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Gottes Besuch bei Abraham. Exegetische Ausarbeitung der Perikope Gen 18, 1 – 16a

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 24 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Text gegliedert in Äußerungseinheiten

3. Textabgrenzung

4. Strukturanalyse
4.1 Strukturübersicht
4.2 Beschreibung der Struktur

5. Inhaltsanalyse
5.1 Aussagegehalt
5.2 Wirkgehalt

6. Kontexteinbettung
6.1 Abraham-Geschichte
6.2 Buch Genesis / Christliche Bibel

7. Theologische Interpretation

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Und Sara lachte“ (Gen 18, 12).

Manchmal ergeht es einem wie Sara. Man bekommt eine Nachricht mitgeteilt, erlebt eine Situation, die so wunderbar und gleichzeitig auch wunderlich, geradezu zu wunderbar ist, um sie einfach aufzunehmen.

Im Seminar „Biblische Figuren in den Chagall – Fenstern von St. Stephan, Mainz“ haben wir uns mit dem Figurenpaar Abraham und Sara beschäftigt. Der Weg der beiden Personen in Genesis wurde in einer Seminarsitzung beleuchtet, Besonderheiten und verschiedene Interpretationen aufgenommen. Daraufhin wurde ein Meditationstext über Abraham und Sara erstellt, der in der Stephanskirche, mit Blick auf die Kirchenfenster Chagalls, vorgetragen wurde. In einem Abschnitt der Fenster bildet Marc Chagall genau die Erzählung ab, die in der Perikope Gen 18, 1-16a übermittelt wird: JHWH erscheint Abraham um dann ihm und Sara einen Sohn zu verheißen. Zuvor wurde vermehrt über die Unfruchtbarkeit des Ehepaares berichtet.

Diese Verheißung war für Sara so unglaublich, dass sie lachen musste. Unabhängig ob es ein erfreutes Lachen oder ein Lachen aus Zweifeln war, löst Gott damit seine Verheißung an Abraham ein, ihn zu „einer großen Nation [zu] machen“ (Gen 12,2). Denn wie sollte sein Name groß gemacht werden, ohne einen Nachkommen?

Im Folgenden soll die Perikope exegetisch aufgearbeitet werden. Dazu wird zuerst der Text gegliedert. Die Abgrenzung des ausgewählten Abschnittes nach vorne und hinten im weiterführenden Text wird daraufhin beleuchtet, ehe es bei der Strukturübersicht darum geht, Verse als Abschnitte zu überführen und größere Teilabschnitte anhand texteigener Merkmale festzulegen. Anschließend werden die zentralen Aspekte des Textes genauer untersucht: die vorliegende Theophanie, die Gastfreundschaft Abrahams und ihre Interpretation im Laufe der Zeit, die Sohnesverheißung eingereiht und verglichen mit anderen Geburtsverheißungen. Bevor es um die Kontexteinbettung geht, soll noch dargestellt werden, was der Text bei seinen Leserinnen und Lesern[1] auslösen soll. Während die Perikope dann in die Abraham- Geschichte eingeordnet wird, soll danach ein Blick auf die Überlieferung und die Auswirkungen und Verweise in die Christliche Bibel und Kunst stattfinden, bevor das Fazit die Exegese abrundet und auch die Diskussionen aus der Seminarsitzung mit einbezieht.

2. Der Text gegliedert in Äußerungseinheiten

1 a Und der HERR erschien ihm bei den Terebinthen von Mamre,

b als er bei der Hitze des Tages am Eingang des Zeltes saß.

2 a Und er erhob seine Augen

b und sah:

c Und siehe,

d drei Männer standen vor ihm;

e sobald er sie sah,

f lief er ihnen vom Eingang des Zeltes entgegen

g und verneigte sich zur Erde

3 a und sagte:

aV Herr,

b wenn ich denn Gunst gefunden habe in deinen Augen,

c so geh doch nicht an deinem Knecht vorüber!

4 a Man hole doch ein wenig Wasser,

b dann wascht eure Füße,

c und ruht euch aus unter dem Baum!

5 a Ich will indessen einen Bissen Brot holen,

b dass ihr euer Herz stärkt;

c danach mögt ihr weitergehen;

d wozu wäret ihr sonst bei eurem Knecht vorbeigekommen?

e Und sie sprachen:

f Tu so, wie du geredet hast!

6 a Da eilte Abraham ins Zelt zu Sara

b und sagte:

c Nimm schnell drei Maß Mehl, Weizengrieß,

d knete

f und mache Kuchen!

7 a Und Abraham lief zu den Rindern

b und nahm ein Kalb, zart und gut,

c und gab es dem Knecht;

d und der beeilte sich, es zuzubereiten.

8 a Und er holte Rahm und Milch und das Kalb,

b das er zubereitet hatte,

c und setzte es ihnen vor;

d und er stand vor ihnen unter dem Baum,

e und sie aßen.

9 a Und sie sagten zu ihm:

b Wo ist deine Frau Sara?

c Und er sagte: Dort im Zelt.

10 a Da sprach er:

b Wahrlich, übers Jahr um diese Zeit komme ich wieder zu dir,

c siehe, dann hat Sara, deine Frau, einen Sohn.

d Und Sara horchte am Eingang des Zeltes, der hinter ihm war.

11 a Abraham und Sara aber waren alt, hochbetagt;

11 b es erging Sara nicht mehr nach der Frauen Weise.

12 a Und Sara lachte in ihrem Innern

b und sagte:

c Nachdem ich alt geworden bin,

d sollte ich noch Liebeslust haben?

e Und auch mein Herr ist ja alt!

13 a Da sprach der HERR zu Abraham:

b Warum hat Sara denn gelacht

c und gesagt:

d Sollte ich wirklich noch gebären,

e da ich doch alt bin?

14 a Sollte für den HERRN eine Sache zu wunderbar sein?

b Zur bestimmten Zeit komme ich wieder zu dir, übers Jahr um diese Zeit,

c dann hat Sara einen Sohn.

15 a Doch Sara leugnete

b und sagte:

c Ich habe nicht gelacht!

d Denn sie fürchtete sich.

e Er aber sprach:

f Nein, du hast doch gelacht!

16 a Und die Männer erhoben sich von dort

3. Textabgrenzung

In der Perikope Gen 18, 1- 16a wird Gottes Besuch bei Abraham erzählerisch ausgeführt. Zimmerli folgend, beginnt mit Kapitel 18 „[…]ein größerer Erzählkomplex, der Kap. 18-19 umfaßt, zu dem auch noch 21, 1-7 gehört“[2]. Beginnend mit der Erscheinung JHWH in Gestalt der drei Männer bei Abraham, der Geburtsankündigung Isaaks und hinführend auf die Vernichtung Sodom und Gomorrhas. Auffallend ist, dass der Text Abraham nicht extra einführt. Vor allem schon in Gen 12 wird Abraham als Person dargestellt und auch in Kapitel 17 ist er die Hauptperson. Ruppert hält für wahrscheinlich, dass ein später Redaktor ein ursprüngliches „Abraham“ durch das Personalpronomen „ihm“ geändert hat, um einen sauberen Übergang von Kapitel 17 zu schaffen[3].

Die Textstelle ist nach vorne klar abgegrenzt: Kapitel 17 hat das Ziel, „ […] die Verheißung an die Väter, die eigentlich Israel gilt, durch die Verbindung mit dem Gebot der Bescheidung fest in der Familie zu verankern“[4]. Dagegen führt Kapitel 18 in ein neues Thema ein: „Gottes Besuch bei Abraham“. Abgesehen davon, findet durch die geographische Angabe „Terebinthen von Mamre“ in Vers 1a ein Ortswechsel statt. Einerseits wird hierdurch auf einen bekannten Aufenthaltsort Abrahams aufgebaut (vgl. Gen 13,18) andererseits wird laut Jericke mit der Einführung des Ortes in Vers 1a gleichzeitig eine Überschrift für das gesamte Kapitel 18 genannt[5]. Auch das Erzählen der Tageszeit in V1b spricht für eine klare Abgrenzung. Ab Vers 9 wird durch die Geburtsankündigung Isaaks eine Verheißung an Sara und Abraham beschrieben. An dieser Stelle werden Verbindungen zum vorhergegangen Kapitel deutlich: Auch in Gen 17,21 ist eine Geburtsankündigung an Abraham vorzufinden. Dadurch kann die Geburtsankündigung an Abraham und Sara auch als Weitergabe der Grundverheißung, des Aufrichten des Bundes angesehen werden[6].

Einen klaren Abschluss der Perikope sucht man hingegen vergebens. Üblicherweise wird hinter V15 oder V16 oder in V16 ein Schluss gesetzt[7]. Jedoch verdankt sich „[…] diese Textabgrenzung eher gattungskritischen als literarkritischen Kriterien“[8]. In Gen 18, 1-16a ist eine Erzählung überliefert, die eindeutig Abraham und Sara betrifft. Jedoch findet diese erst in Vers 33 mit der Rückkehr Abrahams an „seinen Ort“ einen Abschluss[9]. Trotzdem ist es notwendig Kapitel 18 aufzuteilen, da in Vers 16 ein Orts- und Themenwechsel stattfindet und auch der Dialog zwischen Gott und Abraham (Gen 18, 22c-33) einen eigenen Textabschnitt bildet. Anzumerken ist, dass die Ortsveränderung für Ruppert kein Grund ist, einen Einschnitt zu rechtfertigen, da die wesentlich handelnden Personen (JHWH und Abraham) weiterhin erhalten bleiben[10].

Da jedoch erst der Aufbruch der Männer nach Sodom in Vers 16a die Szene zumindest teilweise abschließt und gleichzeitig die neue Szene eröffnet, wird in dieser Exegese das Ende der Perikope verweisend auf Westermann, Ruppert und Letellier[11] auf Vers 16a gelegt. Willi-Plein nennt das Aufstehen der Männer in Richtung Sodom in Vers 16a folgerichtig einen „Scheinabschluss“[12]. Denn es existiert weder ein klarer Schluss noch ein klarer Anfang des neuen Abschnittes.

Somit steht die auszulegende Perikope am Beginn eines größeren Zusammenhangs. In der Vorgeschichte um die Person und das Leben Abrahams kann Kapitel 12 als Beginn gesehen wird. Der nähere Erzählabschnitt, der durch Vers 18,1 eingeleitet wird, beinhaltet Kapitel 19 und Gen 21, 1-7. Der Erzählbogen mit dem Besuch der drei Männer bei Abraham wird erst mit dem Erscheinen der beiden Engel in Sodom bei Lot (vgl. Gen 19,1) fortgesetzt. Das Gespräch Abrahams mit JHWH (Gen 18, 23-32) unterbricht die Erzählung von den Besuchen der Männer bei Abraham und Lot. In der Literatur ist zu dieser Textstelle auch eine Diskussion um die Entstehungszeit zu erkennen[13]. Willi-Plein sieht Gen 18, 1-16a als die „vermutlich älteste[n] Text“[14] an. Festzuhalten ist, dass sich der oben genannte Abschnitt mit dem Gespräch zwischen JHWH und Abraham nicht zu den sonstigen parallelen Strukturen in beiden Kapitel fügt. Diese Parallelität zeigt sich in Sprache und ähnlichen Situationen[15]. Jene drei Männer aus Gen 18,2d stellen dabei eine Brücke zwischen den Kapiteln her, da sie sowohl zu Beginn des 18. Kapitels, als auch im Verbindungsteil (Vers 18,22) und auch (jedenfalls zwei davon) in Gen 19,1 anzutreffen sind[16]. Die Geburtsankündigung Isaaks ist ohne Kontext zu verstehen, bleibt jedoch bis Gen 21, 1-7 unabgeschlossen.

[...]


[1] Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichwohl für beiderlei Geschlecht.

[2] Westermann, Claus, Am Anfang, 1. Mose, (Genesis). Die Urgeschichte – Abraham, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag: 1986, S.196

[3] Vgl. Ruppert, Lothar: Genesis. Ein kritischer und theologischer Kommentar. 2. Teilband: Gen 11,27- 25,18. Würzburg: Echter Verlag: 2002.

[4] Westermann: Am Anfang, 1 Mose, (Genesis), S. 194.

[5] Jericke, Detlef, Abraham in Mamre. Historische und exegetische Studien zur Region von Hebron und zu Genesis 11,27 – 19,38, Boston: Leiden: 2003, S. 156.

[6] Seebass, Horst, Genesis. 2. Vätergeschichten, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag: 1997, S. 115.

[7] Seebass: Genesis 2, S.115.

[8] Ruppert: Genesis, S. 368.

[9] Vgl. Willi-Plein, Ina, Neuer Stuttgarter Kommentar. Altes Testament. 1. Das Buch Genesis. 2. Kapitel 12 -50, Stuttgart: Verl. Kath. Bibelwerk: 2011.

[10] Vgl. Ruppert: Genesis.

[11] Vgl. Letellier, Robert Ignatius: Day in Mamre, Night in Sodom. Abraham and Lot in Genesis 18 and 19. Leiden [u.a.]: Brill, 1995. Westermann: Am Anfang, 1 Mose, (Genesis). & Ruppert: Genesis.

[12] Willi-Plein: Das Buch Genesis, S.84.

[13] Vgl. Ruppert: Genesis.

[14] Willi-Plein: Das Buch Genesis, S. 81.

[15] Vgl. Letellier: Day in Mamre, S. 39.

[16] Vgl. Letellier: Day in Mamre, S. 44.

Details

Seiten
24
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668125889
ISBN (Buch)
9783668125896
Dateigröße
617 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v313543
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Katholisch-Theologische Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
Drei Männer bei Abraham Mamre Gottes Besuch Theophanie Abraham Gott

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Titel: Gottes Besuch bei Abraham. Exegetische Ausarbeitung der Perikope Gen 18, 1 – 16a