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Politische Lyrik der 1950er und 1960er Jahre. Die Gedichtbände von Erich Fried und Hans Magnus Enzensberger und ihre Kritik an der Vietnamkrieg-Berichterstattung

Hausarbeit 2015 19 Seiten

Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärung „Politische Lyrik“

3. Politische- und literarische Entwicklung im Kontext der Gesellschaft von den 50er–60er Jahren des 20. Jahrhundert
3.1. Die 1950er Jahre
3.2. Die 1960er Jahre

4. Analyse ausgewählter Gedichtbände der Autoren im Fokus des Vietnamkrieges und der Medienkritik
4.1. Biografie von Erich Fried
4.2. Gedichtband und VIETNAM und (1966)
4.3. Biographie von Hans Magnus Enzensberger
4.4. Gedichtband blindenschrift (1964)

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Vietnam ist Deutschland / sein Schicksal ist unser Schicksal / die Bomben für seine Freiheit / sind Bomben für unsere Freiheit“. Diese ersten vier Verse aus Erich Frieds 1966 geschriebenes Gedicht Gleichheit Brüderlichkeit markieren bereits, dass die ungeheure Kriegsführung in Fernost auch Deutschland etwas angeht – und zwar jeden Einzelnen.

Mit seinem Gedichtband und VIETNAM und hat Fried einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, welcher die Aktualität der Kriegsbrutalität, sowie die Ohnmacht der Zivilbevölkerung, auch bei den jüngsten Kriegsschauplätzen der Geschichte, geradezu verdeutlicht und Parallelen erkennen lässt. Spätestens seit dem Ende der völkerrechtswidrigen Invasion in den Irak, welche vornehmlich ebenfalls durch die USA angeführt wurde, sind die Praktiken erkennbar unverändert; Was einst die Schlacht um Huế war[1], heißt im Jahre 2004 Falludscha[2]. Beide Kriegsschauplätze werden – ungeachtet der zivilen Opfer – nahezu dem Erdboden gleich gemacht. Auch wenn diese Kriege etwa sechsunddreißig Jahre auseinander liegen, so bleibt zumindest eines bei jedem gleich: das Leid. Kriege über die es zu berichten gilt, sind somit in ihrer Aktualität – leider, so muss man sagen – immer noch ungebrochen.

Nicht nur Erich Fried, sondern auch einige andere Lyriker haben sich zu jener Zeit mit den Auswirkungen und vor allem dem medialen Umgang zur Zeit des Zweiten Indochinakrieges, dem Vietnamkrieg, auseinandergesetzt. So hat auch Hans Magnus Enzensberger in seinem Gedichtband blindenschrift bereits starke Kritik bezüglich der Berichterstattung und dem Machtmissbrauch der Medien geäußert, welche von der Politik initiiert – im Mindesten aber gebilligt wurde. Es ist somit geboten, zum einen den Blick auf die explizite Dichtung zum Vietnamkrieg zu lenken, zum anderen sollte aber auch die manipulative Berichterstattung nicht gänzlich außer Acht gelassen werden. Sie wird im Verlaufe dieser Ausarbeitung schlussendlich als Kommunikationsmittel der Politik zur Gesellschaft fungieren und ist daher für die Entwicklung der politischen Lyrik von nicht minderer Bedeutung.

Die politische Lyrik als solche, ist den beiden nachfolgenden Autoren nun ein Mittel, um durch die dichterische Sprache ein Umdenken der deutschen Gesellschaft, aber auch der internationalen Politik, bezüglich des Vietnamkrieges sowie des Medienkonsums, einzuleiten. So ist die Zielsetzung dieser Ausarbeitung, aufzuzeigen, dass Erich Fried und Hans Magnus Enzensberger maßgebliche Impulse für die „Wiederbelebung“ der politischen Lyrik in der Bundesrepublik gegeben haben. Nach Klärung der Begrifflichkeiten, soll es vorerst um die politische und literarische Entwicklung in den 1950er und 1960er Jahren in ebendieser gehen, da die Darstellung der Hintergründe fundamental für das weitere Verständnis und Schaffen beider Autoren ist. Im darauffolgenden Kapitel erfolgt die Betrachtung der Biografien von Fried und Enzensberger, um jeweils anschließend die Gedichtbände und VIETNAM und, als auch blindenschrift im Fokus des Vietnamkrieges, beziehungsweise der Medienkritik zu jener Zeit zu analysieren. In der Schlussbetrachtung geht es dann primär um die Beantwortung der eingangs erwähnten Fragestellung; nämlich inwiefern die Autoren Fried und Enzensberger eine maßgebliche Anregung für die politische Lyrik in Deutschland gegeben haben, bei welcher der Vietnamkrieg, sowie die Medienkritik zum Schlüsselthema der jeweiligen Gedichtbände werden sollte.

2. Begriffsklärung „Politische Lyrik“

Ob ein Gedicht als politisch kategorisiert werden kann oder nicht, darüber scheiden sich die Geister. Der Grund mag vor allem darin liegen, dass es scheinbar leicht fällt, Aussagen anhand verschiedener Signalwörter oder gar dem Kontext zu bestimmen – vielleicht ist man auch mit dem Autor vertraut – aber möchte man eine allgemeingültige Begriffsbestimmung treffen, so stolpert man bereits bei der Frage, ob sich die Politik womöglich in der Lyrik determinieren könne, oder anders gesagt: Wird Poesie gar politisch oder Politik am Ende poetisch? [3] Das vermag Ingrid Girschner-Woldt in dem Buch Theorie der modernen politischen Lyrik zu beantworten, indem sie dem Menschen in jedem Handeln auch einen politischen Aspekt zuweist. Jede Situation in der er sich befinde, jede Selbst- oder Weltdeutung ist begleitet vom politischen Hintergrund und seinen gemachten Erfahrungen.[4] Girschner-Woldts Definition des politischen Gedichtes bleibt somit allerdings sehr ungenau, was auch Walter Hinderer kritisiert, indem er anmerkt, dass diese Bestimmung auf alle Dichtungen anzuwenden sei und damit für eine differenzierte Definition unzureichend ist.[5] Das heißt, Hinderer deutet eine wesentlich genauere Auseinandersetzung mit dem Begriff des Politischen an, und greift im Zuge dessen auf zeitgenössische politikwissenschaftliche Bestimmungen zurück. Er betont die verschiedenen Formen von gesellschaftlichen Machtansprüchen, die in unterschiedlichen, immer jedoch als politisch bestimmten Sozialbereichen zum Ausdruck kommen können.[6] Enzensberger hingegen kritisiert im zugrundeliegenden Zusammenhang auch jede explizit als politisch thematisierte Dichtung mit dem Hintergrund des Herrscherlobes, wie es beispielsweise Marschlieder, Hymnen, oder Kampfgesänge sind. In der Schlussfolgerung bedeutet das vor allem, dass sich Enzensberger grundsätzlich bei der Auseinandersetzung mit politischer Lyrik gegen die Voraussetzung eines Politikbegriffes richtet.[7] Auch hier sind die Argumente und Ansichten Konträr zu Hinderer, was abermals verdeutlicht, wie komplex sich die Begriffsbestimmung herausstellen kann.

Am Ende bleibt festzuhalten, dass häufig jedoch die Intention besteht, den kritischen Part einer solchen politischen Dichtung auch in einer ästhetischen Form zu verfassen, welche sich doch deutlich von gebräuchlichen politischen Schriften unterscheidet und den formalen Kriterien eines Gedichtes entspricht.

3. Politische- und literarische Entwicklung im Kontext der Gesellschaft von den 50er–60er Jahren des 20. Jahrhundert

Da sich diese Ausarbeitung im Speziellen mit den beiden Autoren Erich Fried und Hans Magnus Enzensberger unter dem Fokus ihrer Gedichtbände zum Vietnamkrieges und der Medienkritik zu jener Zeit beschäftigt, ist es grundlegend, die zum damaligen Zeitpunkt vorherrschende gesellschaftlich Situation bezüglich der politisch-literarischen Entwicklung genauer zu betrachten. Gerade in der Bundesrepublik, aber auch der DDR der 50er Jahre entwickelte sich die Naturlyrik in zahlreichen Facetten, sie sollte angesichts der Zerstörung und des Leids Trost spenden und Hoffnung geben.[8] Doch gerade im Zuge der 68er-Bewegung dominierte die politische Lyrik mehr und mehr, wie dieses Kapitel unter anderem deutlich machen wird.

3.1. Die 1950er Jahre

Nach fast zwei Jahrzehnten soll die Naturlyrik nun vornehmlich in den 50er Jahren zu verspäteter Anerkennung gelangen; Diejenigen Autoren, die einst im Hintergrund wirkten und sich in die Idylle der Natur zurückziehen wollten, wurde nun eine beachtliche Aufmerksamkeit zuteil. In der Naturdichtung wurde vor allem mit vielen stereotypischen Mitteln gearbeitet, so verwendeten die Dichter die alten lyrischen Musterformen und verwiesen damit auf viele geborgte Autoritäten wie Klopstock, Goethe und Hölderlin. Die Argumente dieser gegensätzlichen Autoren jener Strömung, ließen später keinen Kompromiss zu; So schreibt Walter Hinderer in seiner Bilanz zur Ortsbestimmung der westdeutschen Lyrik, dass der neuen zeitgeschichtlichen Situation nur althergebrachte Ausdrucksformen antworten würden, mit denen man auch die durch sie vermittelte Wirklichkeitsperspektive übernähme.[9] Das heißt im Grunde, dass die deutsche Misere weder kritisch analysiert wurde, noch bemühte man sich, neue Ansätze für ästhetische Entwürfe dieser Lyrik zu entwickeln. „ [man] beließ es bei den gelegentlichen Äußerungen eines allgemein verbreiteten Unbehagens und schrieb weiter in den schönen Formen Innerlichkeit.“ [10] Die Politik, insbesondere in der Lyrik, hatte nur einen sehr begrenzten Platz, wie auch Ralf Schnell in seinem Buch Deformierte Lebensbilder beschreibt, seien in der Geschichte der Bundesrepublik niemals die Begriffe Literatur und Politik weiter auseinander gewesen.[11] Konträr dazu äußerte sich allerdings Frank Dietschreit in seinem Werk über Hans Magnus Enzensberger: „Geflissentlich wird übersehen, dass z. B. schon 1955 in dem von Hans Bender initiierten Band ´Mein Gedicht ist mein Messer´, wie auch in den Werken von Enzensberger, Grass oder Rühmkorf Ansätze deutlich wurden, in denen die Autoren gegen die dunklen, hermetischen und alexandrinischen Mächte ihrer Tageprotestierten und das offene, mitteilsame, durchscheinende Gedicht forderten: das Gedicht, das auf alle Verschlüsselungen verzichtet, sich von allen esoterischen Bürden befreit.“ [12] Folglich kann man hieraus schließen, dass Literatur und Politik zum Beginn der 50er Jahre durchaus weit auseinander reichten, jedoch veränderte sich die Situation relativ zügig, sodass sich vor allem die Intellektuellen eines Besseren besonnen und sich nach neuen formalen aber auch inhaltlichen Strukturen für ihre Lyrik sehnten. Gerade bezüglich des Wirtschaftswunders, sowie der atomaren Aufrüstung und der teilweise als Bedrohung empfundenen Industrialisierung im Zuge der neuen Technologien, zeigten sie ihre Ablehnung. Die Tendenz ging dazu über, alle Möglichkeiten bezüglich der an den Westen gebundenen Wirtschaft der BRD auszuloten.[13] In Folge dessen richtete sich die Frage nicht mehr auf die Art und Weise der Produktion von Waren[14], sondern vielmehr nach deren tiefergehenden Effekt auf die Gesellschaft, Umwelt und den soziokulturellen Aspekten, welche die Autoren der Literatur schlussendlich in den 60er Jahren beantwortet werden sollten.

3.2. Die 1960er Jahre

Auf so prosperierende Weise wie sich die Wirtschaft in den 50er Jahren entwickelte, so enthusiastisch schreitet sie auch in der folgenden Dekade voran – es herrschte am Anfang dieser schließlich Vollbeschäftigung in der Bundesrepublik. Aber nicht nur die Wirtschaft geht voraus, sondern auch die Politisierung wird von nahezu allen Bereichen der Gesellschaft erfasst. Den Antrieb gab vor allem die antiautoritäre Studentenbewegung, welche ihren Ursprung an den westdeutschen Universitäten hatte und als eine Kritik an der „lustfeindlichen und repressiven Gesellschaft und des aggressiven Imperialismus in den Ländern der Dritten Welt“ zu verstehen ist.[15] Gerade in Hinblick auf die Politik, die die USA im Vietnamkrieg offenbarte, zeigten sich überwiegend Studenten solidarisch mit dessen Volk und kritisierten das Vorgehen der US-Administration auf das Schärfste. Der eigentlich Verbündete, wurde nun zunehmend Ziel einer Projektion für den Unmut einer ganzen Generation, sodass nicht mehr die Errungenschaften, durch die an den Westen gebundene Wirtschaft – mit all ihren Vorzügen – im Vordergrund stehen, sondern die Kritik am Imperialismus und schlussendlich auch die Selbstreflexion über die eigenen Handlungen.

Aber auch innenpolitisch gab es Grund zur Sorge und zum Widerstand, denn im Zuge der Spiegel-Affäre[16] fand eine massive Einschränkung der Grundrechte statt, welche es den Journalisten verwehrte unabhängig und kritisch ihrer Arbeit nachgehen zu können. Aber Sie bewirkte als Folge eben auch, dass sich jene Schriftsteller, welche sich eigentlich eher unsolidarisch gegenüberstanden, nun verbunden und in Manifesten protestierten.[17]

[...]


[1] Die Schlacht um Huế 1968 war eine der blutigsten und längsten Schlachten des Vietnamkrieges (1954–1975).

[2] Falludscha ist eine Stadt im Irak, welche große Bedeutung für das US-Militär hatte. Selbige gab nach der Schlacht bekannt, dass es sich um den schwersten Häuserkampf seit der Schlacht um Huế in Vietnam gehandelt habe.

[3] Hinderer 1978, S. 9.

[4] Girschner-Woldt 1971, S. 9–10.

[5] Vgl. dazu Hinderer 1973, S. 98.

[6] Hinderer 1978, S. 23.

[7] Vgl. dazu Enzensberger, S. 350.

[8] Vgl. dazu Riha 1971, S. 157–178.

[9] Vgl. dazu Hinderer 1977, S. 19.

[10] Ebenda.

[11] Schnell 2001, S. 592.

[12] Dietschreit 1986, S. 9.

[13] Hacke 1993, S. 99.

[14] Im Zuge des Wirtschaftswunders.

[15] Dietschreit 1986, S. 59.

[16] Die Spiegel-Affäre 1962 war eine politische Affäre in der Bundesrepublik Deutschland, bei der sich die Mitarbeiter des Nachrichtenmagazins Der Spiegel aufgrund eines kritischen Artikels bezüglich der Strafverfolgung wegen eines angeblichen Landesverrats ausgesetzt sahen. Es war das erste Ereignis in der Nachkriegsgeschichte, zu welchem die westdeutsche Öffentlichkeit spontan und engagiert politisch Stellung nahm, weil sie darin den Versuch sah, eine missliebige Publikation zum Schweigen zu bringen. Im Jahr 2012 wurde unterdessen bekannt, dass der BND jahrelang die Redaktion bespitzelte und zu manipulieren versuchte.

[17] O.V. 1965, S. 23–25.

Details

Seiten
19
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668153783
ISBN (Buch)
9783668153790
Dateigröße
809 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v316378
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Institut für Germanistik
Note
3,0
Schlagworte
Erich Fried Hans Magnus Enzensberger Vietnamkrieg Lyrik politische Lyrik

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Titel: Politische Lyrik der 1950er und 1960er Jahre. Die Gedichtbände von Erich Fried und Hans Magnus Enzensberger und ihre Kritik an der Vietnamkrieg-Berichterstattung