Lade Inhalt...

Die TV-Serie "Misfits" und die Erzähltechnik der Fokalisierung nach Edward Branigan. Beeinflusst die Narration das Zuschauerverständnis?

Hausarbeit 2014 19 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Misfits

3. Fokalisierung nach Edward Branigan
3.1 Externe Fokalisierung (Staffel 1, Episode 1)
3.2 Interne Fokalisierung (Staffel 2, Episode 4)

4. Fazit

5. Bibliographie

6. Filmographie

7. Anhang

1. Einleitung

Will man sich mit Fokalisierung auseinandersetzen, so ist es lohnenswert sie erst einmal im filmtheoretischen Kontext zu verorten.1 Sie stammt von dem Filmtheoretiker Edward Branigan, der heute an der University of California, Santa Barbara für das Film Studies Program zuständig ist. Der Begriff der Fokalisierung taucht erstmals in seinem 1992 erschienenen Buch Narrative Comprehension and Film auf. In diesem, seinem zweiten von mittlerweile vier Büchern untersucht Branigan Narration vor allem in Bezug auf den Zuschauer, d.h. wie dessen Verständnis durch verschiedene Formen von Narration geleitet wird. Sein Interesse an Narration, lässt sich durch folgendes Zitat verdeutlichen:

“Narration has existed in every known human society. Like a metaphor, is seems to be everywhere: sometimes active and obvious, at other times fragmentary, dormant, and tacit. We encounter it not just in novels and conversations but also as we look around a room, wonder about an event, or think about what to do next week. One of the important ways we perceive our environment is by anticipating and telling ourselves mini-stories about that environment based on stories already told. Making narratives is a strategy for making our world of experiences and desires intelligible. It is a fundamental way of organizing data.”2 (Edward Branigan 1992)

In diesem Zusammenhang führt Branigan acht verschiedene Ebenen von Narration ein.3 Während die ersten, oberen vier Ebenen dieser Hierarchisierung von einem Erzähler Gebrauch machen, der dem Zuschauer die fiktionale Welt schildert, leben die übrigen, unteren vier Ebenen von den Figuren. Da diese aber in ihrer Welt gefangen sind, können sie nicht auf die gleiche Weise mit dem nicht-fiktionalen Zuschauer interagieren wie ein Erzähler. Folglich ist diese figurenbezogene Art der Erzählung nur über das jeweilige (Er)Leben einer Figur fassbar. An dieser Stelle etabliert Branigan den Begriff der Fokalisierung als die Darstellung der Bewusstheit, die eben jenen Figuren inhärent ist.

Dieser Darstellung möchte ich mich im Folgenden widmen und der Fragestellung nachgehen, wie genau sie das Verständnis des Zuschauers beeinflusst. Gegenstand der dafür erforderlichen Analyse wird die Serie MISFITS sein, welche ich zunächst kurz vorstellen werde. Anhand zweier dieser Serie entnommenen Beispiele gilt es dann die verschiedenen Ebenen und die aus ihnen folgenden Möglichkeiten von Fokalisierung zu untersuchen, damit abschließend die These bestätigt werden kann, dass der Einsatz von Fokalisierung die Fähigkeit des Betrachters zur Interpretation der Narration erheblich einschränkt.

2. Misfits

Die von Howard Overman kreierte britische Serie MISFITS, deren Erstausstrahlung am 12. November 2009 auf dem Sender E4 erfolgte, handelt von der gemeinsamen Sozialarbeit der geringfügig kriminellen Jugendlichen Alisha, Curtis, Kelly, Nathan und Simon. Ihre Arbeit wird allerdings durch die Tatsache verkompliziert, dass sie während eines plötzlichen Unwetters allesamt von einem Blitz getroffen werden, woraufhin sie unterschiedliche übernatürliche Kräfte ausbilden. Die jeweiligen Superkräfte stehen dabei in enger Verbindung zu den eindrücklichsten Eigenschaften ihrer Besitzer.

So vermag die verführerische Alisha Daniels nach dem Sturm in jedem, den sie berührt, äußerste sexuelle Erregung auszulösen. Curtis, auf der anderen Seite, mit dem Alisha während der ersten Staffel eine Beziehung eingeht, findet heraus, dass er die Zeit zurückdrehen kann. Diese Kraft kann auf die Reue zurückgeführt werden, die Curtis Donovan ob der Tatsache empfindet, dass er seine vielversprechende Läuferkarriere mit einem missglückten Drogendeal selbst beendet hat. Ähnlich verhält es sich bei den anderen Charakteren. Die sehr ungezwungene Kelly Bailey, die vor allem wegen ihres rüden Akzents von nahezu allen für eine Proletin gehalten wird, entdeckt, dass sie durch den Blitzeinschlag die Gedanken ihrer Mitmenschen hören kann, was oftmals zutiefst verletzend für sie ist. Noch mehr hat der ausgesprochen introvertierte Simon Bellamy zu leiden. Er erlangt die Fähigkeit zur Unsichtbarkeit, da er überhaupt nur sehr selten wahrgenommen wird.

Bis die Misfits ihre Verwandlung bemerken und teilweise zu beherrschen lernen, treten all diese Superkräfte recht willkürlich auf. Nur der unheilbar unverschämte Nathan Young scheint eingangs außen vor geblieben zu sein. Tatsächlich bemerkt er seine Unsterblichkeit nur durch seinen ersten Tod und die damit einhergehende Beerdigung. Bald erfahren die fünf zudem, dass neben ihnen noch andere Personen dem Sturm ausgesetzt waren und in dessen Folge ebenfalls verschiedene Kräfte ausgebildet haben, wodurch nicht wenige schwierige Situationen provoziert werden. Auffällig an diesen Konflikten ist vor allem die sex- und gewaltgeladene Atmosphäre, die das Leben der unteren Mittelklasse Englands zu beherrschen und jede einzelne Episode der Serie zu untermalen scheint.4

Die Mischung dieser zynischen Sozialkritik mit einem recht harschen Britischen Humor, machte MISFITS in England zu einem enormen Erfolg und verhalf der von Kate Crowe produzierten Serie 2010 zu dem BAFTA Television Award als Best Drama Series.

Anhand dieser möchte ich nun den Einsatz sowie den Einfluss von Fokalisierung untersuchen.

3. Fokalisierung nach Edward Branigan

Wie in der Einleitung bereits beschrieben, handelt es sich bei der Fokalisierung um einen von Edward Branigan geprägten Begriff, der das Erleben bzw. die Wahrnehmung von Figuren in einer Narration meint. Die Informationsvermittlung, die sich somit stark von der des Erzählers unterscheidet, kann dabei auf verschiedene Arten erfolgen.

Eine Erste ist die der Nicht-Fokalisierung.5 Sie ist die oberflächlichste, da sie sich nur auf Handlungen und Äußerungen einer Figur beschränkt, ohne einen tieferen Einblick in ihr Bewusstsein zu gewähren. Daraus ist jedoch nicht zu schlussfolgern, dass diese primäre Ebene eine weniger wichtige ist - im Gegenteil. Innerhalb der „neutralen oder unfokalisierten Erzählung“,6 nimmt die Figur die Position eines Handlungsträgers ein. Figur und Handlung stehen damit in einer ausgeprägten Wechselwirkung zueinander, d.h. sie definieren sich gegenseitig. Das hier zugrunde liegende Schema von fokussierter7 Kausalität, also von Aktion und Reaktion, ist fundamental für das Verständnis des Zuschauers.

Über die Nicht-Fokalisierung hinaus, kann eine Figur vom Handlungsträger bzw. „Fokus einer Kausalkette auch zur Informationsquelle“8 einer solchen werden. An dieser Stelle hat die Figur sowohl die Möglichkeit als Erzähler wie auch als Fokalisator aufzutreten. Die Art eines Erzählers Informationen zu vermitteln ist an seinem Namen erkennbar, doch was macht einen Fokalisator aus?

Branigan beantwortet diese Frage wie folgt:

“Focalization (reflection) involves a character neither speaking (narrating, reporting, communicating) nor acting (focusing, focused by), but rather actually experiencing something through seeing or hearing it.”9 (Edward Branigan 1992)

Anstatt also wie ein den oberen vier Narrationsebenen angehöriger Erzähler zu sprechen oder wie ein in der fünften Ebene einzuordnender Handlungsträger zu handeln, kommuniziert der Fokalisator das Erlebte, das Gesehene und Gehörte auf anderem Wege.10

Dies kann er durch die externe oder durch die interne Fokalisierung tun.

3.1 Externe Fokalisierung (Staffel 1, Episode 1, 17:06-18:40)

Wie der Name vermuten lässt, ermöglicht die externe Fokalisierung dem Zuschauer einen äußeren Einblick in das Bewusstsein einer Figur, was anhand der ersten Folge der ersten Staffel von MISFITS veranschaulicht werden soll.

Die fragliche Szene ereignet sich ein Tag nach Beginn der Sozialstunden, an dem die Auswirkungen des Sturms langsam bemerkbar werden. Sie beginnt kurz nachdem der Sozialarbeiter Tony die Mobiltelefone der straffällig gewordenen Jugendlichen eingesammelt hat, mit einem Schnitt von einer Großaufnahme seines Gesichts zu einer Nahaufnahme Alishas, die sich wie die neben ihr stehende Kelly gerade in einer Art Umkleideraum zurecht macht [TC 00:17:06]. Kurz darauf fokussiert die Kamera jedoch auf den sich im Hintergrund befindenden Simon, der in gebückter Haltung etwas noch nicht Erkenntliches vom Boden aufliest. Diese Einleitung in die Szene, verdeutlicht bereits das zu Beginn der Serie vorherrschende Beziehungsgefüge. Während die anderen vier Charaktere hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt, aber trotzdem im Austausch mit einander begriffen sind, steht Simon völlig außerhalb ohne überhaupt wahrgenommen zu werden. Dieses mangelnde Interesse der Umwelt an ihm, hat einen prägenden Einfluss auf seine gesamte Person, um die es in der Szene gehen soll, was mit dem Schnitt auf Simon in einer halbnahen Einstellung endgültig klar wird.

Dieser richtet sich langsam auf. Seinem Gesicht ist Verwirrung ob der gerade gefundenen blutverschmierten Cap zu entnehmen. Er blickt zu den anderen auf, um sie auf seine Entdeckung aufmerksam zu machen. Zögernd streckt er die Hand mit der Cap aus und fragt:

„Isn’t this Gary’s cap?“. Schon hier handelt es sich um eine externe Fokalisierung, die dem Zuschauer durch Simons Gesichtsausdruck und Körperhaltung seine persönliche Wahrnehmung zeigt. Der so entstehende Eindruck von tiefer Verunsicherung wird außerdem durch den Ton unterstützt. Obwohl sich der Fokus der Kamera schnell auf Simon verlagert, bleibt das Gespräch, in das die anderen Charaktere ab Beginn der Szene verwickelt sind, hörbar. Es handelt sich hierbei um einen passiven Offscreen Sound, der subtil die Präsenz einer Gruppe, zu der Simon offensichtlich (noch) nicht gehört, bezeugt. Zudem erzeugt das leicht gedämpfte Gespräch einen Kontrast zu der visualisierten Stimme Simons, die unerwartet hallt. Sie regt die Assoziation eines leeren, abgeschlossenen Raumes an, was dem Zuschauer nochmals die soziale Isolation vor Augen führt. Dazu trägt auch der auffällige Weichzeichner bei, von dem in der gesamten Serie ausgiebig Gebrauch gemacht wird. Durch ihn befindet sich einzig und allein Simon im Fokus, während seine Umgebung deutlich weniger scharf ist, was ihn abermals abgeschottet wirken lässt.11

Nun wird mittels eines Eyeline-Match wieder auf die anderen Figuren geschnitten. Während der Zuschauer eben noch Simons Mimik und Gestik verfolgt hat, sieht er jetzt aus einem Over-Shoulder-Shot was sich in einer Halbtotalen vor Simon befindet; nämlich die von ihm abgewandten Kelly, Alisha und Nathan.12 Dieser Eye-Line-Match und der folgende Over- Shoulder-Shot offenbaren einen weiteren externen Einblick in Simons Bewusstsein, indem ersichtlich wird, was Simon höchstwahrscheinlich gerade sieht. Da es sich nicht um einen Point-of-View-Shot handelt, d.h. keine individuelle Perspektive eingenommen, sondern nur über eine Schulter gespäht wird, kann der Zuschauer nicht vollkommen sicher sein, dass Simon tatsächlich gerade die übrigen Figuren betrachtet. Gleichwohl offenbart diese äußere Fokalisierung, dass trotz seiner Frage noch immer niemand von ihm Notiz nimmt. Stattdessen sind die anderen Charaktere fortwährend in ihr Gespräch vertieft. An dieser Stelle setzt zudem erstmals die leichte Kamerabewegung ein, was die Vermutung nahe legt, dass neben einer fixierten Kamera zusätzlich mit einer Handkamera gedreht wurde, um Simons verspürte Ungewissheit in der Situation abzubilden.

[...]


1 Der hier behandelte Begriff der Fokalisierung ist nämlich nicht vollkommen deckungsgleich mit dem 1972 von Gérard Genette geprägten Begriff, der der Erzähltheorie in der Literatur entstammt. Gleichwohl bildet sie die Grundlage der Theorie Branigans.

2 Siehe Edward Branigan, Narrative comprehension and film, London 1992, S. 1.

3 Siehe Seite 16, Anhang, Bild 2.

4 Bezüglich dieser gesellschaftskritischen Thematik steht die Serie ganz in der Tradition des Free Cinema und der New Wave-Bewegung des britischen Films, die sich in den 1950er und 1960er Jahren gegen das etablierte Qualitätskino und für einen sozial bzw. politisch engagierten Film, der sich mit den Problemen der Arbeiterklasse beschäftigen sollte, einsetzten.

5 Da die Nicht-Fokalisierung nicht wirklich die Wahrnehmung einer Figur darstellt, werde ich sie nur der Vollständigkeit halber und zum besseren Verständnis der nachfolgenden Ebenen anreißen, obgleich eine tiefgreifende Analyse auch hier zweifelsohne interessant wäre.

6 Vgl. Edward Branigan, Narrative comprehension and film. London 1992, S. 101.

7 Fokussiert bedeutet hier, dass die Kausalketten auf ein Zentrum, z.B. auf den Protagonisten als Handlungsträger, ausgerichtet bleiben.

8 Vgl. Edward Branigan, Narrative comprehension and film. London 1992, S. 101.

9 Ebd., S. 101.

10 Selbstverständlich können die verschiedenen Ebenen miteinander interferieren, sodass auch eine Figur als (diegetischer) Erzähler fungieren kann, was allerdings ein Rückgriff auf die oberen Ebenen der Narration wäre, um die es hier nicht gehen soll.

11 Siehe S. 17, Anhang, Bild 3.

12 Siehe S. 17, Anhang, Bild 4.

Details

Seiten
19
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668157972
ISBN (Buch)
9783668157989
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v316838
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Theaterwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
tv-serie misfits erzähltechnik fokalisierung edward branigan beeinflusst narration zuschauerverständnis

Autor

Zurück

Titel: Die TV-Serie "Misfits" und die Erzähltechnik der Fokalisierung nach Edward Branigan. Beeinflusst die Narration das Zuschauerverständnis?