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Das Verhalten von Soldaten in nationalsozialistischen Organisationen während des Polenfeldzuges 1939-1941. Ein systemtheoretischer Vergleich

Hausarbeit 2015 12 Seiten

Soziologie - Krieg und Frieden, Militär

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Kontext
2. Formale Organisation nach Luhmann

3. Analyse der Organisationstypen
3.1 Die SS-Einsatzgruppen
3.2. Das Polizeibataillon 101

4. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Eidesstattliche Erklärung

1. Einleitung

Die Verbrechen der Nationalsozialisten im besetzten Polen ab 1939 sind in der NS-Forschung häufig thematisiert worden. In diesem Zusammenhang erlangten die Einsatzgruppen der SS und das Polizeibataillon 101 besondere Aufmerksamkeit. Dies hängt zum einen mit den Verbrechen zusammen, die mit diesen beiden Instanzen in Verbindung gebracht werden, aber auch mit der teils exzellenten Quellenlage. Die Frage, die Historiker und Soziologen in diesem Untersuchungskontext gleichermaßen beschäftigt, ist die nach den Erklärungen für das Verhalten der Soldaten. Betrachtet man diese beiden Organisationen, wird ein deutlicher Unterschied im Verhalten der Mitglieder offenbar, der in dieser Arbeit in seinen Ausprägungen untersucht werden soll. Während bei den Einsatzgruppen fast jeder bereit war, die Verbrechen an den polnischen Juden zu begehen, sah dies in Bezug auf das Polizeibataillon ganz anders aus. Dort gab es mehrere Fälle, in denen die Beteiligten vor der Tötungshandlung selbst zurückschreckten (Vgl. Browning 1998: S. 89).

Im Anschluss an diese Beobachtung stellt sich die Frage nach den Ursachen für ein solches Phänomen. Dem nachzugehen hat auch Bedeutung für die soziologische NS-Forschung. Es wird dadurch möglich, Strukturen des Systems im Ganzen zu analysieren. Der entdifferenzierte NS-Staat kann durch diesen Vergleich noch einmal mehr auf seine Gleichschaltung hin untersucht werden. Es können Differenzen aufgezeigt werden, die in diesem Staat vorhanden waren und somit ist es auch möglich, seine gänzliche Gleichschaltung anzuzweifeln.

Den theoretischen Rahmen für diese Untersuchung soll Luhmanns Systemtheorie bilden. Besonders werde ich mich hier auf seine Analyse zur formalen Organisation konzentrieren. Dieser Ansatz wurde von mir ausgewählt, da er eine hohe Chance der Abstraktion bietet, die in anderen historischen wie psychologischen Ansätzen häufig fehlt. Hier soll es nicht um konkrete Motive gehen, die für die Männer ausschlaggebend waren, um an den Aktionen in Polen teilzunehmen, sondern es soll einzig um die Form und den Aufbau der Organisation gehen, der sie angehörten.

Die Fragestellung, die dieser Arbeit zugrunde liegt, lautet demzufolge: Inwieweit ist das unterschiedliche Verhalten der Angehörigen des Polizeibataillons 101 und der SS-Einsatzgruppen durch die Unterschiede in der formalen Organisation zu erklären?

Der Forschungsstand zu diesem Themenkomplex ist in den letzten Jahren stark angewachsen. Während die Aufmerksamkeit der Historiker sich eher anderen Teilbereichen der NS-Forschung zugewandt hat, wurde die Arbeit mit soziologischen Erklärungsansätzen im Bereich des Militärs immer konkreter. Gerade in diesem Jahr erschien im Springer Verlag ein Sammelband, der sich mit unterschiedlichen Fragestellung zum Thema Nationalsozialismus befasste. Unter dem Titel: „Soziologische Analysen des Holocaust“ wurden verschiedene Problemstellungen in den Fokus gerückt. Leider lässt diese Publikation einen konkreten Vergleich zwischen den unterschiedlichen Formen der am Holocaust beteiligten Organisationen vermissen, weshalb dies Thema der vorliegenden Arbeit sein soll.

Nach einer kurzen Einführung in den historischen Kontext, in dem sich diese Arbeit bewegt, werden zunächst die zentralen Aspekte aus Luhmanns Theorie hier vorgestellt. Es werden die relevanten Aspekte seiner Theorie zur formalen Organisation herausgegriffen. Im Anschluss daran sollen die beiden Organisationen in den Blick genommen werden. Ihre wesentlichen Bestandteile werden aus der historischen Fachliteratur rekonstruiert und mit der Theorie zur formalen Organisation zusammengeführt. Am Ende steht ein Fazit, das die Ausgangsfrage dieser Arbeit beantworten soll.

2. Historischer Kontext

Nach dem deutschen Angriff auf Polen installierten die Deutschen ein System von Einheiten und Gettos (Vgl. Friedrich/Löw 2011: S. 13). Sie wurden geschaffen, um die Juden und auch politische Gefangene systematisch zu unterdrücken und zu töten. Das System in Polen bestand aus verschiedenen Militäreinheiten und Verwaltungsbereichen, die das Vorgehen organisierten und durchführten. Die Arbeit bewegt sich also im Kontext des zweiten Weltkrieges. Es werden zwei Einheiten untersucht, die im Verlauf des Polenfeldzuges eine große Bedeutung bei der Vernichtung der Juden zwischen 1939 und 1941 hatten. Eine detaillierte Einführung wird in den Kapiteln zu den Einheiten gegeben.

2. Formale Organisation nach Luhmann

Bevor mit der Betrachtung der beiden Organisationen begonnen werden soll, wird das theoretische Konzept der formalen Organisation nach Niklas Luhmann in den Fokus des folgenden Kapitels gestellt. Hierbei wird auf die zentralen Aspekte seiner Theorie verwiesen, die bei der späteren empirischen Analyse die wichtigsten Punkte ausmachen werden.

Nach Luhmann ist die Organisation als soziales System aufzufassen, welches zu einem bestimmten Zweck existiert (Vgl. Luhmann 1964: S. 23). Es soll hier kurz erläutert werden, was bei Luhmann unter einem System zu verstehen ist. Bei einem sozialen System handelt es sich um eine Sammlung bestimmter Handlungen, genauer betrachtet bestimmter Handlungserwartungen (Vgl. Ebd. S. 26). Das bedeutet konkret, dass sich jeder Teilnehmer in einem System auf Verhaltensweisen anderer einstellen muss, die er auf verschiedene Art und Weisen erwarten kann. Die Form der lernenden, also kognitiven Verhaltenserwartung, spielt im Kontext dieser Arbeit keine gesonderte Rolle, weshalb diese nur zum Verständnis erklärt wird. Wenn die Erwartungshaltungen enttäuscht werden, dann lernt der Erwartende sich an diese Enttäuschung anzupassen, also sein Verhalten ebenfalls zu ändern (Vgl. Ebd. S. 27). Im Bereich der formalen Organisation kommt es hingegen stärker auf normative Verhaltenserwartungen an. Bei dieser Form geht es darum, dass eine Erwartung vom Subjekt als unverrückbar, eben normativ erwartet wird (Vgl. Ebd. S. 57). Diese Form stellt nach Luhmann für die Organisation und den Prozess der Formalisierung einen der wichtigsten Einflussfaktoren dar.

Die Grundlage für das Handeln innerhalb des Systems wird durch die Rolle des Mitgliedes maßgeblich bestimmt. Hier sind die Erwartungen festgelegt, die das System als formale Erwartungen zugrunde legt (Vgl. Ebd. S. 39). Diese unterscheiden sich je nach Organisationstypus. Es wird in einem Kaninchenzuchtverein zum Beispiel ein gewisses Interesse erwartet.

Eine weitere wichtige Leistung der Mitgliederrolle ist die „Eintritts- und Austrittsentscheidung“ (Ebd.). Sie stellt in gewisser Weise die Markierung der jeweiligen Systemgrenzen dar. Nur durch das Überschreiten der Grenze und die Annahme der Mitgliederrolle kann das Subjekt in die Organisation aufgenommen und handlungsfähig werden (Vgl. Ebd. S. 40). Die Erfüllung der Verhaltenserwartungen entscheidet ebenfalls über den Fortbestand eines Subjekts in der Organisation. Sollte jemand den Ansprüchen der Erwartungen nicht genügen, wird dieser ausgeschlossen (Vgl. Ebd. S. 40). Die Möglichkeiten eines Austritts schließt auch den physischen Austritt durch Tötung mit ein (Vgl. Ebd.). Ein weiterer Aspekt, der uns in Bezug auf die Mitgliederrolle beschäftigen wird ist die Abgabe von Verantwortung. Die Mitgliederrolle reduziert einen wesentlichen Teil des persönlichen Handlungsrisikos. Wer als Mitglied in einer Organisation aktiv ist, muss Einzelentscheidungen im Grunde nicht mehr treffen. Er hat durch die Annahme dieser Rolle die von ihm erwartete Handlungsprämisse akzeptiert. Befolgt er also nun die Anweisungen eines Vorgesetzten, so kann er sich bedenkenlos darauf einlassen. Dies liegt darin begründet, dass auch die Unterordnung unter Vorgesetzte als normative Verhaltenserwartung festgelegt ist (Vgl. Ebd. S. 61).

Die Rolle des Vorgesetzten wird auch bei der vorliegenden Untersuchung wichtig sein, weshalb wir hier theoretisch darauf eingehen sollten, bevor wir uns dem konkreten Gegenstand zuwenden. Eine Funktion, die der Vorgesetzte innerhalb der formalen Organisation innehat, ist bereits erläutert worden. Seine hauptsächliche Funktion liegt darin, eine „Unsicherheitsabsorbation“ (Ebd. S. 178) vorzunehmen. Die Unsicherheit der Mitglieder über die Anwendungen von Handlungsmustern entscheidet über den Forstbestand und die Effektivität eines Systems. Es gibt mehrere Möglichkeiten Unsicherheitsfaktoren abzubauen. Neben dem Vorgesetzten können zum Beispiel auch ritualisierte Handlungen eine Entlastung der Mitglieder herbeiführen. Unsicherheit wird dadurch abgebaut, dass dem Mitglied ein „Gewissheitsäquivalent“ (Ebd. 174) angeboten wird, auf welches es sich ohne Gewissenskonflikte jeder Zeit berufen kann. In diesem Zusammenhang tritt auch die Frage nach der Art der Informationsweitergabe in das Blickfeld. Die Steuerung von Wissen und Nichtwissen spielt im Untersuchungszusammenhang in die Handlungsorientierungen der Mitglieder mit hinein. Auch dort nimmt der Vorgesetzte eine Schlüsselrolle ein, die Luhmann als „Flaschenhalsfunktion“ (Ebd. S. 210) beschreibt. Hierbei handelt es sich um die Filterung von Informationen, die den Mitgliedern einer Organisation zugänglich sind. Dies beschränkt sich nicht nur auf eine Weisungsrichtung nach unten, sondern kann durchaus auch von den Mitgliedern ausgehen. Die Filterung von Informationen und deren Weitergabe sorgt dafür, dass sich systemgefährdende Faktoren nicht zu schnell im System verbreiten. Als letztes wesentliches Merkmal ist die Ordnungsfunktion der Führungsrolle zu nennen. Sollte es im System zu Problemen unter Mitgliedern kommen oder sich gar andere Problemquellen offenbaren, wirkt der Vorgesetzte als Katalysator, der diese Probleme in ein persönliches Dilemma transformiert (Vgl. Ebd. S. 214). Somit wird die Belastung vom System genommen, jedoch die des Rolleninhabers wesentlich erhöht.

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Details

Seiten
12
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668133617
ISBN (Buch)
9783668133624
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314880
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld – Fakultät für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
SS Nationalsozialismus Formale Organisation Luhmann Polenfeldzug Polizeibataillon 101

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Titel: Das Verhalten von Soldaten in nationalsozialistischen Organisationen während des Polenfeldzuges 1939-1941. Ein systemtheoretischer Vergleich