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Erörterung eines nicht-fiktionalen Textes mit zwei Aufgabenstellungen incl. Lösungen. Klausur der Oberstufe

Analyse und Erörterung nicht-fiktionaler Texte am Beispiel „Die hysterische Gesellschaft“ von Michael Horx

Unterrichtsentwurf 2015 16 Seiten

Didaktik - Deutsch - Erörterungen und Aufsätze

Leseprobe

LINK ZUM PRIMÄRTEXT:

Horx, Michael: Die Hysterische Gesellschaft. In: Focus-Online, München 2008.

http://www.focus.de/kultur/leben/essay-von-matthias-horx-die-hysterische-gesellschaft_aid_316404.html

1) Arbeiten Sie die Kerngedanken des Textes heraus und analysieren Sie seine strukturelle und sprachliche Gestaltung.
2) Setzen Sie sich mit dem von Horx beschriebenen Phänomen des „Kristotainment“ auseinander!

Bitte beachten Sie, dass der Schwerpunkt auf der ersten Aufgabenstellung liegt.

In seinem am 07.07.2008 im Focus erschienenen Essay „Die Hysterische Gesellschaft“, der den Untertitel „Warum unsere apokalyptische Weinerlichkeit alles andere als harmlos ist“, trägt, mokiert sich Matthias Horx über die seiner Meinung nach hysterische, überängstliche Gesellschaft.

Horx beginnt mit der These, dass die Welt schlecht sei und immer schlechter werden würde. Dies sei zumindest die Meinung von „Experten“, die die Menschen durch die Medien beeinflussen würden. Er prägt den Terminus der „Angstparolen“ und liefert als Beispiel für eine solche angstmachende Parole die Verarmung. Anschließend bringt Horx eine EU-Definition von Armut an, welche er dahingehend kritisiert, dass sie nicht realistisch sei, da das Gehaltslevel, an dem die Armut gemessen würde, stetig im Steigen begriffen sei. Echte Armut resultiere daraus, dass unqualifizierte Arbeitskräfte weltweit Konkurrenz bekämen. Horx fordert dazu auf, den Blick zu öffnen, das „ganze Bild zu begreifen“, wenn man an dieser Situation etwas ändern wolle – wenn. Weiterhin verweist Horx auf das vom frühen Menschen entwickelte „Alarmsystem Angst“, das in alten Zeiten vor Gefahr und Unbill bewahrt habe. Für Horx resultiert daraus allerdings auch im Zuge der Evolution eine Überempfindlichkeit, gleichsam eine Angst-Hysterie. Als Beispiel liefert er hier die Maya, die Menschen geopfert hätten, um die Naturgewalten zu besänftigen. Dies kritisiert er scharf, er bezeichnet ein solches Verhalten als „Überritualisierung von Angst“. Ein positives Beispiel für eine Reaktion auf eine gesellschaftlich schwierige Situation stellt für ihn Finnland dar, das auf einen wirtschaftlichen Einbruch nüchtern analytisch reagiert habe und den „Übertäter“, nämlich unter anderem mangelnde Bildung, entlarvt habe. Weiterhin prägt Horx den Begriff „Krisotainment“ und meint damit die voyeuristische Medienmaschinerie, die sich auf jede mögliche Gefahr stürzt und diese ausschlachtet. Im nächsten Abschnitt lässt er die Kritiker zu Wort kommen, die dagegenhalten dürften, dass Ermahnungen ja auch stellenweise fruchtbringend seien und zur Verhinderung der vermeintlich unabwendbaren Katastrophe beitragen könnten. Er ermahnt den Leser jedoch, nicht auf zu hohem Niveau zu jammern, sondern vielmehr doch eigentlich ganz zufrieden zu sein mit der relativ ruhigen europäischen Welt, in der wir leben. Horx gibt zu bedenken, dass es das Verdienst vorhergehender Generationen sei, dass unsere Welt so ist, wie sie ist, und dass man dafür auch einmal dankbar sein könne. Er fordert abschließend, dass man sich sehr wohl auf Gefahrendiskurse einlassen soll. Allerdings auf tatsächlich relevante Themen und gänzlich ohne Hysterie, sozusagen „erwachsen“.

Matthias Horx beginnt seinen Essay mit dem von einem Komparativ dominierten Totschlagargument „Die Welt ist schlecht, und sie wird immer schlechter“. Diese Art von Aussage lässt bereits hier eine gute Portion Ironie vermuten. Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn Horx die „Experten“ in Z. 2 in Anführungszeichen setzt. Das Asyndeton in Z. 3 („Leib, Leben, Seele und Menschheit“), das gleichzeitig einen Klimax bildet, sagt aus, dass durch jenes Problem die Menschheit weltumspannend bedroht wird. Die „düsteren Herren“ wirken abgrundtief negativ, ebenso wie die Drohung „Es wird übel enden“ in Z. 4, natürlich alles mit ironischem Touch. Bereits hier lässt sich vermuten, dass der Autor eine Gegenposition zu dem, was er hier ausdrückt, einnimmt. Diese These wird gestützt durch den Neologismus „Angstparole“, den er in Z. 5 einführt. Teilweise in Großbuchstaben und durch Gedankenstriche getrennt werden hier einige dieser reißerischen Angstparolen aufgeführt. Als Fazit zieht der Autor schon hier, dass sich alle aus Wohlstandsangst „in die Hose machen“ (Z. 7) würden. Hier verwendet der Autor nicht nur Umgangssprache, vielmehr nutzt er auch einen kindlichen Jargon, um die übertriebene Angst-Reaktion der Menschen der Lächerlichkeit preiszugeben. Im nächsten Abschnitt (Z. 8-17) wechselt die Sprache zu nüchtern-sachlich. Horx liefert hier eine „EU-Definition von Armut“, die seiner Meinung nach ja nicht sinnvoll ist. Auffällig ist hier die Verwendung von zahlreichen Fremdwörtern, die zumeist aus dem Lateinischen stammen (Z. 11 „per definitionem“, Z. 16 „kommunikativ und kognitiv“). Dadurch wird der Eindruck erweckt, dass der Autor nun – im Gegensatz zu seinen bisherigen Ausführungen, sachlich und vernünftig schreibt – auch inhaltlich. Die Wendung „Global Player“ in Z. 13 wirkt hingegen ironisch – hat man sich doch zuvor bei den Ausführungen des Autors den Friseur um die Ecke vorgestellt. Im nächsten Abschnitt fordert Horx ja einen Blick über den Tellerrand, man müsse „DAS GANZE BILD“ begreifen (Z. 18). Auch dies schreibt er in Großbuchstaben, demnach eine wichtige Forderung. Er untermauert seine These durch die Aussage eine wichtigen „Meister-Melancholikers und Soziologen“, ein Autoritätsargument. Es folgt ein Abschnitt, der eine wissenschaftliche Anmutung hat – Horx referiert hier über den wahrscheinlichen Ursprung unserer Ängste, nämlich den Alltag des Menschen in der Steinzeit. Sätze wie „Im limbischen System entstand ein effektiver Flucht-Kampf-Mechanismus“ (so Horx in Z. 22) zeugen aufgrund der verwendeten Fachsprache von großem Wissen und wirken daher ganz so, als könne man ihnen kaum guten Gewissens widersprechen. Die Asyndeta „Kultur, Sprache, Emotion“ - „Höhlen befestigt, Waffen erfunden, Kleidung hergestellt“ - „Zivilisation, Technologie“ in den Z. 23 -27 weisen im Zuge der Evolution auf eine Weiterentwicklung des Menschen eben weg vom Steinzeitvorfahren hin, der sich vor dem „Säbelzahntiger“ fürchten musste. Dies illustriert der Autor übrigens durch den elliptischen Ausruf „Achtung, Säbelzahntiger!“ in Z. 23/24. Nun beklagt Horx ja die hysterischen Überreaktionen der Menschheit; als Beispiel liefert er im folgenden Abschnitt einen Abriss über die Kultur der Maya und ihre sinnlos-barbarischen Opferrituale, die alle der Angst geschuldet gewesen seien. Nicht nur durch die zahlreichen lateinischen (z. B. Z. 35 „eskalierend“) und griechischen („hierarchisch“, Z. 34) Termini erzeugt Horx hier den Anschein, als verfüge er über großes Wissen und einige Bildung. Auch wirken seine Ausführungen fundiert, offenbar kennt sich der Autor in Geologie und in Ethnologie aus – also ein gebildeter Mensch, dem man kaum zu widersprechen wagt. Als positives Gegenbeispiel – die beiden Abschnitte können somit strukturell als Kontrast zueinander gesehen werden – liefert Horx im Abschnitt Z. 37-49 das Beispiel Finnland, das sich aus einer schweren Krise gänzlich unhysterisch befreit habe. Begriffe wie „ehrlich“ (Z. 39) und „vital“ (Z. 43) zeigen hier, dass Finnland nach Meinung des Autors im wahrsten Sinne des Wortes vernünftig und sinnvoll agiert hat. Horx untermauert seine These durch das Faktenargument, dass heutzutage 95 Prozent der jungen Finnen eine Hochschulzugangsberechtigung hätten. Dies wird durch ein Ausrufezeichen in Klammern noch verstärkt – ein Mittel, das man sonst eher in der Umgangs – Schriftsprache, z. B. beim Chatten, vorfindet und mit dem hier Emotionen erzeugt werden sollen – ein symbolisches „Nicht wahr, lieber Leser“. Weiterhin sieht Horx das Vertrauen als Ressource. Der Begriff „Ressource“ wird hier auf ungewöhnliche Weise verwendet – schließlich sind Ressourcen normalerweise Dinge wie Öl, Wasser und saubere Luft. Die Verwendung im Kontext mit Vertrauen zeigt, welchen Stellenwert der Autor diesem Gefühl einräumt. Der nächste Abschnitt beginnt mit dem Neologismus „KRISOTAINMENT“, der wiederum und Großbuchstaben daherkommt und deshalb umso wichtiger – auch reißerischer – wirkt. Der Begriff setzt sich aus „Krise“ und „Entertainment“ zusammen – also handelt es sich um eine „Krisenunterhaltung“. Anders als im normalen Sprachgebrauch wird in Z. 48 auch keine „Sau“, sondern eine „generalisierte Weltkatastrophe“ durchs „mediale Dorf“ getrieben – die „Sau“ kann ja jeder Leser in Gedanken selbst einsetzen, eine zusätzliche Abwertung dieses Phänomens. Die asyndetische Reihung „Wertezerfall, Neue Armut, Generationenkrieg, Artensterben, Fettleibigkeit, Weltislamismus, Rinderwahn, Feinstaub, Klimakatastrophe, Bankencrash, Managerabzocke“, die zugleich das längste Asyndeton im Text darstellt (Z. 49 - Z. 51), zeigt die Absurdität der Ängste. Betrachtet man jeden dieser Begriffe für sich, so stellt kaum eine der – meist irrationalen – Bedenken eine ernstzunehmende Bedrohung für die Menschheit dar. Hier zeigt Horx die unglaubliche Rührigkeit und Aktivität der „Medienmaschinerie“. Im Folgenden kritisiert er die Journalistin Sandra Maischberger, die ja „EINST kluge Interviews zu führen vermochte“ (Z. 53) und Anne Will, beide stellten ihre „Sofas“ (ein Hinweis auf eine psychiatrische Behandlung?) für populistische – also dem einfachen Volke gefallendes - „Trash-Bashing“ zur Verfügung (Z. 53). Der Begriff „Trash-Bashing“, der gleichzeitig ein Neologismus ist, wird hier zusätzlich durch das rhetorische Mittel des Homoioteleuton und durch die Tatsache, dass es sich um einen „coolen und modernen“ Anglizismus handelt, hervorgehoben. Weiterhin zitiert Horx den Autor Christian Schüle, der den Terminus „Fear Business“ geprägt habe und der als Voraussetzung für das Krisotainment „Geld, Langeweile und Erschütterbarkeit des sozialen Friedens durch […] Angst“ (Z. 55) nenne. Durch dieses Zitat holt sich Horx quasi Unterstützung bei einem Kollegen – ganz im Sinne von „der findet das auch“. Im folgenden Abschnitt (Z. 52-Z.64) lässt Horx endlich scheinbar gönnerhaft die Angstparolen-Befürworter zu Wort kommen. Schon das Repetitio zu Beginn des Abschnitts „Aber, aber“ wirkt allerdings hochironisch und zieht alle nun folgenden Aussagen ins Lächerliche. Die Ausrufe „wir haben gewarnt!“ (Z. 58) und „es diente ja der guten Sache!“ (Z. 59) (obwohl die Prognosen „alle falsch“ waren) wirken daher so, wie vom Autor beabsichtigt. Seine Absicht manifestiert sich auch in den Termini „Zeigefinger“, „Besserwisser“ und „Oberleher“ (Z. 62-63). Hier werden die Überängstlichen wieder der Lächerlichkeit preisgegeben. Horx wendet gar den Begriff der „modernen Schwarzen Pädagogik“ (Z. 61) an – die Schwarze Pädagogik ging mit Strafen, Prügeln und dem Schüren von Ängsten einher. Gegen die Schwarze Pädagogik MUSS der geneigte Leser ja auf jeden Fall sein – denn wer will das schon – also auch gegen ihre „moderne Variante“. Im ersten Satz des nun folgenden Abschnittes „Hunderte von Generationen vor uns lebten kurze, harte Leben in Hunger, Unterdrückung, im Krieg“ (Z. 65) ist nicht nur der elliptische Sprachstil auffällig. Sondern auch die Tatsache, dass die kurzen, abgehackten Wörter und ebendiese Ellipsen ganz wunderbar zum Inhalt – den kurzen, harten Leben – passen. Im Weiteren zitiert Horx den amerikanischen Publizisten Gregg Easterbrook und seine Arbeit „The Progress Paradox“, die, ebenso wie Horx, ein gewisses Maß an Zufriedenheit mit der Situation der Welt und ja – auch Dankbarkeit fordere (Z. 68 ff.). Die nun folgenden Rhetorischen Fragen sollen den Leser mahnen, mit seinem Leben doch eigentlich ganz zufrieden zu sein – nämlich mit einer Welt mit „glücklicheren Ehen, [...] saubererer Umwelt, [...] bescheidenem Wohnstand und [mehr] Selbstbewusstsein“ (Z. 69-71). Nun predigt Horx im wahrsten Sinne des Wortes – er bedient sich eines religiösen Jargons – wer die „Segnungen“ nicht anerkennen wolle, „versündige“ sich. Mit diesem Kniff macht er sich scheinbar über jeden Zweifel erhaben. Nach der Aussage „Nein, dies ist kein Plädoyer für eine heile Welt“ in Z. 74 nimmt er, noch verstärkt durch das einleitende „Nein“, etwaigen Kritikern den Wind aus den Segeln. Er bedient sich dann eines Zitats von Erich Kästner, der ja immerhin allseits geschätzt und beliebt ist:“Die Welt ist nicht gut. Aber sie kann besser werden“ (Z. 74). Der Autor „klagt“ fortfolgend einen „Mindeststandard im Dialog [also quasi in der Unterhaltung, im Umgang] mit der Realität [und] eine Haltung im Umgang mit Gefahren, die [er] erwachsen nennen möchte […] ein“ (Z. 75 ff.). Möchte der Leser also als Erwachsener durchgehen und nicht vielmehr als kleines, dummes Kind, so ist ihm angeraten, den weisen Ratschlägen des Autors zu folgen, die er hier gleichsam - wiederum im elliptischen Sprachstil und asyndetisch - als Lösung anbietet:“Nüchternheit, Augenmaß, ein konstruktiver Wille zur Lösung“ (Z. 77). Im letzten Abschnitt des Textes (Z. 78 – 82) fordert Horx den Leser dazu auf, „den Fernseher ab[zu]stellen [und] den Unsinn nicht mehr [zu glauben]. Durch den gesamten Abschnitt zieht sich ein parataktisch-elliptischer Sprachstil, der hier auch formal wie ein „nüchterner Cool-Down“ nach all den hypotaktischen Ausführungen wirkt – durchatmen, vernünftig sein, lieber Leser! Durch die Schrägstriche zwischen den Angstparolen, die Horx noch einmal nennt, werden ihre Beliebigkeit, Häufigkeit, ja, ihre Austauschbarkeit deutlich. Im letzten Satz fordert Horx den Leser auf, die „Verwalter des Schreckens und [ihre] fanatischen Adepten“ in Zorn zu versetzen, indem man sich eben „erwachsen“ verhält und seinen Ratschlägen folgt.

[...]

Details

Seiten
16
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668127692
ISBN (Buch)
9783668127708
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v313436
Note
Schlagworte
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