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Epidemiologie und prädisponierende Faktoren der Zwangsstörungen. Aktueller Stand der Forschung und Therapiemöglichkeiten

Seminararbeit 2015 35 Seiten

Psychologie - Allgemeine Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretischer Hintergrund und Forschungsstand
2.1 Definitionen von Zwangsgedanken und Zwangshandlungen
2.2 Epidemiologie der Zwangsstörungen
2.3 Prädisponierende Faktoren
2.4 Therapeutische Möglichkeiten
2.5 Bezug zur Sozialen Arbeit

3 Empirische Erhebung
3.1 Modalitäten des Experteninterviews
3.2 Auswahl der Interviewpartner
3.3 Transkription und Auswertungsmethode

4 Ergebnisse der Untersuchung
4.1 Interpretation der Ergebnisse
4.2 Einordnung der Ergebnisse in den gegenwärtigen Forschungsstand
4.3 Kritische Würdigung der Ergebnisse

5 Diskussion und Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anhang Experteninterview

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 - Übersicht der häufigsten psychischen Störungen, Stand 2012

Abbildung 2 - Übersicht der häufigsten psychischen Störungen nach Geschlecht, Stand 2012

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Jeder Mensch kennt die Sorge, dass er etwas vergessen könnte. Alltägliche Handlungen wie den Herd auszuschalten oder die Tür abzuschließen können beispielsweise solche Sorgen beinhalten. Ab und zu ist es auch sinnvoll, etwas zweimal zu prüfen, wenn man sich unsicher ist. Es gibt jedoch Menschen, die so sehr Angst davor haben, dass sie etwas vergessen könnten, dass sie einen Zwang zur wiederholten Kontrolle entwickeln. Zwänge können sich dann so stark entwickeln, dass sie den kompletten Alltag des Betroffenen einschränken und somit das ganze Leben bestimmen (www.zwaenge.de).

In den 80er Jahren galten Zwangsstörungen noch als eine eher seltene psychische Krankheit. Diese Störung hat sich jedoch im Laufe der Jahre zu der vierthäufigsten psychischen Krankheit entwickelt (vgl. Kapitel 2.2). Allein anhand dieser Statistik lässt sich sagen, dass die Zwangserkrankung ein relevantes Thema für alle Bevölkerungsschichten ist. Des Weiteren ist die Lebensqualität, neben den zeitlich oft sehr aufwändigen Zwangshandlungen, der Patienten in den Bereichen der mentalen Gesundheit und im Alltagsleben sehr beeinträchtigt. Für ihre Zwänge schränken die Betroffenen oftmals jeglichen sozialen Kontakt ein. Studien zufolge, können bei 30% aller Zwangspatienten soziale Ängste festgestellt werden (Oelkers & Hautzinger, 2013, S. 27). Häufig leiden diese Menschen an Kritikangst oder an mangelndem Abgrenzungsvermögen. Die Folgen dieser Angst sind der soziale Rückzug, der noch verschlimmert wird, da der Betroffene nur in seltenen Fällen einen Therapeuten aufsucht. Zeitlich und psychisch gesehen lässt sich also sagen, dass die Zwangsstörung eine für den Betroffenen sehr einschränkende Störung darstellt (Oelkers & Hautzinger, 2013, S. 28).

Ziel dieser Arbeit ist, die Epidemiologie und den Verlauf der Zwangsstörungen bei Erwachsenen zu untersuchen und darauf einzugehen, welche Therapiemöglichkeiten bei Patienten positive Resonanzen hervorbringen. Hierfür ist es notwendig, verschiedene Theorien zu analysieren und diese wiederum anhand eines Experteninterviews miteinander zu vergleichen.

Zentrale Fragen dieser Arbeit sind:

- Wie entsteht eine Zwangsstörung?
- Wie ist der Verlauf einer Zwangsstörung?
- Welche Therapiemöglichkeiten gibt es für den Betroffenen und wie sind die Heilungschancen?

Bei der Anfertigung der Arbeit werden vorhandene Fachliteratur, Fachzeitschriften und Quellen aus dem Internet zur Hilfe genommen. Es werden sowohl empirische Studien zu diesem Thema als auch aktuelle Artikel aus ausgewählten Fachzeitschriften verwendet.

Zum besseren Verständnis der gesamten Arbeit werden zunächst in Kapitel 2 die Unterschiede von Zwangsgedanken und Zwangshandlungen erläutert. Darauf aufbauend werden dann die aktuellen Untersuchungen zu den zentralen Fragen dieser Arbeit aufgezeigt. Im 3. Kapitel dieser Arbeit wird eine empirische Erhebung in Form eines leitfadengestützen Interviews dargestellt, welches anschließend in Kapitel 4 mit der aktuellen Literatur verglichen wird. Im 5. und letzten Kapitel dieser Arbeit werden noch einmal alle Ergebnisse zusammengefasst und diskutiert.

2 Theoretischer Hintergrund und Forschungsstand

2.1 Definitionen von Zwangsgedanken und Zwangshandlungen

Zwangsstörungen sind nach Oelkers & Hautzinger (2013, S. 20) mit den Phobien oder der Panikstörung, eine Form der Angststörungen. Darunter zählen noch weitere Krankheiten wie z.B. posttraumatischen Belastungsstörungen. Menschen, die an einer Zwangsstörung erkrankt sind, leiden unter quälenden Gedanken und/oder Handlungen, die sie nicht kontrollieren können und die immer wieder in gleicher Weise zum Vorschein kommen können (Amrhein, 2011, www.therapie.de).

Laut Amrhein (2011, www.therapie.de) wird bei der Diagnostik außerdem zwischen Zwangshandlungen und Zwangsgedanken unterschieden. Jedoch treten nach dessen Ausführungen bei 70 bis 90 Prozent der Betroffenen beide Symptome zusammen auf.

Unter Zwangsgedanken versteht man Gedanken, die sich immer wieder aufdrängen und nicht kontrolliert oder abgewehrt werden können. Inhalte dieser Gedanken können vielseitig sein. Gewalt und Aggressionen, Sexualität oder auch Glaubenssätze sind nur wenige Beispiele für den Ausdruck dieser Gedanken (Oelkers & Hautzinger, 2013, S. 20).

Auch gesunde Menschen leiden an Zwangsgedanken. Der Krankheitswert ist jedoch erst dann gegeben, wenn „ die Gedanken in kurzen Abständen und in starker Ausprägung auftreten “ (Kasper & Volz, 2008, S. 160).

Unter Zwangshandlungen versteht man „ rigide, stereotype Handlungen“ (Oelkers & Hautzinger, 2013, S. 21), zu denen sich der Erkrankte gezwungen fühlt. Oftmals fühlen die Betroffenen sich so gezwungen in ihren Handlungen, dass daraus Rituale entstehen, die oft wiederholt werden und somit die Zwangsgedanken unterbunden werden. Obwohl die Patienten wissen, dass ihr Verhalten sinnlos ist und dieses sinnlose Handeln auch bekämpft wird, ist der Drang, die Handlung durchzuführen, so stark, dass das Unterlassen der Handlung meist von kurzer Dauer ist (Amrhein, 2011, www.therapie.de).

Für die Therapie sei es wichtig, zwischen diesen beiden Begriffen zu unterscheiden. Am einfachsten ist es, die Begriffe in ihrer Wirkung zu unterscheiden: Zwangsgedanken lösen bei den Betroffenen negative Gefühle bzw. Angst aus, während Zwangshandlungen nur kurzfristig zu einer inneren Befriedigung führen (Berking & Rief, 2012, S. 112).

2.2 Epidemiologie der Zwangsstörungen

In den 50er und 60er Jahren gingen Studien davon aus, dass die Zwangsstörung eher zu einer seltenen vorkommenden psychischen Erkrankung gehörte, da sie eine Prävalenz von lediglich 0,05% aufwies (Grabe, Janowitz & Freyberger, 2007, S. 219). Seit dem galt die Krankheit als seltene psychische Auffälligkeit. Durchgeführte Studien zeigen jedoch, dass die Anzahl der Erkrankten stetig ansteigt. Lag die Zahl der Betroffenen nach epidemiologischen Untersuchungen im Jahr 1999 noch bei einer Häufigkeit in der deutschen Bevölkerung von 1-2% (Reinecker et al., 1999, S. 11), liegt die Anzahl der Betroffenen im Jahr 2012 bei 3,8%. Wenn man nach den Auswertungen der WHO geht, zählt die Zwangsstörung hinsichtlich Dauer der Erkrankung und Schwere der Beeinträchtigung zu den zehn wichtigsten Erkrankungen weltweit (Demal, 2006, S. 278). Nach Angststörungen, Alkoholstörungen und Depressionen ist die Zwangsstörung die vierthäufigste psychiatrische Erkrankung (Wittchen & Jacobi, 2012, www.rki.de), wie die nachfolgende Grafik verdeutlicht:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 - Übersicht der häufigsten psychischen Störungen, Stand 2012 (http://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Studien/Degs/degs_w1/Symposium/degs_psychische_stoerungen.pdf?__blob=publicationFile)

Da viele Menschen nicht genau wissen, an wen sie sich wenden müssen, wenn sie glauben, dass sie an einer Zwangsstörung leiden und die Inhalte ihrer Zwänge oftmals sehr persönlich sind, wie z.B. Gedanken von Gotteslästerungen, Sünden und Verfehlungen aller Art, gehen Stengler-Wenzke et al. (2004, S. 8) davon aus, dass die Zahl der Erkrankten noch höher sei, da viele Menschen Scham und Angst haben, sich an jemanden zu wenden. Eine Befragung von Voderholzer & Arolt (2010, S. 255) ergab, dass im Durchschnitt bei Patienten sechs Jahre von Beginn der Erkrankung bis zum Beginn der ersten Behandlung vergehen.

Laut Berking & Rief (2012, S. 114) ist die Häufigkeit der Erkrankung in den verschiedenen Ländern und Kulturen gleich hoch. Mehrere Untersuchungen (Schmalbach, 1998; Berking & Rief, 2012; Oelkers & Hautzinger, 2013) zeigen, dass - anders als bei anderen psychischen Störungen - Männer und Frauen etwa gleich häufig betroffen sind, wobei Frauen häufiger an Waschzwängen, Männer öfter unter Kontrollzwängen leiden. Dies verdeutlicht folgende Abbildung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 - Übersicht der häufigsten psychischen Störungen nach Geschlecht, Stand 2012

(http://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Studien/Degs/degs_w1/Symposium/degs_psychische_stoerungen.pdf?__blob=publicationFile)

Die ersten Symptome zeigen sich im frühen Erwachsenenalter zwischen 20 und 25 Jahren (Grabe, Janowitz & Freyberger, 2007, S. 220). Bei einem Fünftel der Betroffenen treten die ersten Symptome schon im Kindes- und Jugendalter auf (Lakatos & Reinecker, 1999, S. 18).

2.3 Prädisponierende Faktoren

Bis heute gibt es keine einheitliche Theorie zur Entstehung und Aufrechterhaltung der Zwangsstörungen, auch wenn das Interesse von Psychologen, Ärzten und besonders von den Patienten sehr groß ist (Demal, 2006, S. 279). Da es laut Oelkers & Hautzinger (2013) mehrere Faktoren gibt, die dazu beitragen, dass Zwangsstörungen auftreten können, wird im weiteren Verlauf dieser Seminararbeit der Fokus auf den Faktor Stress, den elterlichen Erziehungsstil, kritische Lebensereignisse und das Zwei- Faktoren- Modell nach Mowrer gelegt.

Stress spielt bei der Entstehung einer Zwangsstörung eine zentrale Rolle. Neue, unbekannte Stressreaktionen sind an sich etwas Sinnvolles, da sie sowohl auf Verhaltens- als auch auf der kognitiven Ebene ein Lernen ermöglichen (Hüther & Sachsse, 2007, S. 171). Die Zeit vor dem Auftreten vor Zwangsstörungen ist häufig durch hohe Belastungen, Überforderungen und Hilflosigkeit geprägt. Stresssituationen können einerseits dabei helfen, dass vorhandene Schemata beim Denken verlassen werden, um neue Wege und Lösungsmöglichkeiten zu finden, andererseits führen aber vor allem anhaltende Belastungen, wie z.B. ein ständig hoher Druck im beruflichen Umfeld / in der Schule / in der Universität oder die Versorgung von kranken Kindern, zum Ausbruch der Zwangserkrankung.

Des Weiteren muss unterschieden werden, ob der Stress kontrollierbar oder unkontrollierbar ist. Kontrollierbare Anforderungen führen zu kurzen Stressreaktionen, wohingegen unkontrollierbare Anforderungen langfristig zu Stressreaktionen führen können. In solchen Situationen scheidet der Körper Adrenalin und Kortison aus. Dies verschlimmert die Stressreaktion. Der Körper konzentriert sich nur noch auf die Regulierung des Stresses, was zur Folge hat, dass frühere erfolgreiche Bewältigungsstrategien aufgelöst werden. Für den Betroffenen ist dies vor allem problematisch, wenn er ständig solchen unkontrollierbaren Anforderungen ausgesetzt ist, wie z.B. bei wiederholter Überforderung in jungen Jahren (Oelkers & Hautzinger, 2013, S. 43).

Ein weiterer signifikanter Faktor für die Entstehung einer Zwangsstörung ist der elterliche Erziehungsstil. Da die Entwicklung des einzelnen Menschen zum größten Teil von seinem familiären Umfeld geprägt ist, kann dieses Umfeld demzufolge auch an einer Entstehung bzw. Aufrechterhaltung einer Zwangsstörung beteiligt sein (Oelkers & Hautzinger, 2013, S. 38). Gerade im frühen Kindesalter, wenn die Kinder das Verhalten ihrer Eltern imitieren, kann es bei Bezugspersonen mit Zwangsstörungen sein, dass Kinder zwanghafte Verhalten- und Denkweisen übernehmen. Aufgrund der engen Bindung zu einer Bezugsperson, ist es den Kindern oftmals nicht möglich, „normales Verhalten und vor allem auch gesunde“ Werte und Normen zu erlernen (Oelkers & Hautzinger, 2013, S. 38). Vor allem das Einbeziehen der Kinder in das ständige Zwangsverhalten kann ein Kind besonders stark prägen. Viele Zwangspatienten berichteten, dass sie in ihrer Kindheit ein erhöhtes Maß an Ablehnung und Strafe durch die Bezugspersonen erleben mussten. Diese Ablehnung seitens der Eltern kann bei Kindern ein Gefühl der Minderwertigkeit auslösen, die wiederum dazu führen können, dass sich der Betroffene von der Außenwelt isoliert und sich somit ein erhöhter Risikofaktor für die Entstehung psychischer Störungen entwickelt (Oelkers & Hautzinger, 2013, S. 38 f.).

Ein weiterer Risikofaktor für die Entwicklung einer Zwangsstörung bei Kindern ist der Mangel an Liebe und Zuwendung und unangemessene Kontrolle und Überbehütung seitens der Eltern. Wenn ein Elternteil schon von einer Zwangsstörung betroffen ist, können die gerade aufgeführten Faktoren nicht den entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung einer Zwangsstörung haben (Wilcox et al., 2008, S. 33). Untersuchungen von Wewetzer et al. (2003, S. 16) ergaben jedoch, dass es keinerlei Zusammenhänge zwischen den oben aufgeführten elterlichen Erziehungsverhalten und der Entwicklung einer Zwangsstörung gibt.

Außerdem berichten Zwangspatienten, dass bei der Entstehung der Zwangsstörungen kritische Lebensereignisse einen auslösenden Faktor darstellen. Kritische Lebensereignisse können z.B. Verkehrsunfälle, Vergewaltigungen, Verwicklungen in Verbrechen oder auch die Schwangerschaft bzw. Geburt eines Kindes sein (Oelkers & Hautzinger, 2013, S. 40).

In einem Fallbeispiel von Demal (2012) wird verdeutlicht, wie ein derartiges kritisches Lebensereignis aussehen kann. Eine anonymisierte 45 Jahre alte, verheiratete Hausfrau und Mutter leidet seit der Geburt ihrer Tochter (18 Jahre) an einem ausgeprägten Wasch- und Reinigungszwang. Die 45 jährige Frau berichtet, dass sie schon immer ordentlich gewesen sei, sich die Lage nach der Geburt ihrer Tochter jedoch drastisch verschlimmert habe und sie sich mit der Situation und der Verantwortung überfordert fühle. Die Frau beschreibt ihre Zwangsstörungen als anfangs eher lästige Angewohnheiten, die sich im Laufe der Zeit zu einer „Qual“ entwickelten. Regelmäßige Reinigungsrituale nach dem Toilettengang bzw. der ganzen Wohnung waren reine Vorsichtsmaßnahmen, damit ihre Kinder sich nicht mit einer Krankheit anstecken konnten. Ihre Rituale führten zu einer erheblichen Einschränkung ihres Alltags, woraufhin sie in eine Ambulanz für Zwangsstörungen eingewiesen wurde, um dort therapiert zu werden.

Auch der Tod eines Familienmitgliedes, die Trennung der Eltern oder Mobbing am Arbeitsplatz bzw. in der Schule sind Faktoren für die Entwicklung einer Zwangsstörung vor allem dann, wenn diese Erlebnisse im Kindesalter stattgefunden haben und eine emotionale Bearbeitung nicht möglich gewesen ist (Oelkers & Hautzinger, 2013, S. 40).

Um der Entstehung und Aufrechthaltung von Zwangsstörungen auf den Grund zu gehen, wird das Zwei-Faktoren-Modell von Mowrer (1947) herangezogen. Mowrer stellt in dem Modell heraus, dass durch eine klassische Konditionierung eine Angstreaktion erlernt werden kann. Ein zunächst neutraler Reiz (z.B. ein Türgriff) wird in Verbindung mit einem traumatischen Ereignis (z.B. Tod einer Bezugsperson) zu einem Angstreiz (Oelkers & Hautzinger, 2013, S. 45). Im zweiten Schritt versucht der Betroffene seine Angst mit Hilfe seiner Zwangshandlung (z.B. Hände waschen) zu mindern. Da das Händewaschen die Folge hat, dass die Angst abnimmt, wird es zum Ritual und immer wieder eingesetzt (Amrhein, 2011, www.therapie.de). Das Problem bei diesem Prozess ist laut Amrhein, dass die Patienten durch ihre Zwangshandlungen nie erfahren, was passieren würde, wenn sie die Handlungen unterlassen würden (2011, www.therapie.de). Oelkers & Hautzinger (2013, S. 46) sprechen von einer Neutralisierungshandlung, wenn bei der Zwangsstörung passive und aktive Vermeidungsstrategien auftreten, um die Angst zu reduzieren. Eine passive Vermeidungsstrategie kennzeichnet z.B. eine Phobie, bei der gefürchtete Situationen durch passives Verhalten vermieden werden.

2.4 Therapeutische Möglichkeiten

Oftmals zögern Therapeuten bei der Behandlung einer Zwangsstörung, da die Therapie als besonders aufwendig gilt und Zwangssymptome als relativ behandlungsresistent gelten (Ambühl, 2005, S. 69). Auch Reinecker (2009, S. 30) argumentiert, dass Patienten nicht mit schnellen Therapieerfolgen rechnen können. Zudem sei die Behandlungsmotivation von Seiten der Patienten gering, da die meisten schon eine Reihe erfolgloser Behandlungsversuche hinter sich haben. Vor allem die Diagnose der betroffenen Patienten stellt die meisten Ärzte und Therapeuten vor eine große Herausforderung, da die Patienten ihre Symptomatik verschweigen und erst auf gezieltes Nachfragen von ihren Zwangssymptomen berichten. Dies kann wiederum zu einer Fehldiagnose und im Folgenden zu einer Fehlbehandlung führen (Reinecker, 2009, S. 31).

In einer anonymen Befragung von 177 Therapeuten fanden Külz et al. (2009) heraus, dass nur 1,7% der Befragten auf die Behandlung von Zwangsstörungen spezialisiert waren. Der größte Teil (87,6%) der Befragten gab an, dass die Behandlung der Zwangsstörung in ihrem Berufsalltag nur wenig bis gar keine Rolle spiele. Zudem gaben 40% der 177 befragten Therapeuten an, dass sie zu wenig Erfahrung mit der Therapie von Zwängen haben. Wird jedoch eine korrekte Diagnose gestellt, stehen den Therapeuten zur Behandlung der Zwangsstörung bewährte und erfolgreiche Verfahren zur Verfügung. Die gängigsten und erfolgversprechendsten Verfahren werden im Folgenden genauer vorgestellt.

Eine deutliche Reduktion der Zwangssymptomatik erbringt sowohl die direkte Konfrontation (Exposition mit Reaktionsmanagement = ERV) als auch die kognitive Verhaltenstherapie (Oelkers & Hautzinger, 2013, S. 57). Ziel einer kognitiven Therapie ist die Verschiebung der Problemsicht des Patienten. In der Therapie werden zunächst zusammen mit dem Patienten Informationen zu den Ursachen und zur Symptomatik gesammelt, damit der Patient besser nachvollziehen kann, wie der Zwang entstanden ist (Amrhein, 2011, www.therapie.de). Es wird zudem daran gearbeitet, dass der Patient die eigene, emotionale auf eine rationale Sicht seiner Handlungen und Gedanken verlagert, um so zu lernen, sich von den aufdringlichen Gedanken zu distanzieren (Oelkers & Hautzinger, 2013, S. 58). Diese Therapie kann sowohl als Einzel- wie auch als Gruppentherapie erfolgen, wobei beide Varianten ihre Vor- und Nachteile haben. Vorteil der Einzeltherapie ist das individuell gestaltete Vorgehen des Therapeuten und dass mehr Zeit für therapeutische Expositionsübungen zur Verfügung steht. Eine Einzeltherapie ist vor allem für solche Patienten vorteilhaft, die sowohl stark ausgeprägte Zwangsproblematiken als auch psychische Störungen wie Depressionen oder andere Persönlichkeitsstörungen haben (Oelkers & Hautzinger, 2013, S. 58). Vorteile einer Gruppentherapie sind die Prozesse, die sich aus der Dynamik einer Gruppe ergeben und vor allem die gegenseitige Anregung und das Feedback der Gruppenmitglieder. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Unterstützung jedes einzelnen und das „Wir-Gefühl“, das in der Gruppe entsteht. Durch das Kennenlernen anderer Betroffener widerfährt dem einzelnen Betroffenen eine Erleichterung, da er merkt, dass er nicht alleine von der Krankheit betroffen ist. Auf diese Weise kann er sich mit den anderen Mitgliedern austauschen (Fiedler, 2005, S. 155).

In eine Angstauslösende Situation soll sich der Patient unter Anleitung eines Therapeuten bei einer Exposition mit Reaktionsmanagement begeben, ohne sein Zwangsverhalten wie gewohnt auszuführen (Oelkers & Hautzinger, 2013, S. 57). Grundlage für dieses Verfahren ist die kognitive Verhaltenstherapie, die es dem Patienten ermöglicht, ein Verständnis von der Entstehung und Aufrechterhaltung seines Zwangsproblems zu entwickeln. Dadurch lernt der betroffene Patient die verschiedenen Komponenten seines Problems hinsichtlich ihrer Funktion zu unterscheiden (Lakatos & Reinecker, 1998, S. 208). Therapeuten erhoffen sich durch diese Exposition eine Umstrukturierung der kognitiven Befürchtung und eine Löschung des Vermeidungsverhaltens. Zudem soll der Patient in der erlebten Situation lernen, dass er seine Handlungen und Gedanken kontrollieren kann und auch in der Lage ist, seine körperliche Anspannung, die ihm durch die angstauslösende Situation widerfährt, ohne die gewohnten Zwangsrituale zu durchleben (Oelkers & Hautzinger, 2013, S. 57).

Um den Patienten an die Situation heranzuführen, können Wirklichkeitsübungen nach Schwierigkeiten gestaffelt werden, so dass am Anfang der Therapie der Therapeut noch vollkommen gegenwärtig ist. Diese Hilfestellung wird im Laufe der Zeit zurückgenommen (Hoffmann & Hofmann, 2010, S. 115). Laut Backenstraß (2006, www.klinikum.uni-heidelberg.de) kommt es bei 50-80% der Betroffenen nach der Therapie zu einer signifikanten Reduktion des Zwangsverhaltens. Berichte, die nach der Therapie der Patienten erstellt worden sind (=Katamnese Untersuchungen), haben gezeigt, dass bei 75% der Patienten diese Erfolge aufrecht erhalten blieben (Hand, 2008, S. 16). Ein Viertel der Patienten lehnen jedoch eine Exposition als Therapiemethode ab. Weitere 20% brechen ihre Therapie ab, da bei der Behandlung Widerwillen hervorgerufen wird (Oelkers & Hautzinger, 2013, S. 58).

Nach einer Studie von Roth et al. (2004) führen nur 27% der befragten Therapeuten das Verfahren von ERV außerhalb des Therapieraumes durch. Die Begründung für den mangelnden Einsatz ist die fehlende Motivation seitens der Therapeuten, da diese Methode der Therapie zeitlich sowie organisatorisch sehr zeitaufwendig ist. Des Weiteren zögern Therapeuten diese Methode auch außerhalb der Therapieräume einzusetzen, da weitere Kosten wie z.B. Fahrtkosten von den Krankenkassen nicht im Ganzen erstattet werden.

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Details

Seiten
35
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668151819
ISBN (Buch)
9783668151826
Dateigröße
861 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v316146
Institution / Hochschule
Fachhochschule Dortmund
Note
1,7
Schlagworte
epidemiologie faktoren zwangsstörungen aktueller stand forschung therapiemöglichkeiten

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Titel: Epidemiologie und prädisponierende Faktoren der Zwangsstörungen. Aktueller Stand der Forschung und Therapiemöglichkeiten