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Die androgyne Revolution zwischen den Geschlechtern. Nähern sich die Geschlechter innerhalb der Paarbeziehung immer mehr an?

Hausarbeit 2012 15 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das menschliche Androgyn

3. Geschlechterkörper

4. Der Geschlechterdiskurs in der Moderne
4.1 Die Vergeschlechtlichung der Moderne
4.2 Bewältigungsstrategien der Identitätskrise
4.3 Die Rolle des Androgynen
4.4 Maskulinisierung der Frauenkörper

5. Das historische Konstrukt der Gleichheit und Komplementarität

6. Zweisame Individualisierung und kulturelle Autonomie

7. Die androgyne Paarbeziehung

8. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Bereits 1889 kreierte Guerlain den Duft "Jicky“, der von Frauen und Männern gleichermaßen getragen wurde und 1994 machte Calvin Klein mit CK One Unisex-Düfte erneut salonfähig. Designer Tom Ford beschrieb den Trend damals mit dem Satz: "Wir leben in einer Duftdemokratie." (Donald, 2012), der vielmehr sinnbildlich für eine Geschlechterdemokratie stand. “CK ONE - for him and for her“ - war ein Werbeslogan, der in der ersten Hälfte der neunziger Jahre eine androgyne Revolution im Konsumverhalten versprach. Auch in der visuellen Kunst hat androgynes Image seit Jahrhunderten seinen Platz gefunden. Die Popkultur und Filmwissenschaft liefern zahlreiche Beispiele von geschlechtlicher Ambivalenz.

Unisex wurde Trend. "Die Grenze zwischen den Geschlechtern verwischt immer mehr. Es spielt keine Rolle mehr, ob du ein Mann oder eine Frau bist.“, kommentierte Seda Domaniç 2011, Chefradakteurin de türkischen Vogue im Artikel ‚Andrej Pejic, dieses hübsche Supermodel ist ein Mann‘ der Internetseite Welt Online (Schwanke, 2011).

Dem äußerlichen Wandel ist ein innerer vorausgegangen. Nicht nur als äußerliches Körpermerkmal rückt das Androgyn in den Fokus. Auch in der klassischen Paarbeziehung zwischen Mann und Frau vollziehe sich eine Annäherung beider Geschlechter. Die Französin Élisabeth Badinter spricht in ihrem Buch "Ich bin Du“, das bereits 1981 in Paris erschienen ist, von einer neuen Beziehung zwischen Mann und Frau, von einer androgynen Revolution, die sich in der westlichen Kultur entwickle. Ausgangspunkt für diese Veränderung sei ein tiefgreifender Wandel unserer Leitbilder. (Badinter, 1987).

Wie weit die moderne Paarbeziehung den gesellschaftlichen Wandel widerspiegelt und welchen Einfluss wiederum Natur und Kultur auf unsere (Geschlechts-)Identität und unser Rollenverhalten innerhalb der Beziehung haben, wird in den nächsten Abschnitten beleuchtet. All das steht im Kontext des androgynen Ideals - der Zweigeschlechtlichkeit.

2. Das menschliche Androgyn

Die ursprüngliche Bedeutung von "androgyn“ ist "mann-weiblich“. Das ndrogyn ist zunächst ein Individuum, das Geschlechtsmerkmale des anderen Geschlechts aufweist, so ist es in den meisten Wörterbüchern erklärt. Doch diese Bedeutung bleibt auf’s Äußere bezogen und lässt auf einen Hermaphroditen schließen, ein Mensch mit zwei Geschlechtsapparaten.

Badinter stellt die Behauptung auf, dass jeder Mensch ein Androgyn sei und in mehrfacher Hinsicht und unterschiedlichem Ausmaß zweigeschlechtig ist. In jedem von uns sei Männliches und Weibliches ineinander verflochten, auch wenn die meisten Kulturen dem Individuum lieber ausschließlich ein Geschlecht zuschreiben. Als Norm gelte der Unterschied und der Gegensatz. Die Erziehung sorge dafür, den anderen Teil seines Selbst zu verneinen.

Gegen den traditionellen Dualismus der Geschlechter wehrt sich Badinter entschieden. Sie plädiert für den androgynen Menschen, der abwechselnd weiblich und männlich sein kann, je nach Erfordernissen der Situation. Es gehe um die Ergänzung komplementärer Elemente statt um strikte Dualität (Wikipedia, 2012). Ihre Thesen basieren auf der Ansicht, dass die Konzeption des Geschlechts eine kulturelle Konstruktion sei.

3. Geschlechterkörper

"Frauen sind Frauen, weil sie einen Frauenkörper haben, und Männer sind Männer, weil sie einen Männerkörper haben.“ Dieser beschriebene Zusammenhang von Geschlecht-Sein und Geschlechterkörper-Haben sei Bestandteil unserer alltäglichen Erfahrung. Die Vorstellung der "natürlichen“ - weil körperlichen - Verschiedenheit von Frauen und Männern beherrsche als Selbstverständlichkeit die Wahrnehmung der Geschlechter in der Öffentlichkeit. Die Differenzierung gründet sich auf der Biologie und hat weitrechende Konsequenzen für die soziale Positionierung der Individuen sowie deren Selbstwahrnehmung. Der Körper gelte gemeinhin als "natürliche“ Gegebenheit und damit als unveränderbare und unausweichliche Grundlage der geschlechtlichen Bestimmung. Doch der Körper ist wandelbar und formbar, seine kulturelle Bedeutung vielseitig und veränderlich. Die biologische Differenz kann damit nicht Wirkprinzip sein, welches die soziale Differenz zwischen Frauen und Männern bedingt. (Schaufler, 2002, S. 89).

Bis in die 1990er Jahre befasste sich die anglo-amerikanische feministische Debatte mit der Frage, ob eine Geschlechtsbestimmung essentialistisch gegeben oder sozial konstruiert ist. Aus dieser Debatte geht die Unterscheidung zwischen "sex“ als biologisch und "gender“ als gesellschaftlich bestimmtem Terminus hervor. Judith Butler bricht mit der Vorstellung, dass sich das soziale Geschlecht notwendigerweise von einem biologischen Geschlecht ableitet und mit diesem korrespondiert (Tschindler, 2011, S. 10). Ganz im Gegensatz zu früheren Vertretern wie Roussau, der eine vermeintliche naturgegebene Ungleichheit zwischen den Geschlechtern postulierte (die unter anderem eine der Grundlagen bildete, mit der die Jahrhunderte lange Herrschaft der Männer über die Frauen begründet wurde).

Butler vertritt die Auffassung, dass dem Körper durch kulturelle Praktiken ein biologisches Geschlecht erst eingeschrieben wird. Ihre zentrale These, dass Geschlecht ein künstliches soziales Konstrukt ist, stellt Butler in ihrem Werk Gender Trouble (dt. Das Unbehagen der Geschlechter) vor. In Bodies that matter (dt. Körper von Gewicht) betont sie, dass Geschlecht - auch das Körpergeschlecht - das Produkt wiederholter Zuschreibung und performativer Handlung sei - die diskursiven Praktiken produzieren erst, worauf sie sich zu beziehen scheinen: Das biologische Geschlecht ist dem sozialen nicht vorgängig (Tschindler, 2011, S. 10).

Es sei somit nicht das biologische Geschlecht, das unterschiedliche Körper verursacht, sondern kulturelle Normen, die sich an das biologische Geschlecht heften, konstituieren die spezifische Wahrnehmbarkeit, die Wirkung und Bedeutung eines materialen geschlechtlichen Körpers. Dass Körper als substantielle Frauen- oder Männerkörper erscheinen, sei nicht Folge männlicher oder weiblicher Biologie, sondern Ergebnis der gesellschaftlichen Konstituierung dichomoter Geschlechterkörper (Schaufler, 2002, S. 92).

Diese Annahme, dass unsere Denk- und Wahrnehmungsstrukturen nicht nur die psychosoziale Geschlechtsidentität hervorbringen, sondern auch das produzieren, was wir für ein biologisches Faktum halten, haben die Gender Studies übernommen.

Diese Konzeption von Geschlecht als Konstruktion wirft die Frage nach dessen Wahrnehmung auf. Entsprechend der binären Geschlechterordnung unserer Kultur nehmen wir an Menschen kulturell erzeugte Geschlechterzeichen wahr und ordnen sie dem männlichen oder dem weiblichen Geschlecht zu. In diesem Zusammenhang ist die Selbstinszenierung von Bedeutung. Jedes Individuum verkörpert (tradierte) Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit, jede Darstellung von Geschlecht konstituiert dieses zugleich (Tschindler, 2011, S. 10).

Schaufler betont, dass der Übergang vom ‚Werden‘ zum ‚Sein‘ fließend sei und, was weiblich oder männlich gemacht wird bzw. sich selbst männlich oder weiblich macht, irgendwann auch so ist. Vorstellungen von Frau- bzw. Mann-Sein dringen in die tiefsten Strukturen des Leibes ein und ziehen ihre Wirksamkeit daraus, dass die Tatsache ihrer Gewordenheit bis zur Unkenntlichkeit verschleiert werde (Schaufler, 2002, S. 93).

Das Geschlecht werde gesellschaftlich produziert. Die Geschlechterverhältnisse werden im alltäglichen Handeln immer wieder neu konstruiert und in vielen Variationen neu befestigt. In der "neueren“ Soziologie trifft dies auf Positionen, die generell den Blick darauf lenken, dass soziale Strukturen und Institutionen in der sozialen Praxis, durch das Handeln der sozialen Subjekte "gemacht“, konstruiert und reproduziert werden (Dölling & Krais, 1997).

Über den Körper-Habitus komme es zur "Einverleibung der sozialen Ordnung, wie es Pierrre Bourdier 1988 formuliert. Die Verortung des Individuums im sozialen Raum wird im eigenen Leib festgeschrieben, in der rt und Weise, "seinen Körper zu halten, ihn zu bewegen, ihn vorzuzeigen, ihm Platz zu verschaffen“ (Rose, 1997).

Schaufler fasst zusammen "Der Körper ist wandelbar und formbar, seine kulturelle Bedeutung vielseitig und veränderlich. Die biologische Differenz kann damit nicht Wirkprinzip sein, welches die soziale Differenz zwischen Frauen und Männern bedingt, sondern sie selbst ist Ereignis des Zusammenspiels verschiedener kultureller Kräfte. Die Geschlechter erscheinen als soziale Konstruktionen, die im Prozess der Vergeschlechtlichung neu hervorgebracht werden.“ (Schaufler, 2002, S. 89)

4. Der Geschlechterdiskurs in der Moderne

Die Rede über Geschlecht erreichte in der Zeit um 1900 einen Höhepunkt. Der weibliche Emanzipationsanspruch stellte die bürgerliche Geschlechterordnung in Frage und bedrohte die männliche Vorherrschaft auf sämtlichen gesellschaftlichen Ebenen. Die daraus resultierende Notwendigkeit, die Geschlechterrollen neu zu bestimmen, hatte eine gesteigerte Produktion von Wissen über Geschlecht, vor allem in den Bereichen der Medizin und der Anthropologie, zur Folge. Verschiedene Diskurse in der Wissenschaft, der Medizin, der Politik, der Kunst und der Philosophie machten Geschlecht zu ihrem Thema. Die rasche Modernisierung, die soziokulturellen, ökonomischen und politischen Änderungen wurden als Bedrohung einer männlichen Identität wahrgenommen. Die Infragestellung der bis dahin selbstverständlichen Rollenbilder erreichte in der Moderne auch die hegemoniale Männlichkeit. Diese musste sich nun gegen die "neue Frau“ sowie öffentlich auftretende Homosexuelle konstituieren. Während die Modernisierung für Frauen ein Aufbrechen der starren Grenzen bedeutete und ihnen eine Erweiterung der Handlungsmöglichkeit verschaffte, war sie für Männer mit Machtverzicht und Statusverlust verbunden (Tschindler, 2011, S. 16).

4.1 Die Vergeschlechtlichung der Moderne

Hannelore Bublitz spitzt diese Veränderungen der Geschlechterordnung um die Jahrhundertwende in ihrer vielzitierten soziologischen Schrift Das Geschlecht der Moderne auf die These der Vergeschlechtlichung der Moderne zu. Dabei erörtert sie, inwiefern sich die europäische Kulturkrise der Moderne - diskursiviert als "Feminisierung der Kultur“ - als Krise einer männlichen Identität versteht. Dies sei eng mit der Geschlechtsidentität beziehungsweise der Vergeschlechtlichung des Mannes verknüpft (Tschindler, 2011, S. S.16).

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird dieses Konzept des Mannes als verallgemeinertes Individuum mit der Thematisierung des Mannes als geschlechtlich markierter Mensch konfrontiert. Laut Bublitz löst "eine männliche Geschlechtsidentität, die sich Ende des 19. Jahrhunderts konstituiert, die dichotome Codierung der Geschlechterdifferenz, d.h. die Polarisierung der Geschlechter in einen allgemein-menschlichen, männlichen Pol und einen ganz vom Geschlechtlichen durchdrungenen weiblichen Pol ab.” Da die kulturelle Repräsentation des Geschlechtlichen zunächst über das Weibliche erfolgt, muss die "Vergeschlechtlichung des Mannes [͙΁ auf weibliche Geschlechtscodierung zurückgreifen. Die Verweiblichung der Kultur erscheint daher um die Jahrhundertwende als Verweiblichung des Mannes und des Männlichen.“ Somit bekomme die Kultur der Moderne, wie Hannelore Bublitz ausführt, im doppelten Sinne ein weibliches Geschlecht: "Zum einen als „kulturelle Verweiblichung“ durch gesellschaftliche und politische Emanzipationsbestrebungen und -tendenzen der Frauen [͙΁. Zum zweiten in Form der Verkörperung des Weiblichen in männlichen Geschlechtskonstruktionen und deren individueller Applikation in Geschlechtsidentitäten, was sich um die Jahrhundertwende in Erscheinungsformen des nervösen und hysterischen Mannes, des Weibmannes und Mannweibes als Erscheinungsform von Transsexualität äußert. Die Vergeschlechtlichung des Mannes führte zu einer Fragmentierung und Partikularisierung der männlichen Identität, es scheint, als müsse der Mann als Kulturträger seinen Anspruch auf Verkörperung des Allgemein-Menschlichen aufgeben.“ Was sich um die Jahrhundertwende als männliche Identität diskursiv formierte, beinhalte eine "Krise“ der männlichen Identität. Aus diesem Grund sei die Krise der Kultur um die Jahrhundertwende auch so eng mit dem Weiblichkeitsdiskurs verwoben. Die "Feminisierung der Kultur“ avanciere nun zum "alptraumhaft-visionären Leitmotiv“ in der Debatte und dient, wie Bublitz ausführt, als Metapher für die "drohende Vergeschlechtlichung des verallgemeinerten Kulturträgers Mann“ (Tschindler, 2011, S. 16-17).

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Details

Seiten
15
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668158467
ISBN (Buch)
9783668158474
Dateigröße
918 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v316095
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule Berlin
Note
1.0
Schlagworte
androgyn Paarbeziehung Beziehung Geschlecht Geschlechtsidentität Gleichberechtigung

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