuungskunden).

Details

Seiten
119
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783668121829
ISBN (Buch)
9783668121836
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v313302
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK)
Note
1,8
Schlagworte
Arbeitsmarkt Arbeitsmarktgesetze Arbeitsmarktreform Lohnsubvention Hartz Deregulierung Grundeinkommen Mindesteinkommen

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Titel: Lohnsubvention gegen Arbeitslosigkeit