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Achtsamkeit. Das buddhistische Konzept in (Erziehungs-)Wissenschaft und Schule

Wissenschaftlicher Aufsatz 2015 20 Seiten

Pädagogik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Achtsamkeit als Konzept
2.1. Was bedeutet Achtsamkeit?
2.2. Entstehung und Weg in die Wissenschaft

3. Achtsamkeit als Bildungskonzept
3.1. Weshalb Achtsamkeit in der Schule?
3.2. „Mindfulness in Education“ in den Vereinigten Staaten
3.2. Achtsamkeit im Klassenzimmer im deutschsprachigen Raum

4. Schlusswort

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Buddha hat erkannt, dass alles Geschaffene vergänglich ist und mahnte zur unablässigen Achtsamkeit. „Die Buddha-Natur ist – vor allem anderen – Achtsamkeit. Die Übung der Achtsamkeit ist die Übung, den Buddha im gegenwärtigen Moment zum Leben zu erwecken. Sie ist der wahre Buddha“ (Thich Nhat Hanh 2000, S. 181).

Bereits in der ältesten überlieferten Stufe des indischen Buddhismus ist die Praxis der Achtsamkeit zu finden. Es handelt sich daher dabei keineswegs um eine neue Erfindung des Westens oder gar um ein geschütztes Patent. Achtsamkeit ist ein Ur-Element des Buddhismus, mithilfe dessen der Ausstieg aus dem unerwünschten Kreislauf der Wiedergeburten befördert werden sollte. Bis heute gilt diese Praxis in fast allen grossen Schulen des Buddhismus als wichtiger Bestandteil (vgl. Zimmermann 2013, S. 9f).

Das wissenschaftliche Interesse und die Forschung zum Thema Achtsamkeit (engl. Mindfulness) stieg während den letzten fünf Jahren exponentiell. Die Neurowissenschaft und die Psychologie bringen jedes Jahr zahlreiche neue Erkenntnisse ans Licht. Aus der Psychotherapieforschung und psychotherapeutischen Praxis ist Achtsamkeit nicht mehr wegzudenken. Die positive Wirksamkeit von praktizierter Achtsamkeit gilt als eindeutig bewiesen (vgl. Mindfulness Research Guide, online).

Es stellt sich nun die Frage nach den Anwendungsmöglichkeiten von Achtsamkeit in Erziehung und Bildung und nach den Möglichkeiten einer Umsetzung an Schulen. Im Rahmen dieser Arbeit soll Achtsamkeitsschulung im schulischen Kontext diskutiert werden.

Was können achtsamkeitsbasierte Programme leisten? Ist diese buddhistische Lehre, ein neues Hoffnungsmodell für unruhige, unaufmerksame und unkonzentrierte Schülerinnen und Schüler, die den Unterricht stören? Falls ja, wie könnte es umgesetzt werden, beziehungsweise wird es bereits umgesetzt?

Für die angemessene Diskussion dieser Fragen wird in einem ersten Teil das ursprünglich buddhistische Verständnis der Achtsamkeit erklärt, sowie die neuesten Forschungsergebnisse und Erkenntnisse vorgestellt. Im zweiten Teil, beziehungsweise dritten Kapitel, wird spezifisch auf Achtsamkeit in der Erziehungswissenschaft und im Bildungssystem Bezug genommen. Einleitend wird, unter Berücksichtigung der bekannten Forschungsergebnisse, das Potenzial von Achtsamkeit im Bildungssystem diskutiert. Danach werden konkrete Beispiele achtsamkeitsbasierter Programme, wie sie in Amerika in Schulen und Sommercamps verbreitet sind, vorgestellt. Darunter das Programm Attention Academy und Still Quiet Place. Kapitel 3.3. widmet sich der Anwendung achtsamkeitsbasierter Programme im deutschsprachigen Raum, in dem das Konzept noch weitgehend unbekannt ist. Vorgestellt wird das laufende Projekt Achtsamkeit in der Schule, kurz AISCHU und die Forschungsbemühungen der Universität Bielefeld.

2. Achtsamkeit als Konzept

2.1. Was bedeutet Achtsamkeit?

„Achtsamkeit“ ist die Übersetzung des Begriffs, der in Sanskrit, Pali, Chinesisch und Japanisch, den verschiedenen Sprachen, in denen der Buddhismus geschrieben wurde, für dieses Konzept verwendet wird (vgl. Wallace 2013, S. 21). Im englischsprachigen Raum wird dafür der Begriff „Mindfulness“ verwendet. Lässt man das online Wörterbuch LEO (online) „Mindfulness“ auf Deutsch übersetzen, so schlägt es „Achtsamkeit“ oder „Aufmerksamkeit“ vor. Umgekehrt, bei der Übersetzung von „Achtsamkeit“ in die englische Sprache werden folgende Substantive zur Übersetzung angeboten: Attentiveness, care, mindfulness und regardfulness (ebd.). Dies kann als erster Hinweis darauf gedeutet werden, dass der Begriff keineswegs eindeutig bestimmbar ist. Das buddhistische Verständnis von Mindfulness, beziehungsweise Achtsamkeit ist primär „die Fähigkeit zur Erinnerung, etwas im Gedächtnis zu behalten und nicht zu vergessen“ (Wallace 2013, S. 21).

Allerdings betont auch Wallace (2013) die Notwendigkeit zu berücksichtigen, dass es nicht die „Eine“, richtige Definition gibt. Es gibt keine Sprache, in der sich ein Wort aus sich heraus definiert – erst durch gesellschaftliche Zuschreibungsprozesse und vor einem Kontext wird die Bedeutung vergeben (ebd.). So überrascht es nicht, dass eine ganze Reihe weiterer Definitionen koexistieren. Wie zum Beispiel die des Oxford English Dictionary (2012), in der Achtsamkeit „mit Verweis auf Yoga-Philosophie und Buddhismus“ definiert wird als „im Moment vollständig gegenwärtig sein, während man sich dieser Gegenwärtigkeit bewusst ist und die Aufmerksamkeit darauf richtet“ (ebd.). Die allermeisten Definitionen gehen von Achtsamkeit als bewusster Wahrnehmung des Momentes aus, schmücken diesen weiter aus oder ergänzen ihn. So, wie Napoli, Krech und Holley (2005): „Mindfulness is the cognitive propensity to be aware of what is happening in the moment without judgement or attachement to any particular outcome“ (S. 99). Obwohl mit fast jeder Publikation auch eine Definition erscheint, sind diese insgesamt überraschend einheitlich. Die Definitionen sind zwar selten deckungsgleich, widersprechen sich aber auch nie. Zumindest konnten im Rahmen dieser Recherche keine Ungereimtheiten aufgedeckt werden. Immer geht es im Kern der Praxis darum „die rein formale und inhaltsneutrale Fähigkeit zum bewussten Beobachten“ zu schulen (vgl. Zimmermann 2013, S. 10, nach Schmithausen 1976, S. 264). Es handelt sich dabei um eine für den Buddhismus sehr typische Übung. Allerdings spielen spezifische Aspekte buddhistischer Denkmuster dabei keine Rolle. Weswegen die Achtsamkeitspraxis auch leicht auf andere Kontexte übertragbar ist. Als inhaltsneutral gilt die Fähigkeit deshalb, weil es zunächst unwichtig ist, welches Objekt beobachtet wird. An erster Stelle steht der Beobachtungsprozess und das Lenken der Aufmerksamkeit an sich – diese werden als Voraussetzung dafür gesehen die eigenen Sinne bewusster unter Kontrolle halten zu können (vgl. Zimmermann 2013, S. 10).

Achtsamkeit ist unmittelbar verknüpft mit einer zweiten Fähigkeit des Geistes, die hier als „Introspektion“ bezeichnet wird, in anderen Publikationen aber auch als „klare Einsicht“, „volle Bewusstheit“ oder „Wachsamkeit“ bezeichnet wird. Introspektion ist eine Bewusstheit, mit der wir uns selber wahrnehmen. Mit „uns“ kann dabei gemeint sein, den eigenen Körper, die eigenen Gedanken, den Atem, die Gefühle usw. Achtsamkeit ist die bewusste Lenkung der Aufmerksamkeit auf einen Moment oder einen Gegenstand, während Introspektion quasi die Funktion der Qualitätskontrolle übernimmt. Wandert die Aufmerksamkeit ab, wird man unachtsam, so wird dies mittels Introspektion registriert und kann somit korrigiert werden. Die Kombination von beidem scheint also durchaus hilfreich und ergänzend (vgl. Wallace 2013, S. 22 - 25).

Achtsamkeit wird in dieser Arbeit verstanden als bewusste Lenkung der Aufmerksamkeit und bewusste Wahrnehmung des Momentes. Welches Ziel dahinter steht und welche Wirkungen nachgewiesen werden konnten, darum geht es im folgenden Kapitel.

2.2. Entstehung und Weg in die Wissenschaft

Wer kennt das nicht, ständig wiederkehrende Gedanken, Vorstellungen, Ängste, Erinnerungen oder Sorgen? „Unser Geist wird häufig von allen möglichen Gedanken und Vorstellungen fortgetragen. Manchmal verweilen wir in der Vergangenheit, dann planen wir die Zukunft, alles läuft durcheinander. Abgelenkt, zerstreut und verwirrt entfernen wir uns von der unmittelbaren Wirklichkeit vor uns“ (Ricard 2013, S. 49).

Achtsam sein bedeutet genau das Gegenteil. Es ist die „Fähigkeit sich des gegenwärtigen Geisteszustandes bewusst zu sein“ und wird auch beschrieben als „Zustand vollkommener Einfachheit“ (vgl. Ricard 2013, S. 50). Dabei ist das eigentliche Ziel seine Gedankenwelt und mit ihr schliesslich die Gefühlswelt und Emotionen unter Kontrolle zu behalten (vgl. a.a.O., S. 53).

Erstmals ist durch Prof. Dr. Jon Kabat-Zinn Ende der 1970-er Jahre ein auf Achtsamkeit basierendes Interventionstraining entwickelt worden. MBSR ist die Abkürzung von Mindfulness-Based- Stress Reduction, dabei handelt es sich zu Deutsch um „Stressbewältigung durch Achtsamkeit“. Dieses Selbsthilfeprogramm wendete sich ursprünglich an chronisch Kranke mit dem Ziel deren Leiden zu lindern. Das Programm wurde als komplementärmedizinische Ergänzung neben der Schulmedizin durchgeführt. Und dies mit enormem Erfolg! Die Lebensqualität der Patienten und Patientinnen stieg an, der Schlaf verbesserte sich und zum Teil nahmen die körperlichen Schmerzen ab. Diese Selbsthilfemethode, die in einem 8-Wochenkurs vermittelt wird, ist mittlerweile das bekannteste und wissenschaftlich meistuntersuchteste achtsamkeitsbasierte Programm. MBSR wird eher als Bildungsprogramm, denn als klinische Intervention beschrieben und ist säkular. Das heisst, es kann ohne religiösen oder spirituellen Kontext ausgeübt werden (vgl. Assmann 2013, S. 59f). Zentraler Inhalt des Programms ist die Durchbrechung des Stresskreislaufs. Stress entsteht durch die Wahrnehmung eines Reizes, der als stressauslösend bewertet wird und eine dementsprechende Reaktion auslöst. „Die eigentliche Stressreaktion findet auf der Ebene der Gedanken, der Körperempfindungen, der Gefühle und des Verhaltens statt“ (Assmann 2013, S. 64). Durch Achtsamkeit werden stressauslösende Reize frühzeitig als solche erkannt und es wird dem Übenden die Möglichkeit gegeben sich für die eine oder die andere Reaktion zu entscheiden. Dadurch gelangt man zu mehr Handlungsfreiheit und schliesslich auch zu einer höheren Lebensqualität (vgl. a.a.O., S. 65). Durch das MBSR-Training können neue Erfahrungen gemacht werden, die eigene Wahrnehmung kann positiv verändert werden und es ist möglich „sich von Automatismen zu lösen und mehr inneren Freiraum zu gewinnen“ (vgl. Assmann 2013, S. 69).

Wie bereits erwähnt gibt es zahlreiche Studien, die die Effekte des MBSR-Trainings wissenschaftlich belegen. Potentiell sind es über 3`000 Studien, wobei nicht alle qualitativ gleich hochwertig sind. Es finden sich aber auch einige Metaanalysen, deren Ergebnisse im Folgenden kurz dargestellt werden.

Chiesa und Serretti (2009) schlossen insgesamt 31 Studien über 1`942 Versuchspersonen mit ein. Dabei konnten sie feststellen, dass MBSR einen moderaten und konsistent positiven Effekt auf die mentale Gesundheit hat, sowohl bei Patienten mit somatischen und milden bis mittleren psychischen Problemen, als auch bei gesunden Teilnehmern und Teilnehmerinnen. Insbesondere zeigte sich ein positiver Effekt auf Aspekte der persönlichen Entwicklung und die subjektiv wahrgenommene Lebensqualität (vgl. S. 593). Auch Grossman, Niemann, Schmidt und Walach (2004) kommen bei ihrer Metastudie über 20 quantitative Interventionsstudien zum Schluss, dass MBSR einer breiten Gruppe von Individuen helfen kann mit ihren klinischen und nichtklinischen Problemen umzugehen (vgl. S. 35).

MBSR zur Stressreduktion ist allerdings nur ein ausgewähltes Programm aus einer ganzen Palette, von dem, was Achtsamkeit zu bieten hat. Flaxman und Flook (2008) haben ein kurzes Review der aktuellen Forschung zusammengestellt. Dieses wird gegliedert in die Kategorien „Gehirn und Immunsystem“, „Beziehungen“, „Klinisch“, „Erziehung“ und „Andere Geist/Körper Übungen“. Beispielhaft werden hier einige der von ihnen zusammengestellten Befunde aufgeführt. So hat Achtsamkeitstraining nicht nur einen positiven Einfluss auf die Fähigkeit erfolgreich soziale Beziehungen aufrecht zu erhalten, es schützt auch depressive Patienten nach der Erholung vor einer erneuten Depression (im Vergleich zu Patienten und Patientinnen, die das Programm nicht durchlaufen haben) und fördert zudem das Empathievermögen. Kinder sind nach der Intervention weniger ängstlich und Lehrerinnen und Lehrer berichteten von einer erhöhten akademischen Leistung (übersetzt aus dem Englischen: „improvement in academic functioning“). Bei Kindern mit der Diagnose ADHS gingen die damit einhergehenden Symptome signifikant zurück. Ausserdem konnte bei allen Kindern höhere Aufmerksamkeit, verbesserte soziale Fähigkeiten und eine reduzierte Testangst festgestellt werden. In einem weiteren Programm, das MBSR und Tai Chi kombinierte berichteten die Schülerinnen und Schüler über eine grössere innere Ruhe, Verbundenheit zur Natur und verbesserten Schlaf nachdem sie das Training absolviert haben. Bei Vorschulkindern und Kindern der Elementarstufe konnten signifikante Verbesserungen in den selbstregulatorischen Fähigkeiten gemessen werden (S. 1- 6).

Auch die Neurowissenschaft liefert immer wieder neue und spannende Erkenntnisse zum Thema. So kann auf klinischer Ebene im Zusammenhang mit Meditation der Abbau von Stresshormonen und die Regulation von Neuromodulatoren körperlicher Entspannung nachgewiesen werden. Mittels Kernspintomografie (MRT) können sowohl funktionelle als auch strukturelle Veränderungen des Gehirns gemessen werden. Die Forschung von Lazar (2013) hat „strukturelle Veränderungen in Hirnregionen aufgedeckt, die für die Steuerung von Emotionen, für das Einfühlungsvermögen und für die Verarbeitung von Erfahrungen“ von Bedeutung sind. Des Weiteren konnten, wie auch schon in anderen Studien, Veränderungen der Dichte der grauen Substanz in der Amygdala nachgewiesen werden. Diese objektiv messbaren Daten untermauern die subjektiven Einschätzungen von Studienteilnehmerinnen und Studienteilnehmern aus anderen wissenschaftlichen Untersuchungen (vgl. Lazar 2013, S. 71 – 80).

Inzwischen existiert eine grosse online Datenbank MRG, ausgeschrieben Mindfulness Research Guide, auf der alle wissenschaftlichen Publikationen, Messmethoden und Interventionen aufgeführt werden. Im monatlich erscheinenden Bericht Mindfulness Research Monthly wird informiert über die aktuell publizierten Artikel zu achtsamkeitsbasierten Interventionen, Korrelationsstudien, Methoden, Reviews und Trials (vgl. MRG, online). Die Anzahl der Publikationen steigt seit 1980 über die Jahre bis heute exponentiell (vgl. Abbildung 1). Alleine im Februar dieses Jahres verzeichnete der Mindfulness Research Monthly (2014) über 51 neue wissenschaftliche Publikationen zum Thema (vgl. S. 1 – 5).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Black, D.S. 2014, S. 487.

Diese Ausführungen zeigen eindrücklich, wie das Thema Achtsamkeit in den letzten Jahren an wissenschaftlicher Beachtung gewonnen hat. Achtsamkeitsbasierte Interventionen haben in der Therapie von psychisch Erkrankten, aber auch chronisch Erkrankten und Krebspatienten bereits fest Fuss gefasst. Die Pädagogik kann nur davon lernen.

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Details

Seiten
20
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668123342
ISBN (Buch)
9783668123359
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v313520
Institution / Hochschule
Universität Zürich – Institut für Erziehungswissenschaften
Note
6
Schlagworte
achtsamkeit konzept erziehungs- wissenschaft schule

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Titel: Achtsamkeit. Das buddhistische Konzept in (Erziehungs-)Wissenschaft und Schule