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Perspektiven für die Arbeit mit Menschen mit geistigen Behinderungen durch systemische Beratung und Therapie

Hausarbeit 2015 18 Seiten

Pflegemanagement / Sozialmanagement

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

1 Entstehungsgeschichte: Von der Familientherapie zur systemischen Therapie und Beratung

2 Theorie systemischen Denkens und Handelns
2.1 Systemtheorie
2.2 Konstruktivismus

3 Grundprinzipen systemischer Therapie und Beratung

4 Systemisches Handeln in der Arbeit mit Menschen mit geistigen Behinderungen
4.1 Verhalten erkennen: Problem und Ressourcen erfassen
4.2 Verhalten erklären: Informationen auswerten
4.3 Verhalten verstehen: Hypothesen bilden und Ziele definieren
4.4 Verhalten verändern: Intervenieren und Prozesse begleiten

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

„Verstehen kann man das Leben oft nur rückwärts, doch leben muss man es vorwärts.“

Sören Kierkegaard

Einführung

Systemische Therapie und Beratung ist die Sammelbezeichnung für eine bestimmte Art des Denkens und Handelns, das in den 1950er Jahren als sogenannte „Familientherapie“ begann. Systemische Konzepte gehen davon aus, dass das Verhalten eines Menschen immer Sinn in seinem besonderen Lebenszusammenhang, seinem Kontext macht. Das Erforschen des Lebenszusammenhangs des Klienten und das Verstehen warum das Problem in diesem Zusammenhang Sinn ergibt, stehen im Zentrum der Interventionen.

Ab Ende der 1980er Jahre, als sich das systemische Denken in Beratung und Therapie etablierte, begann auch die Behindertenpädagogik, sich mit diesen Konzepten auseinanderzusetzen. Dies in einer Zeit, als die Definition von Behinderung einem Paradigmenwechsel unterworfen war und (behindernde) Strukturen der Einrichtungen und Organisationen in den Blick genommen wurden (Strubel/Weichselgartner 1995, S. 78ff). Was damals fehlte, waren Erklärungsmodelle und Behandlungsansätze für Menschen mit Behinderungen, die durch Verhalten auffielen, welches psychischen Störungen zugeschrieben wurde.

Hier kann inzwischen die systemische Perspektive Abhilfe schaffen, denn sie sieht Behinderung als individuelle Bedingung, als Kontextvariable. Das heißt, das Verhalten und die Besonderheiten des behinderten Menschen können als sinnvolle Lebensäußerung in einem konkreten Kontext verstanden werden. Das Erklären und Verstehen von Verhalten ermöglicht es schließlich, Ansatzpunkte für Veränderung zu formulieren, die nicht notwendigerweise in der von Behinderung betroffenen Person liegen, sondern in ihrem sozialen Umfeld.

So ist es folgerichtig, dass auch die Methoden aus der systemischen Therapie und Beratung in der Arbeit mit Menschen mit geistigen Behinderungen und auffälligem Verhalten Einzug gehalten haben.

In Kapitel 1 wird die Entstehungsgeschichte der systemischen Therapie und Beratung dargestellt. Anschließend werden im zweiten Kapitel die Systemtheorie sowie der Konstruktivismus skizziert. Diese bilden die zwei wesentlichen erkenntnistheoretischen Modelle, auf denen das systemische Denken und Handeln basiert. Das 3. Kapitel stellt die Grundprinzipien systemischer Praxis vor. Im Anschluss daran wird in Kapitel 4 schließlich das systemische Handeln in der Arbeit mit Menschen mit geistigen Behinderungen konkretisiert. Die Darstellung der Methoden folgt dabei dem idealtypischen Verlauf eines Beratungs- und Therapieprozesses.

1 Entstehungsgeschichte: Von der Familientherapie zur systemischen Therapie und Beratung

Der systemische Ansatz in der Beratung und Therapie lässt sich nicht auf eine Gründerpersönlichkeit zurückführen. Vielmehr entwickelte er sich parallel und in verschiedenen Zusammenhängen der Psychotherapie und der Sozialarbeit als sogenannte „Familientherapie“.

Bis in die 1950er Jahre war Psychotherapie ausschließlich eine Angelegenheit zwischen zwei Personen: Dem Therapeuten und seinem Klienten.

Lange vor den ersten Pionieren der Familientherapie jedoch bereiteten einzelne Vordenker bereits den Boden dafür, das bekannte Feld der Einzel- und Gruppentherapie zu verlassen und das therapeutische Setting zu erweitern: z.B. Alfred ADLER mit seiner „Theorie der sozialen Determinierung“ (1898), Jacob Levy MORENO, der als Begründer des „Psychodramas“ (1936) den Menschen und sein soziales Netz als unauflösliche Einheit betrachtete oder Kurt LEWIN, der in seiner „Feldtheorie“ (1936) den Lebensraum einer Person als Feld definierte (von Schlippe/Schweitzer 2003, S. 18).

Als „Mutter der Familientherapie“ gilt die amerikanische Lehrerin und Sozialarbeiterin Virginia SATIR. Schon 1951 arbeitete sie als erste Therapeutin mit einer vollständigen Familie. In ihrer Arbeit mit Familien entdeckte sie Strukturaspekte von Systemen: Allianzen, Koalitionen, Einbeziehung eines Dritten in einen verdeckten Konflikt. Sie überwand das medizinische, linear-kausale Erklärungsmodell und entwickelte auf der Grundlage eines humanistischen, wachstumsbezogenen Menschenbildes ein ganzheitlich-systemisches Behandlungsmodell. Dieses geht davon aus, dass die Mitglieder einer Familie und die Familie als Ganzes in der Lage sind ihre „Selbstheilungskräfte“ zu nutzen, die in der Therapie mobilisiert werden können.

Mitte der 1970er Jahre entwickelte das Team um Mara Selvini PALAZZOLI im sogenannten „Mailänder Modell“ grundlegende Methoden wie das „Hypothetisieren“, das „zirkuläre Fragen“ oder das „Prinzip der Neutralität“, die „heute aus dem systemischen ‚Werkzeugkasten‘ nicht mehr wegzudenken“ (von Schlippe/Schweitzer 2003, S. 26) sind. Im Gegensatz zu früheren Vorstellungen, besteht das System um das es geht nicht aus Personen, sondern aus Information und Kommunikation. Damit legten die Mailänder den Fokus auf die paradoxen Regeln innerhalb einer Familie. Diese galt es mit dem Mittel des sogenannten „Gegenparadoxons“ auszutauschen, um das Familienspiel aus dem Gleichgewicht zu bringen und damit eine Neuorganisation der familiären Interaktion zu ermöglichen.

In Abgrenzung zur Psychoanalyse begann man mit der Familientherapie, Probleme mehr und mehr als Bestandteile sozialer Systemstrukturen wahrzunehmen und nicht als Eigenschaften einzelner Personen. Damit wurde ein Paradigmenwechsel beschrieben. Heute wird der Begriff „Familientherapie“ ersetzt durch den Terminus „Systemische Therapie“, denn heute sind es neben dem „System Familie“ viele „andere Personen-Netzwerke mit hohem persönlichen Verbindlichkeitsgrad“ (Brunner 2007, S. 656). Darüber hinaus ist in der modernen Welt eine stärker konstruktivistische Perspektive erforderlich, da immer entscheidender wird, wie Menschen sich als zugehörig wahrnehmen und definieren.

2 Theorie systemischen Denkens und Handelns

Systemtheorie und Konstruktivismus sind die beiden theoretischen Modelle, die gemeinsam die Grundlagen für systemisches Denken und Handeln liefern.

Systemtheorie ist ein interdisziplinäres Erkenntnismodell, in dem Systeme zur Beschreibung und Erklärung komplexer Phänomene in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen (Soziologie, Psychologie, Pädagogik, Philosophie etc.) herangezogen werden.

Der Konstruktivismus ist eine erkenntnistheoretische Theorie, die sich mit dem menschlichen Denken, Erkennen und Urteilen beschäftigt.

2.1 Systemtheorie

Den Ursprung und theoretischen Hintergrund des systemischen Denkens bildet die Systemtheorie. Als Begründer der „Allgemeinen Systemtheorie“ (1956) gilt der Biologe Karl Ludwig von BERTALANFFY. Er beschreibt Systeme als geschlossene Einheit von Elementen, die in Abgrenzung zu ihrer Umwelt entstehen und die mehr als die bloße Summe dieser Elemente ist. Ein Beispiel hierfür ist der menschliche Körper: Er besteht aus einer Summe von einzelnen Atomen bzw. Molekülen, die gemeinsam eine lebendige Einheit ergeben. Zerlegt man den Körper in seine Einzelteile, ist das System Mensch tot. BERTALANFFY untersuchte allgemeine Prinzipien von Systemen - Komplexität, Gleichgewicht, Rückkopplung und Selbstorganisation - und wollte seine Theorie als allgemeine Wissenschaft der Ganzheitlichkeit verstanden wissen.

Diese Erkenntnisse bilden die Grundlage für die „Theorie der sozialen Systeme“ (1984) von Niklas LUHMANN. Seine Systemtheorie gilt als ein universelles und umfassendes Konzept für alle Formen der sozialen Systeme (z.B. Zweierbeziehungen, Organisationen, Gesellschaft). Soziale Systeme erschaffen sich selber und verfolgen im Sinne einer Homöostase das Ziel, sich zu erhalten und bei Störungen wieder zu stabilisieren.

LUHMANN charakterisiert seine Theorie als „Theorie autopoietischer, selbstreferentieller, operativ geschlossener Systeme“ (Luhmann zitiert nach Berghaus 2011, S.50).

Unter Selbstreferentialität versteht er, dass Systeme eine Beziehung zu sich selbst herstellen können und diese von einer Beziehung nach außen, zu ihrer Umwelt unterscheiden können. Sie sind in sich operationell geschlossen und interagieren mit ihrer Umwelt nur, wenn sie an das jeweilige Umwelt-System angeschlossen sind.

Den Schlüsselbegriff der Autopoiesis (griech. „Selbst-Erzeugung“) hat LUHMANN aus dem biologischen Kontext von Humberto MATURANA und Francisco VARELA übernommen und auf soziale Systeme übertragen. Soziale Systeme produzieren beständig sowohl einzelne Elemente als auch die Organisation der Beziehungen zwischen diesen Elementen.

In der Systemtheorie nach LUHMANN unterscheiden sich darüber hinaus soziale und psychische Systeme von anderen autopoiesischen Systemen dadurch, dass sie mit Sinn operieren und damit die Komplexität der äußeren Einflüsse reduzieren. Sie filtern die von außen in das System eindringenden Informationen nach bestimmten Kriterien aus der unendlich komplexen Umwelt und nur ein kleiner Teil davon wird zugelassen. Da das Ziel allen Handelns eines Systems das eigene Gleichgewicht und Erhalt der Funktionsfähigkeit sind, sind direkte Fremdeinwirkungen und Fremdbestimmungen nicht möglich.

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Details

Seiten
18
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668138186
ISBN (Buch)
9783668138193
Dateigröße
686 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314600
Institution / Hochschule
Hochschule Bremen – Internationaler Studiengang Pflege- und Gesundheitsmanagement (ISPG)
Note
Schlagworte
Systemische Therapie Beratung Familientherapie behinderung systemische Perspektive

Autor

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Titel: Perspektiven für die Arbeit mit Menschen mit geistigen Behinderungen durch systemische Beratung und Therapie