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Die Gründung des Deutschen Ritterordens - Der Gründungsbericht aus Ordenssicht

Hausarbeit 2002 16 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

De Narratio de Primordiis Ordinis Teutonici
Ausgangslage der Orden im Heiligen Lande:
Umstrittener Vorgänger Des Deutschen Ordens?:
Die Narratio ein kritischer Blick:
Verfassungszeit Verfassungsmotiv Schlussbetrachtung:

Bibliographie:

De Narratio de Primordiis Ordinis Teutonici

Narratio, eine Erzählung – genau das ist der Bericht über die Anfangszeit des Deutschen Ordens.

Nicht ungewöhnlich also, dass mit dieser Erzählung eine Erzählabsicht verbunden werden muss. Stellenweise sicherlich idealisiert und wenn vielleicht auch nur durch nicht vollständige Erzählung instrumentalisiert, erscheint die Narratio de Primodiis Ordinis Teutonici[1] aus der Sicht des Deutschen Ordens als Gründungs- beziehungsweise Entstehungsbericht desselben. Sollte sie einen möglichen Zusammenhang des Deutschen Hauses in Jerusalem abstreiten oder herunterspielen, um dem neuen Spital vor Akkon die Unterstellung unter die Johanniter zu ersparen?

Ausgangslage der Orden im Heiligen Lande

Zur Zeit der ersten Kreuzzüge wurde eine Unzahl von geistlichen Gemeinschaften im Heiligen Lande gegründet, von denen so manche bald wieder verschwand, viele ein kümmerliches Dasein fristeten – im Schatten der großen Drei, dem Templerorden, dem Johanniterorden und schließlich dem Deutschen Orden.

Umstrittener Vorgänger des Deutschen Ordens?

Eine dieser vielen Neugründungen und auch eine der frühen war das Deutsche Haus in Jerusalem, das von einem „honestus et religiosus vir“[2] gegründet worden war. Genau festlegen lässt sich das Gründungsdatum nicht, da die Quellenlage zu diesem Spital sowieso äußerst dürftig ist und erst im Jahre 1143 damit beginnt, dass das Deutsche Haus in Jerusalem von Coelestin II. dem Johanniterorden in zwei Urkunden vom 9. Dezember 1143 unterstellt wird.[3] Somit kann mit Sicherheit nur festgestellt werden, dass es vor 1143 gegründet worden sein muss, um, wie Johann von Ypern um 1380 berichtet, kranke Deutsche, die der Umgangssprache, die zu dieser Zeit überwiegend Französisch war, und des Lateins nicht mächtig waren, aufzunehmen.[4]

Da keine kämpfenden Brüder des Deutschen Hauses in Jerusalem im Jahre 1187 erwähnt werden, als alle Kampffähigen zur Verteidigung der Stadt gegen Sultan Saladin aufgeboten werden, muss man annehmen, dass es sich bei diesem Deutschen Haus ausschließlich um ein Spital und nicht um eine kämpfende Vereinigung gehandelt hat.[5] Damit trat das Deutsche Haus zweifellos in direkte Konkurrenz mit den zu dieser Zeit schon mächtigeren Johannitern, damals noch ausschließlich im Spitalwesen tätig, aber bereits als eigene Organisation anerkannt[6]. Vor allem beim Almosensammeln, dem Lebenselexier der beiden Gemeinschaften, kam es wohl zu Streitigkeiten, auf Grund derer dann die oben erwähnten Urkunden von 1143 erlassen wurden. Von nun an sollte das Deutsche Haus dem Johanniterorden unterstehen, aber dennoch „...immer einen deutschen Prior und deutsche Brüder haben“[7]. Damit sollte wohl ein allzu großer Widerstand von Seiten des Deutschen Hauses vermieden werden. Den Johannitern kam dies zwar entgegen, doch konnte es unmöglich in ihrem Interesse liegen, die nationale Struktur des Deutschen Hauses – einen ständig im Untergrund brodelnden Konfliktherd - zu erhalten.[8]

Man darf also annehmen, dass die Johanniter zumindest versucht haben werden, das Deutsche Haus nach und nach, wenn möglich mit deutschsprachigen Brüdern, zu unterwandern. Die Expansionspolitik des Johanniterordens war auf eine möglichst monopolartige Stellung[9] im Spitalwesen im Heiligen Land und auf möglichst große Besitzungen im restlichen Europa ausgerichtet. Dabei wurden so viele schon bestehende Hospitale inkorporiert, wie nur irgend möglich war. Die Vorteile dieser Politik liegen auf der Hand, inkorporieren geht wesentlich schneller vonstatten als eine mühsame Neugründung anzustreben. So kommt eine Expansion zügiger voran. Eine überaus hohe Durchschlagkraft entwickelt sich dadurch, dass man nicht nur Konkurrenten verliert, sondern sich diese selbst eingliedert und ihre Kräfte für sich nutzt, woraus sich ein doppelter Effekt ergibt.

Das Deutsche Haus in Jerusalem war also nur eines von vielen Spitälern, die der Expansionspolitik der Johanniter zum Opfer fielen.[10]

Das Deutsche Haus sollte offensichtlich den Johannitern das Tor nach Deutschland öffnen, denn während der Orden Anfang des 12. Jahrhunderts bereits in Südfrankreich, Italien, Spanien, ja selbst in England und Portugal Besitzungen vorzuweisen hatte, war Deutschland auf seiner Karte nach wie vor ein weißer Fleck, was sich vor 1143 auch nicht änderte.[11]

Auch danach lässt sich die Expansion des Johanniterordens in Deutschland sehr langsam an.[12]

Das Deutsche Haus muss bei seiner Unterstellung unter die Johanniter bereits eine im Verhältnis zu anderen Einrichtungen beachtliche Größe und einen weiterverbreiteten Ruf gehabt haben, - kurz, nicht ohne Einfluss gewesen sein - sowie eventuell durch seine nationale Organisation aus dem Rahmen gefallen sein, denn sonst hätte Coelstin II. die beiden Urkunden nicht auszustellen brauchen, die dem Deutschen Haus trotz Unterstellung gewisse Rechte (s.o.) zugestehen. Für zahllose von den Johannitern übernommenen Spitäler sind solche Ausnahmeregelungen nicht bekannt, wobei man im Auge behalten muss, dass der Orden schließlich auch nicht an einer Ausnahmeregel für jedes übernommene Spital interessiert sein konnte. – Ein heilloses Chaos wäre entstanden.

Udo Arnold dagegen zweifelt weitere Grundstücke über den direkten Besitz in Jerusalem hinaus an, da keine direkten Beweise dafür vorliegen.[13] Schwierigkeiten sehe ich vor allem dabei, wie man sich die Restkorporation nach dem Fall Jerusalems 1187 vorstellen muss. Dennoch erscheint mir Favreaus Argumentation als recht schlüssig denn was böte sich eher an, einem Spital zu vererben, als Grund und Boden? Der Deutsche Orden nun wird teilweise als direkter Nachfolger dieses Deutschen Hauses in Jerusalem angesehen.[14] Im Jahre 1229 spätestens trat er die tatsächliche Rechtsnachfolge an[15], was ihm spätestens zu diesem Zeitpunkt Probleme mit den Johannitern einbrachte. Vermutlich unter diesem Eindruck ist die Narratio verfasst worden.

Die Narratio – ein kritischer Blick

Als Erzählung, die schlicht und einfach die Frühgeschichte des Deutschen Orden angeht und somit nicht nur ein punktuelles Ereignis behandelt, sich auch nicht nur über einige Tage, Wochen oder gar Monate, sondern über mehrere Jahre erstreckt, macht die Narratio ihrem Namen alle Ehre. Sie beginnt damit, dass ein Spital von Bremer und Lübecker Bürgern unter Verwendung eines Koggensegels[16] vor Akkon errichtet wird. Klaus Militzer zieht daraus den Schluss, dass es sich bei den Spitalgründern um einen oder mehrere Schiffsführer gehandelt haben müsse, da nur sie über die Möglichkeit und die Befugnis verfügten, das Segel einer Kogge für ein solches Unternehmen zur Verfügung zu stellen.[17] Die Narratio nennt als Gründungsdatum das Jahr 1190, als das Kreuzfahrerheer des dritten Kreuzzuges vor ebendieser Stadt, Akkon, liegt. Die Neugründung lässt sich auch ohne diese Angabe relativ genau datieren: Sie muss zwischen Belagerungsbeginn am 29. August 1189 und September 1190 entstanden sein[18].

[...]


[1] Im Folgenden der Kürze halber nur noch Narratio genannt.

[2] Favreau, Marie-Luise, Studien zur Frühgeschichte des Deutschen Ordens, in: Kieler Historische Studien, Band 21, Hrsg. Braunert, Horst, (Stuttgart 1974), S. 13; der Titel wird im Folgenden abgekürzt als: Favreau, Studien

[3] Forstreuter, Kurt, Der Deutsche Orden am Mittelmeer, in: Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens, Band 2, Hrgs. Wieser, Klemens, (Bonn 1967), (zukünftig abgekürzt als: Forstreuter, Der Deutsche Orden am Mittelmeer), S. 12-13; beide Urkunden befinden sich im Bestand der Johanniterurkunden im Departementsarchiv in Marseille; die eine ist an den Meister der Johanniter, die zweite an die Brüder des Hospitals in Deutschland gerichtet.

[4] MGH, SS Bd. 25, S. 796: „Multis christianorum ad Terre Sancte defencionem confluentibus ac inter ceteros multis Alemannorum, patrie linguam ignorantibus atque Latinam, exemplo Hospitalariorum ad pauperes et infirmos Teuthonicos recipiendos quidam Teuthonicus cum uxore sua hospitale construxit et capellam in honore beate Marie virginis gloriose.“ Auch wenn Iperius wegen des großen zeitlichen Abstands zu seinem Berichtszeitraum sehr kritisch zu sehen ist, erscheint seine Begründung in diesem Fall durchaus plausibel.

[5] Favreau, Studien, S. 17

[6] Riley-Smith, J. in: Lexikon des Mittelalters, Bd. V, Sp. 613, „1113, [...], wurde es [das Hospital der Johanniter] von Papst Paschalis II. („Pie postulatio voluntatis“) als einer unabhängigen Organisation zugehörig anerkannt, doch erfolgte Anerkennung der J. als Orden erst vierzig Jahre später (Bulle „Christiane fidei religio“, 1154).

[7] Favreau, Studien, S. 20

[8] Marie-Luise Favreau beschreibt sehr anschaulich, wie sich für einen Papst ein solcher Streitfall geschickt lösen lassen kann, ohne dabei eine der beiden Parteien zu sehr zu verletzen. (Favreau, Studien, S. 24)

[9] Favreau, Studien, S. 25; Noch 1190 beriefen sich die Johanniter auf ein nicht erhaltenes päpstliches Privileg, nach dem alle in Akkon gegründeten Spitäler ihnen unterstehen müssten.

[10] Eine Aufzählung der Expansionserfolge des Johanniterordens bis 1191 bietet Marie-Luise Favreau in: Favreau, Studien, S. 25-26

[11] Favreau, Studien, S. 26

[12] Daraus zieht Favreau die logische Schlussfolgerung, dass die Unterstellung des Deutschen Hauses unter den Orden funktioniert haben müsse, da sich die Johanniter sonst sicherlich selbst in Deutschland ausgebreitet hätten, so aber dem Deutschen Haus den Vorzug ließen, das, da national organisiert, bei den Frommen in Deutschland auf offenere Hände stoßen musste als ein multinationaler Orden (Favreau, Studien, S. 32).

[13] Arnold, Udo, Jerusalem und Akkon - Zur Frage von Kontinuität und Neugründung des Deutschen Ordens 1190 in: MIÖG, Band 86, Wien, Köln, Graz 1978, S. 431

[14] So vertreten zum Beispiel Hubatsch und Forstreuter diese These, wohingegen Favreau jeden direkten Zusammenhang ablehnt.

[15] Siehe dazu Favreau, Studien, S. 88-91

[16] Die Kogge war zu dieser Zeit einer der gebräuchlichsten Schiffstypen. Als Einmaster mit einer Länge von gewöhnlich bis knapp 25 Metern, einer Breite von bis zu ca. 7 bis 8 Metern und einer Besatzung, die im Normalfall nicht weit über 30 Mann hinausgegangen sein dürfte, bildete sie über lange Zeit hinweg das Rückgrat der Hanse, bis sie schließlich vom Holk, einem Dreimaster, abgelöst wurde. (Eine Rekonstruktionszeichnung findet sich zum Beispiel in: Kühnel, Harry, Alltag im Spätmittelalter, Graz, Wien, Köln 1984, S. 117; Schiffsbeschreibung und einige Vermessungsdaten sind zu finden bei: Schnall, Uwe, Die Kogge, in: Die Hanse – Lebenswirklichkeit und Mythos, hrsg. von Jörgen Bracker, Lübeck 1998, S. 762-765)

[17] Miltizer, Klaus, Von Akkon zur Marienburg – Verfassung, Verwaltung und Sozialstruktur des Deutschen Ordens 1190 – 1309, in: Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens, Bd. 56, hrsg. von Udo Arnold, Marburg 1999, S. 11

[18] Die erste Urkunde in der das Spital Erwähnung findet wurde von König Guido von Jerusalem ausgestellt und ist auf 1190 medio septembri datiert. Zu finden ist ein Nachdruck der Urkunde in: Strehlke, Ernst, Tabulae Ordinis Theutonici, Berlin 1869; neu herausgegeben von Hans E. Mayer, Jerusalem 1975, (künftig abgekürzt als: Strehlke, Ernst, Tabulae Ordinis Theutonici), Nr. 25,

(S. 22)

Details

Seiten
16
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638325646
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v31629
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
2
Schlagworte
Gründung Deutschen Ritterordens Gründungsbericht Ordenssicht Rittertum Ritterorden Kreuzzug Kreuzzüge 12. Jahrhundert Akkon Heiliges Land Spital

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