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Die Reformpädagogik von Georg Kerschensteiner. Konzentrationsidee, Arbeitsschule und Staatsbürgerliche Erziehung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 18 Seiten

Pädagogik - Reformpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1.Einleitung

2.Das Leben Georg Kerschensteiners

3.Das Werk Georg Kerschensteiners
3.1.Konzentrationsidee
3.2.Die Arbeitsschule
3.3.Staatsbürgerliche Erziehung
3.4.Die beruflich gegliederte Fortbildungsschule

5.Gegenwartsbezug

6.Anhang

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Beruf als didaktisches Zentrum

Abbildung 2: Wochenstundenplan der dritten und vierten Klasse

Abbildung 3: Starenhaus

1.Einleitung

Georg Kerschensteiner war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Reformpädagoge und gilt als „Vater der Berufsschule“ (Gudjons, 1997, S. 101), d.h. Mitbegründer der heutigen Form und Pädagogik dieser. Reformpädagogik ist dabei eine Sammelbezeichnung für das Bestreben, Erziehung, Schule und Unterricht zu erneuern. Diese historische Epoche in Europa und den USA in der Zeit zwischen 1890 und 1933 setzt sich kritisch mit den damals existierenden Bildungs- und Schulformen auseinander. Innerhalb der Reformpädagogik finden sich vielfäl- tige, heterogene, theoretisch uneinheitliche Strömungen und praktische Gestaltungsvarianten, die sich meist einzelnen Personen (Reformpädagogen) zuordnen lassen. (vgl. Riedl, 2010, S. 1) Im Folgenden soll ausgehend vom Leben Kerschensteiners und dem damaligen geschichtlichen Hintergrund dessen Theorien (Werk) dargelegt werden. Dazu zählen die „Konzentrationsidee“, die „Arbeitsschule“, „Staatsbürgerliche Erziehung“ und die „Beruflich gegliederte Fortbildungsschule“.

Außerdem wird der Frage nachgegangen, inwieweit diese Theorien heute noch in der dualen Ausbildung von Bedeutung sind, bzw. wie sie in der Berufsschule umgesetzt werden.

2.Das Leben Georg Kerschensteiners

Georg Kerschensteiner (siehe Abbildung 1) wurde am 29. Juli 1854 in München als Sohn eines sehr armen Kaufmannsehepaars - mit dreizehn weitern Kindern - geboren. Nachdem er selbst ab 1860 die Pfarrschule besuchte, ging er zwischen 1866 und 1871 gegen seinen eigenen Willen auf die Präparandenschule1 und ans Königliche Lehrerseminar, woraufhin er die folgenden zwei Jahre als Dorfschulgehilfe in Forstinning und Lechhausen tätig war. Auch wegen der kurzen Vorbereitung auf den Lehrerberuf war er unzufrieden mit „seiner“ Wahl:

„Im Übrigen interessierten mich weder die Lehrer noch ihr Unterricht. Wir lernten Physik, ohne auch nur einen Apparat, geschweige denn ein Experiment gesehen zu haben, wir zeichneten langweilige Vorlagen mit sklavischer Genauigkeit ab …, die Elementarbegriffe der damals herrschenden Psychologie Benneckes blieben mir ein Rätsel.“ (Kerschensteiner, 1926, S. 5).

Ein Jahr später (1874) verließ er den Schuldienst auf eigenen Wunsch wieder, nahm Privatunterricht, machte zwei Jahre später das Abitur am Gymnasium nach und verdiente sich währenddessen den Lebensunterhalt durch Musikunterricht. 1877 bis 1880 studierte Kerschensteiner in den Fächern Mathematik und Physik mit abschließender Promotion 1883. Seitdem war Kerschensteiner Gymnasialassistent für Mathematik und Physik in Nürnberg und ab 1985 Lehrer für Mathematik an der Nürnberger (städtischen) Handelsschule. Außerdem unterrichtete er einige Jahre Mathematik und Physik an Gymnasien in Schweinfurt und wieder in München, da er mit dem Lehren an der Handelsschule vollkommen unzufrieden war. Kerschensteiner selbst schrieb allerdings später, dass seine „sich entwickelnde Idee der Arbeitsschule und die […] Erfassung des pädagogischen Begriffes der Arbeit aus dem Boden dieses mathematischen Unterrichts herausgewachsen sind“ (Kerschensteiner, 1926).

Diese Unzufriedenheit Kerschensteiners an der Handelsschule spiegelte die gesamt gesell- schaftliche Stimmung wider: gewaltige gesellschaftliche und soziale Prozesse wie starkes Bevölkerungswachstum, Industrialisierung, Technisierung, Proletariat, Arbeiterbewegung, Kolonialisierung oder Rüstung prägen die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ebenfalls wie andere Reformpädagogen, setzte sich auch Kerschensteiner kritisch mit der kulturellen Lebenssituation auseinander und versuchte diese - seinen Ansprüchen nach - zu verbessern. Die längste Zeit seines beruflichen Lebens (11. Juli 1895 bis 1919) war Kerschensteiner als Stadtschulrat von München tätig. In dieser Zeit entwickelte er seine bedeutenden Ideen auf dem Gebiet der Pädagogik, die er zum großen Teil in seinem Amt ebenfalls in München realisieren konnte. Dazu zählt beispielsweise die Umwandlung der allgemeinen Fortbildungsschule in eine fachliche Fortbildungsschule: zu dem allgemeinbildenden Unterricht trat ein berufsbildender Unterricht in den betreffenden Berufsfeldern. Diese Schulform könnte man als Vorläufer der Fachschule (Weiterbildung) als Teil des heutigen Berufskollegs betrachten.

1918 wurde Georg Kerschensteiner Professor für Pädagogik an der TU München und 1919 Hochschullehrer dort, woraufhin er 1928 die Ehrendoktorwürde (Doktor der Kulturwissenschaften) erhielt.

Von 1912 bis 1919 war er Reichstagsabgeordneter für die Fortschrittliche Volkspartei (später Deutsche Demokratische Partei) und 1920 Teilnehmer der Reichsschulkonferenz. Nebenbei wurde Georg Kerschensteiner Mitglied im Museumsvorstand des Deutschen Museums. Sein Ansatz einer besucherorientierten Vermittlungsarbeit mit zahlreichen (Funktions-) Modellen kann als wegweisend für die moderne Museumspädagogik gelten. Daher heißt die Forschungseinrichtung zur Durchführung von Fachseminaren und Fortbildungen am Deutschen Museum ihm zur Ehre auch „Kerschensteiner-Kolleg“. Ebenso verleiht die Stadt München seit 1995 die „Kerschensteiner-Medaille“ an Personen, die „sich um die Pädagogik besonders verdient gemacht haben“ (Müller, 2012).

Er starb am 15. Januar 1932 in München.

Im Folgenden sollen die einzelnen Theorien Kerschensteiners nun näher betrachtet werden.

3.Das Werk Georg Kerschensteiners

3.1.Konzentrationsidee

Auf Grund der Industrialisierung stieg der Bedarf an Arbeitern in den Fabriken. Hierdurch kam es zu einem rasanten Wachstum der Städte, wodurch wiederum soziale Aufstiegskämpfe und Verarmungen als Folge dessen auftraten (vgl. Stumpf, 2007, S. 77). Die reformpädagogische Bewegung leitet aus ihrer Kritik an diesem Zustand die Forderung ab, dass künftig besonders die Selbstständigkeit und die Freiheit des Individuums in den Mittelpunkt gerückt werden soll. Es sollen weder Forderungen der Gesellschaft, noch religiöse Verschriften dort stehen. Ausgehend davon und von Kerschensteiners Unzufriedenheit mit seiner Arbeit an der städtischen Handelsschule, fordert er, dass sich die Lerninhalte an den Berufen orientieren sollten und nicht - wie bis dato üblich - an den Schulfächern. Seine Unzufriedenheit resultierte u.a. aus der allgemeinen „Berufsschul“-Situation2 des 19. Jahrhunderts: Kerschensteiner fand schlechte organisatorische und materielle Bedingungen vor. Dazu zählten ebenfalls die unterentwickelte Didaktik und die geringe Anerkennung in Wirtschaft und Gesellschaft. Obwohl 1850 die Fortbildungsschulpflicht für alle Lehrlinge eingeführt wurde, gab es kaum eigene Gebäude oder gar eine eigenständige Lehrerausbildung für diese Schulform. Außerdem war die Fortbildungsschule weitgehend die Fortsetzung der Volksschulbildung, da kaum spezifische Lehrmittel angeboten wurden (unterentwickelte Didaktik).

Diese oben formulierte Forderung Kerschensteiners war keineswegs unproblematisch, da dieser didaktische Ansatz - auch Konzentrationsidee Neuorganisation des gesamten Schulstoffes zur eine ganzheitliche Organisation des beruflichen anzustreben. Kerschensteiner konnte seine aus vorhanden Fragmenten entwickeln, die er als gewonnen hatte: Aus dem Interesse des Schülers für „sein“ Ausbildungsfach schöpft er das Vertrauen. Dieses Vertrauen wiederum dient dem produktiven Erziehen des Kindes (Führung) und genannt - eine Folge hatte, um Unterrichts Bildungstheorie Mathematiklehrer damit der gesamten Gesellschaft. Dieser mathematische Denkansatz (Interesse - Vertrauen - Führung - Gesellschaft) nimmt den Beruf als Ansatz für die Erziehung des Kindes (siehe Abbildung 2) und ist somit einerseits eine konsistente didaktische Basis für die Berufsschule; aus Sicht des Schülers kann andererseits eine Orientierungslinie für das berufliche und private Leben entwickelt werden und letztendlich sollen so, laut Kerschensteiner, die gesellschaftlichen Verhältnisse stabilisiert werden, da der Beruf in alle Lebensbereiche wie Familie, Betrieb und Gesellschaft hineinwirkt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Beruf als didaktisches Zentrum Quelle: (Schmitz, Scherer, Dinninghoff, & Kutzop, 17.11.2011)

3.2.Die Arbeitsschule

Als Schulformen des 19. Jahrhunderts sind als erstes die Volksschulen zu nennen, die ein grundlegendes Wissen für alle Schülerinnen und Schüler3 vermittelten. Im Anschluss konnte das Gymnasium besucht werden, das erst Anfang des 19. Jahrhunderts aus der Lateinschule neu umgestaltet wurde. Während die Lehrerschaft der Lateinschule hauptsächlich aus Theologen bestand, wurde für das Gymnasium eine eigene Ausbildung eingerichtet (vgl. Pendant: Präparandenschule). Zur Ermöglichung unter anderem einer Beamtenlaufbahn konnte man alternativ zum Gymnasium auch die Real- und Bürgerschule besuchen, die sich eher kaufmännisch-gewerblichen Inhalten widmete (vgl. Gudjons, 1997, S. 92 ff.).

Nimmt man nun den Beruf als Ausgangspunkt für eine didaktische Basis für die Berufsschule, sollte diese so gestaltet sein, dass die SuS am Unterricht aktiv teilnehmen können. Dies sollte - ebenso wie im späteren Beruf - durch manuelle Betätigung und spontane Handlung geschehen (vgl. Kerschensteiner, 1912, S. 28). So entwickelte Kerschensteiner aus der Konzentrationsidee die praktische Umsetzung in Form einer Arbeitsschule. Um das Interesse der SuS besser wecken zu können, setzt er den Anspruch an die Lehrer dieser „neuen Schule“ (Skiera, 2010, S. 119), dass diese den Bezug zur Lebenspraxis der SuS schaffen und das Lernen von und miteinander ermöglichen sollen. Gestellt werden diese Forderungen als Ausgleich der vorhanden Missstände an der „alten Form“ (ebd., S. 119) der Schule, der sogenannten „Buchschule“. Sie trägt diesen Namen, da lediglich das fachliche Wissen im Vordergrund steht, d.h. das geistige Arbeiten in Form von Auswendiglernen. Kerschensteiner richtet seine Kritik im Grunde an alle öffentlichen Schulformen, in erster Linie jedoch an die Volksschule. In diesen frühen Kindheitsjahren steht der Spieltrieb der SuS noch im Vordergrund, der laut Kerschensteiner in der Schule ausgenutzt werden kann. Er begründet die Arbeitsschule damit, dass die Grundbedürfnisse eines jeden Kindes, wie der Entdeckungstrieb, der Lerntrieb, das Erfahren, das Ausprobieren, das Bewegen und letztendlich das Arbeiten, in der Schule aufgefangen und gefördert werden müssen. „Alles, was gelernt wird, geschieht aus eigenem, naturgegebenem Antrieb.“ (ebd., S. 94). Damit schließt die Arbeitsschule an die „Spielschule der ersten Kindheit“ (Kerschensteiner, Festrede 1908) an. Um die Förderung dieser Grundbedürfnisse zu erreichen, ist die manuelle Arbeit für Kerschensteiner so wichtig. Diese ist für ihn jedoch nur pädagogisch wertvoll, wenn ihr geistige Vorarbeit vorausgeht. Er definiert den pädagogischen Begriff der Arbeit als:

„Arbeit im pädagogischen Sinne ist eine aus dem eigenen Zwecksystem gesetzte Werkbetätigung, die in ihrer Fortsetzung dank der Möglichkeiten der Werkprüfung auf Vollendung durch den Arbeitenden selbst, immer mehr zur objektiven, das heißt sachgemäßen Einstellung führt oder nach Maßgabe individueller Veranlagung zu führen imstande ist.“ (Kerschensteiner, 1926, S. 27 f.)

In dieser Definition erkennt man, dass die Aufgabe bzw. Arbeit immer den Prozess der Planung, Durchführung und Selbstprüfung durch den Schüler selbst durchlaufen muss. Die SuS müssen ein Problembewusstsein zur Ausführung der Arbeit entwickeln, nachdem sie ihren Arbeitsplatz darauf ausgelegt selbst gestaltet haben und bevor am Schluss eine kritische Selbstkritik steht (vgl. Gonon & Kerschensteiner, 2002, S. 4 ff.). Kerschensteiner beschreibt zwei verschiedene Wege der Selbstprüfung: die empirische und die rationale. Unter der empirischen Selbstprüfung oder „Außenschau“ versteht man die objektive Beurteilung nach „Maß, Zahl und Gewicht“ der vorliegenden Arbeit. Im Gegensatz dazu wird bei der rationalen Selbstprüfung oder „Innenschau“ nach dem „Warum“ der Arbeit gefragt, also nach der Übereinstimmung von Form und Sinn (vgl. Skiera, 2010, S. 118). Aus dieser Selbstprüfung heraus erwachsen „Befriedigung“ und „innere seelische Heiterkeit“ (Kerschensteiner, 1912, S. 53 f.). Wie anfangs erwähnt, sollen die SuS einerseits motiviert werden, andererseits befriedigen diese ihre eigenen Grundbedürfnisse durch die Freude an der Arbeit. Kerschensteiner nennt diese Arbeitsfreude im pädagogischen Sinne die Freude, „selbst Ursache der Verwirklichung des Wertes der Sachlichkeit zu sein“ (ebd., S. 54). Man erkennt, dass es bei diesem pädagogischen Begriff der Arbeit nicht nur darum geht, Handarbeitsunterricht durchzuführen, sondern um die gesamte Bildung des Charakters der Schülerinnen und Schüler.

Um einen wertvollen Charakter zu erziehen, müssen nach Kerschensteiner vier voneinander abhängige Seelenkräfte vorhanden sein: Willensstärke, Urteilsklarheit, Feinfühligkeit und Aufwühlbarkeit. Die Entwicklung der Charaktermerkmale erfordert vor allem „Freiheit der Betätigung“ und „Mannigfaltigkeit der Verhältnisse“. „Damit der Wille sich entwickelt, muss er sich beständig in Handlungen entladen können, und damit er stark zu werden vermag, muss er Freiheit und Bewegung haben“ (ebd., S. 62).

[...]


1 Eine Präparandenschule bzw. Präparandenanstalt war vom 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein, die untere Stufe der Volksschullehrerausbildung. Sie bereitete auf den Besuch der Lehrerseminare vor. Daher auch die Bezeichnung Präparand (lat. ein Vorzubereitender) für die Schüler dieser Einrichtung. Die Ausbildung begann unmittelbar nach dem Ende der Volks- bzw. der Mittelschule (Machahn, 2012).

2 Es existierten keine eigenen Lehrplan- und Bildungstheorien für „berufsvorbereitende“ Schulen. 3

3 Im Folgenden mit SuS abgekürzt.

Details

Seiten
18
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668136434
ISBN (Buch)
9783668136441
Dateigröße
630 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314680
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Lehrstuhl/Lehr- und Forschungsgebiet Berufs- und Wirtschaftspädagogik
Note
1,3
Schlagworte
reformpädagogik georg kerschensteiner konzentrationsidee arbeitsschule staatsbürgerliche erziehung

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