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Der Holocaust als autobiographisches Narrativ

Magisterarbeit 2004 87 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Die Holocaust-Autobiographie als literarische Form

3. Die Autoren
3.1 Primo Levi
3.2 Hermann Langbein
3.3 Elie Wiesel
3.4 Ruth Elias
3.5 Ruth Klüger
3.6 Solly Ganor

4. Kurzvorstellung der Autobiographien
4.1 Primo Levi: Ist das ein Mensch? (1947)
4.2 Hermann Langbein: Die Stärkeren (1949)
4.3 Elie Wiesel: Die Nacht (1958)
4.4 Ruth Elias: Die Hoffnung erhielt mich am Leben (1988)
4.5 Ruth Klüger: weiter leben. (1992)
4.6 Solly Ganor: Light One Candle (1995)

5. Adressaten und Schreibanlass
5.1 Ist das ein Mensch?
5.2 Die Stärkeren
5.3 Die Nacht
5.4 Die Hoffnung erhielt mich am Leben
5.5 weiter leben
5.6 Light One Candle
5.7 Fazit

6. Aufbau, Form und Sprache
6.1 Ist das ein Mensch?
6.2 Die Stärkeren
6.3 Die Nacht
6.4 Die Hoffnung erhielt mich am Leben
6.5 weiter leben
6.6 Light One Candle
6.7 Fazit

7. Untersuchung einiger Themen
7.1 Religion
7.1.1 Ist das ein Mensch?
7.1.2 Die Stärkeren
7.1.3 Die Nacht
7.1.4 Die Hoffnung erhielt mich am Leben
7.1.5 weiter leben
7.1.6 Light One Candle
7.1.7 Fazit
7.2 Eltern und Familie
7.2.1 Ist das ein Mensch?
7.2.2 Die Stärkeren
7.2.3 Die Nacht
7.2.4 Die Hoffnung erhielt mich am Leben
7.2.5 weiter leben
7.2.6 Light One Candle
7.2.7 Fazit
7.3 Informationen / Leben während des Holocaust
7.3.1 Ist das ein Mensch?
7.3.2 Die Stärkeren
7.3.3 Die Nacht
7.3.4 Die Hoffnung erhielt mich am Leben
7.3.5 weiter leben
7.3.6 Light One Candle
7.3.7 Fazit

8. Zusammenfassung

9. Literaturverzeichnis
9.1 Primärliteratur
9.2 Sekundärliteratur
9.3 Abbildungen

1. Einleitung

In seinem Aufsatz „Wir haben ja im Grunde nichts als die Erinnerung. Ruth Klügers >weiter leben< im Kontext der neueren KZ-Literatur“[1] unterscheidet Christian Angerer die autobiographische Aufarbeitung des Holocausts in zwei, sich grundlegend unterscheidende, Generationen.

Die „erste“ Generation der KZ-Literatur, also die Bücher, die kurz nach Ende des zweiten Weltkrieges entstanden sind:

Die frühen Berichte standen unter dem drängenden Imperativ, detailliert Zeugnis abzulegen von den Leiden der Opfer und den Verbrechen der Täter. Unter der „Hypothek des Überlebthabens“ liehen die Berichterstatter den ermordeten Mithäftlingen ihre Stimme und bemühten sich um eine „objektive Darstellung“ der Lagerrealität.[2]

Und die „zweite“ Generation, also die Bücher, die erst Jahrzehnte später entstanden sind, und auf deren Autoren diese „Hypothek“, Angerers Meinung nach, nicht mehr laste. Der Holocaust sei, beziehungsweise sollte, jedem ein Begriff sein, und es sei nicht mehr nötig der

… sich oft hinter Ahnungslosigkeit oder Ungläubigkeit verschanzenden Bevölkerung die Verbrechen in den nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern glaubhaft zu machen …[3]

Dies sei der wesentliche Unterschied zwischen der KZ-Literatur der ersten und der zweiten Generation – musste die erste noch Zeugnis ablegen, und deshalb das Grauen bis ins kleinste Detail schildern, um das Unvorstellbare vorstellbar zu machen, so könne die zweite Generation dieses Wissen voraussetzen. Während in der ersten Generation das ‚Ich’ des Autoren, die Gedanken, Gefühle, der Hintergrund, die Geschichte, die Familie und Freunde keinen Platz finden konnten, da sie, vor dem Hintergrund des Erlebten und der Pflicht des Berichtens, geradezu banal erscheinen mussten, könne sich die zweite Generation, von all diesen Pflichten befreit, viel mehr der persönlichen Erfahrung widmen.

Die erste Generation versuche noch, anstatt ihre eigene Geschichte zu erzählen, diese nur als Beispiel für die Gesamtheit der KZ-Erfahrungen zu sehen:

Ausgehend vom konkreten persönlichen Erlebnis, setzen sich die beeindruckendsten der frühen Berichte zum Ziel, den allgemeingültigen Gehalt der persönlichen Erfahrung zu destillieren.[4]

So müsse man sich auch die große Lücke zwischen den zwei Wellen der KZ-Literatur erklären – zuerst musste berichtet werden, und dies taten Menschen wie Primo Levi, Jean Amery oder Elie Wiesel – erst später dann, nachdem etwas Abstand zu den Ereignissen gewonnen war, war es möglich, auch über persönliche, und scheinbar banale Ereignisse aus den Konzentrationslagern zu berichten. Er fasst dies so zusammen:

Die Entlastung von der primären Zeitzeugenpflicht, die Grundzüge der Ereignisse in den Lagern zu dokumentieren, schafft in der Erinnerung und im Text Freiraum für das zutiefst Persönliche, Private, Nicht-Verallgemeinerbare. An die Stelle einer „Wesensbeschreibung der Opfer-Existenz“ tritt der nicht zu typisierende Einzelfall des Opfer-Seins mit all seinen Besonderheiten und Absonderlichkeiten.[5]

Diese Hypothese werde ich in dieser Arbeit überprüfen.

Hierzu werde ich sechs Autobiographien von Holocaust-Überlebenden untersuchen und vergleichen – drei Autobiographien, die kurz nach Kriegsende geschrieben wurden: Primo Levi: Ist das ein Mensch? (1947), Hermann Langbein: Die Stärkeren. Ein Bericht aus Auschwitz und anderen Konzentrationslagern (1949), Elie Wiesel: Die Nacht (1958) und drei Autobiographien, die in den Achtziger bzw. Neunziger Jahren entstanden sind: Ruth Elias: Die Hoffnung erhielt mich am Leben. Mein Weg von Theresienstadt und Auschwitz nach Israel (1988), Ruth Klüger: weiter leben. Eine Jugend (1992) und Solly Ganor: Light One Candle. A Survivor’s Tale from Lithuania to Jerusalem (1995).

Ich werde zunächst die Autoren und die Autobiographien kurz vorstellen. Dann werde ich die Adressaten, den Schreibanlass und den technischen Aufbau untersuchen und darstellen. Und schließlich, anhand von einigen Themen wie Religion, Familie und den Informationen über den Holocaust, untersuchen, vergleichen und versuchen festzustellen, ob es Unterschiede zwischen den beiden angeblichen Generationen gibt.

Zu Primo Levi, Ellie Wiesel und Ruth Klüger gibt es sehr viel Sekundärliteratur, die ich für diese Arbeit nutzen kann – leider ist dies bei Hermann Langbein, Ruth Elias und Solly Ganor nicht der Fall. Hermann Langbein hat sich in erster Linie durch das Schreiben von Sachbüchern wie Menschen in Auschwitz[6] oder Der Auschwitz- Prozeß[7] hervorgetan – sein autobiographischer Bericht Die Stärkeren wurde deshalb von der Literaturwissenschaft zu Unrecht ignoriert. Obwohl er den anderen Berichten in keiner Form nachsteht, findet man ihn in den Universitätsbibliotheken in die Geschichtsabteilungen eingeordnet. Ruth Elias Autobiographie wurde von der Öffentlichkeit und der Literaturwissenschaft kaum beachtet – sie wird zwar in neueren Untersuchungen gelegentlich zitiert, jedoch gibt es, mit einer Ausnahme, keine richtige wissenschaftliche Arbeit über sie. Solly Ganors Autobiographie ist die neuste unter den hier behandelten, und sie liegt nur in einer sehr minderwertigen, um fast die Hälfte gekürzten, deutschen Übersetzung[8] vor, und ist deshalb vermutlich ebenfalls von der Presse und der Literaturwissenschaft bisher ignoriert worden. Daher werde ich bei diesen drei Werken hauptsächlich selbst beschreiben und bewerten müssen, bzw., durch den Vergleich mit den drei bekannteren Werken, selber Schlüsse ziehen müssen.

Ich werde mich auch auf die autobiographischen Werke der Autoren beschränken, und, mit ganz wenigen Ausnahmen, spätere Romane oder Sachbücher nicht in diese Untersuchung mit einbeziehen.

Natürlich werden sich an Hand dieser sechs Autobiographien keine absoluten Feststellungen über die Natur von neuen, bzw. alten Autobiographien treffen lassen. Ich hoffe aber, dass die Wahl der Bücher gut genug ist, um einen allgemeinen Trend in der Charakterisierung dieser beiden „Generationen“ aufweisen zu können.

2. Die Holocaust-Autobiographie als literarische Form

Um die Holocaust-Autobiographie als literarische Form zu definieren, muss man zunächst einmal die Autobiographie selbst definieren. Phil Langer versucht dies so:

Die autobiographische Erinnerung […] muss als gegenwärtige Konstruktion der Vergangenheit mittels Erzählung aufgefasst werden. Das eigene Leben wird retrospektiv geordnet, was zwangsläufig zur Auswahl (und damit auch Auslassung) und Hierarchisierung bestimmter Ereignisse aufgrund von post factum gemachten Erfahrungen führt.[9]

Im Unterschied zu, z.B. einem Tagebuch, wird also die Autobiographie, auch dann wenn der Autor durch die Form eine unmittelbare Erfahrung seines Lebens vermitteln will, immer aus dem Rückblick erzählt, und dadurch, entweder durch die unbewusste Lebenserfahrung des Autors, oder durch absichtliche politische, religiöse oder andere Agenden, gefärbt.

Ein weiterer Aspekt ist, dass jede Autobiographie automatisch für zwei Wissenschaften von Interesse ist: die Geschichtswissenschaft und die Literaturwissenschaft. In der Herangehensweise an die Texte unterscheiden diese sich aber fundamental:

Ist die Geschichtswissenschaft in erster Linie an der Ebene der Faktizität, d.h. an der Rekonstruktion der in den Text eingeschriebenen historischen Ereignis, fokussieren literaturwissenschaftliche Studien zwangsläufig auf die Ebene der Erzählung, intendieren somit die Erkenntnis einer erzählerischen Wahrheit.[10]

Jedoch stehen beide Wissenschaften diesen Werken von vorneherein kritisch gegenüber:

Der Wert autobiographischer Werke wird von den Geschichtswissenschaften gerade durch die zwangsläufig literarische Form in Zweifel gezogen; die Literaturwissenschaft hingegen steht ihr als nicht-fiktive Gebrauchsform skeptisch gegenüber.[11]

Dieser Gegensatz ist es jedoch, der den Holocaust-Autobiographien eine außergewöhnliche Stellung in beiden einbringt.

So scheint es bei der Untersuchung von Shoah-Autobiographien gerade auf die Vermittlung der beiden Ebenen anzukommen, auf die Frage nach der Verschriftlichung der historischen Erfahrungen und Ereignisse und der Rückbindung an die Ebene des Faktischen. Eine analytische Trennung beider Ebenen muss zwar immer wieder erfolgen und kenntlich gemacht werden, die Bedeutungen der Shoah-Autobiographien ergeben sich jedoch aus der Spannung und Unvereinbarkeit beider.[12]

Der Wahrheitsgehalt, der für die Geschichtswissenschaft das Maß aller Dinge ist, fällt bei der literaturwissenschaftlichen Analyse kaum ins Gewicht:

Wer in der Shoah war, schreibt nicht unbedingt („faktisch“) Wahres. Auch falsche Erinnerungen, Missdeutungen des Erlebten, nicht haltbare Wertungen können durchaus Teil einer Shoah-Autobiographie sein. Das heißt indes nicht von vorneherein, daß die Erzählung zu verwerfen ist. Es weist nur ein weiteres Mal darauf hin, daß es nicht primär um das Ablegen eines faktisch wahren Zeugnisses der Vernichtung geht, sondern um das Bemühen, bestimmte Bedeutungen der Shoah in das kulturelle Gedächtnis zu integrieren.[13]

Hinsichtlich der literaturwissenschaftlichen Betrachtung unterscheiden sich Holocaust-Autobiographien maßgeblich von „normalen“ Autobiographien, und sie können deshalb nicht an denselben Maßstäben bemessen werden. Andrea Reiter sieht dies so:

Das Genre des KZ-Berichtes ist den autobiographischen Formen zuzurechnen. […] Da aber die literaturwissenschaftlichen Abhandlungen über die Autobiographie, Goethes >>Dichtung und Wahrheit<< als Maßstab nehmend, überwiegend wertend vorgehen, eignen sie sich schlecht als theoretische Grundlage zur Analyse der KZ-Texte.[14]

Die Frage nach der Bewertung, bzw. der Unmöglichkeit einer literaturwissenschaftlichen Bewertung, unterscheidet die Holocaust-Biographie von allen anderen.

Bei der literarischen Analyse von Texten wie den Lagerberichten stellt sich zwangsläufig immer wieder die Frage nach der Wertung. Ihre inhaltliche Relevanz ist wohl nicht zu bestreiten, tragen sie doch aus jeweils subjektiver Sicht dazu bei, den Terminus Holocaust zu konkretisieren und damit für die nicht betroffene Mit- und Nachwelt verstehbarer zu machen. Als Literatur sind diese Texte allerdings nicht auf ihre Mitteilungsfunktion reduzierbar.[15]

Eine simple Einteilung in zwei Kategorien schließt Andrea Reiter von vorneherein aus:

Nach traditionellen Wertungskriterien, mit denen Literatur in eine hohe und eine triviale eingeteilt wird, fallen die KZ-Berichte durch den Raster. Ihre Form schließt sie von ersterer, ihr Inhalt von letzterer aus.[16]

Dies liegt auch an den Autoren selbst:

Jede Beurteilung der sprachlichen Mittel in den KZ-Berichten muß berücksichtigen, daß die überwiegende Mehrheit aus der Feder von Leuten stammt, für die ihr Bericht die erste und oft auch einzige publizierte schriftliche Äußerung darstellt. Wertmaßstäbe, mit denen man die Qualität schriftstellerischer Werke üblicherweise misst, sind daher fehl am Platz. […] Im Lichte der Authentizität der Darstellung verliert der Maßstab der Qualität seine Relevanz.[17]

Und auch Phil Langer sieht die Schwierigkeit der Bewertung der literarischen Qualität, als eines der größten Probleme bei der Behandlung solcher Autobiographien an. Er vereinfacht dies zu der entscheidenden Frage:

Darf ich eine Shoah-Autobiographie als schlecht gemacht oder als spannenden Abenteuerthriller bezeichnen?[18]

Der Respekt, dem Autor und seinen Erlebnissen in den Konzentrationslagern gegenüber, verbietet geradezu eine literarische Bewertung – daher gibt es sehr wenige echte Kritiken. Da Kritik an der Qualität oder der Authentizität solcher Berichte häufig aus dem revisionistischen Lager kommt, besteht die Gefahr, bei einer Kritik sofort in dieses Lager eingeordnet zu werden. Bei aller Vergangenheitsbewältigung sind wir, besonders wir Deutschen, noch nicht in der Lage, KZ-Literatur wie normale Literatur zu behandeln – ob dies jemals der Fall sein wird, bleibt abzuwarten.

James E. Young sieht den wesentlichen Unterschied zwischen einer Autobiographie und einer fiktiven Erzählung in der empirischen Verbindung zwischen Text, Autor und der Erfahrung – die tatsächliche Authentizität tritt dabei bei der Literaturwissenschaftlichen Betrachtung in den Hintergrund:

It is not a question of actual fact that separates autobiography from fiction […] but a question of the right to claim experiences as one’s own: the right to invoke the empirical bond that has indeed existed between a writer and events in his narrative. For even as we acknowledge that, like „documentary fiction“, narratives of the diarists and memoirists are constructed, we must also insist on maintaining the ontological differences between them. It is to recognize the difference between narrative that fabricates its authenticity as part of its fiction and that which attempts to salvage, however tenuously, an authentic empirical connection between text, writer and experience.[19]

Dem Authentizitätsanspruch der Geschichtswissenschaft widerspricht die Notwendigkeit der Narration, einen kohärenten, lesbaren Text zu produzieren – je kunstvoller und lesbarer der Text wird, um so weiter entfernt er sich diesem.

Je schlüssiger und überzeugender die Geschichte ist, die vom eigenen Leben erzählt wird, d.h. je komplexer und kohärenter die Konstruktion der Vergangenheit ist, desto fiktionaler – und gleichzeitig überzeugender ist diese Erzählung. Damit subvertiert die Autobiographie ihren dem Begriff der Authentizität immanenten Anspruch, lediglich wahre Fakten liefern zu wollen. […] So muten oft die einfachsten und naivsten, chronologisch ohne etwaige Reflexionen geschriebenen Ich-Erzählungen als besonders überzeugend und authentisch an.[20]

Die Zwickmühle, in die die Holocaust-Autobiographie dadurch gelangt, beschreibt Phil Langer so:

Damit gelangt die Autobiographie in einen wenig geschätzten Grenzbereich zwischen Geschichte und Literatur. Wird sie von der Geschichtswissenschaft wegen ihrer „Subjektivität“ höchstens als – unzuverlässige – Quelle angesehen, beklagt die […] Literaturwissenschaft ihre angeblich zumeist fehlende ästhetische Qualität.[21]

Daher verlangt er sogar eine völlige Loslösung der Holocaust-Autobiographie von jeglichem Verlangen nach Authentizität:

Eine Ablösung der Shoah-Autobiographie von der Notwendigkeit, nachprüfbare Fakten zu vermitteln, ist Vorraussetzung ihrer Existenz; es geht nicht darum, wie es wirklich gewesen ist, sondern wie es erlebt und im Nachhinein erinnert und somit interpretiert wird, welche Bedeutung es in der Erzählung erhält. Geschichte hat mit Fakten, Daten, Zahlen zu tun; die Shoah-Autobiographien demgegenüber mit dem konkreten Leben, dem individuellen Leiden.[22]

Es ist also deutlich, dass die Holocaust-Autobiographie sich von jeder anderen Form der Autobiographie klar unterscheidet. Sie lässt sich weder geschichts- noch literaturwissenschaftlich klar erfassen, und verlangt von beiden Wissenschaften eine enorme Behutsamkeit in ihrer Bearbeitung. Elie Wiesel sieht die Holocaust-Autobiographien sogar als eine völlig neue Form der Literatur:

Wenn die Griechen die Tragödie erfanden, die Römer die Sendschreiben und die Renaissance die Sonette, so hat unsere Generation eine neue Literatur erfunden: die der Dokumentation in den Aussagen der Zeugen. Wir alle waren Zeugen und müssen unser Zeugnis in die Zukunft hineintragen.[23]

3. Die Autoren

3.1 Primo Levi

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1

Primo Levi wird am 31.Juli 1919 in Turin geboren. Dort studiert er Chemie. 1944 wird er, als Mitglied der Resistenza[24] und als Jude, verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Nach der Befreiung kehrt er nach Italien zurück und veröffentlicht im Oktober 1947 seinen autobiographischen Bericht Ist das ein Mensch?, in geringer Auflage bei einem kleinen Verlag. Das Buch verkauft sich kaum, und Levi kehrt, aus finanziellen Gründen (er hatte inzwischen geheiratet und seine Frau war schwanger), zu seinem Beruf als Chemiker zurück. Erst eine Neuveröffentlichung 1958 macht Levi und sein Buch berühmt. Er widmet sich von da an der Schriftstellerei, gibt seinen Beruf als Chemiker aber erst 1977 auf. 1986 erscheint mit Die Untergegangenen und die Geretteten[25] eine Art Postskriptum zu Ist das ein Mensch?, in dem er sich, unter anderem, mit der Rezeption seines Buches und anderen Holocaust Autoren und ihren Werken beschäftigt. 1987 bringt er sich, durch einen Sprung ins Treppenhaus seiner Turiner Wohnung, um.[26]

3.2 Hermann Langbein

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2

Hermann Langbein wird 1912 in Wien geboren. Er arbeitet als Schauspieler, tritt 1933 in die kommunistische Partei Österreichs ein und wird deshalb, schon vor dem Anschluss Österreichs, politisch verfolgt. Nach dem Anschluss geht er nach Spanien, um für die spanische Republik zu kämpfen. Nach der Niederlage 1939 wird er in einem französisches Lager interniert, und dann, nach der französischen Kapitulation, von dort nach Dachau deportiert. Seine teilweise jüdische Abstammung kann Langbein im Lager durch Falschaussagen verschleiern, und er schafft es, als Mischling zweiten Grades – also als Arier – deklariert zu werden. Als Arier und Reichsdeutscher wird er Funktionshäftling und arbeitet zunächst im Krankenlager. 1942 wird er nach Auschwitz verlegt, weil dort ein Mangel an Fachkräften herrschte, und er wird dort der Schreiber des Standortarztes Dr. Wirths. Durch seine gehobene Stellung wird er einer der Anführer des Widerstands in Auschwitz, und er schafft es, vielen seiner Genossen zu helfen. Gegen Ende des Krieges wird er nach Neuengamme verlegt. Im Mai 1945 gelingt es ihm, bei einer weiteren Verlegung, zu fliehen. Nach dem Krieg arbeitet er weiter für die kommunistische Partei Österreichs. Er wird aber immer desillusionierter und bricht 1958 völlig mit der Partei. In der Zeit bis 1958 arbeitet er auch als Leiter des KZ-Verbandes und des Internationalen Auschwitz Komitees. Er veröffentlicht 1949 seinen autobiographischen Bericht Die Stärkeren und schreibt mehrere Sachbücher über das Leben in den Lagern und die Prozesse gegen Nazikriegsverbrecher. Dazu gehört eines der wichtigsten Werke über Auschwitz Menschen in Auschwitz[27] und er ist Mitherausgeber von Auschwitz. Zeugnisse und Berichte[28]. 1995 stirbt er in Wien.[29]

3.3 Elie Wiesel

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3

Elie Wiesel wird 1928 in Sighet (Rumänien) geboren. 1944 wird er mit seinen Eltern und seiner jüngeren Schwester nach Auschwitz deportiert. Seine Mutter und Schwester werden vergast, sein Vater stirbt nach der Verlegung in das Konzentrationslager Buchenwald. Nach der Befreiung 1945 geht er nach Frankreich und schreibt dort für verschiedene jüdische Zeitungen. Ab 1956 arbeitet er als UNO-Berichterstatter in New York. 1958 veröffentlicht er seine Autobiographie Die Nacht, welche sofort zu einem großen Erfolg wird. Er schreibt in den folgenden Jahren etliche Romane, wird Professor for Humanities an der Universität in Boston und bekommt 1986 den Friedensnobelpreis.[30]

3.4 Ruth Elias

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4

Ruth Elias wird 1922 in Mährich-Ostrau (Tschechoslowakei) geboren. 1942 wird sie, nachdem sie und ihre Familie einige Zeit mit gefälschten Papieren, die sie als Nicht-Juden auswiesen, untergetaucht waren, zusammen mit ihrer Familie nach Theresienstadt deportiert. Dort heiratet sie, um zunächst der Deportation nach Auschwitz zu entgehen, wird dann aber 1943 doch deportiert. Nach einer Odyssee durch mehrere Konzentrations- bzw. Arbeitslager, wird sie 1945 als einzige Überlebende ihrer Familie befreit. Sie kehrt zunächst in die Tschechoslowakei zurück, wo sie sich scheiden lässt, erneut heiratet und 1949 nach Israel auswandert. 1988 veröffentlicht sie ihre (ursprünglich nur für ihre Enkelkinder geschriebene) Autobiographie Die Hoffnung erhielt mich am Leben.[31]

3.5 Ruth Klüger

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5

Ruth Klüger wird im Oktober 1931 in Wien geboren und lebt dort bis zu ihrer Deportation 1942. 1942 werden Klüger, ihre Mutter und ihre Großmutter väterlicherseits nach Theresienstadt deportiert. 1944 werden sie und ihre Mutter dann weiter nach Auschwitz-Birkenau transportiert. Von dort aus werden sie nach Christianstadt verschickt und müssen dort Zwangsarbeit leisten. 1945 gelingt den beiden die Flucht, und sie geben sich bis zum Kriegsende als deutsche Ostflüchtlinge aus. Nach Kriegsende besteht Ruth Klüger das Notabitur an einer deutschen Schule und studiert, nachdem sie 1947 zusammen mit ihrer Mutter in die USA ausgewandert ist, zunächst Anglistik und später Germanistik. Heute ist sie Germanistikprofessorin an der University of California in Irvine. 1988 beginnt sie mit der Arbeit an ihrer Autobiographie weiter leben – die Veröffentlichung erfolgt, nach einigen Problemen einen Verleger zu finden, 1992.[32]

3.6 Solly Ganor

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6

Solly Ganor wird 1928, unter dem Namen Sali Genkind, in Heydekrug, Litauen geboren. 1941, nach der Eroberung Litauens durch die Wehrmacht, wird er mit seiner Familie in einen zum Ghetto ausgegrenzten Teil der Stadt Kaunas interniert. Dort lebt er mit seinen Eltern, Geschwistern und einigen weiteren Verwandten bis zur Räumung des Ghettos 1944. Nach der Räumung kommen er, seine Eltern und seine Schwester (sein Bruder war schon in Kaunas ermordet worden) in das KZ Dachau. 1945 werden Ganor, sein Vater und seine Schwester befreit – seine Mutter überlebt das Lager nicht. 1948 wandert Ganor nach Israel aus und ändert dort seinen Namen von Sali Genkind in Solly Ganor. In Israel leistet er seinen Militärdienst, tritt der israelischen Handelsmarine bei und leitet später eine Textilfabrik. Zwischen seiner Zeit bei der Handelsmarine und der Textilfabrik studiert er von 1960 – 1964 Sprachen und Literatur an der Universität von London. Zusammen mit seiner Frau wandert er 1977 nach Amerika aus und studiert dort, parallel zu seinem Leben als Geschäftsmann, englische Literatur an der University of California. Heute, nachdem er sich zur Ruhe gesetzt hat, hat er seinen Wohnsitz sowohl in Herzelia, Israel als auch in Kalifornien. Erst 1992 beginnt er mit der Arbeit an seiner Autobiographie Light One Candle, die dann 1995 erschien. Leider bleibt die Veröffentlichung weitestgehend unbemerkt.[33]

4. Kurzvorstellung der Autobiographien

4.1 Primo Levi: Ist das ein Mensch? (1947)

Primo Levi wird, nach dem Versuch mit einigen Gleichgesinnten eine Widerstandsgruppe zu organisieren, im Dezember 1943 festgenommen. Nach einem kurzen Aufenthalt in einem italienischen Internierungslager, werden er, und alle anderen inhaftierten Juden, der SS überstellt und in das Außenlager Monowitz von Auschwitz deportiert, um dort am Bau einer Gummifabrik mitzuwirken. Er schafft es, auf Grund seiner Ausbildung als Chemiker, einem Chemie-Kommando zugewiesen zu werden, was ihm einige Privilegien schafft. Er verbündet sich mit einem Mitgefangenen, und zusammen versuchen sie sich, durch Diebstahl und Handel mit zivilen Arbeitern, am Leben zu erhalten. Anfang 1945 erkrankt er und kommt in den Krankenbau. Bei der Evakuierung des Lagers bleibt er mit den anderen Kranken zurück und wird kurz darauf, von der anrückenden Roten Armee, befreit.[34]

4.2 Hermann Langbein: Die Stärkeren (1949)

Nachdem er aus dem spanischen Bürgerkrieg, wo er, als Freiwilliger in den internationalen Brigaden, gegen das Franco-Regime gekämpft hat, wird Hermann Langbein, auf dem Heimweg nach Österreich, in Frankreich verhaftet und interniert. Nach der Kapitulation Frankreichs werden die „Spanienkämpfer“ an Deutschland übergeben und als politische Gefangene in Dachau inhaftiert. Dort findet Langbein schnell Anschluss an die kommunistische Untergrundorganisation und bekommt eine Stelle im Krankenlager, wo er den späteren Standortsarzt von Auschwitz, Dr. Wirths, kennen lernt. 1942 wird er, zusammen mit einigen anderen politischen Gefangenen, nach Auschwitz überstellt. Dort arbeitet er zunächst in der Schreibstube, wird aber, auf Grund der Bekanntschaft mit Dr. Wirths, nach dessen Eintreffen, Wirths’ persönlicher Schreiber. Langbein etabliert sich, auf Grund seiner privilegierten Stellung, schnell zu einem der Führer des Widerstandes in Auschwitz und schafft es, durch seine freundschaftliche Beziehung zu Dr. Wirths, unzähligen Gefangenen das Leben zu retten, bzw. zu erleichtern. Die politische Abteilung von Auschwitz verdächtigt ihn bald der Arbeit im Widerstand und steckt ihn einmal sogar für mehrere Wochen in den Bunker. Dr. Wirths schafft es aber mehrmals, Langbein vor härteren Bestrafungen zu retten. 1944 gelingt es aber dann der politischen Abteilung, Langbein, trotz der Bemühungen Wirths’, von Auschwitz weg, in das Konzentrationslager Neuengamme verlegen zu lassen. 1945 gelingt Langbein, während eines weiteren Transportes, die Flucht, und er schafft es sich bis nach Österreich durchzuschlagen.[35]

4.3 Elie Wiesel: Die Nacht (1958)

Elie Wiesel lebt mit seiner Familie in Sighet (damals Ungarn) und wähnt sich dort in Sicherheit. Sie haben zwar von den Gräueltaten gegen die anderen europäischen Juden gehört, halten diese aber für Übertreibungen. Elie wird als streng gläubiger Jude erzogen, und er verbringt einen großen Teil seiner Jugend mit der Lektüre des Talmud und der Kabbala. 1944 wird Ungarn dann doch noch von deutschen Soldaten besetzt, und die ganze Familie wird, inklusive des damals 15-jährigen Elie, zunächst in einem Ghetto interniert und dann nach Auschwitz deportiert. Dort werden die Mutter und seine Schwester noch an der Rampe selektiert, Elie und sein Vater aber kommen zum Arbeitsdienst in das Außenlager Buna. Nach der Evakuierung des Lagers Auschwitz überleben beide den Gewaltmarsch nach Buchenwald, dort stirbt Elies Vater aber kurz darauf, wenige Wochen vor der Befreiung des Lagers.[36]

4.4 Ruth Elias: Die Hoffnung erhielt mich am Leben (1988)

Ruth Elias verbringt ihre Kindheit, zusammen mit ihrer Schwester, im gehobenen Bürgertum in Mährisch-Ostrau. Ihre Eltern lassen sich scheiden, und sie verliert jeden Kontakt zu ihrer Mutter. Schon in der Schule erlebt sie den Antisemitismus der nichtjüdischen und besonders der volksdeutschen Mitschüler, leidet aber nicht darunter. Der Vater versucht, noch vor der Besetzung, die beiden Schwestern ins Ausland zu schicken, diese weigern sich aber, die Familie zu verlassen. Die Familie taucht für eine Weile, mit gefälschten Papieren, in einer anderen Stadt unter, wird aber verraten und nach Theresienstadt deportiert. Von dort soll die Familie weiter „nach Osten“ transportiert werden. Ruth Elias schafft es aber, durch eine Notheirat mit ihrem Freund, zurückzubleiben. Ihre gesamte Familie wird nach Auschwitz deportiert und vergast. Elias gelingt es, sich verschiedene Jobs zu besorgen, und ihre Lage in Theresienstadt dadurch zu verbessern. 1944, kurz nachdem sie feststellt, dass sie schwanger ist, wird sie dann doch nach Auschwitz transportiert. Obwohl sie im siebten Monat schwanger ist, kann sie der Selektion im Familienlager entgehen und wird zum Arbeitsdienst nach Hamburg geschickt. Als ihr Zustand dort entdeckt wird, wird sie zunächst in das Konzentrationslager Ravensbrück, dann zurück nach Auschwitz geschickt. Bei dem Durcheinander der Verlegungen schafft sie es, sich als Nicht-Jüdin registrieren zu lassen, was ihr das Leben rettet. Sie bringt ihr Kind unter der Aufsicht von Dr. Mengele zur Welt, der an ihrem Kind erproben will, wie lange es dauert, bis ein Neugeborenes verhungert. Mit der Hilfe einer jüdischen Ärztin tötet Elias ihr eigenes Kind, um ihm weitere Qualen zu ersparen. Sie wird daraufhin in ein Arbeitslager bei Leipzig verlegt und überlebt dort bis zur Befreiung. Sie kehrt nach Hause zurück, lässt sich von ihrem ersten Mann scheiden und heiratet einen ihrer ehemaligen Mitgefangenen aus Leipzig. Zusammen wandern beide nach Israel aus.[37]

4.5 Ruth Klüger: weiter leben. (1992)

Ruth Klüger wird 1931 in Wien geboren. Schon in früher Jugend leidet sie dort unter der Diskriminierung der Juden. Die Aufforderung der Erwachsenen, sich gut zu benehmen, um den Antisemitismus nicht noch zu schüren, findet sie absurd, da sowieso schon alle Nichtjuden antisemitisch seien. Ihr Halbbruder, der Sohn ihrer Mutter aus einer ersten Ehe, wird aufgrund des steigenden Antisemitismus in Österreich, dem Vater, der in Prag lebt, zugesprochen. 1937 wird sie eingeschult, zunächst in eine öffentliche, dann in eine jüdische Schule. Durch die ständige Deportation von Schülern und Lehrern muss sie, in der Zeit von 1937 bis 1941, acht Mal die Schule wechseln, da die Schulen, aufgrund von Schüler- bzw. Lehrermangel, geschlossen werden müssen. Zu dieser Zeit legt sie ihren Rufnamen Susi ab und besteht darauf, mit ihrem zweiten Namen, Ruth, angesprochen zu werden, der sie klar als Jüdin erkennen lässt. 1942 werden Klüger, ihre Mutter und ihre Großmutter väterlicherseits in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Ihr Vater war schon vorher, über Italien, nach Frankreich geflüchtet und wurde von dort aus nach Auschwitz deportiert und getötet. Die Großmutter stirbt in Theresienstadt, Klüger und ihre Mutter werden 1944 nach Auschwitz-Birkenau weitertransportiert. Bei der Selektion einer Arbeitsgruppe, die in das Konzentrationslager Christianstadt gebracht werden soll, wird Ruth Klüger, im Gegensatz zu ihrer Mutter, zunächst nicht mit ausgewählt. Erst durch den Druck ihrer Mutter stellt sie sich der Selektion ein zweites Mal und wird, durch die Hilfe einer Mitgefangenen, die bei der Selektion als Hilfsarbeiterin dient, arbeitsfähig deklariert. Später erfährt sie, dass alle die nicht auserwählt worden waren, ermordet wurden. Als das Konzentrationslager Christianstadt 1945 geräumt wird, um es nicht in die Hände der Roten Armee fallen zu lassen, gelingt ihr, mit ihrer Mutter und einem weiteren Mädchen, welches die beiden sozusagen „adoptiert“ hatten, die Flucht. Sie geben sich einige Zeit als deutsche Ostflüchtlinge aus, bis ihnen ein Pastor deutsche Papiere verschafft, und sie den Rest des Krieges in einem bayrischen Dorf untertauchen können. Sie macht ein Notabitur an einem bayrischen Gymnasium und wandert 1947, zusammen mit ihrer Mutter, nach Amerika aus. Dort studiert sie zunächst Anglistik und arbeitet einige Zeit als Bibliothekarin. Einige Jahre und Ehen später beschließt sie, Germanistik zu studieren, und wird schließlich Germanistikprofessorin und anerkannte Lessing- und Kleistspezialistin an der University of California in Irvine. 1988 kehrt sie anlässlich des 50. Gedenktages der Reichskristallnacht nach Deutschland zurück und arbeitet zeitweise als Gastdozentin für Germanistik an der Universität Göttingen.[38]

4.6 Solly Ganor: Light One Candle (1995)

Solly Ganor wird 1928, als das jüngste von drei Kindern, in der Stadt Heydekrug in Litauen geboren. Bis 1940 steigert sich der Antisemitismus in Litauen so sehr, dass die Familie beschließt auszuwandern. Der Vater kann zwar Visa für die USA bekommen, wartet aber mit der Abreise, um einen Käufer für sein Geschäft zu finden. Im Juni 1940 marschiert die Rote Armee in Litauen ein. Sein Vater schafft es zwar ein Transitvisum vom japanischen Konsulat zu bekommen, aber da er aus Russland stammt, und er sich, in seiner Jugend als Sozialdemokrat, viele Feinde gemacht hat, ist die Familie nicht in der Lage das Land zu verlassen. 1941 marschiert die Wehrmacht in Litauen ein, und die Familie wird, nach einem kurzen Fluchtversuch, in einen zum Ghetto erklärten Stadtteil von Kaunas interniert. Ganors älterer Bruder Hermann wird noch auf dem Weg ins Ghetto verhaftet und später ermordet. In den drei Jahren im Ghetto wird er Zeuge vieler grausamer Verbrechen, er und seine nähere Familie bleiben aber weitestgehend verschont, da der Vater, durch seine Stelle bei der jüdischen Selbstverwaltung des Ghettos, die Familie etwas besser versorgen und beschützen kann. Am extremsten konfrontiert wird er mit der Grausamkeit der deutschen Soldaten und der litauischen Miliz durch einen Bericht seines Freundes Kuki, der durch Zufall eine Massenerschießung überlebt, und sich selbst aus dem Massengrab ausgraben kann, und durch seine Freundin Lena, die, obwohl sie eigentlich verschont werden sollte, lieber mit ihrer Mutter stirbt, als ohne sie weiterleben zu müssen. Als das Ghetto 1944 aufgelöst wird, kommt die Familie zunächst in das Lager Stutthof und dann in ein Außenlager des Konzentrationslagers Dachau. Dort wird Ganor von seiner Schwester und Mutter getrennt, bleibt aber mit seinem Vater zusammen, der es zunächst schafft, eine Stelle in der Küche zu bekommen, und später, als Vorarbeiter, sich und seinen Sohn etwas besser über Wasser halten kann. Als das Konzentrationslager 1945, aus Furcht vor den sich nähernden Alliierten, geräumt wird, werden Solly und sein Vater, mit den anderen Überlebenden, auf einen Marsch in Richtung Alpen getrieben, unterwegs aber von amerikanischen Soldaten befreit. Sollys Schwester überlebt das Lager ebenfalls und stößt später wieder zu den beiden, Sollys Mutter stirbt noch im Lager.[39]

5. Adressaten und Schreibanlass

5.1 Ist das ein Mensch?

Primo Levi beschreibt seine Gefühle, nachdem er von dem Rechteerwerb eines deutschen Verlages erfahren hat:

Ich hatte ja dieses Buch geschrieben, ohne an einen bestimmten Adressaten zu denken. […] Als ich die Mitteilung über den Vertragsabschluß erhielt, veränderte sich alles, und mir wurde bewusst: natürlich hatte ich das Buch auf italienisch geschrieben, für Italiener, für die junge Generation, […] Aber die wirklichen Adressaten des Buchs waren sie, die Deutschen. Jetzt war die Waffe geladen. […] Seit Auschwitz waren erst 15 Jahre vergangen. Die Deutschen, die mich lesen würden, waren >>jene<<, nicht ihre Erben. […] Ich würde sie gefesselt vor einen Spiegel zerren. Jetzt war die Stunde der Abrechnung gekommen, der Augenblick, in dem die Karten auf den Tisch gelegt werden mussten. Vor allem aber: die Stunde des Miteinandersprechens. Rache interessierte mich nicht.[40]

Er sieht sein Buch als ein Dialogangebot an die deutschen Leser – an die Leser, die am Leben waren, als dies alles geschehen ist. Die Veröffentlichung in Deutschland ist für ihn der Wendepunkt – ursprünglich geschrieben hatte er es, um über die Lager zu berichten, um aufzuklären und sie denen, die, entweder räumlich oder zeitlich, zu weit entfernt waren, um sie selbst erlebt zu haben. Nun, mit der deutschen Übersetzung, wandelt sich mit dem Adressaten zugleich auch der Schreibanlass – aus der Chronik wird die Anklageschrift, aber auch gleichzeitig ein Dialogangebot.

[...]


[1] Angerer, Christian: Wir haben ja im Grunde nichts als die Erinnerung. Ruth Klügers >weiter leben< im Kontext der neueren KZ-Literatur. In: Sprachkunst XXIX (1998). S. 61-84.

[2] Angerer, Christian: Wir haben ja im Grunde nichts als die Erinnerung. Ruth Klügers >weiter leben< im Kontext der neueren KZ-Literatur. In: Sprachkunst XXIX (1998). S. 63.

[3] Angerer, Christian: Wir haben ja im Grunde nichts als die Erinnerung. Ruth Klügers >weiter leben< im Kontext der neueren KZ-Literatur. In: Sprachkunst XXIX (1998). S. 63.

[4] Angerer, Christian: Wir haben ja im Grunde nichts als die Erinnerung. Ruth Klügers >weiter leben< im Kontext der neueren KZ-Literatur. In: Sprachkunst XXIX (1998). S. 63.

[5] Angerer, Christian: Wir haben ja im Grunde nichts als die Erinnerung. Ruth Klügers >weiter leben< im Kontext der neueren KZ-Literatur. In: Sprachkunst XXIX (1998). S. 65.

[6] Langbein, Herrmann: Menschen in Auschwitz. 2.Auflage. Wien: Europaverlag 1995.

[7] Langbein, Herrmann: Der Auschwitz-Prozeß. Wien: Europaverlag 1965.

[8] Ganor, Solly: Das andere Leben. Kindheit im Holocaust. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1997.

[9] Langer, Phil C.: Schreiben gegen die Erinnerung? Autobiographien von Überlebenden der Shoah. Hamburg: Krämer Verlag 2002. S. 42.

[10] Langer, Phil C.: Schreiben gegen die Erinnerung? Autobiographien von Überlebenden der Shoah. Hamburg: Krämer Verlag 2002. S. 59.

[11] Langer, Phil C.: Schreiben gegen die Erinnerung? Autobiographien von Überlebenden der Shoah. Hamburg: Krämer Verlag 2002. S. 55.

[12] Langer, Phil C.: Schreiben gegen die Erinnerung? Autobiographien von Überlebenden der Shoah. Hamburg: Krämer Verlag 2002. S. 60.

[13] Langer, Phil C.: Schreiben gegen die Erinnerung? Autobiographien von Überlebenden der Shoah. Hamburg: Krämer Verlag 2002. S. 137.

[14] Reiter, Andrea: Auf dass sie entsteigen der Dunkelheit. Die literarische Bewältigung von KZ-Erfahrung. Wien: Löcker Verlag 1995. S 63.

[15] Reiter, Andrea: Auf dass sie entsteigen der Dunkelheit. Die literarische Bewältigung von KZ-Erfahrung. Wien: Löcker Verlag 1995. S.102.

[16] Reiter, Andrea: Auf dass sie entsteigen der Dunkelheit. Die literarische Bewältigung von KZ-Erfahrung. Wien: Löcker Verlag 1995. S.102.

[17] Reiter, Andrea: Auf dass sie entsteigen der Dunkelheit. Die literarische Bewältigung von KZ-Erfahrung. Wien: Löcker Verlag 1995. S.119.

[18] Langer, Phil C.: Schreiben gegen die Erinnerung? Autobiographien von Überlebenden der Shoah. Hamburg: Krämer Verlag 2002. S.59.

[19] Young, James E.: Writing and Rewriting the Holocaust. Narrative and the Consequences of Interpretation. 2.Auflage. Bloomington and Indianapolis: Indiana University Press 1990. S. 24.

[20] Langer, Phil C.: Schreiben gegen die Erinnerung? Autobiographien von Überlebenden der Shoah. Hamburg: Krämer Verlag 2002. S. 43,44.

[21] Langer, Phil C.: Schreiben gegen die Erinnerung? Autobiographien von Überlebenden der Shoah. Hamburg: Krämer Verlag 2002. S. 35.

[22] Langer, Phil C.: Schreiben gegen die Erinnerung? Autobiographien von Überlebenden der Shoah. Hamburg: Krämer Verlag 2002. S.139,140.

[23] Wiesel, Elie: Die Massenvernichtung als literarischer Inspiration. In: Gott nach Auschwitz. Hrsg. von Eugen Kogon und Johann Baptist Metz. Freiburg, Basel, Wien: Herder 1977. S. 30.

[24] Der italienische Widerstand.

[25] Levi, Primo: Die Untergegangenen und die Geretteten. München und Wien: Carl Hanser Verlag 1990.

[26] Thomson, Ian: Primo Levi. 2.Auflage. London, Sydney, u.a.: Vintage 2003.

[27] Langbein, Herrmann: Menschen in Auschwitz. 2.Auflage. Wien: Europaverlag 1995.

[28] Auschwitz. Zeugnisse und Berichte. Hrsg. von H.G. Adler, Hermann Langbein u.a.. 6.Auflage. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt 1995.

[29] Langbein, Herrmann: Die Stärkeren. Ein Bericht aus Auschwitz und anderen Konzentrationslagern. 2.Auflage. Köln: Bund-Verlag 1982. & Hermann Langbein zum 80. Geburtstag. Hrsg. von Anton Pelinka und Erika Weinzierl. Wien: Wilhelm Braumüller Universitäts-Verlagsbuchhandlung 1993. & Renz,Werner: Die Zeugen sterben aus. In Memoriam Hermann Langbein 18.Mai 1912 – 24.Oktober 1995. Nachrufe. Bonn: Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ 1996. S. 26,27.

[30] Wiesel, Elie: Alle Flüsse fließen ins Meer. Autobiographie. 2.Auflage. Hamburg: Hoffmann und Campe 1995.

[31] Elias, Ruth: Die Hoffnung erhielt mich am Leben. Mein Weg von Theresienstadt und Auschwitz nach Israel. 8.Auflage. München: Piper Verlag 2001.

[32] Heidelberger-Leonard, Irene: Ruth Klüger. weiter leben. Eine Jugend: Interpretation von Irene Heidelberger-Leonard. München: Oldenbourg 1996. S. 32-34.

[33] Ganor, Solly: Light One Candle. A Survivor’s Tale From Lithuania to Jerusalem. New York: Kodansha America 2003.

[34] Levi, Primo: Ist das ein Mensch? 12.Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2003.

[35] Langbein, Herrmann: Die Stärkeren. Ein Bericht aus Auschwitz und anderen Konzentrationslagern. 2.Auflage. Köln: Bund-Verlag 1982.

[36] Wiesel, Elie: Die Nacht. Erinnerungen und Zeugnis. 6.Auflage. Freiburg im Preisgau: Herder Verlag 1996.

[37] Elias, Ruth: Die Hoffnung erhielt mich am Leben. Mein Weg von Theresienstadt und Auschwitz nach Israel. 8.Auflage. München: Piper Verlag 2001.

[38] Klüger, Ruth: weiter leben. Eine Kindheit. 10.Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2001.

[39] Ganor, Solly: Light One Candle. A Survivor’s Tale From Lithuania to Jerusalem. New York: Kodansha America 2003.

[40] Levi, Primo: Die Untergegangenen und die Geretteten. München und Wien: Carl Hanser Verlag 1990. S. 172.

Details

Seiten
87
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638324199
ISBN (Buch)
9783668307919
Dateigröße
896 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v31393
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
2
Schlagworte
Holocaust Narrativ

Autor

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Titel: Der Holocaust als autobiographisches Narrativ