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Die duale Berufsausbildung in Deutschland. Ein Vorbild für Europa im Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit?

Hausarbeit 2015 21 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das duale System der Berufsausbildung in Deutschland im Kontext der Jugendarbeitslosigkeit

3 Transfer von Elementen des deutschen Berufsausbildungssystems in Europäische Länder
3.1 Berufsbildungskooperationen
3.2 Herausforderungen beim Transfer von Berufsbildungssystemen
3.3 Voraussetzungen für einen gelungenen Transfer
3.4 Transfer praktikabler Elemente nach Dieter Euler

4 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Alarmierende Zahlen werden genannt, wenn es um die Jugendarbeitslosigkeit in Europa, vor allem in den südeuropäischen Mitgliedsländern der EU geht. Die Erwerbslosenquote für jüngere Personen unter 25 Jahren lag nach dem Konzept der internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in der europäischen Union im Mai 2015 bei 20,6 Prozent. Mit 7,1 Prozent hat Deutschland derzeit die niedrigste Erwerbslosenquote von allen Ländern. Im Vergleich dazu liegt die höchste Quote bei Griechenland mit 49,7 Prozent (vgl. Arbeitsmarktstatistik Bundesagentur für Arbeit 2015: 7,10). Einen wesentlichen Faktor für die im europäischen Vergleich geringe Jugendarbeitslosigkeit sehen Expertinnen und Experten in dem System der dualen Berufsausbildung. Das System vermittelt durch die Verbindung von Theorie und Praxis hochwertige berufliche Qualifikationen, erleichtert den Einstieg in einen Beruf und mindert die Jugendarbeitslosigkeit (vgl. Nehls 2013 A: 2).

Ausgehend von der wachsenden Jugendarbeitslosigkeit in Europa und der vergleichbar niedrigen Arbeitslosenquote in Deutschland stellt sich die Frage:

„Inwiefern kann das deutsche duale Berufsausbildungssystem in europäische Länder transferiert werden, um die Jugendarbeitslosigkeit zu reduzieren“?

Der Einstieg in die Thematik beginnt mit einer kurzen Erläuterung des dualen Systems der Berufsausbildung in Deutschland um diese anschließend im selben Kapitel in den Kontext von Jugendarbeitslosigkeit zu setzen. Der Hauptteil dieser Arbeit setzt sich dann mit dem Transfer des deutschen Berufsausbildungssystems in andere europäische Länder auseinander. Dabei werden die Herausforderungen sowie die Voraussetzungen für einen gelungenen Transfer herausgearbeitet. Es wird dabei deutlich werden, dass es beim Transfer nicht um einen exakten Kopiervorgang eines Berufsbildungssystems gehen kann. Stattdessen geht es bei einem klugen Transfer um adaptierte Elemente eines Ansatzes, welche nach Dieter Euler vorgestellt werden.

In der Schlussbetrachtung werden die gewonnenen Erkenntnisse aus den vorherigen Kapiteln zusammen getragen, um auf die eingangs erwähnte Fragestellung gemäß antworten zu können.

2 Das duale System der Berufsausbildung in Deutschland im Kontext der Jugendarbeitslosigkeit

Das duale Berufsausbildungssystem kennzeichnet sich dadurch aus, dass die Ausbildung an zwei Lernorten stattfindet: im Betrieb und in der Berufsschule. In der Regel dauert sie drei bis dreieinhalb Jahre. Ziel der Ausbildung im dualen System ist der Erwerb von notwendigen Qualifikationen und Kompetenzen um den erlernten Beruf auszuführen. Somit stellt das Alleinstellungsmerkmal der Berufsausbildung das Ausbildungsziel der Berufsfähigkeit dar. Weiterhin befähigt die duale Berufsausbildung die ArbeitnehmerInnen sich auf die Veränderungen in der Arbeitswelt und den damit einhergehenden Destabilisierungen der Arbeitsbeziehungen, häufiger Wechsel des Betriebes, Berufswechsel, wachsende Zahl von Zeitarbeitnehmern etc. einzustellen. Der Berufsabschluss wird durch eine abschließende Überprüfung des beruflichen Wissens und Könnens erworben (vgl. Nehls 2013 A: 2).

Laut einer Arbeitsmarktstatistik der Bundesagentur für Arbeit hat die Erwerbslosigkeit von jüngeren Personen unter 25 Jahren zum Vorjahresende im Mai 2015 in der europäischen Union um 8,7 Prozent abgenommen. Die Erwerbslosenquote liegt bei 20,6 Prozent. Deutschland weist die niedrigste Erwerbslosenquote von jüngeren Personen unter 25 Jahren auf, mit einem Prozentsatz von 7,1. Im Vergleich dazu liegen die höchsten Quoten in Griechenland mit 49,7 Prozent und in Spanien mit 49,3 Prozent.

Da sich die Prozentsätze auf die Jugendarbeitslosigkeitsquote 15 bis unter 24 Jähriger als Anteil der Erwerbspersonen ausdrückt, aber ein hoher Anteil der Jugendlichen sich noch in Schule/ Ausbildung befindet und nicht zu den Erwerbspersonen zählt wurde der Anteil der arbeitslosen Jugendlichen zusätzlich noch an der Gesamtbevölkerung im Alter von 15 – 24 Jahren bemessen. Mit 61,4 Millionen Menschen im Alter von 15 bis 75 Jahren ist Deutschland das bevölkerungsreichste Land in der europäischen Union. Insgesamt hat Deutschland 8,5 Millionen Personen unter 25 Jahren, wovon die Erwerbslosigkeit als Anteil an der Bevölkerung bemessen im Mai 2015 bei 3,5 Prozent lag. In der europäischen Union lag der Prozentsatz bei 8,5 Prozent (vgl. Arbeitsmarktstatistik Bundesagentur für Arbeit 2015: 7,10). Allerdings geben diese Quoten das Problem der Jugendarbeitslosigkeit in den Krisenländern aus bestimmten Gründen nicht angemessen wieder. Prof. Dr. Gerhard Bosch ist Leiter des Instituts Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen und hat vier Gründe ausgemacht:

- „Erstens haben viele arbeitsuchende Jugendliche keinen Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung und lassen sich deshalb eher als die über 25-Jährigen nicht registrieren.
- Zweitens bleiben viele Jugendliche aus Mangel an Beschäftigungsperspektiven länger als eigentlich gewünscht im Bildungssystem – oft in nicht sinnvollen Warteschleifen.
- Drittens sind bereits viele der am besten qualifizierten Jugendlichen in andere Länder abgewandert.
- Viertens sind gerade Jugendliche vielfach nur befristet und kurzfristig beschäftigt und wandern von Job zu Job unterbrochen von Arbeitslosigkeit, sind also in der sogenannten perforierten Arbeitslosigkeit“ (Bosch 2013: 6).

Laut Nehls (2013 A), sehen Expertinnen und Experten das System der dualen Berufsausbildung als einen wesentlichen Faktor für die im internationalen Vergleich geringe Jugendarbeitslosigkeit. „ Die betrieblich geprägte Berufsbildung im dualen System vermittelt qualitativ hochwertige Qualifikationen, schafft hohe Übergangsquoten in den Arbeitsmarkt und mindert die Jugendarbeitslosigkeit“ (Nehls 2013 A: 2). In dem Berufsbildungsbericht 2015 heißt es: „Die Qualität der deutschen Berufsbildung, die guten Übergänge von Ausbildung in Beschäftigung und die im EU – Vergleich geringste Jugenderwerbslosigkeit in Deutschland sind ausschlaggebend für den Erfolg und das hohe Ansehen der deutschen Berufsbildung, auch im Ausland“ (Berufsbildungsbericht 2015:5). Es bestehen verstärkte Nachfragen von europäischen und außereuropäischen Partnerstaaten nach bildungspolitischen Kooperationen mit Deutschland mit dem Ziel des Transfers dualer Systemkomponenten. Dabei verfolgen die Länder unter anderem das Ziel die Jugendarbeitslosigkeit abzubauen (vgl. Nehls 2013 A:3). Die umfassende internationale Forschung zum Übergang vom Bildungssystem in den Arbeitsmarkt zeigt, dass wichtiger als das Niveau der Bildungsabschlüsse die Art der Ausbildung ist. Mehrere Studien haben gezeigt, dass bei ähnlicher wirtschaftlicher Lage der Übergang der Jugendlichen ins Beschäftigungssystem in Ländern mit einer dualen Berufsausbildung deutlicher reibungsloser und zügiger erfolgt als in Ländern mit hohen Anteilen schulischer Berufsausbildung oder einem Schwergewicht auf allgemeiner Bildung (Brzinsky-Fay 2007; Müller und Gangl 2003 in Bosch 2013:6 ). „Der wichtigste Grund für den Integrationserfolg der dualen Berufsbildung ist darin zu sehen, dass die Jugendlichen schon während ihrer Ausbildung zu Insidern auf dem Arbeitsmarkt werden. Die Unternehmen investieren in die Ausbildung ihrer künftigen Fachkräfte, die sie dann auch halten wollen“ (Bosch 2013:6). Als weiteren Grund sieht Bosch den hohen Kündigungsschutz der mit einer niedrigen Arbeitslosenquote einhergeht. Allerdings spricht auch die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Ländern mit geringem Kündigungsschutz dafür, dass in Krisenzeiten den Jugendlichen auch ein geringer Kündigungsschutz nicht hilft, da die Unternehmen lieber ihre Beschäftigten mit Arbeitserfahrung halten (vgl. Bosch 2013:6).

Dennoch muss das Berufsbildungssystem fortlaufend modernisiert, neuen Anforderungen angepasst und verstärkt als attraktive, gleichwertige Alternative zur akademischen Bildung ausgestaltet werden (vgl. Berufsbildungsbericht 2015: 5).

Laut dem Bundesministerium für Bildung und Forschung zeigen die Zahlen des Berufsbildungsbericht 2015, dass sich die Arbeitsmarktsituation für die Jugendlichen leicht verbessert hat. Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge ging um minus 1,4 Prozent auf rund 522.200 zurück. Dabei sank die Zahl der betrieblichen Ausbildungsverträge in geringem Umfang (minus 1,1 Prozent auf 502.100), die Zahl der außerbetrieblichen Ausbildungsverträge deutlich stärker (minus 7,1 Prozent auf 20.100). Der leichte Rückgang an betrieblichen Ausbildungsverträgen ist vor dem Hintergrund sinkender Zahlen an SchulabgängerInnen, zunehmender Stellenbesetzungsprobleme der Betriebe und einer gestiegenen Studierneigung zu sehen. Die Zahl der gemeldeten unbesetzten betrieblichen Ausbildungsstellen erreichte mit rund 37.100 (plus 10 Prozent) im langjährigen Vergleich einen neuen Höchststand (vgl. Berufsbildungsbericht 2015: 7). Die Zahl der unversorgten BewerberInnen ging gegenüber dem Jahr 2014 auf rund 20.900 (minus 0,8 Prozent) zurück. Nehls (2013 B: 7) macht darauf aufmerksam, dass es auch erhebliche Probleme auf dem deutschen Arbeitsmarkt gibt in Form dessen, dass zahlreiche Jugendliche im Überganssystem einmünden und sich in Warteschleifen befinden ohne Aussicht auf eine abgeschlossene Ausbildung. Zudem fällt es jungen Menschen mit einem Hauptschulabschluss immer schwerer den Übergang von der Schule in die Ausbildung zu bewältigen.

Die Zahl der jungen Menschen im Übergangsbereich ist im Jahr 2014 auf 256.100 angestiegen und lag damit leicht über dem Vorjahr (plus 700 bzw. plus 0,3 Prozent) (vgl. Berufsbildungsbericht 2015:44). Folglich tauchen diese Zahlen der Jugendlichen, welche sich im Übergangssystem befinden in der Statistik zur Jugendarbeitslosenquote nicht auf.

Die Zahl der jungen Erwachsenen ohne Berufsabschluss ist weiter gesunken. Allerdings bezieht sich dies auf die Zahlen aus dem Jahre 2012, welche auch schon wieder etwas veraltet sind. Im Jahr 2012 verfügten 13,1 Prozent der jungen Menschen zwischen 20 und 29 Jahren in Deutschland über keinen Berufsabschluss (vgl. Berufsbildungsbericht 2015:59).

Die Professorin Dr. Heike Solga vom Wissenschaftszentrum Berlin sieht die lange Halte – und Verweildauer im Bildungs – und Ausbildungssystem als einen entscheidenden Grund dafür, dass Deutschland die geringste Arbeitslosenquote bei Personen unter 25 Jahren aufweist. „Mit unserem durchlässigen System schaffen wir es ganz gut, auch solche Jugendliche, die keine Ausbildung bekommen, im Übergangssystem der berufsvorbereitenden Maßnahmen zu halten“ (Solga in Tysk – Svenska Handelskammaren Deutsch – Schwedische Handelskammer 2012). Das duale Berufsausbildungssystem wird als ein Faktor gesehen, der für die im europäischen Vergleich geringe Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland verantwortlich ist. Dabei sind die Quoten nicht allein auf die besondere Form der Berufsausbildung mit ihrer betriebs – und praxisnahen sowie breit erfassenden Ausbildung zurückzuführen. Das duale System ist nur ein Faktor neben etwa Wirtschaftsstrukturen, konjunktureller Lage und demographischer Entwicklung (vgl. Schelten 2004:81).

Die Jugendarbeitslosigkeit in Europa kann in erster Linie auf makroökonomische Ursachen zurückgeführt, insbesondere auf das schwache bzw. negative Wirtschaftswachstum. Weiterhin hängt das individuelle Arbeitslosigkeitsrisiko von soziodemografischen Merkmalen ab, wie z.B. Alter, Geschlecht oder Migrationshintergrund. Insgesamt lässt sich sagen, dass in ganz Europa Jugendliche aller Bildungsgruppen ein hohes Arbeitslosenrisiko beim Übergang von Ausbildung in Beschäftigung aufweisen (vgl. Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung 2013: 4-5).

3 Transfer von Elementen des deutschen Berufsausbildungssystems in Europäische Länder

3.1 Berufsbildungskooperationen

Deutschland ist in der internationalen Bildungszusammenarbeit schon lange ein wichtiger Akteur. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) kooperiert mit vielen Ländern in der Berufsbildung. Es unterstützt deutsche Anbieter von Aus- und Weiterbildung im Ausland und führt dort Ausbildungsprojekte durch. Angesichts der hohen Jugendarbeitslosigkeit in Europa und der sich abzeichnenden Auswirkungen des demografischen Wandels mit einem Mangel an Fachkräften in Deutschland ist diese internationale Zusammenarbeit seit 2012 intensiviert und ausgeweitet worden (vgl. Schraml 2013).

Bei der Berliner Ministerkonferenz zur Beruflichen Bildung in Europa im Dezember 2012 hat das Bundesbildungsministerium unter Einbindung der Europäischen Kommission mit Partnerministerien der sechs europäischen Länder Griechenland, Italien, Lettland, Portugal, Slowakei und Spanien ein Memorandum zur Berufsbildungszusammenarbeit unterzeichnet (vgl. Schraml 2013; Nehls 2013 B: 2). Gegenstand des Abkommens mit den sechs Ländern ist einerseits der Austausch zu aktuellen Fragen der Berufsbildungspolitik; andererseits werden konkrete Kooperationsmaßnahmen gemeinsam umgesetzt, die der Modernisierung der jeweiligen Berufsbildungssysteme dienen und die sich stets am dualen Ausbildungsmodell orientieren. Durch die Intensivierung der dualen bzw. betriebsnahen Ausbildung soll ein Beitrag zur Verringerung der Jugendarbeitslosigkeit geleistet werden und das die duale bzw. betriebsintegrierte Ausbildung zu einem Kernelement der Berufsbildungssysteme in Europa werden. Den deutschen Außenhandelskammern und den in den Partnerländern ansässigen deutschen Unternehmen kommt bei den regionalen Berufsbildungsnetzwerken mit den Betrieben, Schulen und Kammern der Partnerländer dabei eine zentrale Rolle zu (vgl. Schraml 2013).

In einem Statusbericht des DGB Bundesvorstands von September 2013 wurde kritisiert, dass die beteiligten Länder bei der Reformierung ihrer Bildungs- und Berufsbildungssysteme auf Grundlage des Berliner Memorandums bisher wenig erreicht haben. „Vollmundige Ankündigen über den Exportschlager duale Berufsausbildung zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit werden den Herausforderungen der Wirklichkeit in den Ländern nicht gerecht“ (Nehls 2013 B:6).

Für die Umsetzung des Memorandums stellte das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) für die Jahre 2013/2014 über die laufende Förderung der internationalen Berufsbildungskooperation hinaus zusätzlich 10 Millionen Euro zur Verfügung, die durch Mittel der Partnerländer ergänzt werden (vgl. Schraml 2013).

Laut Euler lässt sich feststellen, dass das duale System der Berufsbildung trotz vielfältiger Transferbemühungen unverändert auf wenige Staaten in Mitteleuropa begrenzt bleibt. Woran dies liegen könnte, wird in 3.2 deutlich werden.

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Details

Seiten
21
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668134119
ISBN (Buch)
9783668134126
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314650
Note
2,3
Schlagworte
Jugendarbeitslosigkeit Berufsausbildung
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Titel: Die duale Berufsausbildung in Deutschland. Ein Vorbild für Europa im Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit?