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Handlungsorientierung im Unterricht. Allheilmittel oder temporäre Modeerscheinung?

Ursprünge, Merkmale und Begründungen für handlungsorientierten Unterricht

Hausarbeit 2011 17 Seiten

Didaktik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden

Leseprobe

Gliederung

1: Exposition der Problemstellung und methodologische Erörterung
1.1: Problemstellung
1.2: Methodische und inhaltliche Vorgehensweise

2: Begriffsbestimmung und Merkmale des Handlungsorientierten Unterrichts
2.1: Begriffsbestimmung und Definition
2.2: Merkmale handlungsorientierten Lernens (Jank Meyer)

3: Begründungen für handlungsorientiertes Lehren und Lernen

4: Handlungsorientierung im Politikunterricht

5: Historische Wurzeln des Handlungsorientierten Unterrichts

7: Fazit

8: Literaturangaben

9: Internetquelle:

1: Exposition der Problemstellung und methodologische Erörterung

1.1: Problemstellung

Spätestens seit dem Pisa-Schock und andauernder Beschwerden der Wirtschaft über unzureichend qualifizierte Schulabgänger, kommen die Akteure der Deutschen Schullandschaft zu dem Entschluss, dass der traditionelle, meist Lehrerzentrierte Unterricht einer Ergänzung bzw. Änderung bedarf. Als Hoffnungsträger in aller Munde galt und gilt dabei das Prinzip des handlungsorientierten Unterrichts. Dieser viel gebrauchte Begriff hat in den vergangenen Jahren stark polarisiert. Lehrer kritisieren ihn als nicht umsetzbar, andere befürchten eine Vernachlässigung der Unterrichtsinhalte und wieder andere preisen den handlungsorientierten Unterricht als die Lösung der bestehenden unterrichtlichen Probleme. Diese Arbeit versucht nun aufzuzeigen, was das Prinzip des handlungsorientierten Unterrichts bedeutet und worin seine Vor– und Nachteile für die Unterrichtspraxis liegen. Auch soll kurz dargestellt werden, welche Bedeutung Handlungsorientierung im Speziellen für den Politikunterricht haben kann. Es soll der Frage nachgegangen werden, welche Rolle der handlungsorientierte Unterricht in Zukunft einnehmen kann und ob es sich um ein Allheilmittel oder um eher um eine Modeerscheinung handelt.

1.2: Methodische und inhaltliche Vorgehensweise

Meine Arbeit befasst sich zunächst mit Klärung des Begriffs: Handlungsorientierter Unterricht. Es soll eine kurze Definition gegeben werden, um anschließend die genauen Merkmale dieses didaktischen Prinzips zu erläutern. Weiterhin wird dargestellt, welche Begründungen für handlungsorientiertes Lehren und Lernen vorliegen.

Auf dieser Basis wird im Folgenden kurz erläutert, welche Rolle Handlungsorientierung im Politikunterricht spielen kann. Des Weiteren soll ein kurzer Abriss der Geschichte des handlungsorientierten Unterrichts erfolgen um die Historizität dieses Begriffs zu verdeutlichen. Zuletzt möchte ich noch einige Kritikpunkte und deren mögliche Entgegnungen für handlungsorientierten Unterricht anmerken.

In einem abschließenden Fazit möchte ich abwägend beurteilen ob handlungsorientierter Unterricht ein entscheidender Faktor für die Verbesserung der Unterrichtsqualität sein kann, oder ob es sich dabei um eine Utopie der Didaktik handelt.

Im Verlauf dieser Arbeit werde ich nur maskuline Sprachformen verwenden, welche aber immer auch die feminine Sprachform einschließt.

2: Begriffsbestimmung und Merkmale des Handlungsorientierten Unterrichts

„Sage es mir, und ich vergesse es; zeige es mir, und ich erinnere mich; lass es mich tun, und ich behalte es.“

Dieser Grundidee von Handlungsorientierung verlieh bereits der chinesische Philosoph Konfuzius Ausdruck.

2.1: Begriffsbestimmung und Definition

Im Kern geht es bei der Handlungsorientierung darum, dass Schüler durch Handeln und während des Handelns leichter lernen können. Es soll bei den Schülern eine Verknüpfung von Lernen und Handeln geschaffen werden. Lerngegenstände sollen aktiv angeeignet und Erfahrungsräume sollen geschaffen werden. Durch das Handeln und Lernen mit allen Sinnen (Kopf, Hände, Füße, Herz) kann ein größerer und länger anhaltender Unterrichtserfolg erzielt werden.

Im klassischen Frontal- oder fragend entwickelnden Unterricht ist der Schüler meist passives Objekt des Unterrichts, während er beim handlungsorientierten Unterricht zum Subjekt des Unterrichts wird. Die bislang vorherrschende Monokultur an rezeptiven Lernformen soll aufgebrochen werden um auch andere Formen des Wissensaufbaus zu ermöglichen. Der Begriff handlungsorientierter Unterricht gibt schon den Hinweis, dass es sich bei Ihm nur um eine Form von Unterricht handelt, neben dem auch weitere Formen von Unterricht ihre Existenzberechtigung haben. Handlungsorientierter Unterricht muss sich mit anderen Formen des Unterrichts ergänzen, um einen möglichst großen Erfolg zu gewährleisten.

So gibt es also keinen Alleinstellungsanspruch einer Unterrichtsform und auch der Lehrerzentrierte Unterricht hat weiterhin seinen Platz. Es geht nicht um eine vordergründige Umtriebigkeit oder gar eine ,,action- and fun"-Didaktik. Die gemachten Handlungserfahrungen müssen solide und gründliche reflektiert werden und diese Handlungsrückschau ist ein wesentlicher Bestandteil von handlungsorientiertem Unterricht. Es handelt sich dabei also nicht nur um „Learning by Doing“ (Dwey), sondern auch um „Learning by thinking about what we are doing!”[1]

Eine allgemeingültige begriffliche Bestimmung von handlungsorientiertem Unterricht ist nur schwer zu formulieren. Es gibt zahlreiche Arbeiten zu diesem Thema, welche den Begriff jeweils anders akzentuieren. Auch die Vielzahl von unterschiedlichen Merkmalslisten zum handlungsorientierten Unterricht lassen eine eindeutige Definition nur schwer zu. Weiterhin besteht eine enge Verwandtschaft zu Ansätzen wie offener Unterricht, erfahrungsorientierter Unterricht, Freiarbeit oder entdeckender Unterricht, wodurch eine klare Abgrenzung schwerfällt.

Gudjons[2] bezeichnet den Begriff des handlungsorientierten Unterrichts daher als eine Art Sammelmappe für unterschiedliche handlungsorientierte Arbeitsweisen. Für ihn wird Handlungsorientierung als ein Unterrichtsprinzip verstanden, welches bestimmte Merkmale hat, aber theoretisch begründbar ist und in verschiedenen Unterrichtszusammenhängen realisiert wird.

Die wahrscheinlich meist verwendete Definition von handlungsorientiertem Unterricht geben Jank/Meyer:[3]

„Handlungsorientierter Unterricht ist ein ganzheitlicher und schüleraktiver Unterricht, in dem die zwischen dem Lehrer/ der Lehrerin und den Schülern vereinbarten Handlungsprodukte die Gestaltung des Unterrichtsprozesses leiten, sodass Kopf- und Handarbeit der Schüler in ein ausgewogenes Verhältnis zueinander gebracht werden können.“

Diese Definition beinhaltet verschiedene Charakteristika handlungsorientierten Unterrichts, welche im Folgenden näher beschrieben werden sollen.

2.2: Merkmale handlungsorientierten Lernens (Jank Meyer)

1: Schülerorientierung

Handlungsorientierter Unterricht fordert und fördert die Selbsttätigkeit der Schüler. Der Lehrer soll die Schüler möglichst viel selbst erkunden, planen, entdecken und erproben lassen, ohne Ihnen zu viel vorzukauen. Dabei ist die Schülertätigkeit an sich kein Selbstzweck, sondern muss immer ein Erkenntnisinteresse haben, bzw. auf den Aufbau von Handlungskompetenzen abzielen. Die Interessen der Schüler bilden den Ausgangspunkt für die Unterrichtsarbeit und es wird Freiraum geboten damit sich Schüler ihrer eigenen Interessen bewusst werden können. Erfahrungen aus der Alltagswelt können aufgegriffen und durch Handeln im Unterricht ergänzt und neu strukturiert werden. Die Unterrichtsinhalte müssen mit der Lebenswelt der Schüler in Verbindung stehen und nicht isoliert an Fachwissenschaften, Lehrpläne, oder Schulfächer gebunden sein. Handlungsorientierter Unterricht ist demnach auch ein Plädoyer für fächerübergreifendes Lernen. Auch werden Schüler bei der Planung und Auswertung von Unterricht mit einbezogen.[4]

2: Verknüpfung von Kopf-und Handarbeit

Handlungsorientierter Unterricht verbindet Kopfarbeit (Denkprozesse) und Handarbeit in einem ausgewogenen Verhältnis. Beide stehen in einer Wechselwirkung zueinander und sind gleichberechtigt. Die Kopfarbeit wird also nicht der Handarbeit als übergeordnet betrachtet, denn es ist ja gerade die Vorherrschaft von verkopften Unterrichtsformen die aufgebrochen werden soll. „Nur derjenige ist Meister seines Faches, der es in Theorie und Praxis meistert.“[5]

3: Produktorientierung

Die unterrichtlichen Arbeitsprodukte können sowohl greifbarer, als auch geistiger Natur sein und bilden einen unverzichtbaren Bestandteil des handlungsorientierten Unterrichts. Welche Produkte hergestellt werden, wird zwischen Schülern und Lehrer besprochen bzw. ausgehandelt.

Mit diesem Handlungsprodukt können sich die Schüler identifizieren und sie dienen einer selbstständigen Auswertung und Kritik der eigenen Unterrichtsarbeit. Unterrichtsprodukte können hergestellt (Modell, Collage, Zeitung, Leserbrief, Plakat etc.) oder inszeniert (Rollenspiel, Theater, Planspiel, Musik, Tanz, Podiumsdiskussion usw.) werden. Auch die Ausweitung der Produkte zu größeren Projekten wie z.B. Ausstellungen, Aufführungen, Exkursionen etc. ist möglich.

4: Handlungsorientiertes Lernen ist Ganzheitlich

Personal: Der Schüler soll "ganz" angesprochen werden, d.h. mit dem Kopf, aber auch mit dem Herzen (= den Gefühlen), den Händen und allen anderen Sinnen.

Inhaltlich: Die Auswahl der Unterrichtsinhalte erfolgt nicht aufgrund einer wissenschaftlichen Fachsystematik, sondern aufgrund den Problemen und Fragestellungen, die sich aus dem vereinbarten Handlungsprodukt ergeben.

Methodisch: Die gewählten Unterrichtsmethoden müssen ganzheitlich sein. Handlungsorientierte Unterrichtsmethoden sind z.B. Gruppen- und Partnerarbeit, Rollenspiel, Planspiel, Experimentieren, Stationenlernen, Erkunden usw.

Das Projekt wird von Gudjons[6] als die Hochform handlungsorientierten Unterrichts begriffen. In ihm vereint sich eine Vielzahl von Handlungsformen. Wenn sich Lehrer erstmals mit diesem Konzept beschäftigen, sollten sie daher nicht gleich mit der Projektform beginnen. Sinnvoller ist mit einfachen Handlungsformen wie Gruppen-oder Partnerarbeiten zu beginnen und die Komplexität der Aktivierungsformen dann zunehmend zu steigern. Dadurch werden von den Schülern die nötigen Fähigkeiten für einen Projektunterricht Schritt für Schritt erworben.

5: Öffnung der Schule

Die Öffnung der Schule nach innen meint einen Ausbau der Schulkultur, Annäherung zwischen Lehrern und Schülern, Förderung individueller Lernwege und Ausweitung des fächerübergreifenden Unterrichts. Die Öffnung der Schule nach außen meint das Herstellen von Öffentlichkeit um sich einer demokratischen Kontrolle und Kritik auszusetzen. Eine sporadische Exkursion oder ein Praktikum ist also nicht gemeint. Es geht darum, dass Schüler mit ihren Handlungsprodukten an die Öffentlichkeit treten um sich der Kritik zu stellen und um Lob zu erhalten. Eltern, Politiker, ehemaliger Schüler und Fachleute sollen in die Schule geholt werden, um den Unterricht inhaltlich zu bereichern und lebendiger zu gestalten.

[...]


[1] Scherb, Armin, Handlungsorientierung: Ermöglichende Bedingung sinn-voller politischer Bildung S. 179 in Breit Gotthard und Schiele Siegfried, Handlungsorientierung im Politikunterricht

[2] Gudjons, Herbert, 1997: Handlungsorientiert Lehren und Lernen. S. 10

[3] Jank, Werner, Hilbert, Meyer, 2002: Didaktische Modelle S. 315

[4] Vgl.: Schmiederer, Rolf, 1977: Politische Bildung im Interesse der Schüler

[5] Meyer, Hilbert, 2010: Unterrichtsmethoden 2. Praxisband S. 423

[6] Gudjons, Herbert, 1997: Handlungsorientiert Lehren und Lernen

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