Lade Inhalt...

Qualitative Einzelinterviews. Was sind die Vor- und Nachteile von nicht-standardisierten und teilstandardisierte Techniken?

Über den (Un-) Sinn einer Strukturierung

Seminararbeit 2012 9 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Nicht-standardisierte und teilstandardisierte Interviews im Vergleich
2.1. Das nicht-standardisierte bzw. narrative Interview
2.2. Die Leitfadeninterviews
2.3. Vor- und Nachteile der beiden Interviewtechniken
2.4. Verschiedene Varianten der Interviewtechniken
2.5. Zusammenfassung

3. Schlusswort

4. Literatur

1. Einleitung

Es gibt kaum eine bessere Möglichkeit an Informationen über die Angewohnheiten, Erlebnisse oder Einstellungen von Menschen zu gelangen, als diese zu fragen. Man könnte sie zwar auch beobachten, aber das ist oft zu aufwendig oder gar unmöglich; etwa wenn Informationen über eine lange Zeitspanne gefragt sind oder wenn sie in der Vergangenheit liegen. Im sozialwissenschaftlichen Bereich machen Interviews deshalb, nach einer Schätzung von Charles Briggs 1986, 90% aller Untersuchungen aus (vgl. Rosenthal 2005, S. 125).

Dabei sind zahlreiche verschiedene Interviewtypen zu unterscheiden. Nebst den quantitativen Befragungen, bei denen die Messergebnisse mit statistischen Methoden ausgewertet werden, gibt es die qualitativen Befragungen. Um diese soll es in dieser Arbeit gehen. Bei den qualitativen Methoden kann eine Einteilung anhand des Grades der Standardisierung gemacht werden. Dabei sind standardisierte, teilstandardisierte und nicht-standardisierte Interviews zu unterscheiden.

Die standardisierten Interviews, zu denen auch die Fragebögen zählen, sind stark strukturiert und lassen dem Interviewer sowie dem Befragten am wenigsten Freiraum. Die Fragen sowie deren Reihenfolge und Antwortmöglichkeiten sind festgelegt. Beim teilstandardisierten Interview wird zwar ebenfalls mit vorformulierten Fragen gearbeitet, ob und in welcher Abfolge sie gefragt werden, darüber entscheidet jedoch der Interviewer. In diesem Zusammenhang sprechen wir von einem Leitfadeninterview. Das nicht-standardisierte Interview, zu welchem auch das narrative Interview gehört, besteht zunächst, im Gegensatz zu den standardisierten Methoden, aus nur einer Frage: Der Erzählaufforderung. Ziel ist es, den Befragten zu einer möglichst ausführlichen Erzählung zu bringen, welche dann auch nicht unterbrochen werden sollte. Erst wenn der Erzähler zu Ende ist, beginnt der Nachfrageteil, in dem gezielt zu weiteren Erzählungen aufgefordert wird (vgl. Rosenthal 2005, S. 137). Die teil- und nicht-standardisierten Interviewtechniken gehören zu den offenen Methoden.

Im deutschen Sprachraum werden die offenen Interviewtechniken bevorzugt, da man sich von ihnen verspricht, die Sichtweisen der Befragten besser erfassen zu können (vgl. Flick 2007, S. 194). „Je niedriger der Grad der Standardisierung, je weniger starr die vom Interviewer oder der Interviewerin vorgegebene Struktur des Gesprächs ist, umso mehr werden die Befragten ihre Perspektive entfalten können (...).“ (Rosenthal 2007, S. 127). Das würde auch bedeuten, dass nicht-standardisierte Interviews gegenüber teilstandardisierten Interviews in dieser Hinsicht bedeutend besser abschneiden. Wenn nicht-standardisierte Verfahren solche Vorteile mit sich bringen, stellt sich die Frage, wieso überhaupt noch mit teilstandardisierten Verfahren gearbeitet wird und wann diese den nicht-standardisierten Interviewtechniken vorgezogen werden.

Im Verlauf dieser Arbeit sollen die beiden offenen Interviewtechniken, anhand der Texte von Rosenthal, Flick und Schütze, verglichen werden, um diese Frage zu beantworten. Aus Notwendigkeit für das spätere Verständnis werden in Kapitel 2.1. und 2.2. zunächst die Grundideen der nicht-standardisierten Interviewführung und der teilstandardisierten Verfahren besprochen. Im darauf folgenden Teil werden die Vor- und Nachteile beider Modelle diskutiert. Das nicht-standardisierte Verfahren wird am Beispiel des narrativen Interviews angeschaut, das teilstandardisierte Verfahren wird von den Leitfadeninterviews vertreten. Mit Sicherheit gibt es noch zahlreiche andere Modelle und Arten der Einordnung, diese werden im Rahmen dieses Essays allerdings nicht beachtet.

2. Nicht-standardisierte und teilstandardisierte Interviews im Vergleich

2.1. Das nicht-standardisierte bzw. narrative Interview

Es gibt mehrere nicht-standardisierte Interviewtechniken, die auf Erzählungen basieren. Das wahrscheinlich bekannteste Vorgehen ist das narrative Interview, das Mitte der 70er Jahre vom Soziologen Fritz Schütze im Zusammenhang mit der Biografieforschung entwickelt wurde (vgl. Rosenthal 2005, S. 126). Dieses wird in diesem Kapitel deshalb stellvertretend für die nicht-standardisierten Interviewtechniken vorgestellt.

Es kann in 3 Phasen unterteilt werden. Die erste beginnt mit der Eingangsfrage, die gleichzeitig eine Erzählaufforderung ist und deswegen möglichst offen formuliert sein soll. Schütze geht sogar so weit, dass er unabhängig vom Thema des Interviews vorschlägt, von Anfang an nach der ganzen Lebensgeschichte zu fragen (vgl. Rosenthal 2005, S. 138). In Kurzinterviews ist es allerdings auch möglich eine eingeschränkte Erzählaufforderung zu formulieren, in der das Thema oder eine Zeitspanne schon angesprochen wird (vgl. Rosenthal 2005, S. 144). Um den Befragten nicht zu irritieren oder zu überfordern, sollte zudem über den Grund bzw. über die Vorgehensweise dieses etwas ungewöhnlichen Interviews aufgeklärt werden.

Im Vergleich zu den Leitfadeninterviews sind in der Literatur zur narrativen Interviewführung wenig instruierende Hinweise zu finden, in denen erklärt wird, nach welchen Kriterien z. B. die offenen Fragen formuliert werden sollen oder wie das Gespräch geführt werden soll (vgl. Rosenthal 2005, S. 130). Auf keinen Fall sollte man den Befragten bei seinen Ausführungen unterbrechen (vgl. Rosenthal, S. 146). Denn das könnte ihn verunsichern oder seinen natürlichen Erzählfluss stoppen (vgl. Rosenthal 2005, S. 139). Erzählungen sind deshalb so wichtig, weil sie den Erzähler in einen Erinnerungsfluss bringen. Seine Geschichte ist somit keine Rekonstruktion aus der Perspektive der Gegenwart mehr. Man verspricht sich davon, dass die Geschichte realitätsnaher und unverfälschter geschildert wird. Zudem treten die sogenannten „Zugzwänge“ des Erzählens in Kraft, die den Erzähler dazu bringen die Geschichte vollständig, zusammenhängend, detailliert und auf den Punkt gebracht zu präsentieren (vgl. Rosenthal, S. 142).

Der Interviewer lässt sich auf die vom Befragten gewählte Themenabfolge ein und sollte versuchen, sich in den Erzähler hineinzuversetzen und keine voreiligen Schlüsse zu ziehen (vgl. Rosenthal, S. 129). Während der Erzählzeit macht sich der Interviewer knappe Notizen, die in der zweiten Phase, im Nachfrageteil, als Leitfaden gebraucht werden (vgl. Rosenthal, S. 147). Erst wenn der Befragte durch eine sog. „Koda“ (z. B. „Nun, das wärs eigentlich auch schon gewesen...“) das Ende seiner Erzählung signalisiert, wird in die Nachfragephase übergegangen. In diesem zweiten Teil werden vom Interviewer anhand seiner Notizen erzählgenerierende Fragen zu den schon angesprochenen Themen gestellt. Der dritte Hauptteil besteht aus „der Aufforderung zur abstrahierenden Beschreibung von Zuständen“, wie Schütze erklärt. Hier geht es im Unterschied zum zweiten Teil vermehrt um argumentative Antworten, die das bereits Erzählte, das noch unklar ist, erklären (vgl. Schütze 1983, S. 285). Rosenthal nennt, anders als Schütze, als dritte Phase den Interviewabschluss. Dieser dient dazu, den Erzählenden wieder zu stabilisieren, damit er die Sitzung wieder mit einem guten Gefühl verlassen kann (vgl. Rosenthal 2005, S. 150f.).

Das narrative Interview gewährleistet ein Maximum an möglicher Offenheit und Flexibilität und ermöglicht dem Interviewer somit optimal auf den Befragten und seine Ansicht einzugehen und ihn im Zusammenhang mit seiner Genese zu verstehen.

2.2. Die Leitfadeninterviews

Das „fokussierte“, das „halbstandardisierte“, das „problemzentrierte“ oder das „Experten“-Interview; es gibt zahlreiche verschiedene Formen, in denen Leitfadeninterviews verwendet werden können. In diesem Kapitel geht es aber erst einmal nur um die allgemeine Konstruktion, die Leitfadeninterviews, im Unterschied zu narrativen Interviews, aufzeigen. Entscheidender Unterschied ist die Arbeit, die in die Vorbereitung gesteckt werden muss. Allgemeines Ziel von Leitfadeninterviews ist „die Fokussierung auf einen bestimmten Gegenstand und seine Bedeutung“ (vgl. Flick 2007, S. 201). Um die richtigen Fragen formulieren zu können, müssen schon im Vorfeld einige Annahmen und Kenntnisse über das zu erfragende Thema in Erfahrung gebracht werden. Es muss entschieden werden, wonach man fragt, wieso man danach fragt, warum man die Frage so und nicht anders formuliert und eine provisorische Reihenfolge der Fragen muss erstellt werden (vgl. Flick 2007, S. 222). Die Fragen an sich können sehr variieren. Meist stellt man zu Beginn des Interviews eher offene Fragen und später die spezifischeren, theoriegeleiteten Fragen (vgl. Flick 2007, S. 204). Während des Interviews richtet sich der Interviewer ganz nach dem Befragten. So entscheidet er ad hoc, welche Fragen er in welcher Reihenfolge stellt und welche Fragen möglicherweise schon beantwortet worden sind. Ebenso ist es ihm freigestellt, wie er auf bestimmte Aussagen während des Gesprächs reagieren soll, ob er sie unterbricht oder nach weiteren Details fragt. Aufgrund dieser Freiheiten spricht man im Zusammenhang mit Leitfadeninterviews von „teilstandardisierten“ Interviews (vgl. Flick 2007, S. 223).

2.3. Vor- und Nachteile der beiden Interviewtechniken

Um abzuwägen, welcher Grad der Standardisierung nun sinnvoller ist, werden in diesem Kapitel die Vor- und Nachteile vom narrativen und vom Leitfaden-Interview diskutiert.

Ein Leitfadeninterview ist immer an eine grosse Vorarbeit gebunden: Der Forscher muss sich schon eingehend mit dem Thema auseinandergesetzt haben, um die richtigen Fragen stellen zu können (vgl. Flick 2007, S. 127). Die nächste Herausforderung stellt sich ihm während des Interviews, in dem er zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Fragen wählen muss (vgl. Flick 2007, S. 1996). Er muss das Gespräch und den Leitfaden ständig überprüfen und aufeinander abstimmen. Dabei könnte der Interviewer der „Leitfadenbürokratie“ verfallen, d.h., dass er sich nur noch schwer von den vorformulierten Fragen zu lösen vermag (vgl. Rosenthal 2005, S. 129). Überhaupt kann der Interviewer leicht in einen Konflikt kommen, wenn die Darstellung des Befragten nicht dem Leitfaden und der Fragestellung entspricht (vgl. Flick 2007, S. 222). Ein weiteres Problem sehe ich dann, wenn der Interviewer, wie Flick rät, ein Thema, das der Befragte scheinbar vermeiden möchte, wieder aufgreift. Der Befragte könnte sich durch weitere Fragen bedrängt fühlen und es könnte ihm unangenehm sein weiterzusprechen (vgl. Flick 2007, S. 197). Zudem besteht generell während des ganzen Gesprächs die Gefahr der Verfälschung durch den Interviewer, da dieser einerseits die Themen einführt und andererseits ständig das „Niveau der Tiefgründigkeit regulieren soll“ (vgl. Flick 2007, S. 198).

[...]

Details

Seiten
9
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668125780
ISBN (Buch)
9783668125797
Dateigröße
631 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v313527
Institution / Hochschule
Universität Zürich – Institut für Erziehungswissenschaften
Note
4.5
Schlagworte
qualitative einzelinterviews vor- nachteile techniken über sinn strukturierung

Autor

Zurück

Titel: Qualitative Einzelinterviews. Was sind die Vor- und Nachteile von nicht-standardisierten und teilstandardisierte Techniken?