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"Der Baum der Erkenntnis" als ressourcenorientiertes Beobachtungs- und Dokumentationsverfahren in der Pädagogik

Hausarbeit 2014 14 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bedeutung und Wichtigkeit von Beobachtung und Dokumentation

3. Methoden der Beobachtung und Dokumentation

4. Grenzen der Beobachtung und Dokumentation

5. Der Baum der Erkenntnis
5.1. Historie
5.2 Beschreibung des Baums der Erkenntnis
5.3 Die ganzheitliche Sicht 6. Schlussfolgerung Literatur

1. Einleitung

„Beobachtung und Dokumentation sind zielgerichtete, auf einen definierten Kontext bezogene Tätigkeiten oder Verfahrensweisen im pädagogischen Handlungsfeld“ (Andres / Laewen 2007, S. 35). Sie erfordern einen erheblichen Zeitaufwand. Dieser ist nur gerechtfertigt, wenn eine genaue Vorstellung darüber besteht, welche Ziele erreicht werden sollen und wenn dieses erreichen der Ziele ansonsten nicht zu erlangen ist. (ebd., S. 35). Sie helfen uns, den Lernfortschritt der Kinder richtig einzuschätzen und ermöglichen es den ErzieherInnen an die Selbstbildungspotentiale der Kinder anzuknüpfen, ihre Fähigkeiten, Interessen und Bedürfnisse zu erkennen und so zu reagieren, dass die Entwicklung bestmöglich gefördert wird (vgl. Strätz / Demandewitz 2005, S. 22). Sowohl in Qualitätshandbüchern als auch in staatlichen Bildungsplänen werden Beobachtungen und Dokumentationen als Standard beschrieben, die in einem immer größeren Umfang auch einen festen Bestandteil der Erziehungskonzeption darstellen. Pädagogen müssen fähig sein, Kinder gezielt und aus verschiedenen Blickwinkeln zu beobachten. Darüber hinaus ist es unabdingbar, dass sie diese Beobachtungen dergestalt verfassen, dass sachkundige Dritte diese Dokumentation ebenfalls nutzen können (vgl. www.kindergarten-heute.de). Ziel der vorliegenden Hausarbeit ist es, die Wichtigkeit der Beobachtung und Dokumentation im frühpädagogischen Bereich aufzeigen, wobei insbesondere auf einen konkreten Bildungsplan der schwedischen Pädagogik „der Baum der Erkenntnis“ eingegangen wird. Ein weiteres Ziel der Arbeit ist, den Baum der Erkenntnis als ressourcenorientierte Pädagogik darzustellen. Hieraus ergibt sich zwangsläufig die Frage, ob „der Baum der Erkenntnis“ als ressourcenorientiertes Beobachtungs- und Dokumentationsverfahren anzusehen ist? Um diese Frage zu beantworten, wird nach der Einleitung in Teil zwei auf die Bedeutung der Beobachtung der Kinder in den Erziehungseinrichtungen im Allgemeinen eingegangen. Der nächste Abschnitt befasst sich mit den natürlichen und rechtlichen Grenzen. Teil 5 beinhaltet die Historie und eine Beschreibung des Baums der Erkenntnis. Zudem wird eine ganzheitliche Sicht dargestellt. Anschließend folgt im Fazit eine kurze Zusammenfassung.

2. Bedeutung und Wichtigkeit von Beobachtung und Dokumentation

Es gibt viele verschiedene Definitionen von Beobachtung. Anne Heck beispielsweise beschreibt: „Die Beobachtung ist die Eingangstür zur pädagogischen Arbeit“ (Heck 2005, S.12). Kazemi - Veisari definiert Beobachtung folgendermaßen: „Im Wort Beobachtung stecken die Wörter achten, beachten und ob. Nimmt man sie ernst, so sind darin Zuwendung (achten), Konzentration (beachten) und Fragen (ob?) enthalten“ (Kazemi - Veisari 2007, S. 20). Schon vor einhundert Jahren verstand Maria Montessori die Beobachtung des Kindes als wichtige Grundlage ihrer Pädagogik (vgl. Burkard / Weiß 2008, S.109). Die Notwendigkeit der Beobachtung als Voraussetzung für eine professionelle pädagogische Arbeit ist heute unumstritten. Sie ist eine Grundlage für jede gezielte individuelle pädagogische Maßnahme, für die Arbeit in der gesamten Gruppe für die Beurteilung von Verhaltensweise, für die Vorbereitung von Elterngesprächen und für jegliche Planung und Reflexion der pädagogischen Arbeit. Wird das Kind als Wesen verstanden, welches gründend auf den Ergebnissen der Entwicklungspsychologie, der Neurobiologie und Pädagogik, sich ab seinem ersten Lebenstag eigen initiativ Wissen über seine Umwelt aneignet und darüber hinaus den Willen hat, diese zu begreifen und zu erkunden, ergibt sich hieraus die Erziehungsaufgabe der Erwachsenen diesen Drang zur Wissenserweiterung mit einem breiten Angebot an Bildungsangeboten zu begleiten (vgl. Viernickel / Völkel 2005, S. 15). Um dieser Aufgabe bestens gerecht zu werden ist das Wissen über die jeweilige kindliche Entwicklung von entscheidender Bedeutung. Dieses Wissen kann nur durch Beobachtung und Dokumentation erworben werden (vgl. ebd., S. 17). Das Beobachten der Lern- und Entwicklungsprozesse in Kindertageseinrichtungen bildet eine wesentliche Grundlage für das pädagogische Handeln. Aussagekräftige Beobachtungsergebnisse verschaffen den ErzieherInnen und Eltern Kenntnisse über den Entwicklungsstand der Kinder und unterstützen sie, die Qualität der pädagogischen Angebote zu erhalten oder weiter zu entwickeln. Es ist jedoch hierbei darauf zu achten, dass die Beobachtung nicht dem Selbstzweck dient, sondern zielgerichtet erfolgt. (vgl. o. A., Der bayerische Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder in Tageseinrichtungen bis zur Einschulung 2012, S. 452). Entwicklungsauffälligkeiten zu erkennen und diesen durch gezielte Fördermaßnahmen entgegen zu wirken wird erst durch das präzise Erfassen und Dokumentieren ermöglicht. Das Erfassen des Verhaltens des Kindes sowie das Herausfiltern von gegebenenfalls vorhandenen Auffälligkeiten bedingt eine systematische Verhaltensbeobachtung. Auf diese Art und Weise kann verhindert werden, dass sich normabweichende Entwicklungen verfestigen, auf andere Bereiche übergreifen und den gesamten Entwicklungsprozess des Kindes dauerhaft negativ dirigieren. Auf dieser Grundlage können auch besondere Fördermaßnahmen bei Entwicklungsgefährdungen begründet und installiert werden (vgl. Koglin / Hallmann / Petermann 2011, www.kita-fachtexte.de). Besonders für die frühkindliche Betreuung und Bildung steht die Beobachtung im Mittelpunkt, da der Alltag durch Anschauen, Nachprüfen und auch von Acht haben und Aufpassen geprägt ist. Kinder sollen und wollen gesehen werden, sie haben ein Recht darauf, beobachtet zu werden (vgl. Kühnle 2004, S. 68). In allen Kindertagesstätten bestehen Bildungspläne, in denen die für die Einrichtung festgelegten Ziele und Konzepte formuliert wurden. Eine regelmäßige Beobachtung der Kinder mit einhergehender Dokumentation und Reflexion im Team und mit den Eltern stellen sicher, dass jedes Kind von den ErzieherInnen hinsichtlich der Persönlichkeit, Befindlichkeit, der Bildungsprozesse, des Kommunikationsverhaltens sowie der Entwicklungsverläufe und Selbstbildungsprozesse im Blick behalten wird. Ausgehend von den Beobachtungen ist es den Erziehungskräften möglich, sowohl den Tagesablauf als auch den Raum- und Materialbedarf zu planen (vgl. Bodenburg / Kollmann 2011, S. 259). Zu demselben Ergebnis gelangt Groot-Wilken der sagt: „Die Ergebnisse von Beobachtungsprozessen bilden die Grundlage für eine gezielte pädagogische Förderung und Begleitung sowie für die Gestaltung eines optimalen Lernumfeldes“ (Groot-Wilken 2007, S. 12). Beobachten und Dokumentieren erfordert von den ErzieherInnen einen erheblichen Zeitaufwand. Infolge dessen ist es wichtig zu wissen, welchen pädagogischen Nutzen man daraus ziehen kann. Neben den zuvor beschriebenen Erkenntnisgewinnen schafft die Beobachtung und Dokumentation zudem eine besondere Nähe zwischen dem Kind und dem Beobachter. Beobachtung stellt auch stets eine intensive Beachtung des Kindes, seines Verhaltens und seiner Versuche Probleme zu lösen oder die Umwelt zu begreifen dar. Auch wenn die Kinder es nicht immer direkt offenbaren, so nehmen sie dennoch die besondere Hinwendung zu ihm wahr. Die Beziehung zur ErzieherIn wird vom Kind umso positiver betrachtet, je mehr dem Kind gezeigt wird, dass sein Verhalten mit Staunen und Neugier und nicht zur Kontrolle begleitet wird. Jedes Kind spürt das Interesse an seiner Person und das dadurch erhaltene „Ansehen“. Verstärkt werden kann dieser Effekt noch, indem man mit den Kindern bespricht, was man gerade macht und warum man es macht (vgl. Kindergarten heute 2005, S. 7).

3. Methoden der Beobachtung und Dokumentation

Bislang wurde eine Vielzahl von Verfahren zur Beobachtung und Dokumentation von Kindern entwickelt. Sie sind darauf ausgerichtet gezielt wahrzunehmen, was die Kinder machen, wie und womit sie sich selbst beschäftigen und welche Fähigkeiten sie erwerben (vgl. Viernickel / Völkel 2005, S. 80). Leu hat sich mit den verschiedenen Verfahren auseinandergesetzt und sie in die drei Ebenen A bis C unterteilt. Jedes der bekannten Beobachtungsverfahren kann seiner Meinung nach einer dieser Ebenen zugeordnet werden (vgl. o. A, MBF Schleswig-Holstein 2006, S. 10). Die Ebene A bezeichnet Leu als „Entwicklung einer Kind zentrierten Perspektive in der Pädagogik“ (ebd., S. 10). Alle Beobachtungsinstrumente dieser Ebene verhelfen zu einem besseren Verständnis des Kindes, seiner Bedürfnisse, Interessen und seiner individuellen Bildungs- und Lernweg. Ihr Einsatz ermöglicht es, ein umfangreiches und möglichst objektives Bild des Kindes zu erhalten. Beispielhaft genannt gehören zu dieser Ebene der „Beobachtungsbogen Bundesrahmenhandbuch für ev. Tageseinrichtungen für Kinder“, „die sieben Intelligenzen“ nach Gardner oder „Das Konzept der Engagiertheitsskala“ nach Laevers (vgl. ebd.). „Kontrolle von Lernfortschritten im Rahmen klar definierter Altersnormen und Lernziele“ bezeichnet Leu als Ebene B. Hierzu gehören Beobachtungsbereiche, die den Blick auf bestimmte Entwicklungsbereiche des Kindes richten und bei denen Richtlinien für eine altersgerechte Entwicklung durch empirische Forschungen erarbeitet wurden. Der Lernfortschritt wird hierbei durch Vergleiche mit vorherigen Beobachtungen erkennbar. Zu den Instrumenten zählen die „Entwicklungstabelle“ nach Beller, die „Diagnostische Einschätzskala DES zur Beurteilung des Entwicklungsstandes und der Schulfähigkeit“ nach Barth und „Der Baum der Erkenntnis“ (ebd.). Die Ebene C ist als „Frühzeitiges Erkennen von Entwicklungsstörungen“ definiert. Die Instrumente dieser Ebene dienen den ErzieherInnen als Alarmsignal, falls die Entwicklung eines Kindes hinter denen anderer Kinder deutlich zurückfällt. Ein Instrument hierfür sind die „Validierte Grenzsteine der Entwicklung“ nach Michaelis, bearbeitet für die Praxis durch Infans (ebd.). Die genannten Methoden werden in Veröffentlichungen teilweise kritisch kommentiert. Sie werden als stark defizitorientiert beschrieben, die nur auf einen Teilbereich der kindlichen Entwicklung eingehen (vgl. Hohaus / Meißner-Trautwein / Rintelmann 2006, www.kitas-im-dialog.de). Die defizitorientierten Verfahren „… lassen keinen Spielraum, die Kinder in ihren tatsächlichen Aktivitäten zu beobachten und zu verstehen, über Entwicklungsphasen und Altersnormen hinaus. (…) Aufgrund dessen kann die grundsätzliche Verwendung dieser Verfahren zur Strukturierung von Beobachtung im Kindertagesstätten nicht empfohlen werden, solange sie die einzige Perspektive auf das Kind sind“ (ebd., S. 63 f). Knauf formuliert diese Kritik folgendermaßen: „In den elementarpädagogischen Bildungsplänen, die ab 2003 vor allem als Reaktion auf die unbefriedigenden Ergebnisse der PISA-Studie von den Bundesländern vorgelegt wurden, wird nun die Beobachtung von Kindern und deren Dokumentation in den Kanon der zentralen Aufgaben der ErzieherInnen aufgenommen. Die gewachsene Beobachtungspraxis in Kindertageseinrichtungen wird dabei implizit als unzulänglich und unsystematisch unterstellt“ (vgl. Knauf 2005, www.kindergartenpaedagogik.de). Neben den defizitorientierten Beobachtungsmethoden werden zunehmend ressourcenorientierte Methoden verwandt. Eine Ressource ist nach Vollmer ein vorhandener Bestand an Wissen aus dem man Kompetenzen schöpfen kann. Jedes Kind verfügt über Fähigkeiten, die es wahrzunehmen gilt. Dies bedeutet, die Stärken des Kindes zu sehen und mit ihnen zu arbeiten (vgl. Vollmer 2012, S. 131). Eine dieser Methoden ist „Die Leuvener Engagiertheitsskala“. Sie baut darauf auf, dass die Kinder von Geburt an darauf ausgerichtet sind, ihre Umwelt aktiv zu erschließen. Sie beantwortet Fragen wie „Wie weit sind Kinder an ihrem Tun innerlich beteiligt?“ oder „Welche Signale geben Kinder, wenn sie intensive Erfahrungen sammeln?“ (Bodenburg / Kollmann 2011, S. 271). Ein weiteres ressourcenorientiertes Verfahren sind die Bildungs- und Lerngeschichten nach Carr und May, deren Ziel nicht darin besteht Entwicklungsverzögerungen aufzuzeigen, sondern stattdessen „tiefe Einblicke in den Sinn und die Bedeutung kindlicher Handlungen und daraus erwachsener Lernerfahrungen zu gewinnen“ (ebd., S. 272). Des Weiteren werden in der Literatur noch weitere nicht defizitorientierte Verfahren beschrieben, deren vollständige Erwähnung und Beschreibung den Rahmen dieser Arbeit jedoch überschreiten würden.

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Details

Seiten
14
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668156449
ISBN (Buch)
9783668156456
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v316480
Institution / Hochschule
Hochschule Koblenz (ehem. FH Koblenz)
Note
1,0
Schlagworte
Baum der Erkenntnis Dokumentation Lernforschritt Pädagogik Bildungsplan Dokumentationsverfahren ressourcenorientiert

Autor

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Titel: "Der Baum der Erkenntnis" als ressourcenorientiertes Beobachtungs- und Dokumentationsverfahren in der Pädagogik