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Die Rolle von Religion und Identitätspolitik in Demokratisierungsprozessen. Der Islam in Indonesien

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 23 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Südasien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Religion, Zivilgesellschaft und Demokratie in der Post-Moderne
2.1 Zum Verhältnis von Religion und Demokratie
2.2 Demokratieresistenz in islamisch geprägten Staaten?
2.3 Religionen als notwendige Dimension in der Transformationsforschung

3. Religion und Identitätspolitik im Demokratisierungsprozess Indonesiens
3.1 Staat und Gesellschaft Indonesiens
3.1.1 Geburtsstunde und Wegbereiter der indonesischen Demokratie
3.1.2 Philosophisch-rechtliche Grundlage des Staates: Die Pancasila
3.1.3 Religionen, Identitäten und Konflikte im Zeichen des Pluralismus
3.2 Der Beitrag islamischer Institutionen und Intellektueller zur Demokratisierung
3.2.1 Die Muhammadiyah
3.2.2 Die Nahdlatul Ulama
3.3 Gegenwärtige Probleme und Herausforderungen

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ein besonderes Merkmal der Weltpolitik ist in den letzten Jahren das Wiederaufleben religiöser Themen und Akteure im öffentlichen Bereich geworden. Sei es die Christliche Koalition in den USA, der hinduistische Nationalismus in Indien, militanter Buddhismus in Sri Lanka oder islamische soziale Bewegungen in der arabischen Welt, das Ende des 20. Jahrhunderts hat deutlich gezeigt, dass der Niedergang des Religionsfaktors zu vorzeitig prognostiziert wurde. Es bedarf daher neuer Beobachtungen zur Rolle von Religion und Politik. So ist das Verhältnis von Religion und Politik wieder verstärkt auf der wissenschaftlichen Agenda zu finden, besonders in Bezug auf den Einfluss der Religion im Kontext von Diktaturen und aufzubauenden Demokratien. Gleichzeitig ist angesichts unterschiedlich geprägter Gesellschaften und Identitäten das westliche Demokratieverständnis zu erweitern und von der strikten Trennungsthese von Politik und Religion Abschied zu nehmen. So argumentiert Hefner in Bezugnahme auf Casanova, dass Religion „[…] a significant counterweight to the otherwise hegemonic institutions of the market and the modern state”.1 Ob aber alle Religionen demokratiefördernd sein können, ist eine andere Frage, die in keinem anderen Fall mehr als im Islam diskutiert wurde und wird.

An dieser Stelle setzt die Arbeit an, indem sie nach der Rolle der Religion, religiöser Institutionen und Akteure, in politischen Transformationsprozessen fragt. Am Beispiel des größten muslimisch geprägten Landes mit einer demokratischen Verfassung sollen die Potentiale des Islams für die Demokratisierung des Landes fallspezifisch aufgezeigt werden. Dabei wird der Analyse die These vorangestellt, dass ohne muslimische Institutionen und Theologen kaum eine Mobilisierung zur Demokratisierung in Indonesien möglich gewesen wäre. Im ersten Teil der Arbeit erfolgt zunächst eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Religion, Identitätspolitik und Demokratie in der Post-Moderne, worin auch explizit auf die vermeintliche Demokratieresistenz in arabisch-islamischen Staaten eingegangen wird (Kapitel 2). Auf dieser Grundlage baut die empirische Analyse der Arbeit auf: die Untersuchung der Verbindung von Religion und Identitäten im soziopolitischen Prozess Indonesiens (Kapitel 3). Hierzu werden neben der Staatsideologie auch Merkmale der heterogenen Gesellschaft dargestellt. Dem folgt die Vorstellung der beiden größten islamischen Institutionen und wichtigen Vertreter des indonesischen Islams und eine Analyse ihres Beitrags für den Aufbau einer indonesischen Demokratie. Aus den in der Analyse gefolgerten Schlüssen wird am Ende der Arbeit ein Fazit gezogen und die Bedeutung des indonesischen Erfahrungsbeispiels für andere muslimische Gesellschaften in der MENA-Region betont (Kapitel 4).

2. Religion, Zivilgesellschaft und Demokratie in der Post-Moderne

2.1 Zum Verhältnis von Religion und Demokratie

Die Frage nach dem Einfluss von Religion auf das politische Bewusstsein und Verhalten und eines Individuums und damit auf die Politik bleibt heute noch auch nach jahrzehntelanger Forschung umstritten. Bereits 1969 stellte der französische Soziologe Tocqueville fest, dass anders als im laizistischen Frankreich im frühen 19. Jahrhundert in Nordamerika die christliche Religion eine Hauptquelle der frühen Demokratie war. Die Trennung der Kirche und des Staates schloss die Religion nicht aus dem öffentlichen Leben aus. Religion war und ist bis heute eine der wichtigsten zivilgesellschaftlichen Akteure in Amerika.2 „It was characterized, not by the smooth consensualism of civil religion, but by vigorous denominational competition and ethical debate”3, beschreibt der Anthropologe Hefner. Im Gegensatz zur französischen Ausprägung der Laizität, nach der primär der Staat vor dem als schädlich angesehenen Einfluss der katholischen Kirche geschützt werden sollte, diente die Trennung von Kirche und Staat in den USA auch vor allem dem Schutz der Kirchen vor staatlicher Einflussnahme und ging mit einem starken gesellschaftlichen Einfluss der Kirchen einher. Auf diesen Einfluss der Kirchen beziehen sich auch andere Autoren. Smidt zeigte auf, dass regelmäßige Kirchenbesuche das gesellschaftliche Engagement fördern.4 In ähnlicher Weise stellen Driskell et al. fest, dass zwar die Identifikation mit einer bestimmten religiösen Gruppe Partizipation reduziere, doch andererseits das Praktizieren einer Religion per se Partizipation erhöhe.5 Ebenfalls kommt Weithman in seiner Analyse der Rolle der Kirchen in den USA zu zwei Schlüssen, wonach erstens, religiöse Institutionen zu einer stärkeren Partizipation und Identifikation des einzelnen als aktiver demokratischer Bürger der Gesellschaft beitragen würden, und zweitens, dass religiöse Einrichtungen den politischen Austausch sowie politische Debatten fördern würden.6

Obwohl die Untersuchung des Verhältnisses von Religion und Demokratie weit in die Vergangenheit zurückgeht, ist sie in den letzten Jahren jedoch wieder zu einem der zukunftsrelevanten Themen geworden. Während im Laufe der Geschichte Religion bzw. Kirchen immer wieder zur Legitimation politischer Herrschaft in Anspruch genommen worden sind, wurde zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Religion als „verstorben“ geglaubt. Fälschlicherweise spricht man deshalb heute von einer „Wiederkehr“ der Religion. Tatsächlich war sie aber nie verschwunden. Religion und Kultur spielen gegenwärtig wieder eine besondere Rolle, weil die Bildung politischer Machtzentren mit Prozessen kultureller Selbstvergewisserung zusammen laufen. International stellt sich die Frage, ob die westliche Demokratie auf Kulturen mit einem anderen religionskulturellen Hintergrund so übertragbar ist.

Im Kontext dieser Neuorientierungen im Dreiecksverhältnis von Religion, Säkularisierung und Demokratie ist das Konzept von „Twin Toleration“7 zu erwähnen. Darin wendet sich Stepan gegen die strikte Trennung von Politik und Religion und entwirft stattdessen ein Minimalkonsensmodell, das geprägt ist durch das reziproke Verhältnis von religiösen und staatlichen Institutionen. Beide Sphären müssten sich für ein erfolgreiches Miteinander gegenseitig tolerieren, d.h. sich voneinander unabhängige Einflusssphären zugestehen.8 Durch sein Modell zeigt Stepan Potentiale einer Koexistenz zwischen Politik und Religion auf und folglich zwischen Religion und Demokratie.

2.2 Demokratieresistenz in islamisch geprägten Staaten?

Die überwiegende Literatur, die sich bisher mit der These der Verhinderung von Demokratie durch den Islam beschäftigt hat, weist exemplarisch auf die problematische Lage im Nahen Osten und Nordafrika hin.9 So hat Freedom House 2012 von 18 Staaten aus der MENA- Region nur drei Staaten (Israel, Tunesien, Libyen) als parlamentarische Demokratien eingestuft.10 Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach den religionskulturellen Voraussetzungen der Demokratie. Aus modernisierungstheoretischer Sicht wurde zu Beginn der neunziger Jahre die Vorstellung der ausschließlichen Demokratieverträglichkeit mit christlichen Traditionen betont und manifestiert. Doch die Modernisierungstheorie wurde durch das Beispiel der reichen Golfstaaten und der demokratischen Wandel in armen Staaten wie Indien widerlegt, sodass man anfing, nach anderen Erklärungsmustern für die (Nicht-) bzw. Demokratisierung von Staaten zu suchen.

In diesem Zusammenhang wird Säkularisierung, das als Nebenprodukt der Modernisierung betrachtet wird, als Voraussetzung für Demokratisierung gesehen. Damit eine Gesellschaft demokratisch wird, bedürfe es eines Rückzugs der Religion aus dem öffentlichen bzw. politischen Bereich zurück in den privaten persönlichen Glaubensbereich. Die gewöhnliche Annahme, dass Demokratien im arabisch-islamischen Raum scheitern, wird mit der rigiden Funktionsweise der Religion im soziopolitischen Kontext der Region erklärt. Der Islam und islamische Akteure würden die Transition zu einer Demokratie gefährden. In der Praxis scheint sich diese These in „[…] the glaring absence of democratic government in the Muslim world”11 zu bestätigen. Auch nach Huntington gehe Demokratie mit westlicher Politik konform, doch hat sie ihre „civilizational limits”12 erreicht, weil die Konzepte aus westlicher Sicht, auch das der Demokratie, in anderen Kulturkreisen kaum Anklang finden.13 Verbunden mit einem generellen Mangel an freien Wahlen in arabisch-islamischen Staaten hat diese Interpretation zur Annahme der Unvereinbarkeit von Islam und Demokratie geführt, die sich auf das theologische Argument „al islam al din wa dawla”14 (Islam ist Religion und Staat) stützt. Diese Vorstellung ist weit von dem Aufklärungsgedanken in der westlichen Welt entfernt. Ein weiterer Grund für die angenommene Demokratieresistenz in arabisch- islamischen Gesellschaften liege in der Abwesenheit einer funktionierenden Zivilgesellschaft.15 Eine Zivilgesellschaft ist in diesem Sinne „[…] the sphere of autonomous civic groups and activities that protect the private sphere from the state”16. Tatsächlich bildet die Zivilgesellschaft in der indonesischen Demokratie trotz ihres religiösen Hintergrunds einen wichtigen Akteur, wie sich noch in der Fallstudie zeigen wird.

In den letzten Jahren findet in der Literatur jedoch das Argument immer mehr Einzug, wonach der Islam bzw. der politische Islam sich transformiert. Konkret ist damit gemeint, dass der Islam sich von einem wichtigen privaten Glaubenssystem gewandelt hat bis hin zu einem vorpolitischen Bewusstsein für die Bildung und Durchsetzung einer kollektiven Identität.17 In der Abwesenheit von modernen sozialen und politischen Institutionen entwickelte sich diese kollektive Identität zu einem wichtigen Mobilisierungsfaktor. Dies spiegelt sich in der Praxis in dem Erfolg sozialer Bewegungen auf dem Grassroot-Level wider als Gegenpol zu autoritären Herrschern.18 Bei Umfragen im Zeitraum 1988 bis 1996 in Palästina (Gaza/ Westbank), in Ägypten, Algerien und Marroko haben Tessler und Gao herausgefunden, dass in jedem Land über 80% der Befragten Demokratie für das beste politische System halten und über 90% sich wünschen, Demokratie würde sich als politisches System in ihrem Land etablieren.19 Tatsächlich sehen viele praktizierende Muslime in ihrer Religion Lösungsmöglichkeiten für eine politische Ordnung. Ihre aus dem Islam abgeleiteten politischen Ideale sind jedoch nicht unveränderbar, sondern variieren in ihren Ansichten, wie Muslime am besten den Herausforderungen moderner Gesellschaften begegnen können. Folglich gibt es auch unterschiedliche Vorstellungen davon, wie politischer Islam organisiert werden soll. So beobachtet Hefner, dass der entscheidende „clash of civilizations” in der heutigen islamischen Welt weniger mit dem Kampf der Kulturen zwischen dem Westen und dem Islam zu tun hat, als mehr mit den konkurrierenden Vorstellungen der Muslime von einem politischen Islam.20

[...]


1 Vgl. Hefner (2001): Public Islam and the Problem of Democratization. In: Sociology of Religion, Nr. 62(4), S. 491.; Casanova (1994): Public religions in the modern world. University of Chicago Press, Chicago, Chicago.

2 Ebd.

3 Hefner (2011): Political Islam: A Critical Reader. Routledge, New York, S. 162.

4 Vgl. Smidt (1999): Religion and Civic Engagement: A Comparative Analysis. In: Annals of the American Academy of Political and Social Science. Nr. 565, S. 176-192.

5 Vgl. Driskell et al. (2008): Faith and Politics: The Influence of Religious Beliefs on Political Participation. In: Social Science Quarterly. Nr. 89(2), S. 294-314.

6 Vgl. Weithman (2004): Religion and the obligation of citizenship. Cambridge University Press, Cambridge, S. 36ff.

7 Stepan (2012): Tunisia’s Transition and the Twin Tolerations. In: Journal of Democracy. Nr. 23 (2), S. 89-103.

8 Die erste Toleranz bezieht sich auf die Beziehung der religiösen Bürger gegenüber dem Staat. Danach müssen die religiösen Bürger in dem Recht der demokratisch Gewählten zur Gesetzgebung und zum Regieren übereinstimmen. Die zweite Toleranz müsse vom Staat gegenüber seinen religiösen Bürgern ausgehen, und beinhaltet das Recht auf religiöse Freiheit innerhalb der Gesellschaft und politische Partizipation, solange die Gesetze und die Rechte anderer Bürger respektiert werden. Vgl. Ebd. S. 90f.

9 Vgl. z.B. Diamond (2010): Why are there no Arab Democracies? In: Journal of Democracy, 21(1), S.93-102.; Bellin (2004): The Robustness of Authoritarianism in the Middle East: Exceptionalism in Comparative Perspective. In: Comparative Politics, 36(2), S.139-157.

10 Vgl. Freedom House (2013): Freedom in the World 2013. https://freedomhouse.org/report/freedom- world/freedom-world-2013 (abgerufen am 25.09.2015).Im Jahr 2015 ist Libyen wieder weggefallen, dafür hat Tunesien seinen Status von „partly free“ zu „free“ weiter verbessert. Vgl. Freedom House (2015): Freedom in the World 2015. https://freedomhouse.org/report/freedom- world/freedom-world-2015#.Vg7KYPntmko (abgerufen am 25.09.2015).

11 Esposito (2003): Islam and Civil Society. In: Eposito / Burgat (Hrsg.): Modernizing Islam - Religion in the Public Sphere in the Middle East and Europe. Rutgers University Press, London, S. 92.

12 Huntington (1997): The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order. Simon & Schuster, London.

13 Ebd.

14 Vgl. Hofmann (1995): Der Islam als Alternative. Mit einem Vorwort von Annemarie Schimmel. Diederichs, 3. Auflage, München, S. 113.

15 Carapico (1997): Introduction to Part On. In Beinin / Stork (Hrsg.): Political Islam: Essays from Middle East Report. I.B. Tauris Publishers, London, S. 30.

16 Ebd.

17 Vgl. Hassan (2011): Religion, Identity and Democracy. The Arab Spring: Transition to Democracy at a Crossroads. The International IDEA Democracy Forum, Background Note, S. 6.

18 Vgl. Hassan (1999): The Iraqi Invasion of Kuwait: Religion, Identity and Otherness in the Analysis of War and Conflict. Pluto Press, London, S. 173ff.

19 Vgl. Tessler (2002): Islam and Democracy in the Middle East: The Impact of Religious Orientations Toward Democracy in Four Arab Countries. In: Comparative Politics 34 (3), S. 348.

20 Hefner (2009/2005): Remaking Muslim Politics: Pluralism, Contestation, Democratization: Pluralism, Contestation, Democratization. Princeton University Press, Princeton, S. 13.

Details

Seiten
23
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668141568
ISBN (Buch)
9783668141575
Dateigröße
939 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v315318
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,0
Schlagworte
Indonesien Islam politischer Islam Demokratisierung Transformation Transition Ideologie Identitätspolitik Staat Religion Zivilgesellschaft Demokratieresistenz Pancasila arabisch-islamischer Raum

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