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Ökologie in der Mode. Das Praxiskonzept "Kleider machen Leute" für die Schule und die offene Kinder- und Jugendarbeit

Unterrichtsentwurf 2016 20 Seiten

Pädagogik - Unterrichtsvorbereitung allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Dokumentation „Kleider machen Leute“
1.1 Hintergrundinformationen für die Kursplanung
1.2 Kursinhalte im Überblick

2. Dokumentation der einzelnen Kurstermine (1-7)
2.1 Schneiderwerkstatt
2.2 Schneiderwerkstatt
2.3 Kleider machen Leute – Verkleiden und Rollenspiel
2.4 Kleidertauschbörse
2.5 Sockentiere
2.6 Sockentheater
2.7 Abschlussvorführung und Ausstellung

3. Resümee

1. Dokumentation „Kleider machen Leute“

Der Kurs „Kleider machen Leute“, der im gleichnamigen Modellprojekt gefördert wurde, soll im Folgenden in Planung und Durchführung detailliert dokumentiert werden, um interessierten Pädagogen ein Unterrichtskonzept zur Nutzung in Schulunterricht, offener Jugendarbeit und/oder Ferienprogrammen an die Hand zu geben.

1.1 Hintergrundinformationen für die Kursplanung

Nachdem biologisch angebaute Lebensmittel den Weg vom Bioladen in die Supermärkte gefunden haben, erobern die Bioprodukte nach dem Kühlschrank zunehmend auch den Kleiderschrank.

Wollte man/frau zunächst vor allem gesünder und umweltgerechter essen, wächst zurzeit auch deutlich das Interesse an Naturmode. Gefragt ist hochwertige, umwelt- und sozialverträglich hergestellte, schöne Kleidung, deren Nachfrage seitens der trendbewussten, relativ jungen, gut situierten Leute, der so genannten „Lohas“ (für Lifestyle of health and sustainability), ist. Laut Marktforschung ist mittlerweile bis zu einem Drittel der Bevölkerung bereit, für ökologisch und fair gehandelte Produkte entsprechend mehr zu bezahlen.

Das „Bio-Bewusstsein“ scheint also in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein.

Allerdings: Familien mit mehreren Kindern gehören nicht zu den Lohas, die sich ökologische Mode leisten können, obwohl die Argumente für Naturmode Eltern sicher besonders ansprechen.

Argumente in der Übersicht

7 Gründe für Naturmode

1) modisch und schön

Mittlerweile hat sich Naturmode vom „Sackkleid“ zur Designermode gemausert.

2) fairer Preis

Viele Textilien aus Biobaumwolle sind inzwischen nicht teurer als herkömmliche Marken­artikel (davon ausgeschlossen ist natürlich schlecht verarbeitete Billigware).

3) Gesundheitsschutz

Biotextilien sind gesünder, weil Chemikalien erst gar nicht eingesetzt werden – und so weder Produzenten noch Träger schädigen. (Nach Angaben der WHO sterben jedes Jahr 28.000 Menschen durch Pestizideinsatz im Baumwollanbau.)

4) sanfte Produktion

Der Verzicht auf Spritzgifte schont die Biosphäre.

5) umweltfreundlich auch zu Hause

Naturmode, frei von Pestiziden und Chemikalienrückständen, die beim Herauswaschen das Abwasser belasten, schont das Lebensmittel Wasser.

6) fairer Handel

In der Biobranche wird auf faire Arbeitsbedingungen und gerechte Preise Wert gelegt.

7) gentechnikfrei

Der Einsatz von gentechnisch veränderten Organismen ist verboten.

Diese Hintergrundinformationen können durch thematisch ausgesuchte Zeitungsartikel (möglichst mit Bildern) und Materialangaben aus Biokleidungskatalogen („hessnatur“, „Waschbär“) den Kindern vermittelt werden.

Dafür bieten sich die ersten zehn Minuten eines jeden Nähkursnachmittags an sowie die gemeinsame Gestaltung eines Infoplakates, das den Eltern beim letzten Termin präsentiert wird. Nähere Informationen zum letzten Termin folgen bei den Angaben zu Termin 7.

1.2 Kursinhalte im Überblick

In den Laden zu gehen und Kleidung zu kaufen, ist allerdings nicht die einzige Möglichkeit, sich bewusst und ökologisch zu kleiden. Wie geht es auch?

Antworten auf diese Frage soll das Projekt „Kleider machen Leute“ geben.

Kinder ab 8 Jahren können sich in einem fortlaufenden Kurs kritisch und kreativ mit dem Thema „Kleidung“ befassen. Das „Selbermachen“ steht im Vordergrund und wird zusätzlich begleitet von materialkundlichen und sozialpolitischen Informationen und Gesprächen. Auch der gestalterische Aspekt soll neben der Vermittlung handwerklicher Fähigkeiten berück­sichtigt werden.

Der Kurs soll für die Problematik bei der Herstellung konventioneller Kleidung sensibili­sieren, wie z.B.:

- Einsatz von Chemikalien und Pestiziden in der Textilindustrie
- Umweltbelastung
- schlechte Produktionsbedingungen/Kinderarbeit
- unfaire Preise
- Massenproduktion und damit einhergehende Wegwerfmentalität
- Markenwerbung und damit einhergehende Uniformierung und Gruppenzwang

Zudem sollen ökologisch verantwortliches Handeln und die Freude an der eigenen Kreativität gefördert werden:

- Kauf von Kleidung aus ökologischem Anbau (lieber weniger, dafür hochwertig)
- Secondhandkleidung bevorzugen
- Kleidung tauschen bzw. weitergeben
- Kleidung selbst herstellen:
- Erfahrungen mit Materialien, Farben und Entwurf machen
- Kleidung persönlich gestalten und abändern
- Freude und Mut zum individuellen Kleidungsstiel entwickeln

Um das Thema gesellschaftspolitisch zu betrachten, sind zwei theaterpädagogische Kurseinheiten geplant. Dabei soll es besonders um folgende Fragen gehen:

Trends, Mode und Gruppenzwang – Wo kommen Trends überhaupt her?

Wer bestimmt, was Mode ist?

Wie fühlt es sich an, in der Mitte zu stehen?

Kennt ihr das aus eurem Alltag?

In sechs aufeinander folgenden wöchentlichen Terminen von zwei Stunden soll jeweils ein Thema theoretisch und praktisch behandelt werden. Der 7. Termin ist als Theateraufführungs- und Ausstellungstermin (inklusive Vorbereitung) auf drei Stunden angesetzt.

Die Kurseinheiten sind für die Teilnahme von acht Kindern konzipiert. Denkbar ist, dass die einzelnen Termine auch je nach Interesse einzeln von acht verschiedenen Kindern besucht werden können (also als ein offenes Angebot im Rahmen der außerschulischen Jugendarbeit), da die Unterrichtseinheiten zwar mit dem übergeordneten Thema „Kleider machen Leute“ verbunden sind, jedoch auch einzeln für sich stehen können. Das Programm ist mit Kindern ab 8 Jahren durchführbar, kann aber auch thematisch anspruchsvoller für Jugendliche ab 12 Jahren erweitert werden.

Im dokumentierten Fall fand der Kurs in Kooperation mit dem Jugendcafé E. statt. Insgesamt waren pauschal acht Mädchen über die bestehende offene Mädchengruppe angemeldet, wobei manche nicht zu jedem Termin kamen. Das Alter der Teilnehmerinnen lag zwischen 10 und 15 Jahren.

Kursbeschreibung – Kleider machen Leute

Kinder/Jugendliche 10 bis 15 Jahre

Wöchentlich stattfindender Kurs mit 8 Kindern/Jugendlichen

7 Termine - 2 Zeitstunden, zzgl. 1 Stunde Abschlussvorstellung

In dieser Kursreihe haben Kinder und Jugendliche die Möglichkeit, sich praktisch, informativ und kritisch mit dem großen Thema „Kleidung“ zu befassen.

Den Einstieg ins Thema finden wir über die grundsätzliche Diskussion darüber, was die Menschen durch ihre Kleidung ausdrücken und darstellen. Kleiden und Verkleiden, was macht den Unterschied?

Im kostümierten Rollenspiel (angeleitet durch eine Theaterpädagogin) kann besonders eindrücklich erfahren werden, inwieweit Kleidung ein persönliches Ausdrucksmittel ist und was der Spruch „Kleider machen Leute“ bedeutet.

Es ist dem Menschen ein Bedürfnis, sich mit seiner Bekleidung nicht nur zu schützen und zu wärmen, sondern sich auszudrücken und zu schmücken. Beide Aspekte werden wir in diesem Kurs behandeln.

Durch das Gespräch über die grundlegende Funktion von Kleidung als reinem Schutz kann ein Bogen zum Sinn und Unsinn der Kleidung als Modeartikel gespannt werden.

Auch die praktischen Näharbeiten und die materialkundlichen Informationen lenken den Fokus auf unseren eigenen Umgang mit Kleidung, der „Konsum- und Wegwerfware“. Die Erfahrung, wie mühevoll es ist, ein Kleidungsstück selbst zu nähen, ändert auch den Blick auf die gekaufte Kleidung.

Da der Stoff, mit dem wir nähen, in den meisten Fällen aus Baumwolle besteht, wollen wir die Eigenschaften dieser Pflanzenfaser genau unter die Lupe nehmen.

Außerdem werden wir uns mit Anbau und Verarbeitung der Baumwolle befassen. Die Kursteilnehmer erfahren, welche Problematik für Natur und Mensch mit dem massenweisen Verbrauch dieses Rohstoffes verbunden ist. Des Weiteren überlegen wir uns Alternativen zum Umgang mit Kleidung. „Einfälle statt Abfälle“ heißt hier das Motto, das in diesem Kurs zum kreativen und kritischen Umgang mit Modediktat und Konsumzwang anregen soll.

2. Dokumentation der einzelnen Kurstermine (1-7)

Die folgende Dokumentation des Kurses wird für jeden Termin mit einem direkt an die Kinder gerichteten Ankündigungstext eingeleitet. Dies gibt einen kurzen Überblick über den Inhalt der jeweiligen Einheit und kann als Vorlage dienen, für die Veranstaltungen zu werben. (Unser Kurs wurde über das Jugendcafé E. und durch die persönliche Ansprache einzelner bekannter Mädchen angekündigt.)

Es folgt eine Ablaufbeschreibung für jeden einzelnen Kurstermin mit jeweils angehängten Informationen bzw. Anleitungen oder Fotos und die Angabe der jeweils benötigten Materialien.

2.1 Schneiderwerkstatt

Ankündigung (1. und 2. Termin)

Wir wagen uns an die Nähmaschine und üben zunächst den Umgang mit der Maschine, bevor wir eine eigene Arbeit anfertigen. Schritt für Schritt könnt ihr hier erfahren, was alles nötig ist, um eine Tasche oder ein Kissen herzustellen. Angefangen von der Stoffauswahl über die Anfertigung eines Schnittmusters bis zur Näharbeit machen wir alles selbst.

Da der Stoff, mit dem wir nähen, in den meisten Fällen aus Baumwolle besteht, wollen wir die Eigenschaften dieser Pflanzenfaser einmal genau unter die Lupe nehmen.

Außerdem werden wir uns auch mit Anbau und Verarbeitung der Baumwolle befassen.

Wir besprechen, welche Problematik für Natur und Mensch mit dem massenweisen Verbrauch dieses Rohstoffes verbunden ist und überlegen uns Alternativen im Umgang mit unserer Kleidung.

Ablaufbeschreibung 1. Termin

Zum 1. Termin kamen sieben Mädchen zwischen 10 und 15 Jahren.

Nach einer kurzen Vorstellung, die auch Auskunft über eventuell vorhandene Nähmaschinen­erfahrung gibt, gebe ich einen Überblick über den geplanten Inhalt des gesamten Kurses. (Das ist der theoretische Teil des 1. Termins.)

Es folgt der Plan für heute:

Einführung:

Die Entstehung einer Tasche oder eines Kissens. Welche Arbeitsschritte sind bis zur Fertigstellung notwendig?

Praktische Tätigkeit:

Umgang mit der Nähmaschine, Nähübung, Stoffauswahl, Schnittmusteranfertigung, Zuschnitt, Versäubern der Stoffteile

Idealerweise arbeiten zwei Kinder an je einer Nähmaschine. Zunächst wird an jeder Maschine das Einfädeln geübt. Eine Helferin und die Kursleitung zeigen an zwei Maschinen, wie es geht. Die Teilnehmerinnen üben und schauen abwechselnd zu. Dann werden (ebenfalls abwechselnd und sich gegenseitig helfend) Papiernähübungen1 durchgeführt.

Stoffe zur Auswahl werden auf einem Tisch ausgelegt. Papierschnittmuster werden angefertigt, aufgesteckt und mit Nahtzugaben umzeichnet. Sowohl Kissen als auch Tasche können aus einer Bahn angefertigt werden. Stabile Baumwollstoffe können teilweise gut gerissen werden, dann entsteht eine gerade Kante. Das kann ausprobiert werden. Auf jeden Fall wird für alle zusammen eine Schneideanleitung gegeben und auf den Unterschied zwischen Stoff- und Papierschere hingewiesen.

Die 15-jährige Teilnehmerin wird mit einem Kissen fertig – wer Hilfe braucht, kann sich an sie wenden. Alle anderen Mädchen bewahren ihre unvollendeten Arbeiten mit Namen versehen in einer dafür vorgesehenen Kiste auf. Erste Grundkenntnisse über das Maschinennähen und erste Arbeitsschritte wurden heute von allen Teilnehmerinnen gemacht und das Interesse am weiteren Kurs ist offensichtlich geweckt.

Benötigte Materialien:

2-3 Nähmaschinen

Auswahl an Baumwollstoffen (auch z.B. alte Bettwäsche), verschiedene Garne, Packpapier, Bleistifte, Schneiderkreide, Stecknadeln, Nähnadeln, Stoffscheren, Auftrenner

Eine nähkundige Hilfe sollte bei den ersten beiden Schneiderwerkstattterminen dabei sein!

2.2 Schneiderwerkstatt

Ablaufbeschreibung 2. Termin

Theoretischer Teil:

Anhand von Zeitungsartikeln2, Materialinfos aus Modekatalogen und Baumwoll­kapseln/Baumwollgarn erfahren die Teilnehmerinnen etwas über den Rohstoff Baumwolle und die Problematik der konventionellen Baumwollproduktion unter umweltpolitischem Gesichtspunkt.

Dass Baumwolle eine Naturfaser ist, nehmen einige der Mädchen mit Erstaunen zur Kenntnis. Auch die in die Runde gegebenen weiteren Faserproben (Seidenkokon, Schafwolle usw.) werden interessiert befühlt und verglichen.

Der theoretische Teil sollte 15 Minuten nicht überschreiten, da die Mädchen schon ungeduldig sind und mit ihren begonnenen Näharbeiten weitermachen wollen. Das weitere Vorgehen wird zusammen am Tisch besprochen; wenn jede weiß, wie sie fortfahren soll, kann es losgehen.

Praktischer Teil:

Maschinennähen Einführung für drei neue Teilnehmerinnen.

Säumen und Nähen von Taschen und Kissen.

Fertigstellung der Kissen mit Hotelverschluss (so wird der einfache Stoffüberschlag zum Einschieben des Innenkissens genannt) und Füllung.

Alle Mädchen sind eifrig bei der Arbeit. Die Kissen werden fertig, die Taschen sind anspruchsvoller und werden schweren Herzens zur Seite gelegt. Die weitere Verarbeitung wird auf den nächsten Nähtermin verlegt.

Benötigte Materialien:

Zusätzlich zu dem unter 2.1 angegebenen Material werden Kissenfüllungen gebraucht.

Da Schafwollkügelchen zwar schöner, aber recht teuer sind, bietet sich Polyesterfüllung an, wie sie in 40x40 Füllkissen manchmal für 1 € in Discounterläden zu finden sind. Sollten die selbstgenähten Kissen andere Formate haben, kann die Füllung aus der dünnen Hülle herausgeholt und nach Bedarf dosiert werden.

Für den theoretischen Teil benötigt man:

- Proben verschiedener Fasern, z.B. Baumwollkapseln, Seidenkokon, Schafwolle, Kapok, Hanf, Jute usw.
- Ausgewählte Artikel zum Thema,
- Kataloge von „hessnatur“ und „Waschbär“

[...]


1 Eine Nähübung kann einfach selbst angefertigt werden, indem man Linien auf einem Din A4-Blatt vorzeichnet, die mit der Nähmaschine nachgespurt werden.

2 Beispiel: „Baumwolle ohne Gift“ aus Sekurvital – Das Magazin 3/08 (Krankenkassenmagazin von Sekurvita)

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