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Lebenslanges Lernen als Chance oder Zwang? Schulpflicht für Erwachsene?

Ein narratives Interview

Hausarbeit 2016 34 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Lebenslanges Lernen - Chance oder Zwang? Schulpflicht für Erwachsene ?.

2 Interview mit Frau G. am 09.11.2015

3 Metadatenprotokoll

4 Transkribierregeln

5 Vorbereitung, Aufbau und Ablauf des Interviews

6 Codierung des Interviews

7 Auswertung der Codierung

8 Reflexion des Interviews

9 Übertragbarkeit in die Praxis

10 Fazit

11 Anhang - Codierpassagen

12 Literatur

1 Lebenslanges Lernen - Chance oder Zwang? Schulpflicht für Erwachsene ?

Vor dem Hintergrund der Technisierung, Globalisierung der Welt, dem daraus entstehenden Fachkräftemangel, der Erhöhung des Renteneintrittsalters und einer allgemein steigenden Lebenserwartung der Bevölkerung, ist es unumgänglich, dass sich die tradierter Formen des Lebens im Alter ändern. Dies bringt es mit sich, dass auch eine Änderung des Lernverhaltens hin zum Lebenslangen Lernen überdacht werden muss. Das Bundesministeriums für Bildung und Forschung sieht im Lebenslangen Lernen eine Erforderlichkeit aus gesellschafts- und bildungspolitischen, aber auch aus ökonomischen Gründen. Lebenslanges Lernen soll dazu beizutragen, dass die Menschen zu einer fortschrittlichen Gesellschaft mit nachhaltiger Entwicklungsbereitschaft werden (vgl. BMBF 2015).

Im folgenden Interview wird die Bildungsgeschichte von Frau G. dargestellt. Es soll geklärt werden, wieweit Lebenslanges Lernen als Chance zu begreifen ist, eine Bereicherung darstellt und mit Freude angenommen wird und ob aus dem Habitus des Lebenslangen Lernens ein gesellschaftlicher Zwang entstehen kann. Des Weiteren ist zu erkunden, in welchen Bereichen ein Lebenslanges Lernen stattfinden kann und, ob es neben seiner postulierten wirtschaftlichen Bedeutung eine ebenso gewichtige Bedeutung für das soziale Leben besitzt. Als zentrale Frage möchte ich „Die Schulpflicht für Erwachsene“ in den Raum stellen. Ist eine staatlich „verordnete“ Weiterbildungspflicht die Lösung für den fortschreitenden Fachkräftemangel und kann solch eine Weiterbildungspflicht bei der Integration von langzeitarbeitslosen Menschen in den Arbeitsmarkt oder ganz aktuell bei der Integration von Migranten bzw. Flüchtlingen helfen? Welchen Handlungsspielraum gibt es insbesondere in Bezug auf die Ziele des bildungspolitische Konzept „Lebenslanges Lernen“ ?

2 Interview mit Frau G. am 09.11.2015

I: Hallo Frau G. - schön dass ich zu ihnen kommen durfte - ich habe ihnen ja schon kurz am Telefon erklärt worum es geht. Ich wollte ja eigentlich ein Essay zum Thema „Lebenslanges Lernen“ schreiben - hatte jetzt aber die Idee ein Interview zu diesem Thema mit ihnen zu machen.(---)

Nachdem wir uns ja mal über das Thema - spät studieren unterhalten haben sind sie mir wieder eingefallen. (.) Ich wollte mit ihnen ein narratives Interview führen (ähm)- das bedeutet dass sie jetzt einfach mal ihren Bildungsweg mit allen Höhen und Tiefen von Anfang an erzählen. (ähm) (---)

Ich werde erst mal nur zuhören und erst zum Schluss nochmal ein paar Fragen stellen. (ähm) (--) Ist das so in Ordnung für sie? (.)

E: Ja klar.

I: Ich werde das Interview aufzeichnen - dann abschreiben und (ähm)sie natürlich unkenntlich machen - ok? Dann legen sie mal los.(--)

E: Ok - ich hoffe sie haben genug Zeit mitgebracht - wollen sie die kurze oder die ausführliche Version?(.)

I: Sie haben alle Zeit der Welt - ich möchte natürlich gerne die ausführliche Version. (---)

E: Jaaa, dass ich heute hier in Ludwigsburg im Stadtteil Grünbühl- Sonnenberg arbeite und für die Sozialberatung zuständig bin und (ähm) dass ich jetzt sogar ein Deutschtraining für Neubürger durchführe hätte ich in früheren Jahren nicht geglaubt. (--)

Ich hatte zwar immer berufliche Träume die ich mir fast alle erfüllen konnte - aber einfach war es nicht- (ähm) für mich war und ist das Lernen und damit meine ich nicht nur das Lernen in der Schule mit dem bekannten Unterrichtsmethoden sondern auch das Lernen von anderen Menschen von deren Wissen oder deren praktischem Können sehr wichtig - ich wollte immer viel wissen und heute kann ich sagen dass das Leben selbst mein bester Lehrmeister war. (---)

(hm) Wie war mein Weg? (--)

Auf jeden Fall nicht schnurgeradeaus(ähm) (-) Ich war immer gerne in der Schule; meine Eltern haben sehr oft den Wohnort gewechselt. (-)

In der Grund- und Hauptschulzeit habe ich (ähm)- ich hab´s mal nachgezählt- (äh) 13 Schulen kennengelernt oder kennenlernen müssen. Ich war in jeder Klasse in einer anderen Schule - das war für mich nicht gerade toll, aber ich kannte es nicht anders? (--)

Wenn ich in meiner Klasse Freunde gefunden hatte - (ähm) musste ich mich auch bald wieder von ihnen verabschieden; das fiel mir oft schwer und machte mich traurig - aber es war eben so? Manchen Schulstoff habe ich ganz einfach verpasst - weil dieser in der nächsten Schule schon durchgenommen war. (äh)

Gott sei Dank fiel mir das Lernen leicht- ich musste nicht büffeln (ähm) wenn ich in der Schule gut zugehört hatte - hatte ich meist - na sagen wir mal dreiviertel verstanden. Ich war immer neugierig auch heute noch. Ich finde es toll neue Dinge zu lernen in Theorie und Praxis. (--)

Nach dem Hauptschulabschluss durfte ich noch die Mittlere Reife machen das war in meiner Familie nicht selbstverständlich. (---)

Ich komme aus einer finanziell eher armen Familie aber als ich dann auch noch das Abitur machen wollte - war das nicht mehr möglich ich musste mir eine Lehrstelle suchen - sollte Geld verdienen - heute wäre das ein Ding der Unmöglichkeit.

Heute müssen Kinder auf das Gymnasium die leider damit überfordert sind; (ehm)

Meine Eltern meinten es reiche jetzt mit der Schule sie wären ja nur Arbeiter und keine Ärzte oder Lehrer? (--) Ich hätte gerne studiert - Jura am liebsten.

Ich wäre gerne Anwältin geworden oder Sozialarbeiterin.

Daraus ist aber erst mal nix geworden. (hm) 1977 waren die Lehrstellen knapp - ich bekam eine Lehrstelle als Bürokauffrau bei einem Elektrogroßhandel - das war überhaupt gar nicht mein Traumberuf. (--)

Ich weiß noch dass meine Mutter mich zum Vorstellungsgespräch begleitet hat - das war damals noch

üblich (ähm) - sie hatte von der Lehrstelle über eine Arbeitskollegin erfahren und da sie es für gut befunden hatte musste ich mich bewerben - dann wurde ich auch noch eingestellt. (äh)

Die Arbeit im Büro fand ich extrem öde und uninteressant - ich machte zwar alles was mir aufgetragen wurde und man war auch mit mir zufrieden. Ich war aber überhaupt nicht zufrieden - die Arbeit hat mir überhaupt keinen Spaß gemacht- Ablage von Papieren - nach Buchstaben - nach Zahlen - Lieferscheine nach Nummern - (--) das war extrem öde. Mit den Kollegen verstand ich mich gut - das war wenigstens ok. Die Ausbildung abzubrechen - dass hätte ich mich aber nicht getraut - die Firma ging, ich war ungefähr 6 Monate oder 8 Monate dort - in Konkurs - ich war sehr - sehr froh. (lacht) Nun war ich raus aus dieser Nummer ohne das meine Eltern mir etwas vorhalten konnten; (---)

Mit dem nächsten Ausbildungsplatz wollte ich mir meinen Wunsch viele fremde Länder kennen zu lernen erfüllen - deshalb habe ich Hotelfachfrau gelernt - später wollte ich dann auf einem Schiff arbeiten und so die Welt bereisen - das war mein Plan. (-)

Die Ausbildung machte ich im Europahotel in Kehl - mit 18 Jahren zog ich dann aus meinem Elternhaus aus und wohnte in einem Personalzimmer im Hotel. (äh)

Ab dort war ich auf mich alleine gestellt - ich war nun meinen Eltern keine Rechenschaft mehr schuldig - musste aber auch meinen Lebensunterhalt alleine bestreiten - verdient habe ich damals - ich weiß es noch ganz genau - 321 Mark und 64 Pfennig - nicht gerade viel - damit konnte ich keine großen Sprünge machen. (hm) (--)

Schon gar nicht als ich nach ein paar Monaten im Hotel ausgezogen bin und mir ein Zimmer anmietete - ich wurde nämlich immer wenn es knapp war an Personal zum Dienst gerufen und hatte kaum Freizeit. Das Zimmer war mit Möbeln ausgestattet und es gab ein Bad das von mehreren Mietern benutzt wurde - es kostete 250 Mark - dass das der reinste Wucher war - wusste ich damals natürlich nicht. (--)

Ich arbeite deshalb nebenbei als Barkeeperin in einer Hotelbar und als Straßenmalerin in Straßburg - so hatte ich ausreichend Geld zum leben. (äh)

Nur für `ne richtige Urlaubsreise reichte es noch nicht - aber ich wusste ja dass ich mein Fernweh irgendwann noch stillen werde. (--)

Aber es geht im Leben nicht immer nach Wunsch? (lacht) Mit dem auf dem Schiff arbeiten wurde nichts (ähm)- ich verliebte mich und wurde schwanger.

1982 kam mein Sohn auf die Welt und ich musste leider an Land bleiben. Aber im Hotelfach war es mit den regelmäßigen Arbeitszeiten natürlich problematisch. (hmm) (---)

Oft gingen die Veranstaltungen länger und die Gäste hatten ausreichend Sitzfleisch - jedenfalls hatte man nicht gerade pünktlich Feierabend - das war mir zwar egal oder es machte mir nichts aus - aber mit Kind konnte ich das nicht vereinbaren. (ähm) Ich hörte auf im Hotel zu arbeiten - zunächst arbeitete ich dann in einer Fabrik am Fließband - dort wurden Videokassetten hergestellt. Akkordarbeit - es war so gar nicht mein Ding - ich arbeitete Schicht - früh und spät - mein Sohn wurde in der Arbeitszeit von meiner Mutter betreut - zwar verdiente ich damals wirklich gut - aber diese stumpfsinnige Arbeit am Fließband war furchtbar für mich. (hm) (--)

Zwischenzeitlich habe ich geheiratet - mit 24 kam dann meine Tochter zur Welt. Ich kündigte meine Anstellung in der Fabrik - weil meine Mutter nicht beide Kinder versorgen konnte - während ich auf Arbeit war. (ähm) Ich arbeitete dann für die Firma meines Mannes - ein Transportunternehmen. Es war eigentlich ein „Ein-Mann- Unternehmen“ - ein Lastwagen den mein Mann fuhr - Nahverkehr und Schnelltransporte zum Flughafen als Subunternehmer für eine große Spedition. Für die kleine Spedition machte ich die Buchhaltung und kümmerte mich um die Werbung - Lohn habe ich dafür natürlich nicht bekommen das war als Ehefrau nicht üblich. (grinst)(---)

Dafür durfte ich zu Hause bleiben - Kinder und Haushalt versorgen - die Ehe hielt nicht sehr lange. (nachdenklich)(äh)

Nach drei Jahren war ich alleine mit meinen Kindern und musste auch den Lebensunterhalt selbst bestreiten - gerichtlich war zwar Unterhalt für mich und die Kinder festgelegt - mein Ex-Mann zahlte aber nicht. Die Firma hatte er dann schnell an seinen Bruder „verkauft“ und er arbeitete offiziell nur für einen Mindestlohn (ähm) - eine Zeit lang musste ich deswegen Sozialhilfe in Anspruch nehmen. (äh)

Da ich so nicht leben wollte - besann ich mich auf das was ich gelernt hatte. Hotelfach - Gastronomie - ich pachtete eine Gaststätte mit Wohnung und wurde Wirtin - ich machte mich eben mal selbstständig. Das hatte den Vorteil - dass ich arbeiten konnte und niemanden brauchte der meine Kinder versorgte. (ähm) Allerdings hatte ich mir das auch einfacher vorgestellt als es dann wirklich war - ich arbeitete bis spät in der Nacht und morgens war ich dann früh auf - weil meine Kinder in die schule oder den Kindergarten gebracht werden mussten. Das Geschäft lief ganz gut aber letztendlich war ich froh nach zwei Jahren ohne Schulden das Gasthaus an meine Nachfolgerin übergeben zu können. Ich hab´s mal ausgerechnet - ich habe damals für einen Stundenlohn von ca. 3,- Mark gearbeitet. (äh)

Nach meiner Zeit als Wirtin habe ich als Putzfrau und Staubsaugervertreterin gearbeitet. (--) Ich lernte meinen zweiten Mann kennen und wir machten uns mal wieder selbstständig (ähm) - diesmal im Bereich Werbung. Mein Mann war im Außendienst - er übernahm die Kundenaquise und ich war für Entwürfe neuer Logos zuständig - das konnte ich von Zuhause machen - ich glaub das war 1990. (---)

Vier Jahre später verstarb mein Mann - er hatte Krebs. (--)

Da ich war 34 Jahre alt - (ähm) und Witwe mit zwei Kindern. Die Firma konnte und wollte ich nicht alleine weiterführen - finanziell gab es kein Polster - ich musste wieder bei null anfangen.(nachdenklich)(hm)

Ich musste also arbeiten um meine Kinder und mich zu unterhalten - in eine Fabrik wollte ich nicht mehr oder nur wenn es nicht anders ging - noch mal selbstständig arbeiten in der Gastronomie war mir zu gefährlich - dieses harte Brot hatte ich ja schon mitbekommen. Meine Kinder mussten abgesichert sein - also kam nur eine Anstellung in Frage - aber irgendeine wollte ich diesmal nicht. (ähm) Es sollte jetzt ein Beruf sein - der mich auch wirklich interessiert. (---)

Ich wollte schon immer mit Menschen arbeiten oder besser für Menschen - die Unterstützung brauchen - beruflich da sein. Ich habe mich um einen Ausbildungsplatz zur Altenpflegerin im Pflege- und Therapiezentrum in Offenburg beworben und wurde angenommen - ich durfte im Oktober 1994 anfangen. (ähm) war ich total aufgeregt - hatte zugleich aber auch große Bedenken ob ich das auch alles so schaffe? (äh) (---)

Alleinerziehend. Meine Kinder waren inzwischen 12 und 10 Jahre alt und die Pubertät war schon in Sicht - ich musste im Schichtdienst arbeiten und der Lehrlingslohn war nicht gerade üppig - den Schulstoff sollte ich ja auch noch lernen - ich hatte nur die kleine Unterstützung durch meine Mutter - dass sie nach den kindern sieht wenn ich Spätdienst hab. Da kam ich erst um 21.00 Uhr nach Hause - ich arbeitete im Schaukeldienst das heißt einen Tag Frühdienst von 6 Uhr bis 14.30 Uhr den nächsten Tag Spätdienst von 14 Uhr bis 20.30 Uhr - in jeder Woche waren zwei Schultage - das ganze immer im Wechsel zwölf tage lang. Dann hatte ich das Wochenende frei - also zwölf Tage Arbeit und Schule und dann Samstag und Sonntag alle zwei Wochen frei - nebenbei arbeite ich noch in einem Restaurant als Geschirrspülerin um noch etwas dazu zu verdienen - ich habe damals etwa 900 Mark Lehrlingslohn dazu kam das Kindergeld und die Halbwaisenrente für die Kinder - das war nicht wirklich viel. (hm) (--)

Ich musste ja alles alleine bezahlen - Miete - Strom - Lebensmittel - und was alles sonst noch anfällt. Es war ganz schön knapp und meine Kinder sollten ja auch nicht darunter leiden. (hm) (.)

Aber ich wollte diesen Beruf erlernen und packte es einfach an - mir machte die Arbeit sehr viel Spaß - aber auch das Leid - dass in diesem Beruf zu sehen und zu spüren ist - konnte ich gut verarbeiten. Das Lernen in der Altenpflegeschule hat mich so gar nicht geplagt - im Gegenteil - ich fand es toll wieder die Schulbank zu drücken. In meiner Ausbildung durchlief ich verschiedene Stationen - vom Betreuten Wohnen. (---) Am meisten beeindruckte mich der Wohnbereich für an Demenz erkrankte Menschen - dort war ich sehr gerne und der Kontakt zu den Bewohnern fiel mir leicht - irgendwie hatte ich immer das Gefühl - sie verstehen mich und ich sie - die Ausbildung ist wie im Fluge vergangen.

[...]

Details

Seiten
34
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668160606
ISBN (Buch)
9783668160613
Dateigröße
756 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v316410
Institution / Hochschule
Hochschule RheinMain – Sozialwesen
Note
1,0
Schlagworte
Soziale Arbeit Sozialforschung Lebenslanges Lernen Interview

Autor

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Titel: Lebenslanges Lernen als Chance oder Zwang? Schulpflicht für Erwachsene?