Lade Inhalt...

Die „Sportpalastrede“ von 1943. Linguistische Analyse der von Goebbels verwendeten Metaphorik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 16 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung ...1

1. Der Nationalsozialismus ...1
1.1. Die nationalsozialistische Ideologie ...1
1.2. Die Bestandteile der nationalsozialistischen Ideologie ...2
1.3. Propaganda und Massenlenkung ...2

2. Historischer Hintergrund der Sportpalastrede von 1943 ...3
2.1. Die militärische Wende ...3

3. Inhaltliche Zusammenfassung der Sportpalastrede ...3

4. Zur Verwendung von Metaphern ...5
4.1. Kognitive Metapherntheorie ...5
4.1.1. Analyse von Beispielmetaphern ...8
4.1.2. Metapher aus dem Spenderbereich Natur ...8
4.1.3. Metapher aus dem Spenderbereich Krankheit/Medizin ...9
4.1.4. Metapher aus dem Spenderbereich Militär/Kampf ...10
4.1.5. Metapher aus dem Spenderbereich Sport ...11

Fazit ...11

Anlagen ...14

Literaturverzeichnis ...14

Einleitung

„Wenn man durch Worte zu überreden imstande ist, [...] so wird der Arzt dein Knecht sein, der Meister der Leibesübungen auch, und von diesem Geschäftsmann wird sich zeigen, dass er nicht für sich erwirbt, sondern für einen andern, für dich, der du verstehst zu sprechen und die Massen zu überzeugen.“ (Loebbert 1998: 17).

Anhand eines kurzen linguistischen Einblicks in Goebbels Sportpalastrede von 1943, mit Beleuchtung der Verwendung von Metaphern, soll nun im Sinne dieses Zitates in der folgenden Arbeit die „Redekunst“ des Propagandaministers Joseph Goebbels in den Fokus gehoben werden. Für die Nachwelt wird Joseph Goebbels meist als der Demagoge par excellence gehalten, der sich dabei verschiedenster rhetorischer Mittel bediente. Dabei gehen einige Meinungen sogar so weit zu behaupten, dass die großen Teile des deutschen Volkes vor und während der Zeit des Nationalsozialismus - teilweise sogar gegen ihren Willen - aufgehetzt wurden. Dies würde jedoch implizieren, dass zum einen eine Aufhetzung dieses Ausmaßes überhaupt realisierbar wäre, zum Anderen, die Schuld dieser „Massensuggestion“ folglich nur einer kleinen Minderheit anzulasten sei. Resultierend daraus ergibt sich die These von der Schuldlosigkeit derjenigen, welchen diesen „Verführungskünsten“ schutzlos ausgeliefert waren. (vgl. Kegel 2006: 2).

Vertreter dieser Auffassung sind der Meinung, dass die Wirkung einer Rede entscheidend von den Fähigkeiten des Redners abhängt und die Kunst der Wortwahl primär die Reaktionen der Zuhörer beeinflussen kann. (Kegel 2006: 2).

Eben diese „Fähigkeiten“ im Hinblick auf die Metaphorik sollen im Folgenden genauer untersucht werden, indem zunächst die Metaphern aus den unterschiedlichen Spenderbereichen beleuchtet werden, denen ein kurzes Fazit folgt, welches die Ergebnisse strukturieren und zusammenfassen soll.

1. Der Nationalsozialismus

1.1. Die nationalsozialistische Ideologie

Wichtig für das Verständnis der Rede ist die Ideologie des Nationalsozialismus, die als innerweltliche Religion bestimmt werden kann, bei der ein vormals areligiöser Ausschnitt der Realität zum Religiösen mutiert. Nationalsozialisten bedienen sich zur Darstellung und Verbreitung ihrer Ideologeme vorgeprägter ritueller Muster wie der Kundgebung. Sie integrieren Ideen und Anschauungen in ein dualistisches, apokalyptisch geprägtes System. Dieses wiederum geht von einer bevorstehenden Katastrophe und einem reinigenden Übergang aus.[1]

Einerseits basierte die nationalsozialistische Ideologie auf den Ideen des 19. Jahrhunderts, sie entwickelte sich aber auch als eine Reaktion auf die liberalen und parlamentarischen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts weiter. Auch spielte die Niederlage des ersten Weltkrieges, die als eine nationale Schmach empfunden wurde, eine wesentliche Rolle (vgl. Matthiessen 2011: 171).

1.2. Die Bestandteile der nationalsozialistischen Ideologie

Die Ideologie des Nationalsozialismus vereinte Antisemitismus, Nationalismus, Imperialismus, Weltmachtstreben, Führerprinzip mit Antimarxismus, Antiparlamentarismus und oberflächliche Elemente des Sozialismus zu einer keinesfalls geschlossenen, aber aggressiven und wirkungsvollen Ideologie. Eben diese verknüpfte zwar die unterschiedlichen Elemente, machte aber keine genauen Aussagen über ihre Umsetzung und die Organisation der Ziele. Zum einen implizierte dies eine gewisse Unkontrollierbarkeit und Desorganisation des nationalsozialistischen Staates, aber andererseits ermöglichte die Ungenauigkeit der Aussagen über die Umsetzung dem NS-Staat eine ungeheure, nicht kontrollier - und vorhersehbare Dynamik, die eigenen Grundsätze zu verlassen und in extremen Situationen eine noch verhängnisvollerer radikalere Richtung einzuschlagen. Dabei bestimmte die Rassenideologie die nationalsozialistische Politik grundlegend (vgl. ebd.: 172).

1.3. Propaganda und Massenlenkung

Die NSDAP erreichte die damalige Bevölkerung mit dem Einsatz moderner Kommunikationstechnik wie dem Rundfunk oder der Wochenschau und spektakulären bis ins kleinste Detail organisierten Großveranstaltungen. Ein wichtiger Anspruch der NSDAP war es auch, das deutsche Volk im Sinne des Nationalsozialismus umzuerziehen. „So zog das Reich die legislativen Kompetenzen ab und zentralisierte das Erziehungssystem“ (ebd.: 180).

Rassenkunde und Vererbungslehre wurden von nun an unterrichtet und die Lehrpläne wie auch die Lehrerschaft wurden auf die nationalsozialistische Ideologie ausgerichtet. Auch für die damaligen Hochschulen galt diese Ausrichtung. Literatur, Kunst und die Massenmedien dienten dabei der Propagierung der nationalsozialistischen Ideologie. Im März 1933 wurde unter Joseph Goebbels das „Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda“ geschaffen, unter welchem das Kulturleben und die Medien gleichgeschaltet wurden. Goebbels erzwang eine gemeinsame Sprachregelung und eine Angleichung von Themen durch eine tägliche Reichspressekonferenz, Repressalien gegenüber Oppositionellen und die Gleichschaltung der Medien. (vgl. ebd.: 180).

2. Historischer Hintergrund der Sportpalastrede von 1943

2.1. Die militärische Wende

Das Dritte Reich war kriegswirtschaftlich nicht auf einen langwehrenden Krieg vorbereitet gewesen, da von der Kriegsführung auf eine Blitzkriegtaktik gesetzt worden war und somit auf eine rasche Niederwerfung der Sowjetunion (vgl. Harrison 2000: 13).

Stalins Strategie hingegen war ein „Kampf der Maschinen“, ein sogenannter Abnutzungskrieg bei dem eine größere Kriegswaffenproduktion den Sieg bringen sollte. Die Sowjetunion gewann den Krieg schließlich durch eine gegenüber dem Deutschen Reich deutlich größere Waffenproduktion {vgl. Duiker 2008: 551}.

Eine Wende im Kriegsgeschehen wurde deshalb bereits ab 1943 mit der Niederlage der Japaner in der Seeschlacht bei den Midway-Inseln, der Niederlage der 6. Deutschen Armee bei Stalingrad und der Kapitulation des italienisch-deutschen Afrikakorps offensichtlich. Somit war eine Niederlage Deutschlands und seiner Anhänger unvermeidbar (vgl. Matthiessen 2011: 202). „Die Mobilisierung aller deutschen Kräfte durch Goebbels` Totalisierung des Krieges verlängerte diesen bis in das Jahr 1945, die Zahl der Kriegsopfer erhöhte sich um mehr als das Doppelte. Hitlers Stellung als unangefochtener Diktator war trotz des Attentats vom 20. Juli nicht zu erschüttern.“ (ebd.: 202).

Diese Niederlage gab Goebbels Anlass zu seiner Sportpalastrede. Getreu nach seinem Motto aus seiner Rede zum 10. Jahrestag der Machtübernahme vom 30. Januar 1943: „Für uns aber war es seit jeher feststehender und unumstößlicher Grundsatz, daß das Wort Kapitulation in unserem Sprachschatz nicht existiert.“ (Wette 2013).

„Nun pries er vor mehr als zehntausend Zuhörern im weiten Rund des 1910 errichteten Sportpalastes – wo zu friedlichen Zeiten Boxturniere und Sechstagerennen ausgetragen wurden – das »große Heldenopfer« der Stalingrad-Kämpfer. Ihr unbeirrbarer Glaube an »Führer« und Reich verpflichte alle Deutschen, an der Front wie in der Heimat.“ (Wette 2013).

Goebbels Sportpalastrede soll also das Nationalgefühl des deutschen Volkes nach der Niederlage in Stalingrad erneut entfachen und die Massen zum „totalen Krieg“ mobilisieren.

3. Inhaltliche Zusammenfassung der Sportpalastrede

In seiner Rede beginnt Goebbels zunächst damit, die ernste Lage in Stalingrad anzusprechen: „Die Krise, in der sich unsere Ostfront augenblicklich befindet, […]. Stalingrad war und ist der große Alarmruf des Schicksals an die deutsche Nation.“ (Heiber 1972: 172–173).

Damit einhergehend spricht er ein Lob an das deutsche Volk aus: „Ein Volk das die Stärke besitzt, ein solches Unglück zu ertragen und auch zu überwinden, […], daraus noch zusätzlich Kraft zu schöpfen, ist unbesiegbar (ebd.: 173). Allerdings appelliert Goebbels auch dazu, schnell zu handeln um den „bolschewistischem Feind“ nicht zu unterliegen und vergleicht die Gefahr mit einer Art Naturkatastrophe um sie noch bedrohlicher zu machen: „Der Ansturm der Steppe gegen unseren ehrwürdigen Kontinent ist in diesem Winter mit seiner Wucht losgebrochen, die alle menschlichen und geschichtlichen Vorstellungen in den Schatten stellt.“ (ebd.: 175). Grundlegend lässt sich folgende Argumentationsstruktur feststellen: Die Durchführung des totalen Krieges ist nach Goebbels dringend erforderlich, denn die Gefahr des jüdisch determinierten Bolschewismus, der das Mittel zur Weltherrschaft der Juden darstelle, existiere ganz akut und europaweit. Wenn eben dieser siegte, würde dies das Ende Deutschlands und aller europäischen Kultur bedeuten. Ferner gesehen geht es nach Goebbels also um Leben und Tod: „Hinter den vorstürmenden Sowjetdivisionen sehen wir schon die jüdischen Liquidationskommandos, hinter diesen aber erhebt sich der Terror, das Gespenst des Millionenhungers und einer vollkommenen europäischen Anarchie. […] Hier erweist sich das internationale Judentum als das teuflische Ferment der Dekomposition, das eine […] zynische Genugtuung dabei empfindet, die Welt in ihre tiefste Unordnung zu stürzen und damit den Untergang jahrtausendealter Kulturen […] herbeizuführen. […] Eine zweitausendjährige Aufbauarbeit der abendländischen Menschheit ist in Gefahr.“ (ebd.: 179). Aus dieser Argumentation ergibt sich, dass ein totaler Krieg nach Goebbels unausweichlich ist: „Jedermann weiß, dass dieser Krieg, wenn wir ihn verlören, uns alle vernichten würde. Und darum ist das Volk mit seiner Führung entschlossen, nunmehr zur radikalsten Selbsthilfe zu greifen. […] Darum ist die totale Kriegsführung eine Sache des ganzen deutschen Volkes.“ (ebd.: 186-187). Daran anknüpfend schildert Goebbels die notwendigen Maßnahmen, die für die totale Kriegsführung erforderlich seien: „Wir sind somit auch gezwungen, eine Reihe von Maßnahmen zu treffen, […], die aber für die Aufrechterhaltung der Kriegsmoral in der Heimat und an der Front erforderlich erscheinen. Auch die Optik des Krieges, das heißt das äußere Bild der Kriegsführung, ist im vierten Kriegsjahr von ausschlaggebender staatspolitischer Wichtigkeit.“ (ebd.: 189). Damit meinte Goebbels vor allem das Schließen von Amüsierlokalen und „Luxus“-Lokalen, da stets der Vergleich zu den an der Ostfront leidenden Soldaten gezogen werden sollte: „Wir haben beispielsweise die Schließung der Bars und Nachtlokale angeordnet. […] Wir haben die Amüsierlokale geschlossen, weil sie anfingen unserer Kriegsmoral lästig zu fallen und das Bild des Krieges trübten […]. Wenn an der Front unsere kämpfenden Truppen […] aus der Feldküche essen, […], ist es nicht zu viel verlangt, wenn wir in der Heimat jeden zwingen, wenigstens auf die elementarsten Gebote des Gemeinschaftsdenkens Rücksicht zu nehmen.“ (Heider 1972: 189-190). Weitere Maßnahmen für den totalen Krieg seien die „Freimachung von Arbeitern und Arbeiterinnen für die Rüstungswirtschaft und die Freimachung von Soldaten für die Front.“(ebd.: 196). „Diesen beiden Zielen müssen alle anderen Bedürfnisse untergeordnet werden!“ (ebd.: 196). Zum Ende seiner Rede zählt Goebbels die Adressaten der Rede auf und somit alle Vertreter der deutschen Nation: „ Ein Ausschnitt aus dem ganzen deutschen Volke an der Front und in der Heimat.“ (ebd.: 203). Es geht ihm um die Betonung der Repräsentation der Nation nach Außen: „Ihr also, meine Zuhörer, repräsentiert in diesem Augenblick für das Ausland die Nation!“ (ebd.: 204). An diese Repräsentanten bzw. an das deutsche Volk im Sportpalast stellt Goebbels folgend in seiner Rede zehn Fragen, die nach Goebbels vom Volk mit „Ja“ zu beantworten sind: „Und an euch möchte ich zehn Fragen richten, die ihr […] insbesondere aber vor unseren Feinden, […]beantworten müsst! Wollt ihr das? [Stürmische Rufe: Ja!].“ (ebd.: 204). Die Fragen gleichen einem Glaubensbekenntnis und beinhalten vor allem die Frage, ob das deutsche Volk bereit ist zu kämpfen egal um welchen Preis und zu welcher Belastung. Außerdem richten sie sich besonders gegen die Engländer, die angeblich behaupten, das deutsche Volk wolle keine totale Kriegsführung, sondern die Kapitulation. Auch behaupten sie nach Goebbels, dass das deutsche Volk den Glauben und das Vertrauen an den Führer verloren hätte (vgl. ebd.: 204-206). All diese Fragen werden von den Anwesenden im Sportpalast mit Ja beantwortet und der totale Krieg wird befürwortet. So endet Goebbels Rede mit: „Wir müssen nur die Entschlußkraft aufbringen, alles seinem Dienste unterzuordnen: das ist das Gebot der Stunde! Und darum lautet von jetzt an die Parole: Nun Volk, steh` auf – und Sturm brich los! […]“ (ebd.: 208).

Es ergibt sich also, dass das Volk den Sieg will und den totalen Krieg als notwendig erachtet und legitimiert in Goebbels Thesen sieht.

[...]


[1] Vgl. Kegel, Jens: „Rede im Berliner Sportpalast“, unter: http://www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_de&dokument=0200_goe&object=context&st=&l=de (abgerufen am 18.09.2015).

Details

Seiten
16
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668132368
ISBN (Buch)
9783668132375
Dateigröße
641 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314604
Note
1,7
Schlagworte
sportpalastrede linguistische analyse goebbels metaphorik

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die „Sportpalastrede“ von 1943. Linguistische Analyse der von Goebbels verwendeten Metaphorik