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Die Rezeption und Hermeneutik des Zweiten Vatikanums als beständige Herausforderung nachkonziliarer Theologie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 21 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung

2. Phasen der Rezeption

3. Zusammenfassung und Vergleich zweier Aufsätze zum Zweiten Vatikanischen Konzil
3.1. Walter Kardinal Kasper: „Erneuerung aus dem Ursprung- Erinnerung an die Zukunft“
3.2. Karl Kardinal Lehmann: „Die Zeichen der Zeit“
3.3. Unterschiede und Konvergenzen zwischen Lehmann und Kasper

4. Hermeneutik der Diskontinuität und Hermeneutik der Reform

5. Fazit

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Seminararbeit geht es um die Rezeption und die Hermeneutik des Zweiten Vatikanums. Ziel der Arbeit soll es sein, in den ausgearbeiteten Texten Herangehensweisen und Vermittlungsformen herauszustellen und der Frage nachzugehen, in welcher Weise das Konzil seine Geltung in diesen findet.

Hierbei stellt sich die Frage nach Abweichungen in den Auffassungen zur Bedeutung des Konzils und der favorisierten Auslegungsmethode.

Zunächst soll ein kurzer Überblick über die Rezeption des Konzils bzw. seine Wahrnehmung gegeben werden, um deutlich zu machen, wie unterschiedlich das Konzil gedeutet wurde und immer noch wird. Hierbei sollen beispielhaft auch weltliche Ereignisse, die sich auf das Denken der Gesellschaft auswirkten, genannt werden.

Des Weiteren sollen zwei Aufsätze der Zeitzeugen Walter Kardinal Kasper und Karl Kardinal Lehmann zusammengefasst und verglichen werden, um verschiedene Vermittlungsformen und Anforderungen der Weitergabe der Frohen Botschaft zu nennen und ihre Erfahrungen mit der Rezeption des Konzils aufzuzeigen.

In einem weiteren Punkt werden die Hermeneutik des Bruchs und die Hermeneutik der Kontinuität behandelt. Grundlage hierzu soll die Ansprache Papst Benedikts XVI. an das Kardinalskollegium und die Mitglieder der römischen Kurie beim Weihnachtsempfang am 22. Dezember 2005 sein.

Im Fazit soll versucht werden, die aus den Aufsätzen von Kardinal Lehmann und Kardinal Kasper favorisierten Vermittlungsformen denen der Päpste Benedikt XVI. und Franziskus zuzuordnen. Schließlich soll geprüft werden, welcher der aufgezeigten Hermeneutiken am ehesten zuzustimmen ist.

2. Phasen der Rezeption

Drei Phasen der Rezeption[1] nach Ankündigung des Konzils sind an dieser Stelle kurz zu nennen. Zum einen gab es die Phase des Überschwangs, die sich durch eine „kritische Absetzbewegung von der so genannten pianischen Epoche“[2] kennzeichnete. In der Papstgeschichte gibt es zwölf Päpste mit dem Namen Pius. Die Pontifikate der letzten vier Pius- Päpste wird aufgrund ihrer Namen Pianische Epoche genannt. Diese Päpste verband, dass sie die „Wahrung der kirchlichen Tradition als eine ihrer vordringlichsten Pflichten ansahen“[3] und diese kirchengeschichtliche Epoche schloss mit Pius XII. (1939-1958). Vor allem die Epoche Pius´ IX. weist in den während des Ersten Vatikanums (1869-1870) formulierten Dogmen von Jurisdiktions- und Lehrprimat, also der lehrmäßigen Unfehlbarkeit und des Rechtsprimats des Papstes auf die theologischen Ansichten der genannten Pius Päpste und ihr eindeutig hierarchisches Regierungsverständnis mit dem Papst an der Spitze der Leitung hin. Besondere Prägung erfuhr die Phase des Überschwangs durch eine durch das Konzil hervorgerufene Aufbruchbewegung gegen die hierarchischen, absolutistischen Formen der Pianischen Epoche[4]. Wichtig ist allerdings auch zu beachten, in welchem geschichtlichen Kontext das II. Vatikanum stattfand. So erinnert Walter Kardinal Kasper an den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen. Besonders zu nennen ist der Bau der Berliner Mauer, der ein Jahr vor Konzilsbeginn stattfand. Außerdem stand die Welt, zur Zeit der ersten Sitzungsperiode, wegen der Kubakrise an der Schwelle eines Atomkriegs. Gleichzeitig ging von der US-Präsidentschaft John F. Kennedys (1960-1963), der „mit seiner Metapher vom Aufbruch zu New Frontiers den Kern der amerikanischen Identität“[5] traf, auch in Europa ein enormer Fortschrittsglaube[6] aus. Die Raumfahrtprogramme wurden, sowohl von US-amerikanischer als auch von sowjetischer Seite, während des Kalten Krieges intensiviert. Im Jahr 1957 startete der erste Sputnik Satellit und mit der Entwicklung des Fernsehens wurde eine wesentliche Grundlage für unsere heutigen Kommunikationsmittel geschaffen.[7] Weiterhin wurde der Eurozentrismus durch die Entkolonialisierung beendet und somit der Grundstein für den Beginn einer global vernetzten Menschheitssituation als „Anfang eines neuen Zeitalters“ gelegt.[8] Diese Entwicklungen nahmen dementsprechend auch Einfluss auf die Gesellschaft und die Kirche.

Erneuerungsbewegungen, die nach dem Krieg wieder aufgegriffen wurden, entstanden. So zum Beispiel die Liturgische Bewegung, die Bibelbewegung, und die ökumenische Bewegung. Ausgangspunkt der liturgischen Bewegung waren Benediktinerabteien in Solesmes in Frankreich und Beuron in Deutschland, die daran arbeiteten, eine „Verlebendigung der überlieferten Formen der römischen Liturgie“ zu schaffen[9]. Hierzu erneuerten sie den Gregorianischen Choral und schufen „Volksmess-und Vesperbücher“, damit die Gemeinde die Liturgie besser nachvollziehen und an ihr teilnehmen könne.[10] Von lehramtlicher Seite ist besonders Pius X. zu nennen, der 1903 in seinem Motu proprio Tra le sollecitudini den Begriff der „tätigen Teilnahme“ aller Gläubigen an der Liturgie (actuosa participatio) prägte, welcher zur Leitidee der Liturgischen Bewegung des 20. Jahrhunderts wurde.[11] In Belgien und Holland erfuhr die Liturgische Bewegung großen Zuspruch nach dem sogenannten Mechelner Ereignis , einer Rede am Katholikentag im Jahr 1909, in der Dom Lambert Beauduin „Vorschläge zu einer größeren Beteiligung der Gläubigen an der Messliturgie unterbreitet.“[12] Von dieser Rede inspiriert breitete sich die liturgische Bewegung „von unten“, also auf Grundlage von Laienimpulsen hin, soweit aus, dass „ihre Impulse von der katholischen Jugendbewegung aufgenommen wurden“.[13]

Die Bibelbewegung ging eher vom Lehramt, also „von oben“ aus, da Pius IX. die Bibelgesellschaften 1864 „als Pest verdammt hatte“ und eine „kirchenamtliche Förderung der Bibelverbreitung“[14] anregte. Auch in lehramtlichen Empfehlungen wurde auf die religiöse Bedeutung der Bibel für alle Gläubigen hingewiesen. Die Bibelbewegung wurde vorwiegend von Priestern getragen, entwickelte sich allerdings ohne einheitliches Schema in den verschiedenen Ländern.[15]

Die moderne ökumenische Bewegung entstand aus verschiedenen christlichen Organisationen und hat ihren Beginn vor allem in der Weltmissionskonferenz in Edinburgh 1910. Ihre Grundziele waren gemeinsames Handeln in der Mission, Einheit in der Verkündigung von Jesus Christus und gemeinsamer Dienst an der Welt.[16] Treibende Kraft der Ökumenischen Bewegung waren die protestantischen Kirchen, vor allem die Kommission für Glauben und Kirchenverfassung sowie die Bewegung für Praktisches Christentum, welche 1948 zusammengeführt wurden zum Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK).[17] Dieser befasst sich unter anderem mit den Auffassungen von der Einheit der Kirche, interkonfessionelle Gemeinschaft und den Einfluss politischer, sozialer und kultureller Faktoren auf die Bemühungen um die Einheit der Kirche.[18]

Mit Ende der Zweiten Sitzungsperiode (4. Dezember 1963) wurde die Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum Concilium verabschiedet, wodurch eine stärkere Einbindung von Laien innerhalb der Liturgie beschlossen wurde. Der Begriff der participatio actuosa wird in diesem Dokument 13 Mal erwähnt. Das Dekret über den Ökumenismus Unitatis redintegratio[19] am 21.November 1964 und besonders die Dogmatische Konstitution über die Kirche, Lumen Gentium[20], beschrieben die Neuausrichtung der römisch-katholischen Kirche gegenüber den anderen christlichen Konfessionen, damit diese positiver gewürdigt würden als in vorkonziliarer Zeit.

Die Phase des Überschwangs, Kasper nennt sie Phase der enthusiastischen Rezeption, war geprägt von einer Aufbruchsstimmung zu einem Neubeginn, die in die Phase der Enttäuschung mündete. Viele meinten laut Kasper, das Zweite Vatikanische Konzil sei sozusagen die „Zündung der ersten Raketenstufe, [] durch das Konzil sei die Zeit für die zweite Raketenstufe gekommen.“[21]. Als Beginn einer sich ausbreitenden Phase der Ernüchterung wird die Zeit um 1968-1971 angenommen, als erste Theologen sich gegen ein Konzilsverständnis im Zeichen des Neubeginns aussprachen. Hermann Josef Pottmeyer kennzeichnet diese Phase so, dass vielen das Konzil als „absoluter Neubeginn“ galt, in dem viele vergaßen, dass das Konzil in einer Kontinuität mit der Tradition stehe.[22]

Als markantes Ereignis gilt die Gründung der Internationalen Katholischen Zeitschrift Communio (1971), da sich „namhafte Theologen“ gegen ein Verständnis des Neubeginns und für ein Kontinuitätsverständnis aussprachen. Hans Urs von Balthasars Leitartikel in der ersten Ausgabe (1972) beschreibt die Wendung und die Bemühung um Kontinuität in dieser Phase. Demnach seien viele auch überfordert worden mit der plötzlichen Einbindung von Laien in Gemeindefunktionen aufgrund des Priestertums aller Gläubigen. Er unterscheidet hier zwischen ordiniertem und gemeinsamem Priestertum[23].

In der Folge dieser Phase standen sich demnach zwei extreme Standpunkte gegenüber. Auf der einen Seite die traditionalistische Position, welche das Konzil für einen Treuebruch an der Tradition hält, auf der anderen die progressistische Position, die die (lehr)amtliche Interpretation und Rezeption für einen Verrat am Konzil und seiner vermuteten Überwindung der Tradition betrachtet. Ein besonderes Ereignis dieser Phase war die Bischofssynode 1985, welche hermeneutische Regeln zu einer vertieften Rezeption der Konzils aufstellte, um das Zweite Vatikanum vollständiger zu studieren und somit die Tiefe der einzelnen Dokumente zu erfassen.[24] Außerdem wurde festgestellt, dass die Kirche in allen Konzilien dieselbe sei und das letzte Konzil in deren Zusammenhang interpretiert werden müsse.[25] Weiterhin wurde darauf hingewiesen, dass gerade in der liturgischen Erneuerung mit verstärkter Bedeutung des Wortes und größerer Einbindung der ganzen Gemeinde, der größeren Teilhabe von Laien am Leben der Kirche, sowie den ökumenischen Annäherungen und der Öffnung zur modernen Welt „viele gute Früchte“[26] gewachsen seien.

[...]


[1] Delgado, Mariano / Sievernich, Michael: Zur Rezeption des Konzils der Metaphern. In: Delgado, Mariano / Sievernich (Hg.): Die großen Metaphern des Zweiten Vatikanischen Konzils. Freiburg 2013, Die großen Metaphern des Zweiten Vatikanischen Konzils. Freiburg 2013, S. 16 f.

[2] Ebd. 16

[3] Denzler, Georg: Das Papsttum: Geschichte und Gegenwart. München 2009, S.97.

[4] Hanisch, Ernst. Der politische Katholizismus im 20.Jahrhundert in Österreich. Elitenrekrutierung durch den Cartellverband. IN: Timmermann, Heinrich (Hg.): Die Rolle des politischen Katholizismus in Europa im 20. Jahrhundert.Bd.1. Berlin 2009, S. 201.

[5] Berg, Manfred: Liberaler Konsens und gesellschaftliche Polarisierung: Die innere Entwicklung, 1945-1975. In: Lösche, Peter / Von Loeffelholz, Hans Dietrich (Hg.): Länderbericht USA. Geschichte, Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur. Frankfurt/New York 2004,S.166

[6] Ebd.

[7] Kasper, Walter: Erneuerung aus dem Ursprung- Erinnerung an die Zukunft. In: Müller , Andreas-Uwe (Hg.): Aggiornamento in Münster - Das II. Vatikanische Konzil: Rückblicke nach vorn. Münster 2014, S.10f.

[8] Vgl: Ebd.

[9] Bieritz, Karl-Heinrich: Liturgik. Berlin 2004, S. 515

[10] Ebd.

[11] Ebd.

[12] Bieritz, Karl-Heinrich: Liturgik. Berlin 2004, S. 516f.

[13] ebd. 516

[14] Maron, Gottfried: Die Kirche in ihrer Geschichte. Bd.: 4²: Die römisch-katholische Kirche von 1870-1970. Göttingen 1972, S.298 f.

[15] Kürzinger, Josef: Art. Bibelbewegung. In: LThK II (²1958), Sp. 344-346.

[16] Wendland, Heinz-Dietrich: Die Ökumenische Bewegung und das II. Vatikanische Konzil. Herausgegeben von der Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, Heft 145. Wiesbaden 1968, S. 9f.

[17] Congar, Yves: Art. Ökumenische Bewegung. In: LThK II (²1958), Sp.1128 - 1137.

[18] Vgl.: Ebd.

[19] VgI. u.a.:. Vatikanisches Konzil: Dekret Unitatis redintegratio über den Ökumenismus, 4f.

[20] Vgl. u.a.: Zweites Vatikanisches Konzil: Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen Gentium, 9f.

[21] KASPER, Walter: Erneuerung aus dem Ursprung- Erinnerung an die Zukunft. In: Müller , Andreas-Uwe (Hg.): Aggiornamento in Münster - Das II. Vatikanische Konzil: Rückblicke nach vorn. Münster 2014, S.24

[22] Pottmeyer, Hermann-Josef: Vor einer neue Phase der Rezeption des Vatikanum II. Zwanzig Jahre Hermeneutik des Konzils, IN: Pottmeyer, Hermann-Josef (Hg.):Die Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils, Düsseldorf 1986, S. 54

[23] Delgado, Mariano / Sievernich, Michael: Zur Rezeption des Konzils der Metaphern. In: Delgado, Mariano / Sievernich (Hg.): Die großen Metaphern des Zweiten Vatikanischen Konzils. Freiburg 2013, Die großen Metaphern des Zweiten Vatikanischen Konzils. Freiburg 2013, S. 16.

[24] Ebd.

[25] Kasper, Walter: Erneuerung aus dem Ursprung - Erinnerung an die Zukunft. In: Müller , Andreas-Uwe (Hg.): Aggiornamento in Münster - Das II. Vatikanische Konzil: Rückblicke nach vorn. Münster 2014, S.25.

[26] KASPER, Walter: Erneuerung aus dem Ursprung- Erinnerung an die Zukunft. In: Müller , Andreas-Uwe (Hg.): Aggiornamento in Münster - Das II. Vatikanische Konzil: Rückblicke nach vorn. Münster 2014, S.25

Details

Seiten
21
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668153769
ISBN (Buch)
9783668153776
Dateigröße
763 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v316319
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Seminar für Dogmatik und Dogmengeschichte
Note
2,7
Schlagworte
Zweites Vatikanisches Konzil Hermeneutik Rezeption Kasper Lehmann Ratzinger Hermeneutik der Reform Hermeneutik der Diskontinuität Benedikt XVI. Papst Franziskus

Autor

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