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Die Frage der Wahrheit in der Kriegsfotografie. Bilder eines ‚sauberen‘ Krieges als Hilfsmittel zur Legitimation einer Staatsgründung

Hausarbeit 2015 21 Seiten

Soziologie - Krieg und Frieden, Militär

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Bildsegmentanalyse nach Roswitha Breckner

3. Die Bildsegmentanalyse des Bildes ÄDüppeler Schanzen“
3.1. Der Weg des Blickes und erste Eindrücke
3.2. Die ikonische Darstellung
3.3. Die Beschreibung und Interpretation der Bildsegmente
3.3.1. Das erste Bildsegment
3.3.2. Das zweite Bildsegment
3.3.3. Das dritte Bildsegment
3.3.4. Das vierte Segment
3.4. Die Kombination der Bildsegmente
3.4.1. Kombination des ersten und zweiten Bildsegments
3.4.2. Die Kombination des dritten und vierten Segments
3.5. Die Interpretation des Gesamtbildes
3.6. Die perspektivische Projektion und die planimetrische Komposition

4. Einordnung in einen historischen Kontext
4.1. Die Uniformen der Soldaten
4.2. Bestimmung des Krieges von der Fotografie

5. Die Darstellung des sauberen Krieges

6. Fazit

7. Bildquelle

8. Literatur

1. Einleitung

Wenn wir an eine Kriegsfotografie denken, denken wir auch zugleich an grausame Bilder, auf denen verletzte Soldaten und Kriegsopfer abgebildet sind. Jedoch ist es erst seit dem Vietnam- krieg und der zugleich beginnenden Anti-Kriegsbewegung üblich, die harte Realität des Krie- ges zu zeigen. Zuvor in den Kriegen, genau genommen seit Beginn der Fotografie, wurde es hingegen vermieden diese grauenhaften Zustände im Krieg abzubilden. Aber warum war dies so? Dieser Frage - weshalb ein Kriegsbild keinen ‚wahren‘ Krieg abbildet - soll im Folgenden nachgegangen werden. Dafür wird die Methode der Bildsegmentanalyse nach Roswitha Breck- ner angewendet. Diese Methode wird zunächst vorgestellt und anschließend folgt die Analyse eines Kriegsbildes. Als Fotografie wurde das Bild die ÄDüppeler Schanzen“ von Friedrich Brandt aus dem Jahre 1864 ausgewählt. Das Bild gehört zu den ersten Kriegsfotografien Euro- pas, nach dem Krimkrieg und dem Amerikanischen Bürgerkrieg, und ist im Deutsch-Dänischen Krieg entstanden. Nach der Analyse folgt eine Einordnung in den historischen Kontext und die Fragestellung wird beantwortet. Im Fazit werden die Ergebnisse noch einmal festgehalten.

2. Die Bildsegmentanalyse nach Roswitha Breckner

Mit der Methode der Bildsegmentanalyse transformiert Roswitha Breckner visuelle Wahrneh- mungen in beschreibende und interpretierende Sprache ohne dessen bildlichen Sinn zu verlie- ren. Anhand eines Bildbeispiels macht sie deutlich, Äwie mit einer Segmentanalyse rekonstru- iert werden kann, in welcher Weise aus der Beziehung und (formalen) Organisiertheit verschie- dener Bildelemente in einer Gesamtkomposition [...] beim Betrachten (also wahrnehmend) eine Bildgestalt entsteht, die zum Teil bestimmbare, zum Teil unbestimmt bleibende Bedeutungs- und Sinnbezüge in diskursiven Verweisungszusammenhängen generiert“ (Breckner 2012: 143). Die Methode ist dabei auf alle Bilder anwendbar, nicht nur auf Fotografien.

In dem ersten Schritt der Bildsegmentanalyse wird zunächst verfolgt, wie gesehen wird. Dafür wird betrachtet, was als erstes gesehen wird und wie der Blick dann durch das Bild wandert. Darauf folgen der Prozess der Wahrnehmung, dessen verbundene leiblich-affektive Resonanzen und erste Eindrücke. Metaphorische und literarische Sprechweisen können die Wirkung der Bilder noch stärker verdeutlichen.

Im nächsten Schritt wird die ikonische Darstellung zu erfassen versucht. Dafür wird auf Ärein bildliche Aspekte wie Farben, Formen, Linien, szenische Konstellationen, Perspektiven und insbesondere die Komposition der Bildfläche“ (Breckner 2012: 154) geachtet. Diese beiden Schritte führen zur einer Segmentbildung. Mit Segmenten sind Bedeutungseinheiten gemeint, welche das Bild gestalthaft aufbauen. Durch die Bestimmung der Konturen von den einzelnen Segmenten, kommen weitere wichtige Aspekte, die zuvor nicht erkennbar waren, zum Vor- schein. Das gesamte Bild soll zum Schluss in Segmenten aufgeteilt sein. Wie detailliert diese Aufteilung ist, hängt von dem Sinn der Interpretation ab. Es folgt eine Beschreibung und Inter- pretation der einzelnen Segmente, indem verschiedene Lesarten gebildet werden. Anschließend werden die Segmente wieder kombiniert, um so die Lesarten zu bestätigen, auszuschließen oder neue zu entwickeln. Schließlich folgt eine zusammenfassende Interpretation des gesamten Bil- des. In einem weiteren Analyseschritt wird auf die perspektivische Projektion und die plani- metrische Komposition anhand von Feldlinien geachtet. In einem letzten Schritt wird der Bezug zum Kontext hergestellt, dieser kann z.B. durch einen historischen Bezug oder ein Interview erzeugt werden (Breckner 2012: 154ff.).

3. Die Bildsegmentanalyse des Bildes ÄDüppeler Schanzen“

3.1. Der Weg des Blickes und erste Eindrücke

Beim ersten Betrachten des Bildes fiel mein Blick vorne links auf das Rad und wanderte dann nach rechts oben. Anschließend ging mein Blick nach links oben und endete dann in der Mitte des Bildes. Auf der zweiten Abbildung ist dieser Weg eingezeichnet. Es ist zu erkennen, dass meine Augen das Bild fast kreisförmig erfasst haben.

Zuerst fielen mir bei der Fotografie die Räder ins Auge, da sie 2/3 des Bildes in Anspruch nehmen. Da sie jedoch nicht Intakt sind, lässt sich schwer erkennen, wozu sie eigentlich gehö- ren. Sie sehen aus Holz und sehr einfach konstruiert aus, weshalb sie Bestandteile einer Kutsche oder einem anderen Wagen sein könnten. Das Material der Räder und dass es sich bei der Fo- tografie um ein schwarz/weiß Bild handelt, lassen darauf schließen, dass es sich um ein älteres Bild handelt, welches wahrscheinlich Ende des 19./ Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden ist (Bürklin 2015). Als ich dann die Kugeln in der Mitte des Bildes sah, vermutete ich, dass es Kanonenkugeln sind und dass die Holzräder so zu einem Feldgeschütz gehören könnten.

Dann nahm ich erst wahr, dass im Hintergrund einige Menschen stehen. Bei genauerem Betrachten handelt es sich nur um Männer. Sie stehen erhöht auf einem Hügel oder etwas Ähnlichem und sind in zwei Reihen aufgestellt. In der letzten Reihe stehen mehr Männer als in der vorderen. Sie sind fast alle sehr dunkel angezogen und bei den Männern in der vorderen Reihe ist zu erkennen, dass sie Uniformen tragen. Die Art der Uniformen konnte ich jedoch nicht sofort bestimmen. Es könnte sich dabei aber um eine Soldatenuniform handeln, wenn im Vordergrund schon Feldgeschütze liegen. Ein Mann fiel mir besonders ins Auge, da er etwas höher als die anderen positioniert ist und seinen Arm nach rechts oben ausstreckt. Was diese Geste nun genau bedeuten soll, lässt sich schwer deuten.

Ansonsten fiel mir an der Fotografie auf, dass die Landschaft sehr ländlich und aufgewühlt, genauer genommen etwas verwüstet, durch die kaputten Räder wirkte, und zugleich verlassen.

Der Fokus liegt auf den Platz mit den Rädern, daher hat dieser Platz anscheinend eine besondere Bedeutung. Es wirkt als würde er wieder gefunden worden sein, durch die Männer, welche im Hintergrund stehen. Oder aber auch erobert worden sein. Es ist vielleicht ein Schlachtfeld. Es wäre auch möglich, dass die Sieger nicht den Platz erobert hätten, sondern, dass sie ihn siegreich verteidigt hätten. Die Fotografie wirkt dabei gestellt, aufgrund der Anordnung der Männer im Hintergrund, des extra gelegten Fokus auf den zerstörten Platz und der kreisförmigen Blick- wanderung.

3.2. Die ikonische Darstellung

Im nächsten Schritt wird versucht die ikonische Darstellung zu erfassen. Hier fällt besonders auf, dass der Rezipient des Bildes, und somit zugleich der Fotograf, sich in dem verwüsteten Feld befindet und nach oben zu den Männern heraufschaut. Diese haben anscheinend eine erhabene Position. Zugleich fallen sie dort oben mehr auf, als würden sie im Feld stehen. Denn einige Männer stehen links im Feld und sind kaum von der Landschaft und den kaputten Gegenständen zu unterscheiden. Rechts neben den Männern sind einige kaputte Holzpfähle zu erkennen. Anscheinend waren diese ein Zaun. Da die Pfähle fast genauso groß wie die Männer sind, wirken sie so als wären sie weitere Männer. Der Eindruck wird erweckt, dass nun im Hintergrund nicht nur ein paar Männer, sondern ganz viele stehen.

Zugleich sind die Männer in der hinteren Reihe aber in der Mitte des Bildes, zwischen einem Hügel und dem Zaun, positioniert. Die Männer in der vorderen Reihe hingegen stehen einzeln, etwas weiter, aber in gleichen Abständen auseinander, von ganz links nach ganz rechts im Bild verteilt. Vermutlich hat die Anordnung in zwei Reihen auch einen Hintergrund, so wäre es möglich, dass die Männer in der letzten Reihe, da sie höher, als die in der vorderen Reihe stehen, auch einen höheren Rang besitzen. Die Uniformen der Männer unterscheiden sich ebenso in einzelnen Aspekten. So haben einige Männer eine weiße Bauchbinde, oder zwei weiße Streifen, die über die Jacke verlaufen. Ein Mann hat eine weiße Jacke an und ein Mann eine hellere Hose, als die anderen Männer.

Welche Bedeutung diese unterschiedlichen Uniformen und weitere Details des Bildes haben, soll in einem weiteren Schritt geschehen, indem die Bildsegmente eingeteilt werden.

3.3. Die Beschreibung und Interpretation der Bildsegmente

3.3.1. Das erste Bildsegment

Als erstes Segment habe ich das vorderste Rad und dessen dazugehörige Bestandteile ausge- wählt. Wie bereits erwähnt, könnte dieses Rad alleinstehend zu einer Kutsche, einem anderen Wagen oder einem Feldgeschütz gehören. Das Rad ist jedoch nicht mehr intakt. Es ist an einem Pfahl montiert, auf dessen anderer Seite das Rad fehlt. Es scheint so, als ob zwei Balken zu einem weiteren Verbindungsstück führen, an dem ein weiteres Rad angebracht ist. Aber es wäre auch möglich, dass das linke Rad auf den Balken nur aufliegt und es somit zwei Gefährte sind. Somit wäre die Möglichkeit der Kutsche ausgeschlossen. Es könnte aber immer noch ein Wa- gen sein, der von jemanden zu Fuß gezogen wird oder es ist eben ein Feldgeschütz.

Beim genaueren hinschauen wird auch deutlich, dass nur das Verbindungsstück zwischen den Rädern aus Holz gefertigt ist. Die anderen Balken und Räder erscheinen nun eher als würden sie aus Metall oder einem anderen festeren Material bestehen. Wenn dies der Fall wäre, müsste das linke Rad mit etwas sehr schweren getroffen worden sein, damit es kaputt gehen konnte. Mir stellt sich aber die Frage, warum zwei von diesen kaputten Gegenständen aufeinander liegen. Sie wirken sehr groß und schwer transportabel.

Es könnte sich hierbei um einen Angriff auf einem Marktplatz handeln. Auf den Gefährten könnten z.B. Lebensmittel transportiert worden sein und die Händler hätten diese nun dort an- geboten.

Oder es wäre möglich, dass es sich um einen Platz handelt, der schnellst möglich aufgrund eines Ereignisses, z.B. einer Naturkatastrophe, verlassen werden musste und deshalb die Gefährte zurückgelassen worden sind. Die Objekte könnten durch das Ereignis zerstört worden sein oder sie sind veraltet und dadurch mit der Zeit verschlissen.

Eine weitere Möglichkeit wäre, dass es sich um einen Schrottplatz handelt, auf dem diese ka- putten Gefährte landen. Die Kugeln im Hintergrund könnten im Zusammenhang mit dem Marktplatz auch Melonen sein, welche zuvor auf einem Wagen transportiert worden sind. Es wäre aber auch ebenso möglich, dass es sich um Kanonenkugeln handelt, welche zu den Feld- geschützen gehören. Der Boden, auf dem die Gefährte liegen, ist jedoch sehr aufgewühlt und verwüstet. Ein Rad bohrt sich regelrecht in den Boden hinein. Deshalb wäre es sehr nahe liegend, dass es einen Angriff oder sogar eine Schlacht gegeben hat.

3.3.2. Das zweite Bildsegment

Das zweite Segment zeigt nun zwei weitere kaputte Gefährte, mehr von dem Untergrund und den darauf liegenden Trümmern. Der Wagen rechts hinten liegt auf der Seite, aber ist intakter als die beiden aus dem ersten Segment. Die möglichen Lesarten aus dem ersten Segment werden für dieses Segment übernommen. Das Segment zeigt deutlich einen sehr verwüsteten Boden, auf dem etwas passiert sein musste.

Für einen Schrottplatz, liegen zu wenige Gegenstände auf dem Boden. Links in der Ecke sind verschiedene Gegenstände aufeinander gehäuft. Es wirkt eher so als wären Trümmer zusammen gekehrt worden.

Für einen Marktplatz ist der Boden zu uneben, dieser wäre wahrscheinlich gepflastert gewesen. Hier ist nun zu erkennen, dass es sich eher um einen sandigen und somit ländlichen Boden bzw. ein Feld handelt.

Wenn es sich um einen Platz handeln würde, welcher aufgrund einer schnellen Flucht verlassen worden wäre, würde es keinen Sinn ergeben, dass Trümmer zusammengekehrt worden wären. Höchstens wenn nach einiger Zeit dieser Platz wieder aufgesucht und nun aufgeräumt wird. Dies wäre eine mögliche Lesart.

[...]

Details

Seiten
21
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668122086
ISBN (Buch)
9783668122093
Dateigröße
1.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v313408
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld – Fakultät für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Bilderkrieg Kriegsbilder Deutsch-Dänischer-Krieg; 1864; Bildsegmentanalyse; Breckner;

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Titel: Die Frage der Wahrheit in der Kriegsfotografie. Bilder eines ‚sauberen‘ Krieges als Hilfsmittel zur Legitimation einer Staatsgründung