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Erfolgsstrategie trotz Finanzkrise? Ursachen des Wirtschaftswachstums in Irland in der Periode des Keltischen Tigers

Seminararbeit 2015 24 Seiten

VWL - Fallstudien, Länderstudien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellen

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen für nachhaltiges Wirtschaftswachstum
a. Das neoklassische Solow-Modell
b. Das Solow Modell in der endogenen Wachstumstheorie
c. Wachstum durch Konsolidierung - Expansive Fiskalkontraktion

3. 20 Jahre Boom - Ursachen und Grundlagen des keltischen Tigers
a. Humankapital und Arbeitsangebot
b. Fiskalpolitik
c. Ausländische Direktinvestitionen als Wachstumsmotor?
d. Bausektor als Wachstumsmotor - Entstehung der Immobilienblase

4. Von der Immobilienblase zur Schuldenkrise - Ende der Erfolgsstrategie?

5. Zurück in die Erfolgsspur - umfassendes Hilfs- und Reformprogramm

6. 2015: Krise überwunden? - Ausblick in die Zukunft

7. Abschließende Diskussion und Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in €

Abbildung 2: Solow Modell

Abbildung 3: Mittelfristiger Wachstumsbonus durch Technologieimport und erhöhte Sparquote

Abbildung 4: MFP Wachstum in % und ausländische Direktinvestitionen in Mrd. €

Abbildung 5: BIP Wachstum 1999-2013 in %

Abbildung 6: Bruttoausgaben F&E in % des BIP

Tabellen

Tabelle 1: BIP Wachstum, Beschäftigung und Arbeitsproduktivität

1. Einleitung

Als Folge der sich seit 2007 schnell ausbreitenden internationalen Finanzkrise sah sich Irland im Jahr 2008 gezwungen, seine nationalen Banken mit Steuergeldern zu retten. Was einerseits die Banken stabilisierte, brachte auf der anderen Seite die Staatsfinanzen so sehr ins Ungleichgewicht, dass sich Irland rasch einer ausgeprägten Schuldenkrise ausgesetzt sah. Inzwischen, dank zahlreicher Reform- und Anpassungsprogramme sowie der Unterstützung durch die Europäische Union (EU) und durch weitere Partner, scheint Irland sich wieder zu erholen.

Eine ähnlich prekäre Lage durchlief Irland bereits in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Nach jahrelanger expansiver Fiskalpolitik stieg der Schuldenstand der öffentlichen Finanzen 1986 auf knapp 120 Prozent des Bruttoinlandproduktes (BIP) (Honohan 2014). Mehr aus der wirtschaftlichen Not als aus politischer Überzeugung, wie die damalige Regierung bekannte, legte diese dem Land ein straffes Konsolidierungsprogramm auf, welches vorwiegend auf Ausgabenkürzungen basierte.1 Gleichzeitig setzte Irland jedoch den seit Jahren eingeschlagenen Weg hin zu einer immer offeneren Volkswirtschaft fort.

Die folgenden 20 Jahre von 1987 bis zum Ausbruch der Internationalen Krise 2007 sind allgemein als die Periode des Keltischen Tigers bekannt: Jahre, in denen das reale irische Wirtschaftswachstum im Schnitt 6,3 Prozent und in der Spitze 10,8 Prozent (1997) wuchs. 2 3

Abbildung 1: Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in €

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: OECD, eigene Darstellung

Während dieser Periode von 20 Jahren gelang es Irland, sich von einem der ärmsten Länder der EU in 1987 mit einem BIP pro Kopf von lediglich 67 Prozent des EU-Durchschnitts zu einem der reichsten (133 Prozent in 2007) zu entwickeln (O’Malley 2012 S. 4; Abbildung 1). Der beeindruckende zwanzigjährige Boom als Antwort auf die vorausgehende Schuldenkrise sowie die vergleichsweise konsequente Umsetzung von Reformen werden gerne als Beweis für die Effektivität von Austeritätspolitik und Globalisierung gesehen. Bei genauer Betrachtung stellen sich jedoch mehrere Fragen: Warum musste Irland im Zuge der Finanzkrise trotzdem von internationalen Geldgebern vor der drohenden Insolvenz gerettet werden? Was waren bzw. sind die Gründe und Ursachen für das starke Wachstum des Keltischen Tigers? Ermöglicht der eingeschlagene irische Weg langfristiges und nachhaltiges Wachstum oder wurde diesem durch die Finanzkrise ein Ende gesetzt?

Um diese und weitere Fragen zu klären, werde ich im Folgenden - basierend auf einer theoretischen Betrachtung der nötigen Voraussetzungen für langfristiges Wachstum - ausgewählte Ursachen des Keltischen Tigers im Rahmen des Solow-Modells untersuchen und bewerten. Im weiteren Verlauf untersuche ich zudem, ob die Theorie der expansiven Fiskalkontraktion im Zuge der Konsolidierungsmaßnahmen in Erscheinung trat und betrachte abschließend die Implikationen der Internationalen Krise auf Irlands Wirtschaftsstrategie.

2. Theoretische Grundlagen für nachhaltiges Wirtschaftswachstum

Um ein besseres Verständnis für die verschiedenen Ursachen bzw. Grundlagen des Keltischen Tigers und deren jeweiligen Auswirkungen auf Wirtschaftswachstum zu ermöglichen, ist es in einem ersten Schritt hilfreich, die theoretischen Rahmenbedingungen für Wachstum zu betrachten. Einen bedeutenden Beitrag zur Wachstumstheorie leistete Solow (1956) in den 50er Jahren. Mit Hilfe seines Modells legte er unter anderem dar, wie technologischer Fortschritt über Kapitalakkumulation zu Wachstum führt. Die Darstellung des Modells, inklusive der nachfolgenden Erweiterungen im Zuge der endogenen Wachstumstheorie, dienen dazu, die Hauptaspekte für Wirtschaftswachstum herauszufiltern und anhand dieser die irische Strategie zu bewerten.

a. Das neoklassische Solow-Modell

Solow (1956) betrachtet in seinem Modell die Auswirkung von Kapitalakkumulation pro Arbeiter auf dessen Output-Leistung und lässt damit Rückschlüsse auf die Leistung einer Wirtschaft zu. Das Grundmodell geht von einer geschlossenen Wirtschaft mit vollständig integrierten Arbeits- und Kapitalmärkten aus, wobei in der gesamten Volkswirtschaft ein Technologielevel herrscht. Die zugrunde liegende Idee ist, dass durch die Anhäufung von Kapital die Produktionsmöglichkeiten ansteigen. Solow bezieht sich zunächst mit Kapital in erster Linie auf physisches Kapital (bspw. Maschinen, Werkzeuge und Geld) und nimmt weitere Produktionsfaktoren wie Arbeit und Technologie bzw. technisches Know-how als exogen gegeben an. Mit Hilfe des Kapitals generiert jeder Arbeiter eine bestimmte Menge an Output. Hat ein Arbeiter mehr Kapital zur Verfügung, steigt auch sein Produktionsniveau. Da Solow eine standardmäßige Cobb-Douglas-Produktionsfunktion zugrunde legt, ist zudem schnell ersichtlich, dass der Zusammenhang zwischen Kapital pro Arbeiter und Output nicht linear verläuft. Abbildung 2 zeigt, dass jede zusätzliche Einheit Kapital das Output-Niveau des Arbeiters um etwas weniger als die vorherige Kapitaleinheit erhöht. Das bedeutet, dass ein abnehmender Grenznutzen des Kapitals vorliegt. Die Logik dieser Annahme begründet sich mit dem Argument, dass beispielsweise die erste Maschine, die einem Arbeiter zur Verfügung gestellt wird, diesem höheren Nutzen liefert als die jeweils nachfolgende.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Solow Modell

Weitere maßgebliche Grundannahmen des Modells besagen einerseits, dass ein bestimmter Anteil des generierten Outputs gespart, d.h. in neue Ausstattung des Arbeiters reinvestiert wird (Kurve s(BIP/A) in Abbildung 2), und andererseits, dass ein bestimmter Teil des Kapitalstocks abgeschrieben werden muss. Unter diesen Annahmen wird ersichtlich, dass - solange mehr investiert als abgeschrieben wird - es zu einer Anhäufung an Kapital und somit zu mehr Produktion pro Arbeiter kommt. Aufgrund des abnehmenden Grenzertrags des Kapitals konvergieren Spar- und Abschreibungsquote im Laufe der Zeit. Der daraus resultierende Schnittpunkt (Punkt P in Abb. 2) determiniert das Gleichgewicht (steady state), d.h. den optimalen Kapitaleinsatz pro Arbeiter und damit die Wachstumsrate (Punkt O).

Da Investitions- und Abschreibungsquote aufgrund der Annahme der Exogenität und des abnehmenden Grenzertrags des Kapitals stets konvergieren, lässt sich anhand dieses neoklassischen Modells lediglich mittelfristiges Wachstum erklären. Eine exogene Verbesserung der Technologie (s. Abb. 3.2), oder ein Anheben der Investitionsquote (s. Abb. 3.1) induzieren demzufolge nur vorübergehend höheres Wachstum, bevor aufgrund der abnehmenden Grenzerträge erneut ein Gleichgewicht erreicht wird (vgl. Baldwin und Wyplosz 2012, S. 196ff). Dies entspricht einem Level-Effekt, da vorübergehend höheres Wachstum und somit ein höheres Gleichgewicht erreicht, langfristiges Wachstum jedoch nicht beeinflusst wird

Basierend auf den dargelegten Zusammenhängen und Annahmen ergeben sich verschiedene Implikationen für Wachstumsstrategien von Volkswirtschaften. Aufgrund des abnehmenden Grenzertrags fließt Kapital dorthin, wo es am effizientesten, d.h. wo die Kapitalquote pro Arbeiter am geringsten ist. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass sich Volkswirtschaften angleichen. Im Falle Irlands könnte dies die Konvergenz an die durchschnittliche europäische Wirtschaftsleistung erklären, nicht jedoch das anschließende starke Wachstum, welches Irland zu einem der reichsten Länder der EU machte (vgl. BIP/Kopf-Anstieg ab 1999 in Abb. 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Mittelfristiger Wachstumsbonus durch Technologieimport und erhöhte Sparquote

Weitere Implikationen, die sich aus dem Solow-Modell ergeben und das KonvergenzArgument stützen, sind einerseits, dass sich jedes Land einem spezifischen steady state gegenüber sieht, zu welchem es trotz eventueller Level-Effekte stets zurückkehrt, und andererseits, dass diese Level-Effekte beispielsweise durch Technologieimporte (Abb. 3.1) oder erhöhtes Investment (Abb. 3.2) generiert werden können. Übertragen auf Irland stellt sich somit die Frage, inwiefern die Aussicht auf Transferleistungen im Rahmen des EU- Integrationsprozess oder auch die Öffnung für ausländische Investoren, speziell internationale Großkonzerne, Teil einer geplanten Strategie war, um einen entsprechenden Level-Effekt zu erzielen.

b. Das Solow Modell in der endogenen Wachstumstheorie

Da das irische Wirtschaftswunder jedoch ganze 20 Jahre anhielt, folglich den mittelfristigen Level-Effekt übersteigt, ist es unumgänglich die auf Solow aufbauende endogene Wachstumstheorie miteinzubeziehen, um schlüssige Erklärungen für das langfristige Wachstum zu erlangen. Bereits Frankel (1962) beschreibt, wie ein steigendes Grenzprodukt des Kapitals erreicht werden kann. Er geht davon aus, dass wenn ein Teil des akkumulierten Kapitals sogenanntes intellektuelles Kapital ist, mit diesem Teil technologischer Fortschritt generiert werden kann. Anhand des technologischen Fortschritts wäre es demnach möglich, das abnehmende Grenzprodukt des (physischen) Kapitals zumindest auszugleichen bzw. sogar in ein steigendes umzuwandeln und somit langfristig Wachstum zu generieren. Inzwischen existiert ein weites Feld an Literatur zur endogenen Wachstumstheorie, welche die Endogenität des technologischen Fortschrittes in den Fokus stellt. Howitt (2008, S. 1) verweist beispielsweise darauf, dass Unternehmen im Streben nach größeren Marktanteilen in Forschung und Entwicklung investieren und so durch neue Innovation technologischen Fortschritt erzielen. In die gleiche Richtung gehend argumentieren Grossman und Helpman (1993 S. 13), dass durch Innovationen bzw. technologischen Fortschritt zuerst die Produktivität des Kapitals ansteigt, welche dann wiederum die Attraktivität für zusätzliche Investitionen erhöht. Letztendlich würde dies einer positiven Aufwärtsspirale oder zumindest konstanten Grenzerträgen des Kapitals entsprechen.

Um in den folgenden Kapiteln bestmöglich untersuchen zu können, ob und inwiefern sich Irlands langanhaltendes Wachstum anhand der dargelegten Theorie erklären lässt, folge ich abschließend Baldwin und Wyplosz (2012 S. 188) in deren Aufschlüsselung des bisher breit verwendeten Kapitalbegriffs. Neben dem Begriff des physischen Kapitals wird zudem noch unter Human- und Wissenskapital unterschieden. Wissenskapital bezieht sich auf Technologie, während Humankapital mit den Fähigkeiten, Erfahrungen und der Bildung der Arbeiter in Verbindung gebracht wird. Grossman und Helpman (1993 S. 21) heben jedoch hervor, dass Humankapital nicht mit mehr Arbeitern gleichzusetzen ist, da dies impliziert, dass größere Volkswirtschaften schneller wachsen müssten. Der Fokus der endogenen Wachstumstheorie liegt folglich auf stetig ansteigender Akkumulation von Wissenskapital bzw. technologischem Fortschritt. Hierbei kann zusätzlich noch zwischen der eigenen endogenen Weiterentwicklung durch Innovation und der Akkumulation durch Import bzw. durch Spillover-Effekte unterschieden werden (Johnson 2006, S. 3).

c. Wachstum durch Konsolidierung - Expansive Fiskalkontraktion

Als Reaktion auf stetig ansteigende Schuldenstände, sowohl in den Krisenjahren Mitte der 80er als auch in Folge der Internationalen Finanzkrise 2007-08, legte sich Irland ein straffes Konsolidierungsprogramm auf. In beiden Fällen scheint das anschließende Wachstum auf einen ersten Blick zu belegen, dass Austerität tatsächlich expansive Wirkungen haben kann. Die Hypothese der Expansiven Fiskalkontraktion ist eine Ableitung des ricardianischen Äquivalenztheorems (Barro, R. J. 1988 S. 3f). Basierend auf der Annahme, dass der Staat sich einer intertemporalen Budgetbeschränkung gegenüb ersieht, d.h. Defizite langfristig durch Überschüsse (und umgekehrt) ausgeglichen werden müssen, haben Haushaltsdefizite keine realen Effekte. Ein rationaler Konsument erwartet demnach, dass bspw. schuldenfinanzierte Steuererleichterungen heute, durch Steuererhöhungen in der Zukunft ausgeglichen werden. Das bedeutet, er würde einen größeren Teil seines Vermögens für den relativ teureren Konsum in der Zukunft ansparen.

Da nun in der Zukunft keine größeren Konsolidierungen mehr zu erwarten sind wirkt eine Konsolidierung der Staatsausgaben folglich positiv auf den Gegenwartswert der privaten Einkommen (Giavazzi und Pagano 1990, S. 2ff; Ó Gráda 2002, S. 7). Zudem verbessert das Bekenntnis eines Staates zu Konsolidierung die Glaubwürdigkeit und stärkt letztendlich das Vertrauen der Investoren in die Staatsfinanzen. Kurzbis mittelfristig ergeben sich daher insbesondere durch erhöhten Konsum4 und gesteigerte Investitionsbereitschaft zusätzliche Wachstumsmöglichkeiten. Laut Alesina und Perotti (1996, S. 3ff) kann die Effektivität der Konsolidierung außerdem erhöht werden, wenn diese vorwiegend auf Ausgabensenkung und nicht auf einer Erhöhung der Steuern basiert. Letzteres wird mit stärkeren negativen Auswirkungen auf die aggregierte Nachfrage verknüpft, wohingegen ersteres die Glaubwürdigkeit der Sparmaßnahmen unterstreicht.

3. 20 Jahre Boom - Ursachen und Grundlagen des keltischen Tigers

Aufbauend auf den theoretischen Überlegungen zu nachhaltigem Wachstum und zur Überwindung von Schuldenkrisen dient dieses Kapitel zur genaueren Untersuchung der Faktoren, welche den Keltischen Tiger zum Erwachen brachten.

In der Literatur wird gemeinhin das Jahr 1987 als Ausgangspunkt des irischen Booms genannt. Doch welche Veränderungen lösten den Boom aus?

Ein Blick zurück in der Geschichte zeigt, dass Irland sich bereits in den 60er-Jahren vom Protektionismus löste und erste Schritte - durch einseitige Zollsenkungen und ein erstes Handelsabkommen mit Großbritannien - in Richtung wirtschaftlicher Öffnung unternahm. Dabei gilt nicht nur die wirtschaftliche Offenheit als ein Kernpunkt der irischen Erfolgsstrategie, auch Investitionen in Bildung sowie niedrige Steuern, speziell für Unternehmen, werden besonders hervorgehoben. Es zeigt sich allerdings auch hier, dass sowohl im Bereich Bildung bereits Ende der 60er (kostenlose Sekundarstufe ab 1967) viel unternommen wurde (Dorgan 2006, S. 4), aber auch das Steuersystem seit 1981 bis hinein in die ersten Boom-Jahre kaum verändert wurde (Breathnach 1998, S. 308).

Obwohl Irland mit diesen Maßnahmen also teilweise bereits den oben dargelegten Anforderungen für nachhaltiges Wachstum entsprach, indem es sich einerseits der Welt, und damit Investitionen bzw. Kapital aus dem Ausland öffnete, und andererseits gleichzeitig in Bildung und somit in Innovationen investierte, waren die nachfolgenden zwei Jahrzehnte eher von mäßigem Wachstum, dafür aber stark ansteigenden Schulden geprägt.

Inwiefern lässt sich also der rasante Aufstieg Irlands seit den späten 80ern anhand einzelner Faktoren erklären?

a. Humankapital und Arbeitsangebot

Im Einklang mit der eingangs beschriebenen Wachstumstheorie wird Humankapital oftmals als Schlüsselfaktor des Keltischen Tigers bezeichnet. Der Theorie zufolge ermöglicht ein stetig ansteigendes Bildungsniveau Innovationen und spiegelt sich nicht zuletzt in steigender Produktivität der Arbeiter wider. Investitionen in Bildung erhöhen folglich die Rate der Akkumulation von Humankapital und können so zu langfristigem Wachstum beitragen (Breathnach 1998 S. 307). Irland begann bereits Ende der 60er-Jahre vermehrt in Bildung zu investieren, was zu einem schnellen Anstieg des Bildungsniveaus - speziell bei der jüngeren Bevölkerung - führte (Dorgan 2006 S. 4). Trotz der signifikanten Verbesserung gelang es Irland in den Folgejahren allerdings nicht, sich wirtschaftlich an den EU-Durchschnitt anzugleichen (Powell 1998, S. 445). Ó Gráda (2002, S. 6) nennt als mögliche Erklärung hierfür die Divergenz zwischen privatem und sozialem Nutzen der getätigten Investitionen in Bildung. Speziell wegen unzureichender Jobmöglichkeiten verließen mehr und mehr gut ausgebildete junge Iren das Land. Dieser Trend setzte sich soweit fort, dass der Anteil der Hochschulabsolventen, die ein Jahr nach ihrem Abschluss arbeiteten und im Ausland lebten, im Jahr 1988 auf 32 Prozent anstieg (Breathnach 1998 S. 308).

Im Gegensatz zur Theorie scheinen die Investitionen in Humankapital folglich keinen signifikanten Einfluss auf das Wachstum genommen zu haben. Nichtsdestotrotz zeigt Tabelle 1 eine deutliche Verbesserung der Arbeitsproduktivität sowohl vor als auch während der Boom-Phase. In einer Studie zum Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und Produktivität schätzen Durkan et al. (1999), dass die verbesserte Bildung der Arbeiter die effektive Arbeitskraft zwischen 1986 und 1996 um ein Prozent pro Jahr erhöhte (O’Malley 2002, S. 11). Kennedy (2001, S. 127ff) kommt allerdings zu dem gegenteiligen Ergebnis, dass Bildung speziell Anfang der 80er positiv auf die Produktivität wirkte, folglich also nicht direkt das starke Wachstum des Keltischen Tigers begründen kann. Diese Annahme wird zusätzlich durch die über die Jahrzehnte relativ konstante Verbesserung der Arbeitsproduktivität unterstützt (s. Tabelle 1). Kennedy schließt aus seinen Ergebnissen und widerspricht damit Grossman und Helpman, dass nicht die Qualität, sondern die verstärkte Nutzung von Arbeit eine Schlüsselfunktion des Keltischen Tigers darstellte (vgl. O’Malley 2002 S. 11).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: BIP Wachstum, Beschäftigung und Arbeitsproduktivität

[...]


1 Haughey (Premierminister 1987-1992): “The policies which we have adopted are dedicated entirely by the fiscal and economic realities, I wish to state categorically that they are not being undertaken for any ideological reason or political motives.” (Powell 2003, S. 435).

2 Im Vergleich: Deutschland wuchs in der selben Periode durchschnittlich 2,1 Prozent mit einem Maximalwert von 5,2 Prozent im Jahr 1990.

3 World Development Indicators, eigene Berechnungen

4 Höheres Vertrauen in die Staatsfinanzen spiegelt sich in der Regel durch niedrige Zinsen wider. Niedrige Zinsen erhöhen den Marktwert von privaten Anlagen und führen somit zu einem positiven Wohlstandseffekt der privaten Haushalte, welcher wiederum in gesteigertem Konsumverhalten resultieren kann (Alesina und Perotti 1996, S. 3f).

Details

Seiten
24
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668197800
ISBN (Buch)
9783668197817
Dateigröße
746 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v315142
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Wirtschaftswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Finanzkrise Irland Bruttoinlandprodukt BIP Keltischer Tiger Austeritätspolitik Schuldenkrise Reformen

Autor

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