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Nähe und Distanz in der Pädagogik. Überlegungen zur Auratheorie von Walter Benjamin

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 21 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Das Nähe- Distanz Problem in der Pädagogik
2.1. Nähe, Distanz und Professionalität
2.2 Zu viel Nähe – Burnout und problematische Folgen eines pädagogischen Grundproblems

3. Die Moderne und der Verlust der Aura bei Walter Benjamin
3.1 Auraverlust und Reproduktion
3.2 Auraverlust, Allmacht und Pädagogik

4. Prävention – Achtsamkeitspädagogik
4.1 Meditation und Entspannung – Gegenpol zu Hektik und Stress
4.2. Achtsamkeit – absichtsloses Leben im Hier und Jetzt

Abschluss

Literatur:

1. Einführung

Walter Benjamins Essay „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ wurde zu Beginn seiner Veröffentlichung 1936 in Frankreich wenig beachtet. Dies änderte sich jedoch in der Nachkriegszeit und es kam in den 1960er Jahren zu einer Renaissance des Textes. Ein entscheidender Punkt für die Medienanalyse ist die Ausbreitung der Massenkultur im 19. Jahrhundert. Zum ersten Mal kamen Fotografie und Film in Form von neuen Medien auf, die auch die Kultur und damit die Menschen beeinflussten. (vgl. Schöttker 1999, S.18f). Noch heute besteht dieser Prozess fort, da ständig Erweiterungen wie das Internet oder das Smartphone Einfluss auf die Kultur und die Menschen haben. Der im Essay beschriebene Erfahrungs- und Wahrnehmungswandel durch die technische Reproduzierbarkeit von Kunstwerken beeinflusst noch heute moderne Theorien der Sozial- und Kulturwissenschaften, d.h. Benjamins These des Auraverlustes dient noch immer als wichtige Informationsquelle für die Medientheorie. So können auch die Erziehungswissenschaft und die Medienpädagogik darauf zurückgreifen. Dies wird im Folgenden getan, in dem näher auf das Nähe-Distanz Problem der Pädagogik eingegangen wird. Mit Hilfe von Benjamins Medientheorie wird gezeigt, dass es sich hierbei um ein Grundproblem der Pädagogik handelt. Der Fokus in Benjamins Theorie wird hierbei auf den Auraverlust und damit auf den Verlust der „(…) einmalige(n) Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag.“ (Benjamin 2008, S. 22), gelegt. Ein Grundproblem der Pädagogik ist, so die These, die Fokussierung auf die Zukunft und damit auf die Nichtbeachtung der Gegenwart. Nicht wie bei Benjamin, ist die Technik der einzige Faktor für den Wahrnehmungswandel, sondern zu hohe Erwartungen und Allmachtsphantasien der Pädagogik haben den Auraverlust zur Folge. Für Pädagogen hat dies zur Konsequenz, dass nahe Beziehungen emotional belastend wirken und hohe Stressbelastungen und psychische Krankheiten, wie das Burn-out Syndrom begünstigt werden können. Pädagogen sind häufig von nahen Beziehungen mit den Klienten betroffen, die Stress verursachen, da keine Nähe-Distanz Balance vorhanden ist. Nahe Beziehungen werden zu nah und damit emotional zu belastend.

Im ersten Teil der Arbeit wird zunächst erklärt was Nähe, Distanz und Professionalität miteinander zu tun haben und was für problematische Folgen einer Nicht-Balance von Nähe und Distanz entstehen können. Hierfür wird erläutert weshalb die drei Urprofessionen der Jurist, der Arzt und der Theologe trotz intimer und naher Beziehungen Distanz wahren und somit stets professionellen Abstand zur ihren Klienten haben. Im zweiten Teil wird dann stärker auf Walter Benjamins Text „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ eingegangen. Das Essay wird inhaltlich kurz umrissen und erklärt welche Veränderungen durch die technische Reproduzierbarkeit in der Moderne entstanden sind. Fokussiert wird hierbei der Auraverlust, denn dieser charakterisiert Merkmale, die das Nähe-Distanz Problem der Pädagogen betreffen. Es wird die These vertreten, dass der Auraverlust nicht nur in Medien der Technik stattfindet, sondern in Konzepten und Denksystemen der Pädagogik selbst verankert liegt. Hierdurch wird erklärt warum pädagogische Beziehungen häufig zu belastend für die Professionellen wirken können. Im letzten Teil der Arbeit wird daher auf Präventionsstrategien zurückgegriffen, die sich positiv auf das Grundproblem der Pädagogen auswirken. Es werden Techniken der Achtsamkeit, die seit Jahrtausenden von Menschen angewandt werden, vorgestellt. Diese Praktiken der Achtsamkeit bieten Möglichkeit für Pädagogen selbst Verantwortung für sich zu übernehmen und eine Balance von Nähe und Distanz zu schaffen und die Polarität der Dinge anzunehmen so wie sie ist.

2. Das Nähe- Distanz Problem in der Pädagogik

2.1. Nähe, Distanz und Professionalität

Die Begriffe Nähe und Distanz können nicht als objektiv berechenbare Kategorien verwendet werden, da sie subjektiv interpretierbar und veränderbar sind (vgl. Dörr/Müller 2007, S.7 f). Pädagogische Beziehungsmuster sind durch Nähe und Distanz charakterisiert und bestimmen die Pädagogik im Allgemeinen. Ohne sie gäbe es keine menschlichen Beziehungen. In den verschiedenen pädagogischen Rollen (Erzieher, Lehrer, Sozialpädagoge etc.), die jeder Pädagoge einnimmt, herrschen unterschiedliche Formen von Nähe und Distanz. Mal ist eine Beziehung nahe, mal sehr distanziert (vgl. Seifert 2013, S. 167 f).

Kinder lernen von Anfang an, dass eine Balance zwischen Nähe und Distanz wichtig ist und es gesellschaftlich wünschenswert ist, Formen der Intimität und Abgrenzung zu erlernen bzw. einzuhalten (vgl. Müller 2007, S. 145). So kann ein Mensch nahe und vertraute Beziehungen eingehen wie beispielsweise in der Familie. Diese sind wichtig für gesunde Entwicklungsprozesse und Urvertrauen. Gerade in der (Sozial-)Pädagogik wird viel mit solchen nahen Beziehungen gearbeitet z.B. in der Heimerziehung (vgl. ebd.). Aber auch die Wahrung von Distanz beispielsweise bei Fremden, ist wichtig. Bei Kindern z.B. als Schutz vor sexuellen Übergriffen (vgl. z.B. Roth 2013).

Professionelle Arbeitsbeziehungen können sowohl nahe als auch distanzierte Beziehungen implizieren. Müller (2007) erläutert anhand der drei Urprofessionen der Juristen, der Priester und der Ärzte warum genau diese Berufsgruppen einen gesellschaftlichen Sonderstatus, im Gegensatz zu anderen Berufen wie den (Sozial-)Pädagogen, haben. Alle drei Professionen (Jurist, Theologe, Arzt) arbeiten mit intimen Details ihrer Klienten. Der Jurist mit den Rechten und Pflichten der Menschen, der Theologe mit seelischen Problemen und der Arzt mit körperlichen Beschwerden. Sie sind ihren Klienten also immer sehr nahe. Gleichzeitig halten sich aber alle drei strengstens aus dem Alltag der Klienten heraus. Sie treten nicht aktiv in deren Realität ein, sondern bauen Settings außerhalb deren Realität, um die Distanz zu wahren. Mit Hilfe von Distanzsymbolen wie dem weißen Kittel der Ärzte, der Fachsprache der Juristen oder dem Beichtstuhl des Pfarrers, wird die Balance noch verstärkt und trotz der intimen Nähe mit denen alle drei arbeiten, die Distanz gewahrt (vgl. Müller 2007, S. 142-144).

Nach Müller (2007) hat die (Sozial-)Pädagogik bzw. in seinem Beispiel die Heimerziehung ein Problem mit dieser Distanz. Auch (Sozial-)Pädagogen arbeiten stets mit Intimitätsproblematiken ihrer Klienten. Man agiert in der unmittelbaren Realität des Klienten (Stichwort lebensweltorientierte Sozialarbeit) und die klassischen Felder wie Helfen, Beraten und Erziehen greifen direkt und (zu) nah in die Lebenswelt des Klienten ein. Damit fehlt häufig eine professionelle Distanz, eben das was die drei Urprofessionen besitzen (vgl. Müller 2007, S. 146f). Die zu nahen Beziehungen der Sozialpädagogik können „unter die Haut gehen“ (ebd., S. 151) und zu Problemen für die Professionellen als auch für die Klienten führen. Pädagogen sind vielleicht deshalb häufiger von Burnout betroffen, als andere Berufsgruppen (vgl. Maroon 2008, Schmidbauer 1982 und Kapitel 2.2). Die Gefahr der Nichtabgrenzung zwischen Beruf und Privatleben wächst und eine zu starke Identifikation mit den Problemen der Klienten steigert das Risiko ausgebrannt zu werden. Gleichzeitig kann eine zu große Distanz zu einer Verhärtung formaler Rollen und zu gleichgültigem Verhalten führen, was der eigentlichen Aufgabe der Sozialpädagogik widerspricht (Thiersch 2007, S. 32-38). Denn gute pädagogische Beziehungen zeichnen sich ja gerade durch Empathie und Fürsorglichkeit, also durch Nähe, aus. Folglich ist es die Kunst eine Balance zwischen Nähe und Distanz zu schaffen, um professionell arbeiten zu können. Im folgenden Kapitel wird zunächst einmal umrissen was für problematische Folgen es geben kann, wenn man im Dilemma des Nähe-Distanz Problems steckt und man keine Balance findet. Im weiteren Verlauf wird mit Hilfe von Walter Benjamins Medientheorie gezeigt, dass das Nähe-Distanz Problem im Berufsethos der Pädagogik selbst verankert liegt.

2.2 Zu viel Nähe – Burnout und problematische Folgen eines pädagogischen Grundproblems

Der Begriff Burn-out ist in den letzten Jahren zu einem Trend geworden und beschreibt verschiedene psychische und physische Belastungen und Erkrankungen. Burnout ist „(…) ein Gefühl emotionaler, körperlicher und mentaler Erschöpfung“ (Maroon 2008, S. 171). Es besteht ein Zusammenhang zwischen sozialen Berufen und dem Burnout Syndrom. Pädagogen sind häufiger von Burnout betroffen als andere Berufsgruppen. Von einigen Autoren wird die These vertreten, dass besonders idealistische Menschen, die mit vollem Einsatz ihrer Arbeit nachgehen, stärker enttäuscht werden und somit das Risiko für ein Burn-out steigt (vgl. Maroon 2008, S. 170 f). Im Folgenden wird dies ergänzt und die These vertreten, dass ein wichtiger Faktor für das Burn-out Syndrom das Nähe-Distanz Problem ist. Gerade Pädagogen, die wie oben erläutert häufig keine Distanz bei zu nahen Beziehungen mehr haben, sind von Burnout häufig betroffen (vgl. Becker und Gonschorek 1991 und Maroon 2008). Die nahen Beziehungen wirken jedoch nur dann als stressfördernd wenn keine wirkliche Distanz geschaffen werden kann. Hierfür wird im dritten Kapitel auf Walter Benjamins Aura Theorie näher eingegangen, um diese Problematik durch ein pädagogisches Grundproblem zu erläutern.

Burnout führt häufig zu Arbeitsunfähigkeit. Die Zahl der fehlenden Arbeitnehmer am Arbeitsplatz auf Grund von psychischen Erkrankungen ist in den letzten Jahren gestiegen. Die Ursachen von psychischen Belastungen können vielfältig sein. So nennen Zieroff (2012) hohe Leistungsansprüche, Spannungszustände zwischen Selbst- und Fremdbestimmung, Rollenkonflikte innerhalb eines Berufs und private Probleme als Hauptursachenquelle. Besonders negativ wirken sich zu hohe Ansprüche an sich selbst, beruflicher Erfolg als einzige Selbstwertquelle, Ignorieren der eigenen Bedürfnisse und das Gefühl es allen Recht machen zu müssen, aus (vgl. Zieroff 2012, S.9). Burnout führt zu einer zynischen und negativen Einstellung und Grundhaltung. Ein Lehrer sieht beispielsweise seine Schüler als Feinde, zeigt kein Engagement mehr und Disziplinierung ist die Hauptmethode seines Unterrichts. Mit der Zeit zeigen sich Symptome wie Schlafstörungen, Depressionen, Ängste und Unruhe, die so stark sein können, dass eine Reha mit Klinikaufenthalt nötig sein kann (vgl. Maroon 2008, S. 172). Becker und Gonschorek (1991) verteilen die Ursachen des Burnouts auf neun Bereiche. In vielen hiervon wird auch das Nähe-Distanz Problem angesprochen. Die Arbeit mit verhaltensauffälligen Schülern wird als besonders stressig bei Lehrern empfunden, da sich der Lehrer ausgenutzt und alleingelassen fühlt. Er hat den Auftrag korrigierend zu wirken, um das zu verändern, was das soziale Umfeld der verhaltensauffälligen Schüler bisher nicht geschafft hat. Des Weiteren wirken Soziale-Brennpunkt- Schulen als stark belastend, da es den Lehrern hierbei oft an Erfolgserlebnissen fehlt (vgl. Becker und Gonschorek 1991, S. 17-18). Zudem haben „Burnoutlehrer“ oft im Privaten das Gefühl „(…) nicht genug getan zu haben und eigentlich noch mehr tun zu müssen“. (ebd., S. 19). Hierbei wird deutlich, dass ein Grundproblem ist, dass sich die Lehrer zu stark verantwortlich fühlen, was aus den Schülern werden soll. Wenn dies nicht gelingt wie es in der Vorstellung der Lehrer sein soll und diese nicht pädagogisch-verändernd wirken können, entsteht Stress. Die emotional nahen Beziehungen wirken umso stärker, je größer die Vorstellung ist, nicht „ordentlich“ auf die Schüler einwirken zu können. Die Angst pädagogisch zu versagen, also es nicht zu schaffen einen selbstbestimmten Menschen zu erziehen, führt zu Stressreaktionen und damit gegebenenfalls zum „Ausbrennen“. Erst der Gedanke für alles verantwortlich zu sein und bei gegebenem Misserfolg Schuld daran zu haben, erzeugt Stress. Hiervon scheint die Pädagogik besonders betroffen zu sein. Vergleicht man sie mit dem Arzt, dem Juristen oder dem Theologen wird der Unterschied schnell deutlich (vgl. hierzu Müller 2007). Der Arzt hat nach der Operation sein Möglichstes getan, der Jurist nach der Gerichtsverhandlung und der Pfarrer verweist nach dem Gottesdienst oder der Beichte direkt auf Gott oder auf das Leben nach dem Tod. Der Pädagoge hingegen fühlt sich schuldig, wenn der Drogenabhängige rückfällig wird, der Arbeitslose keine Arbeit findet oder der gewalttätige Jugendliche ins Gefängnis muss. Scheinbar hat er nicht genug getan und seine Handlungen reichen nie aus.

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Details

Seiten
21
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668129955
ISBN (Buch)
9783668129962
Dateigröße
864 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314036
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,7
Schlagworte
nähe distanz pädagogik überlegungen auratheorie walter benjamin

Autor

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Titel: Nähe und Distanz in der Pädagogik. Überlegungen zur Auratheorie von Walter Benjamin