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Musikgenrestereotype und ihr Einfluss auf das Lehrerurteil über Schüler im jugendlichen Alter

Hausarbeit 2014 15 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Herleitung der These
Stereotypenforschung und zero acquaintance – Studien
Forschung zu Vorhersagekraft des Musikgeschmacks und Musikgenrestereotype
Bedeutung der Musik im Jugendalter
Stereotype im Schulkontext
Musikgenrestereotype im Schulkontext

Methode der Untersuchung
Studie 1
Studie 2

Literaturverzeichnis

Thema: Haben Stereotype im Bezug auf Hörer bestimmter Musikgenres einen Einfluss auf die Bildung von Lehrerurteilen über Schüler?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung

Man erkennt sie schon von weitem. Schwarze Stiefel, schwarze Jeans, schwarze Lederjacken, T-Shirts bedruckt mit Gewaltmotiven und okkulter Symbolik und dann noch die langen Haare. Fragt man andere Menschen nach der präferierten Musikrichtung von Personen mit solch einem Kleidungsstil, werden sie diese relativ mühelos als Fans der Musikrichtung Heavy Metal identifizieren können. Genauso leicht fällt es, bei Menschen (in diesem Fall vor allem Männer) mit tiefsitzenden Jeans und sehr weiten, langen T-Shirts von einem Hip Hop- oder Rap-Hörer zu sprechen. Allein schon durch ihr Äußeres werden diese Personen von anderen Menschen sozialen Gruppen zugeordnet. Je nach Situation und Kontext befindet sich ein Mensch in verschiedenen sozialen Gruppen (z.B. im Ausland zugehörig zur Gruppe „Tourist“, zu Hause ein „Student“). Soziale Gruppen teilen gemeinsame Charakteristiken, die soziale Bedeutung für sie und/oder für andere haben. Der Vorgang, der die soziale Gruppenbildung bestimmt, heißt soziale Kategorisierung. Damit ist der Prozess der Identifizierung von Individuen als Mitglieder einer bestimmten Gruppe gemeint. Dies erfolgt aufgrund der Tatsache, dass sie Merkmale aufweisen, die typisch für die jeweilige Gruppe sind. Das geschieht sehr schnell und automatisch. Stereotype sind eben diese Zuschreibungen, die sowohl positiver als auch negativer Art sein können. Manche Stereotype beschreiben existierende Unterschiede zwischen Gruppen, dabei werden diese Unterschiede aber übertrieben dargestellt. Andere Stereotype sind hingegen nicht zutreffend. Stereotype werden gebildet durch Interaktion mit sozialen Gruppen, oder durch Erzählungen anderer Menschen über diese Gruppe (Smith & Mackie, 2000).

Herleitung der These

Stereotypenforschung und zero acquaintance – Studien

Stereotypien sind in vielen Bereichen wie Gender-, und ethnischen Stereotypen schon breit erforscht. So gibt es kulturübergreifend das positive Stereotyp, dass Frauen sensibel und warmherzig sind. Ein Beispiel für ein in der ganzen Welt verbreitetes, negatives sowie falsches Stereotyp ist, dass ethnische Minderheiten im jeweiligen Land generell kriminell sind. Manchen Stereotypen haftet aber ein wahrer Kern an. Nicht umsonst organisieren sich Menschen mit gleicher politischer Gesinnung in Parteien, oder Menschen mit sozialem Anliegen in sozialen Hilfsorganisationen. Stereotype sind somit nicht grundsätzlich etwas Negatives, sondern sind ein wichtiges Hilfsmittel um sich schnell ein Bild von einer anderen Person zu schaffen, welches entscheidend dafür ist, wie man auf eine Person reagiert (Smith & Mackie, 2000).

Eine noch recht junge Sparte bildet die Erforschung der Frage, ob konsistente Stereotype auch über Fans bestimmter Musikrichtungen existieren und wenn ja, inwieweit diese zutreffen. Im eingangs dargelegten Beispiel, wäre so ein Stereotyp, dass Hip Hopper generell nur Baggy-Jeans tragen und sexistisch sind. Oder dass Reggae-Liebhaber ständig Marihuana konsumieren. Eine der ersten wichtigen Studien zu diesem Thema stammt von Burroughs, Drews & Hallman (1991). Diese Studie befasst sich mit der Vorhersage der Persönlichkeit von Menschen aus ihren persönlichen Besitztümern, also auf Basis minimalster Information (zero acquaintance). Dazu wurden 20 studentische Probandinnen gebeten, zuerst ihre eigene Persönlichkeit mit Hilfe eines Fragebogens, der siebenstufig bipolare Dimensionen wie energiegeladen/faul, stark/schwach oder stolz/bescheiden erfasste, zu raten. Danach sollten sie das Outfit wählen, das ihrer Meinung nach am besten ihre Persönlichkeit abbildet. Im Folgenden wurden Fotos von ihnen in diesem Outfit gemacht. Anschließend sollten sie die fünf Universitätskurse angeben, die ihnen am wichtigsten für ihre Bildung erschienen. Als nächstes sollte jede Probandin ihre 10 liebsten Musikalben auflisten. Abschließend wurden noch Fotos von ihren Schlafzimmern geschossen. Eine andere, gemischte Gruppe von studentischen Probanden sollte nun ihr Urteil über die Persönlichkeit der Probandinnen abgeben. Diese wurden in vier Gruppen unterteilt, eine Gruppe pro Diagnosematerial (Outfit, Kurswahl, Musikalben, Schlafzimmer). Diese sollten nun anhand der Information dieser einen Bedingung, die Persönlichkeit der Probandinnen mithilfe des gleichen Fragebogens bestimmen. Die Resultate ergaben, dass die Musikalben als ähnlich gute Grundlage dienten, die Persönlichkeit zu beschreiben wie das Outfit. Vor allem in den Bereichen wie optimistisch, energetisch, zwanglos oder verschwenderisch die Probandinnen seien, waren die Übereinstimmungen zwischen Selbst – und Fremdurteil hoch bis sehr hoch (Burroughs et al., 1991). Also besitzt der Musikgeschmack von Menschen durchaus Potenzial deren Persönlichkeit, zumindest teilweise, zu bestimmen.

Die Grundlage auf der die Studenten die Persönlichkeiten der weiblichen Probanden beurteilten, waren stereotype Ansichten welche Charaktereigenschaften zu bestimmten Musikrichtungen wohl passt, ganz nach dem Prinzip: „Leute die diese Art von Musik hören sind …“. Hier ist ein erster Hinweis darauf zu finden, dass Stereotype über Hörer bestimmter Musikrichtungen bestehen und dass ihnen in bestimmten Bereichen ein wahrer Kern anhaftet.

Forschung zu Vorhersagekraft des Musikgeschmacks und Musikgenrestereotype

Zero acquaintance – Studien, wie die von Burroughs et al. (1991), haben eine lange Forschungstradition, jedoch ist der Bereich der Musik in der Forschungswelt bisher nicht genügend beachtet worden. Zu diesem Schluss kamen Rentfrow und Gosling in ihrer 2003 veröffentlichten Studie, die sich mit Musikpräferenzen und deren Korrelaten mit der Persönlichkeit auseinandersetzte. Sie argumentieren, dass eine Aktivität, die so viel Zeit im Leben vieler Menschen einnimmt, mehr im Fokus der Persönlichkeitsforschung stehen müsse (Rentfrow & Gosling, 2003). Sie berufen sich dabei auf eine von Hargreaves & North (1999) durchgeführte Studie, die die Erkenntnis brachte, dass Menschen die Musik, die sie hören wie ein „Abzeichen“ vor sich her tragen. Dadurch kommunizieren sie ihre Selbstsicht, ihre Einstellungen und ihre Werte. Ergo ist die gehörte Musikrichtung Teil der sozialen Identität eines Menschen. Das impliziert, dass Musik wichtig ist für Menschen. Doch wie wichtig ist sie ihnen? Rentfrow und Gosling (2003) erforschten genau diese Frage. Das Ergebnis spricht für die Musik als wichtigste Freizeitaktivität neben den Hobbies, die die Probanden sonst noch hatten, also wichtiger als Kleidung, Filme und Bücher. Musik bestimmt den Alltag der Menschen. Um jede Tageszeit und bei vielen Aktivitäten hören Menschen Musik (Rentfrow & Gosling, 2003). Wenn die Menschen sich so sehr mit Musik beschäftigen, dann muss diese etwas über sie aussagen, argumentieren Rentfrow und Gosling (2003). Tatsächlich ergaben ihre Untersuchungen, dass bestimmte Dimensionen von Musik hoch auf bestimmten Faktoren des Big Five Inventory laden. So sehen sich beispielsweise Personen, die komplexe, reflexive Musik (z.B. Blues, Klassik, Jazz) hören als tolerant, offen für neue Erfahrungen und ablehnend gegenüber sozialem Dominanzverhalten an (Rentfrow & Gosling 2003). Wenn Musikpräferenzen also von der Persönlichkeit eines Menschen beeinflusst werden, dann muss der Musikgeschmack eines Menschen Hinweise auf dessen Persönlichkeit geben. Dies bildet die Grundlage für eine weitere Untersuchung von Rentfrow und Gosling (2006). Das Kennenlernen von Menschen kann man als eine Art subjektive Persönlichkeitsdiagnostik betrachten. Man spricht mit Menschen um etwas über ihre Person zu erfahren. Dazu eignen sich einige Gesprächsthemen besser als andere.

Rentfrow und Gosling (2006) untersuchten, über welche Themen junge Menschen reden wenn sie sich kennenlernen. Sie argumentierten, dass die Themen, über die am meisten geredet wird, jene sind, die am meisten über die Persönlichkeit aussagen, sozusagen die Themen mit der höchsten diagnostischen Güte. Als Probanden dienten Studenten, die sich gegenseitig über eine Online-Plattform kennenlernen sollten. Ihre Aufgabe war es schlicht, mit der anderen Person über komplett frei gewählte Themen zu sprechen. Über einen Zeitraum von sechs Wochen war das Thema Musik der gesprächsdominierende Inhalt, weit vor dem Austausch über Sport, Bücher, Filme und Kleidung (Rentfrow & Gosling, 2006). Musik ist ein großes Thema wenn Menschen sich kennenlernen. Es stellt sich nun die Frage, welche Informationen überhaupt über den Musikgeschmack eines Menschen vermittelt werden und wie akkurat diese in ihrer Übereinstimmung mit der Persönlichkeit des Menschen sind. Als Stimulus-Material diente hierzu die persönlichen Top 10 an Musikstücken jedes einzelnen Probanden. Diese bearbeiteten zunächst das 44-item Big Five Inventory (44-item BFI; z.B. John & Srivastava, 1999). Acht unabhängigen Beobachtern wurden nun diese insgesamt 74 CDs vorgespielt. Auf dieser Grundlage sollten sie die Persönlichkeit jedes einzelnen, ebenfalls mit dem BFI, erfassen. Das Ergebnis war, dass durch das Hören der Musikstücke ein akkurater Eindruck über die Offenheit, Verträglichkeit und Emotionale Stabilität einer Person entstand. Vergleicht man die Akkuratheit mit anderen zero acquaintance – Studien, so liefert der Musikgeschmack akkuratere Informationen in diesen Bereichen. Weniger akkurat ist der Eindruck in den Bereichen Extraversion und Gewissenhaftigkeit (Rentfrow & Gosling, 2006). Es werden drei Mechanismen postuliert, die erklären sollen, warum die Musikpräferenz etwas über die Persönlichkeit aussagt: In erster Linie hören Menschen Musik, die ihnen gefällt, sei es der Text der sie berührt oder eine Akkordprogression. Das kann viele Gründe haben, z.B. kann einem religiösen Menschen der spirituelle Text eines Liedes gefallen. Zweitens hören Menschen Musik, um ihre Emotionen zu regulieren. Gelassene Menschen hören vielleicht eher beruhigende Musik um sich zu entspannen. Zuletzt hören Menschen Musik um durch sie ein Bild von sich zu erzeugen, das mit ihrer Identität übereinstimmt und die Seiten der Persönlichkeit hervorhebt, die sie gerne zeigen. Ein Beispiel wäre ein gebildeter Mensch, der durch den Umstand, dass er Jazz Musik hört, seine Außenbild als kulturbewusster Mensch unterstützt. Die Studie lässt vermuten, dass Menschen diese Mechanismen kennen und deswegen der Musikgeschmack eines Menschen Hinweise auf die Persönlichkeit geben kann, die andere zero acquaintance – Studien nicht geben können (Rentfrow & Gosling, 2006).

Annahmen über die Persönlichkeit eines Menschen auf Grundlage minimalster Information basieren letztendlich auf Stereotypen (Rentfrow & Gosling, 2006). Der nächste Schritt wäre demnach festzustellen, welche Inhalte diese in Bezug auf die Musikpräferenzen haben, ob sie konsistent sind und ob ihnen ein wahrer Kern anhaftet. In der Studie von Rentfrow und Gosling (2007) wurde genau dies untersucht. Dazu sollten die Versuchspersonen den typischen Fan einer bestimmten Musikrichtung mithilfe eines Fragebogens hinsichtlich dessen Wertvorstellungen, persönlichen Eigenschaften, Fähigkeiten und Drogenkonsum charakterisieren. Für jede Musikrichtung (z.B. Country, Klassik, Spiritual, Rock oder Rap; insgesamt 14 Genres) waren 15 Probanden als Beurteiler eingeteilt. Die Ergebnisse zeigten, dass je nach Musikrichtung konsistente Stereotype bestehen und dass der Konsens in den meisten Musikrichtungen sehr hoch war. So war ein konsistentes Stereotyp, dass Klassik- und Jazzhörer intelligenter als Rock- und Rap-Hörer und aufgeschlossener als Countrymusik-Liebhaber sind (Rentfrow & Gosling, 2007). Die meisten Urteilsübereinstimmungen gab es innerhalb der Musikrichtungen Klassik, Spiritual, Country und Rap. Auch stehen Klassik-Hörer stark unter dem Verdacht ein langweiliges Leben zu führen, während das Leben der Rap-Hörer als aufregend eingestuft wurde. Dies zeigt sich auch dahingehend, dass Rap- und Rock-Fans ein deutlich höherer Gebrauch an harten Drogen angelastet wurde, während angenommen wird, dass der typische Klassik-Fan viel eher Wein und Cocktails trinkt (Rentfrow & Gosling, 2007). Hier muss man einschränkend erwähnen, dass die Konzepte der Menschen welche Musik in welches Genre gehört, weit auseinander gehen können. Was eine Person als Rockmusik wahrnimmt, kann für eine andere schon Heavy Metal sein. Doch die Stereotype zwischen den Musikrichtungen unterscheiden sich deutlich genug, dass man annehmen kann, dass die Probanden ähnliche Konzepte im Kopf hatten (Rentfrow & Gosling, 2007).

In einem zweiten Schritt wurde die Validität dieser Stereotype untersucht, indem die Persönlichkeitseigenschaften, die für eine bestimmte Musikrichtung sprechen, mit den tatsächlichen Hörgewohnheiten dieser Menschen verglichen wurden. Das Resultat war, dass einige Genres (Jazz, Spiritual, Klassik, Country) hoch valide, einige wenig valide (Pop, Rap, Soul) und wieder andere teilweise valide waren (Rock, Heavy Metal). Hier muss man dennoch einschränkend sagen, dass die Studie nur junge Menschen in einer bestimmten geographischen Region untersuchte (Austin, Texas). Es müsste sich zeigen, ob die gleichen Stereotype z.B. auch in Deutschland gelten. Eine Replikation mit britischen Jugendlichen ergab, dass die Musikgenrestereotype zwischen amerikanischen und britischen Jugendlichen hoch miteinander korrelierten Also zeigen Musikgenrestereotype geographische Robustheit (Rentfrow, MacDonald & Oldmeadow, 2009).

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Details

Seiten
15
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668161818
ISBN (Buch)
9783668161825
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v316816
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,0
Schlagworte
Pädagogische Psychologie Musikrichtung Stereotype Jugendliche Musik Lehrer Lehrerurteil Pädagogik Schulpsychologie Psychologie

Autor

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Titel: Musikgenrestereotype und ihr Einfluss auf das Lehrerurteil über Schüler im jugendlichen Alter