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Gibt es einen neuen Positivismusstreit?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 9 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart

Leseprobe

Gliederung

I. Einleitung in die Thematik

II. Kritischer Rationalismus und kritische Pädagogik
1. Reduktionismus und Wertzuschreibung
2. Methodik: Objektivität und Subjektivität

III. Neuer Positivismusstreit?

IV. Fazit

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung in die Thematik

Bereits in 40er Jahren des letzten Jahrhunderts flammte zuerst der Positivismusstreit auf. Der junge Adorno kritisierte die Konzeption der reinen Logik des Wiener Kreises. Adorno wie auch Habermas, um zwei wichtige zu nennen, vertraten die Seite der Frankfurter Schule und der damit in Verbindung stehenden kritischen Theorie. Auf der anderen Seite waren die Vertreter des Positivismus, unter anderem Popper und Albert, welche den kritischen Rationalismus repräsentieren. Auf deren Argumentationen werde ich bei der Begriffsklärung im nächsten Kapitel näher erläutern.

Hat dieses Thema in der heutigen Zeit des 21. Jahrhunderts überhaupt Relevanz? Zumal der Positivismusstreit im letzten Jahrhundert ausgetragen wurde. Dazu ist zu sagen, dass dieser Streit nicht zu einem gemeinsamen Konsens geführt hat. Es war eher eine Offenlegung der Argumentation, was wissenschaftlich ist und was nicht. Was spricht für den kritischen Rationalismus und was für die kritische Theorie. Seitdem ist der Streit beigelegt worden, aber auch heute gibt es Anlässe an denen es sich lohnt anzuknüpfen. Ein Beispiel, an dem ich versuche beide Positionen des Positivismusstreites in heutiger Sicht darzustellen, wird die Pisa-Studie sein. Ist der Reduktionismus ausreichend, um wissenschaftlich verifizierbare Aussagen zu erhalten? Hat des Szientismus gesiegt? Ist ein neuer Positivismusstreit fällig? Diese Fragen werden im Folgenden Gegenstand meiner Hausarbeit sein. Im nächsten Kapitel werde ich nun die Argumentationen beider Parteien aufzeigen und eine Begriffsklärung vornehmen.

II. Kritischer Rationalismus und kritische Pädagogik

1. Reduktionismus und Wertzuschreibung

Der Reduktionismus kann als eine Position des kritischen Rationalismus verstanden werden. Dieser beinhaltet, dass Aussagen nur eine kognitive Bedeutung bekommen, wenn diese analytisch sind, also die verifiziert oder falsifiziert sind, oder synthetisch sind, also Aussagen, welche noch empirischer Untersuchung bedürfen.[1] Dabei ist die die Wertneutralität zu wahren und rein objektiv die Aussagen zu überprüfen. Zudem konzentriert sich der kritische Rationalismus auf Teilaspekt und versucht nicht gesamte Theorien zu verändern.

„Was man als wissenschaftliche Objektivität bezeichnen kann, liegt einzig und allein in der kritischen Tradition, die es trotz aller Widerstände so oft ermöglicht, ein herrschendes Dogma zu kritisieren. Anders ausgedrückt, die Objektivität der Wissenschaft ist nicht eine individuelle Angelegenheit der verschiedenen Wissenschaftler, sondern eine soziale Angelegenheit ihrer gegenseitigen Kritik, der freundlich-feindlichen Arbeitsteilung der Wissenschaftler, ihres Zusammenarbeitens und auch ihres Gegeneinanderarbeitens. Sie hängt daher zum Teil von einer ganzen Reihe von gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen ab, die diese Kritik ermöglichen.“[2]

Nach Popper spielen der soziale und ideologische Standort des Forschers nur eine temporäre Rolle, welche er als trivial betrachtet, da der Forscher dieses nach kurzer Zeit selbst ausschaltet.

Der Forscher soll nach Popper eine wertneutrale Rolle einnehmen, unvoreingenommen von ideologischen oder sozialen Standpunkten. Seine Aufgabe besteht darin, die Aussagen nach ihrer Verifizierbarkeit beziehungsweise nach ihrer Falsifizierbarkeit zu betrachten.

Die Vertreter der kritischen Pädagogik hingegen betrachten Aussagen nicht als wertneutral, sondern sehen die Untrennbarkeit von getroffenen Aussagen und der subjektiven Empfindung. Inhaltlich seihen die Aussagen auf, wie Bernhard Claußen dies beschreibt, in der Geschichte der Emanzipationsbestrebungen begründet.

„Die Gesellschaft, auf deren Erkenntnis Soziologie schließlich abzielt, wenn sie mehr sein will als eine bloße Technik, kristallisiert sich überhaupt nur um eine Konzeption von richtiger Gesellschaft. Diese ist aber nicht der bestehenden abstrakt, eben als vorgeblicher Wert, zu kontrastieren, sondern entspringt aus der Kritik, also dem Bewußtsein der Gesellschaft von ihren Widersprüchen und ihrer Notwendigkeit.“[3]

Die Wissenschaft soll sich nach Adorno nicht von Wertneutralität und Dogmatismus leiten lassen, sondern soll Kritik der Gesellschaft wahrnehmen und auf ihre Bedürfnisse konkretisieren. Dabei sollen ganze Theorien betrachtet werden und, wie Bernhard Claußen dies beschreibt, „Erkenntnisse über das Wesen von Totalitäten ermöglichen […]“[4].

2. Methodik: Objektivität und Subjektivität

Der kritische Rationalismus überprüft die Hypothesen nach dem Falsifikationsprinzip.

„In der Wissenschaftstheorie bezeichnet Falsifikation speziell die Widerlegung einer allgemeinen Aussage (Alle ungeraden Zahlen sind Primzahlen) durch (mindestens) ein Gegenbeispiel (etwa die 9). Da induktiv gewonnene allgemeine Aussagen mit begrenztem Gültigkeitsbereich (Alle Raben sind schwarz) nicht verifiziert werden können, wurde von K. Popper vorgeschlagen, in deren Falsifizierbarkeit das Kriterium für Wissenschaftlichkeit zu sehen: Wissenschaftliche Sätze sind nur solche Sätze, die falsifiziert werden können. Ein Satz der mehreren Widerlegungsversuchen widerstanden hat, heißt bewährt“ [5]

Als Instrumente, wie Bernhard Claußen dies darstellt, sind Beobachtungen und Befragungen. Die daraufhin geäußerten Schlussfolgerungen basieren auf der Logik. Dabei sind diese intersubjektiv transparent und nachprüfbar. Die Forscher bewahren, wie im vorigen Abschnitt beschrieben, ein distanziertes Verhältnis zum Forschungsgegenstand. Dabei werden nach Popper die wahren Aussagen herauskristallisiert und können, wenn diese nicht mehr falsifizierbar sind, verifiziert werden und entsprechen dann der Validität, also der Allgemeingültigkeit.

Bei der kritischen Pädagogik hingegen wird das dialektische Dreieck, welches aus These, Antithese und Synthese besteht, als eine Form der Herangehensweise an wissenschaftliche Aussagen verstanden.

Die These beinhaltet das Selbstverständnis der aufgeklärten bürgerlichen Gesellschaft, zum Beispiel durch Freiheiten in allen Lebenslagen, seien sie ökonomisch, sozial oder politisch oder dem Gerechtigkeitsempfindungen in der Gesellschaft. Diese These ist verallgemeinert definiert und ist durch den gesellschaftlichen Wandel mit den impliziten subjektiven Empfindungen verknüpft.[6]

Die Antithese hingegen entsteht aus dem Leiden des Menschen und zeigt Missstände auf, welche kritisiert werden müssen. Bestimmte Verhältnisse werden als ungerecht empfunden. Die Synthese wird beschrieben als Phase, welche die Abweichung von der These konkretisiert und drängt auf die Aufhebung dieser Missstände.[7]

Eine andere Methode ist die permanente Ideologiekritik, welche eine Methode ist, der Fehlentwicklung in der Erziehungspraxis, suggeriert durch die gesellschaftlichen Bedingungen, zu entgegnen. Dabei sei eine Aufklärung in der Gesellschaft von Nöten. Dabei soll die Erziehungswissenschaft kritisch-konstruktiv sein ist gerichtet auf die Verbesserung und Veränderung der Erziehungspraxis. Voraussetzung sei dafür dass die betroffenen Subjekte in die Interpretation, im Gegensatz zum kritischen Rationalismus, einbezogen werden müssen. Dies beschreibt Bernhardt Claußen als herrschaftsfreien Diskurs. Dabei sollen subjektive Meinungen zur Synthese beitragen.

Die vorhin beschriebenen Punkte beschreiben die Positionen des kritischen Rationalismus und der kritischen Pädagogik anhand zweier Aspekte, der philosophisch-moralischen Prämissen und der Methode. Natürlich gibt es noch weitere Aspekte, welche sich zum Teil überschneiden. Diese habe ich zum Teil mit angesprochen, bezüglich der Wertneutralität. Anhand dieser zwei Aspekte möchten ich auf die PISA-Studie eingehen und deren Aussagekraft anhand der beiden Positionen diskutieren und eine Antwort auf die in der Einleitung gestellte Frage zu generieren.

III. Neuer Positivismusstreit?

Diese Frage stellte der Soziologe Richard Münch in den Blog des Soziologieforums Sozblog. Ich werde im Folgenden einzelne Thesen aus diesem Text betrachten und diese anhand der vorhin erläuterten Aspekte erläutern.

Bereits im ersten Abschnitt beschreibt Münch, dass eine Umstellung auf ein Regieren mit Zahlen beobachtet wird und Expertenwissen auf Grundsatzfragen, bezüglich des politischen Meinungsstreites, reduziert sei.[8]

Es scheint, dass das Regieren nur noch mit technologisierbaren Mitteln möglich sei. Durch viele Statistiken wird versucht, bestimmte Probleme in der Bevölkerung aufzuzeigen. Dabei werden in den Verfahren nicht auf die subjektiven Bewertungen der untersuchten Subjekte, in Bezug auf die Auswertung der Ergebnisse, Bezug genommen. Der kritische Rationalismus bezieht sich dabei auf Teilaspekte, welche Münch durch die Verfahrensweise mit bildungspolitischen Problemen anhand des PISA-Tests beschreibt.

[...]


[1] Vgl. Bellmann, Müller (2011), Seite 59

[2] Popper, Karl R. (1961): Die Logik der Sozialwissenschaften. In: Adorno u.a. (1972), Seite 103-123

[3] Adorno (1961), S.139

[4] Bernhard Claußen, Seite 76

[5] Ohne Autor (1988). Brockhaus. Die Enzyklopädie. Band 7. Mannheim: Verlag F.A. Brockhaus.

[6] Ebd. Bernhard Claußen, Seite 77

[7] Ebd.

[8] Richard Münch(2012): Triumph des Szientismus. Ist ein neuer Positivismusstreit fällig?

Details

Seiten
9
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668152540
ISBN (Buch)
9783668152557
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v315740
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
2,7
Schlagworte
gibt positivismusstreit

Autor

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Titel: Gibt es einen neuen Positivismusstreit?