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Die Prinzipien der Gerechtigkeit und ihre Konstruktion nach John Rawls. Urzustand und Herleitung

Eine wissenschaftliche Abhandlung anhand von John Rawls‘ „Eine Theorie der Gerechtigkeit“

Hausarbeit 2015 17 Seiten

Jura - Rechtsphilosophie, Rechtssoziologie, Rechtsgeschichte

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Prinzipien der Gerechtigkeit und ihre Konstruktion
2.1 Der Urzustand und sein vernünftiger und fairer Charakter
2.1.1 Der Schleier der Unwissenheit
2.1.2 Die Vernunft der Personen im Urzustand
2.2 Die Grundsätze der Gerechtigkeit bei Rawls
2.2.1 Das erste Gerechtigkeitsprinzip – der Grundsatz der Freiheit
2.2.2 Das zweite Gerechtigkeitsprinzip – das Prinzip der Chancengleichheit
2.2.3 Die lexikalische Ordnung der zwei Grundsätze der Gerechtigkeit
2.2.4 Das Differenzprinzip
2.3 Exkurs: Zur Kritik an der Gerechtigkeitstheorie von Rawls

3 Fazit

4 Quellenverzeichnis

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Gerechtigkeit bedingt Freiheit und beschränkt sie zugleich.“

Ernst Reinhardt

Diese wissenschaftliche Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema der Gerechtigkeitsprinzipien des Werkes „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ von John Rawls. Dabei wird zunächst im ersten Kapitel eine Darlegung des Urzustands vorgenommen. Im Einzelnen stellt sich das wie folgt dar. Zuerst werden einige allgemeine Charakterisierungen des Urzustandes vorgenommen. Im Anschluss wird der Schleier des Nichtwissens, welcher über den Personen im Urzustand liegt, beleuchtet und seine Notwendigkeit für die Theorie geklärt. Darauffolgend werden die Personen des Urzustandes selbst auf ihre Funktion untersucht. Im zweiten Kapitel werden die Gerechtigkeitsprinzipien in den Fokus gerückt. Hier ist zunächst eine Beschreibung des ersten und – daran anknüpfend – des zweiten Gerechtigkeitsprinzip essentiell. Nachfolgend wird die Vorrangigkeit der beiden Grundsätze von Gerechtigkeit thematisiert. Dabei rückt der Begriff der Freiheit in der Theorie von Rawls unmittelbar in den Mittelpunkt dieser Arbeit. Dieses zweite Kapitel wird mit einer Ausführung des Differenzprinzips abgeschlossen. Das dritte Kapitel gestaltet sich als eine Art Exkurs, der einen kurzen Überblick über mögliche Kritikpunkte an der Gerechtigkeitstheorie von Rawls aufzeigen soll.

Bevor jedoch zum Hauptteil übergegangen werden kann, sollte kurz der Autor von „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ und das Werk selbst in den Blickpunkt der Arbeit gerückt werden. John Rawls war einer – oder vielleicht sogar – der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Er war US- amerikanischer Staatbürger und lebte von 1921 bis 2002. Sein Arbeitsfeld lag fast vollkommen im Bereich der normativen praktischen Philosophie. Sein Ziel war es, ein realistisches Vorbild einer beständigen und gerechten Gesellschaft mit einem politischem Umgang zu schaffen, der zwischen freien und gleichen Personen stattfindet. Auch sein Hauptwerk „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ von 1971 ist von diesem Ziel geprägt.[1] Durch dieses Werk erreichte Rawls einerseits die Wiederbelebung der politischen Moralphilosophie, genauer „des Gesellschaftsvertrags [, welcher seine] Hochkonjunktur im 17. und 18. Jahrhundert erlebt hatte und seitdem schon fast wieder in Vergessenheit geraten war.“[2] Andererseits konnte durch „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ der Utilitarismus als führende Theorie der Moral abgesetzt werden. Außerdem wurde mit diesem Werk letztlich die neue Aufgabe der heutigen politischen Philosophie manifestiert. Diese besteht seitdem in der Schaffung einer Theorie, in der eine Möglichkeit gefunden werden soll, neben einer Regelung der Freiheiten und der Sicherung des gesellschaftlichen Zusammenlebens, auch die Gerechtigkeit mit samt der Verteilung der wirtschaftlichen Gütern zu sichern und Chancengleichheit zu ermöglichen.[3]

2 Die Prinzipien der Gerechtigkeit und ihre Konstruktion

In der Theorie von John Rawls, die Gerechtigkeit als Fairness sieht, werden in einer Gesellschaft ausgetragene, politische Auseinandersetzungen betrachtet. Diese sollen ferner – soweit es möglich ist – gelöst oder zumindest dahingehend gemildert werden, dass eine respektvolle Zusammenarbeit auf politischer Ebene in einer Gesellschaft verwirklicht werden kann. Die freien und vernünftigen Personen in dieser Kooperation sollen Prinzipien der Gerechtigkeit ausarbeiten, auf welche sie sich gemeinsam verständigen können.[4]

Aus den Ansprüchen der Mitglieder einer Gesellschaft, wie das Anrecht auf Freiheit und das Anrecht auf Gleichheit, resultiert Konkurrenz und damit auch die bereits erwähnten Dispute. Um diesen Konflikten aus dem Weg zu gehen und allgemeingültige Grundsätze der Gerechtigkeit zu entwickeln, bedient sich Rawls in seiner Theorie einer gesellschaftlichen Utopie – dem Urzustand.[5] Bevor also die Gerechtigkeit und ihre Prinzipien in der Theorie Rawls fokussiert werden können, soll zunächst der Urzustand betrachtet werden. Genauer wird dabei seine Beschaffenheit erläutert und inwiefern dieser zur Wahl von allgemeingültigen Gerechtigkeitsprinzipien führt.

2.1 Der Urzustand und sein vernünftiger und fairer Charakter

Bei dem Urzustand handelt es sich – wie das bereits verwendete Wort „Utopie“ vermuten lässt – um ein abstraktes Gebilde, welches weder einem real existierenden Staat, noch einer solchen Gesellschaft gleicht und somit ein Gedankenexperiment ist.[6] Das Vorgehen, mit welchem der Urzustand konstruiert wird, entspricht dabei „einer bekannten Methode der Gesellschaftstheorie“[7]. Bei dieser wird eine Situation dargestellt, die stark simplifiziert wurde und in der vernunftbegabte Personen aus diversen, möglichen Handlungsoptionen wählen müssen. Diese Personen stehen dabei in einem gewissen Bezug zueinander und verfolgen feststehende Ziele. Die Optionen der möglichen Handlungen werden dann durch Deduktion aus den eigenen angestrebten Zielen und Überzeugungen abgeleitet.[8] Dabei soll also im Urzustand von Rawls ein fair geregelter Kontrakt ermöglicht und sich darauf geeinigt werden.[9] Die „Gerechtigkeitsprinzipien (siehe 2.2) sind das Ergebnis einer [solchen] rationalen Einigung unter fairen Bedingungen“.[10] Aber was meint Rawls mit „fairen Bedingungen“? Für Rawls gilt es als „fair“, wenn ein gesellschaftliches System, in dem sowohl persönliche Beschränkungen, als auch Vorteile für alle entstehen, gesamtgesellschaftlich Gültigkeit besitzt. Mit anderen Worten, wenn man anderen die Pflicht zuträgt, sich an gewisse Vorschriften zu halten, ist man selbst ebenfalls verpflichtet diese einzuhalten.[11] Doch inwiefern können im Urzustand faire Bedingungen für alle gewährleistet werden, welche die Gerechtigkeitsprinzipien wählen? Dies bildet das Kernstück der Theorie von Rawls und rückt im Anschluss an diesen Teil der Arbeit in den Fokus?[12]

2.1.1 Der Schleier der Unwissenheit

Faire Bedingungen können im Urzustand von Rawls nur auf Grund des Schleiers der Unwissenheit garantiert werden. Durch diesen Schleier des Nichtwissens sollen die situativen Umstände der einzelnen Personen angeglichen und so verhindert werden, dass persönliche Vorteile geschaffen werden.[13] Die Personen hinter diesem Schleier haben keinerlei Kenntnis über ihre gesellschaftliche und individuelle Lage oder welche Begabungen, Veranlagungen oder moralischen Ideale sie besitzen. Auch ihre Stellung innerhalb des gesellschaftlichen Gefüges ist ihnen vollkommen unbekannt. Dennoch sind sie gezwungen, die Prinzipien der Gerechtigkeit zu erwählen. Der Schleier des Nichtwissens erfüllt hier mehrere Funktionen. Durch ihn sind die Personen in Bezug auf die Wahl der Gerechtigkeitsgrundsätze alle in derselben Position und befinden sich in einer Art Symmetrie zueinander. Das heißt, alle Menschen haben dieselben Rechte, sodass keiner besondere Privilegien fordern kann. Der Schleier der Unwissenheit stellt also sicher, dass keiner zu seinem eigenen Gunsten Einfluss auf die Wahl der Prinzipien nehmen kann, sodass alle Menschen vollständig gleich sind. Freilich ist auch der Schleier der Unwissenheit genauso wie der gesamte Urzustand nur ein gedachtes Gebilde.[14] Trotzdem ist er wesentlich für die Theorie von Rawls. Erst durch den Schleier des Nichtwissens ist es den Personen im Urzustand möglich rationale Entscheidungen zu treffen, die nicht auf Grund von eigenen Zielen beeinflusst werden. Also sind die Prinzipien, die irgendeine Person im Urzustand und unter dem Schleier der Unwissenheit wählt, dieselben wie die, welche von jeden anderen gewählt werden würden, sofern dieser sich in denselben bedingenden Umständen befände. Die Auswahl der Grundsätze der Gerechtigkeit im Urzustand wird also von freien, gleichen Personen getroffen. Diese Eigenschaften erhalten die Personen des Urzustands nur durch den Schleier des Nichtwissens, sodass dieser essentiell für die Schaffung der fairen Bedingungen und die dadurch gewählten, gerechten Grundsätze ist.[15] Der Schleier der Unwissenheit veranlasst die Personen des Urzustandes, „von ihren je spezifischen Interessen, Merkmalen und Konzeptionen des guten Lebens zu abstrahieren und die Gesellschaft so zu gestalten, daß sie […] als gerecht“ empfunden werden muss.[16]

2.1.2 Die Vernunft der Personen im Urzustand

Neben dem Schleier des Nichtwissens ist für den Urzustand und die Personen, die in diesem eine Entscheidung über die Prinzipien der Gerechtigkeit treffen müssen, noch ein weiteres Charakteristikum zu beschreiben. Rawls setzt nämlich voraus, dass es sich bei den Personen des Urzustandes um Menschen handelt, die vernünftig sind. Wenn die Vernünftigkeit zum Schleier der Unwissenheit tritt, bedeutet dies, dass die Personen einen Vernunft geleitetes Konzept für das Leben besitzen, dieses aber nicht im Detail kennen. Sie können also nicht auf der Basis von genauen Wünschen, Vorstellungen oder Zielen die Grundlagen für die Gerechtigkeit wählen, sondern diese nur über objektive Grundannahmen bestimmen. Eine objektive Grundannahme besagt, dass die Personen im Urzustand grundsätzlich annehmen, dass sie dazu neigen, eher mehr Grundgüter anzuhäufen als weniger. Zudem sind sie sich bewusst, dass es oberste Priorität hat ihre Freiheiten zu bewahren. Dies ist notwendig, um das eigene Lebenskonzept, welches freilich nicht detailliert bekannt ist, zu bewahren und zu verfolgen.[17]

[...]


[1] Gosepath, Stefan: John Rawls. Gerechtigkeit. S. 811/ 812.

[2] Ebert, Thomas: Soziale Gerechtigkeit. S. 223/ 224.

[3] Gosepath, Stefan: John Rawls – Gerechtigkeit. S. 813.

[4] Niedringhaus, Sönke : Die Rechtfertigung politischer Gerechtigkeit. S. 92. Und: Schlinke, Harald: Soziale Gerechtigkeit und Versicherung. S. 35.

[5] Niedringhaus, Sönke : Die Rechtfertigung politischer Gerechtigkeit. S. 92/ 93. Und: Schlinke, Harald: Soziale Gerechtigkeit und Versicherung. S. 35/ 36.

[6] Niedringhaus, Sönke : Die Rechtfertigung politischer Gerechtigkeit. S. 93.

[7] Rawls, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit. S. 141.

[8] Rawls, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit. S. 141.

[9] Kersting, Wolfgang: Die politische Philosophie des Gesellschaftsvertrages. S. 268.

[10] Kersting, Wolfgang: Die politische Philosophie des Gesellschaftsvertrages. S. 268.

[11] Rawls, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit. S. 133. Und: Ebert, Thomas: Soziale Gerechtigkeit. S. 224.

[12] Kersting, Wolfgang: Die politische Philosophie des Gesellschaftsvertrages. S. 269.

[13] Rawls, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit. S. 159. Und: Hinsch, Wilfried: Gerechtfertigte Ungleichheiten.S. 56.

[14] Hinsch, Wilfried: Gerechtfertigte Ungleichheiten. S. 56.

[15] Hinsch, Wilfried. Gerechtfertigte Ungleichheiten. S. 57.

[16] Heidenreich, Felix: Theorien der Gerechtigkeit. S. 118.

[17] Rawls, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit. S. 166. Und: Schaber, Thomas: Globale Gerechtigkeit. S. 27.

Details

Seiten
17
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668131552
ISBN (Buch)
9783668131569
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v313611
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Erziehungswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
John Rawls Eine Theorie der Gerechtigkeit Urzustand Gerechtigkeitsprinzipien Schleier des Nichtwissens Schleier der Unwissenheit Gerechtigkeitstheorie

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