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Demokratische Elemente im Afrika der Vorkolonialzeit

Hausarbeit 2004 17 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Afrika

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Politische Strukturen im vorkolonialen Afrika

2. Die Ashanti
2. 1. Politischer Wettbewerb und Partizipation bei den Ashanti
2.2. Die Königinmutter
2.3. Politisches Interesse der Ashanti

3. Bürgerliche Freiheiten im vorkolonialen Afrika
3.1. Meinungsfreiheit
3.2. Gleichberechtigung von Mann und Frau
3.3. Gleichheit der Bürger

4. Das Fehlen einer politischen Opposition

5. Das vorkoloniale Afrika – demokratisch?

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

„We, in Africa, have no more need of being ‚converted’ to socialism than we have of being ‚taught’ democracy. Both are rooted in our past – in the traditional society which produced us.”[1]

Julius K. Nyerere

Was die Problematik der Demokratisierungsprozesse in Afrika betrifft, so gehen die Expertenmeinungen stark auseinander. Die einen glauben, dass die Demokratie der afrikanischen politischen Kultur derart fremd sei, dass sie niemals als eine Form der politischen Organisation Fuß fassen könne, wohingegen die anderen die Meinung des ersten Präsidenten Tansanias, Julius K. Nyerere, teilen.[2]

Dieser ist der Ansicht, dass Demokratie in Afrika während der Präkolonialzeit vorherrschte und somit in der traditionellen afrikanischen Kultur verwurzelt sei. Erst die europäischen Kolonialmächte hätten die Demokratie in Afrika zerstört.[3]

Bei der Klärung der Frage, inwieweit man von demokratischen Elementen im präkolonialen Afrika sprechen könne, sollen unter dem Begriff „Afrika“ all jene afrikanischen Staaten südlich der Sahara[4] verstanden werden, da diese historisch-kulturelle Gemeinsamkeiten im Gegensatz zu den islamisch-arabisch geprägten Staaten Nordafrikas aufweisen.[5] Dennoch ist es nicht ganz unproblematisch, eine Generalisierung von so vielen unterschiedlichen Stämmen und Ethnien vorzunehmen. Daher muss berücksichtigt werden, dass bei der folgenden Arbeit nicht näher auf Besonderheiten einzelner Stämme eingegangen werden kann und allein die Ashanti als Beispiel für die afrikanische Vorkolonialzeit genauer untersucht werden.

Zudem ist es nötig, sich auf eine Definition des Begriffes „Demokratie“ festzulegen, ehe man sich mit der afrikanischen Kultur und Tradition auseinandersetzt. Hierbei soll auf den Demokratiebegriff von Larry Diamond, Juan J. Linz und Seymour Martin Lipset zurückgegriffen werden, die sich ihrerseits auf Beiträge von Robert A. Dahl und Joseph Schumpeter beziehen.[6] Diese Definition besagt, dass Demokratie eine Regierungsform mit drei Grundbedingungen darstellt:

1) Politischer Wettbewerb zwischen Individuen und organisierten Gruppen (Parteien) für alle bedeutenden Regierungspositionen, der in regelmäßigen Abständen ohne den Gebrauch von Gewalt stattfindet
2) Politische Partizipation, zumindest in Form von regulären und gerechten Wahlen
3) Gewisse bürgerliche und politische Freiheiten und Rechte, wie zum Beispiel Meinungs- und Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit[7]

Eben diese politischen Partizipationsmöglichkeiten der afrikanischen Bürger, die hierarchischen Strukturen, die Formen des politischen Wettbewerbs und die bürgerlichen Grundrechte sollen im Folgenden genauer untersucht werden.

1. Politische Strukturen im vorkolonialen Afrika

Bei den politischen Strukturen im vorkolonialen Afrika kann man zwei dominante Formen unterscheiden: die eher „egalitär-segmentäre“ und die stärker hierarchisch organisierte.[8]

Unter den Erstgenannten sind Systeme von Altersgruppen zu verstehen, die durch Übergangsrituale voneinander abgetrennt sind. Innerhalb dieser Gruppen waren alle Mitglieder gleichberechtigt.

Entscheidungen wurden von einem Ältestenrat konsensual getroffen, wobei sich jedoch die Entscheidungsfindung auf kleinräumige soziale Gebilde beschränkte. Portugiesische Entdeckungsreisende, die an der westafrikanischen Küste auf solche sozialen Organisationsformen stießen, beizeichneten diese als „Palaver“.[9]

„The traditional African society, whether it had a chief or not and many, like my own, did not, was a society of equals and it conducted its business through discussion. “[10]

Solche egalitär-segmentären Formen von politischer Struktur waren in fast allen Regionen Afrikas vertreten.

Zu den hierarchisch organisierten Formen zählten beispielsweise stärker zentralisierte Königreiche wie Aschanti (Ghana) oder Buganda.[11]

2. Die Ashanti

Trotz allerlei Forschung über die Stämme Afrikas, sind die genauen Ursprünge des Volkes der Ashanti zum großen Teil unbekannt, da die afrikanische Geschichte in erster Linie mündlich überliefert und so über Generationen weitergegeben wurde. Man geht jedoch davon aus, dass sich die ersten Kleinstaaten auf dem Gebiet des heutigen Ghanas um 1000 bildeten.

Die Ashanti besiedelten den Süden Ghanas, der aufgrund seiner Goldvorkommnisse auch Goldküste ( „gold coast“) genannt wurde. Sie gehörten zu der ethnischen Gruppe der Akan, zu der neben den Ashanti auch die Akim, Fanti, Akwapim und die Kwahus gehörten.[12] Die Ashanti galten als das mächtigste und größte der Akan-Völker, die noch heute etwa 42% der ghanaischen Bevölkerung ausmachen. Ursprünglich lebten die Ashanti im westlichen Sudan, wurden aber von mohammedanischen Nomaden in den Süden in das Gebiet von Kumasi, ihrer späteren Hauptstadt, vertrieben.[13] Nach langen Kämpfen gegen das südwestlich gelegene Königreich von Denkyira, gewannen die Ashanti letztlich die Entscheidungsschlacht in Feyiase um das Jahr 1701. Von diesem Zeitpunkt bis etwa zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Reich der Ashanti als das stärkste und mächtigste Westafrikas angesehen. Bei einer Fläche von ca. 190 000 km² lag die Einwohnerzahl zu dieser Zeit um die 2 Millionen.[14]

Im Jahre 1874 wurde das Ashanti-Reich schließlich britische Kronkolonie.

2.1. Politischer Wettbewerb und Partizipation bei den Ashanti

Das politische System der Ashanti war linear aufgebaut: Sämtliche Mitglieder eines Geschlechts (lineage) dieser Gemeinschaft stammten ursprünglich von einem gemeinsamen Ahn ab und teilten ein gemeinsames Territorium.[15]

Jedes Dorf bildete eine politische Einheit, eine Vielzahl von Dörfern einen Staat (oman), wie zum Beispiel den Ashanti- oder Akimstaat. Ihr Anführer, der „Chief“, wurde dementsprechend „Omanhene“ genannt. Zusätzlich gab es auch in jedem Dorf einen „Chief,“ der von dessen Mitgliedern gewählt wurde und die Dorfgemeinschaft repräsentierte.[16]

Darüber hinaus stand dem „Chief“ ein Ältestenrat zur Seite. So wie es einen „Chief“ für jedes Dorf und jeden Staat gab, so gab es auch einen Ältestenrat sowohl auf regionaler als auch auf nationaler Ebene. Der Ältestenrat bestand üblicherweise aus den jeweiligen Anführern der einzelnen lineages.

Die politische Organisation der Ashanti setzte sich demnach aus kleineren sozialen Gruppen zusammen, die mit anderen sozialen Gruppen eine größere politische Einheit bildeten.

Der „Chief“ dieser Einheit stammte aus einem königlichen Geschlecht. Da es bei den Ashanti mehrere königliche Geschlechter gab, standen für gewöhnlich mehrere Kandidaten für die Position des „Chiefs“, also des Häuptlings, zur Wahl. Monarchische Abstammung wurde demnach mit einer Volksabstimmung kombiniert.[17]

Da der Häuptling als Richter, Gesetzgeber und vollziehende Gewalt agierte, bestand die Gefahr, dass er seine Macht zur Durchsetzung seiner persönlichen Ziele missbrauchen könnte. Um dieser Gefahr vorzubeugen, sah das System der Ashanti gewisse „checks and balances“ vor. Der „Chief“ durfte nur auf Anweisung und mit dem Einverständnis des Ältestenrates handeln.[18] Sollte er sich diesem widersetzen, musste er damit rechnen, abgesetzt zu werden. Schließlich war es in vielen afrikanischen Stämmen üblich, dass der Anführer ebenfalls dem Gesetz unterstand und im Falle eines Gesetzesverstoßes bestraft oder entlassen werden konnte.[19]

[...]


[1] Julius K. Nyerere: Freedom and Unity/Uhura na Umoja: A Selection From Writings and Speeches, London 1966, S. 170 in: Emeka Nwokedi: Politics of Democratization. Changing Authoritarian Regimes in sub-Saharan Africa. Münster; Hamburg 1995. S. 10

[2] Emeka Nwokedi: Politics of Democratization. Changing Authoritarian Regimes in sub-Saharan Africa. Münster; Hamburg 1995. S. 8

[3] Ebd. S. 10

[4] Da Südafrika und das dortige militärisch-politische System des Zulu Königreichs einen Sonderfall darstellt, wird Südafrika von der Untersuchung ebenfalls ausgeschlossen. Vgl.David N. Magang: Democracy in African Tradition: The Case of Botswana in: Dov Ronen (Hrsg.): Democracy and Pluralism in Africa. Boulder, Colorado 1986. S. 103

[5] Dirk Berg-Schlosser: Demokratisierung in Afrika – Bedingungen und Perspektiven in: Law and Politics in Africa, Asia and Latin America. Baden-Baden 1994. S. 290

[6] Emeka Nwokedi: Politics of Democratization. Changing Authoritarian Regimes in sub-Saharan Africa. Münster; Hamburg 1995. S. 8

[7] Vgl. Emeka Nwokedi: Politics of Democratization. Changing Authoritarian Regimes in sub-Saharan Africa. Münster; Hamburg 1995. S. 8

[8] Vgl. Dirk Berg-Schlosser: Demokratisierung in Afrika – Bedingungen und Perspektiven in: Law and Politics in Africa, Asia and Latin America. Baden-Baden 1994. S. 295

[9] Vgl. Dirk Berg-Schlosser: Demokratisierung in Afrika – Bedingungen und Perspektiven in: Law and Politics in Africa, Asia and Latin America. Baden-Baden 1994. S. 295

[10] Julius K. Nyerere: Freedom and Unity. Uhuru na Umoja. A selection from writings and speeches. Oxford University Press 1966. S. 103

[11] Vgl. David N. Magang: Democracy in African Tradition: The Case of Botswana in: Dov Ronen (Hrsg.): Democracy and Pluralism in Africa. Boulder, Colorado 1986. S. 103

[12] Vgl. Andreas Köhler: Die Entwicklung des Eigentums bei de Aschanti. Berlin 1984. S. 1

[13] Vgl. Ebd.

[14] Vgl. Ebd. S. 3

[15] Vgl. Kofi Abrefa Busia: The Political Heritage in: Safro Kwame (Hrsg.): Readings in African Philosophy. An Akan Collection. London 1995. S. 209

[16] Vgl. Kwasi Wiredu, Kwame Gyekye: Person and Community. Ghanaian Philosophical Studies, I. Washington 1992. S. 242

[17] Vgl. Kofi Abrefa Busia: The Political Heritage in: Safro Kwame (Hrsg.): Readings in African Philosophy. An Akan Collection. London 1995. S. 209

[18] Vgl. ebd. S. 210

[19] Vgl. Meyer Fortes and E. E. Evans-Pritchard: African Political Systems in: Kwame Gyekye: Tradition and Modernity. Philosophical Reflections on the African Experience. Oxford 1997. S. 117

Details

Seiten
17
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638324496
ISBN (Buch)
9783638811699
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v31439
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Seminar für Wissenschaftliche Politik
Note
2,0
Schlagworte
Demokratische Elemente Afrika Vorkolonialzeit

Autor

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