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Das Mensch-Tier-Verhältnis. Funktionen und Geschlechter-Unterschiede in der Beziehung zu Tieren und mögliche Folgen ihres Einsatzes in der Sozialen Arbeit

Seminararbeit 2015 17 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Beziehung zwischen Mensch und Heimtier in Deutschland
2.1. Begriffsklärung „Heimtier“
2.2. Die Funktion der Beziehung
2.3. Die Mensch-Tier-Beziehung in einer veränderten Gesellschaft

3. Gender in der Mensch-Tier-Beziehung
3.1. Begriffsklärung „Gender“
3.2. Gender in der Beziehung von Kindern zu Heimtieren
3.3. Gender in der Beziehung von Erwachsenen zu Heimtieren

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

"Ein Tier macht dem Herzen wohl."

Walther von der Vogelweide

Das Verhältnis von Mensch und Tier ist ein ständig präsentes Thema in den Medien und mittlerweile Gegenstand vieler Filme, Bücher, Fachzeitschriften und Diskussionsrunden. Es ein Thema, das sehr kontrovers diskutiert wird. Bestimmte Tierarten werden von uns als Heimtiere gehalten, umsorgt und beschützt werden und andere werden geschlachtet und verspeist. Das Verhältnis zum Tier scheint somit ambivalent zu sein.

Das Mensch-Tier-Verhältnis befindet sich in einem Wandel. Die erkennt man schon alleine daran, dass der Vegetarismus und Veganismus in den letzten Jahren einen regelrechten Boom erfahren hat. Es kommen immer mehr fleischlose Produkte auf den Markt. „Veggi“ scheint „IN“ zu sein.

Im folgenden Portfolio möchte ich mich deshalb mit diesem Thema beschäftigen. Im ersten Teil der Arbeit gehe ich der Frage nach, was man unter der Beziehung zwischen Mensch und Heimtier verstehen, welche Funktion diese haben und wie sie in der heutigen Gesellschaft aussehen könnte.

Im zweiten Teil betrachte ich die Geschlechtsunterschiede in der Mensch-Tier-Beziehung und möchte im Fazit der Frage nachgehen, was die Mensch-Tier-Beziehung für die Soziale Arbeit mit Tieren bedeuten könnte.

2. Die Beziehung zwischen Mensch und Heimtier in Deutschland

Laut Buchner-Fuhs und Rose nimmt die Anzahl der Heimtiere in den Industrieländern stetig zu (vgl. Buchner-Fuhs/Rose 2012: 16). Dabei stützen sie sich auf Angaben des Industrieverbands Heimtierbedarf, laut dem im Jahr 2007 ca. 23,2 Millionen Heimtiere, zuzüglich Zierfische und Terrarientiere, in deutschen Haushalten lebten (vgl. Industrieverbands Heimtierbedarf o.J., zit. n. Buchner-Fuhs/Rose 2012: 16). Laut den veröffentlichen Angaben des Verbandes waren es im Jahr 2014 28,5 Millionen Heimtiere, ein Zuwachs von 5.3 Millionen (Industrieverband Heimtierbedarf 2014). Angesichts der Tatsache, dass in 38 % (ebd.) der deutschen Haushalte Tiere gehalten werden, ist es interessant, sich mit der Beziehung zu diesen Tieren genauer auseinander zu setzen.

2.1. Begriffsklärung „Heimtier“

Bevor ich mich mit dem Thema genauer befasse, möchte ich vorweg aufzeigen, was unter dem Begriff „Heimtier“ verstanden werden kann.

Unter einem Heimtier kann, nach Ulrike Pollack, ein biografischer Akteur verstanden werden, der mehr oder weniger in den Haushalt von Personen eingegliedert ist, einen Namen erhält und nach seinem Tod nicht verzehrt wird (vgl. Pollack 2009, zit. n. Simeonov 2014: 13). Das Tier wird hierbei als unterlegener Sozialpartner wahrgenommen, mit dem die Personen in soziale Interaktion treten (vgl. Pollack 2009, zit. n. Simeonov 2014: 13). Das Tier wird, so Franklyn, von den Personen als „Special Children“ in deren Gruppe aufgenommen (vgl. Franklyn 1999, zit. n. Simeonov 2014: 13). Es akzeptiert diese dann als ranghöhere Mitglieder (vgl. ebd.).

Maria Simeonov fasst Folgendes unter dem Begriff „Haustier“ zusammen:

„Ein Heimtier ist ein in einen Haushalt eingegliedertes Tier, welches mit einem oder mehreren Menschen, als unterlegener Sozialpartner in einem asymmetrischen Beziehungsverhältnis steht. Das Tier wird dabei als biografischer Akteur wahrgenommen, dessen Anschaffung und Haltung primär aus nicht ökonomischen Gründen heraus gerechtfertigt wird.“ (Simeonov 2014: 14).

Eine weitere Definition untermauert diese Idee. Nach Thomas und Fudge unterscheidet sich das Haustier von anderen Tieren dadurch, dass es im Wohnhaus des Menschen lebt und von ihm nicht gegessen wird (vgl. Thomas 1983/ Fudge 2002, zit. n. Breittruck 2012: 132).

2.2. Die Funktion der Beziehung

Mensch und Tier standen schon immer in einer speziellen Beziehung zueinander. Dies wird belegt durch Höhlenmalereien, Aufzeichnungen in Schriftrollen und andere Berichte (vgl. Vernooij 2009: 158). Vernooji gibt an, dass sich das Verhältnis zwischen Mensch und Tier im Laufe der Zeit sehr gewandelt hat, vom Kampf mit dem Tier, über dessen Beherrschung und Nutzung, die Domestikation und die stellenweise Vermenschlichung von bestimmten Tierarten (vgl. ebd.). Nach Vernooji bewegte sich diese Beziehung im Laufe der Zeit zwischen zwei Formen: der „Kontrolle und Funktionalisierung des Tieres einerseits, der emotionalen Hinwendung und Vereinnahmung des Tieres andererseits“ (ebd.).

Eine Idee zur Klärung der Mensch-Tier-Beziehung ist die Biophilie-Hypothese nach Wilson (1984) und Kellert (1993). Vernooij beschreibt sie als das Bedürfnis des Menschen nach Beziehungen zum Lebendigen, also zu Tieren und Pflanzen, aber auch zu Landschaften und Ökosystemen (Vernooij u. Schneider 2008, zit. n. Vernooji 2009:159). Kellert unterscheidet in seiner Analyse der Mensch-Tier-Beziehung neun Kategorien als Grundlage für die Hinwendung des Menschen zur belebten und unbelebten Natur (vgl. Vernooij 2009: 159). Vernooij betrachtet vier von ihnen näher: die utilisarische, die symbolische, die humanistische und die Dominanz-Kategorie (vgl. ebd.). Sie gibt an, dass diese v.a. in Bezug auf die Heimtierhaltung bedeutsam erscheinen (vgl. ebd.).

Die utilisarische Funktion des Heimtieres umfasst die Grundbedürfnisse des Menschen wie die Sicherung des Überlebens durch das Heimtier (z.B. Tierzüchter, die mit den Tieren ihren Unterhalt verdienen), den Schutz des Menschen und dessen Bedürfnisbefriedigung (vgl. Simeonov 2009: 33f). Vernooji nennt vier Bedürfniskomplexe, die durch Tier befriedigt werden können, nämlich der vitale, materiale, individuale und soziale Komplex (Vernooij 2009: 164).

Simeonov beschreibt die symbolische Funktion der Mensch-Tier-Beziehung als „Aspekt der Vermittlung von kulturell geprägten Inhalten durch ein Tier“ (Simeonov 2009: 38). Die kulturelle Konstruktion eines Tieres und dessen Zuschreibung von Ansehen überträgt sich hierbei nicht selten auch auf den Halter des Tieres, der somit seiner Außenwelt Botschaften senden kann (vgl. ebd.). Als Beispiel lässt sich hier der Kampfhund nennen, der im richtigen Kontext eher ablehnende Botschaften signalisieren kann, als der Chihuahua, der durch Paris Hilton geprägt, eher als Statussymbol der gehobenen Schicht gesehen werden kann (vgl. ebd.). Das Heimtier nimmt somit durch seine symbolische Funktion den Wert eines Status- und Prestigeobjekts ein (vgl. ebd.: 39). Simeonov gibt an, dass die Heimtierhaltung an sich, bis auf wenige Ausnahmen, von außen her positiv betrachtet wird (vgl. ebd.) und die Halter von Tieren im Vergleich zu tierlosen Menschen als freundlicher, lebenslustiger und interessanter eingestuft werden (Greifenhagen 2007, zit. n. Simeonov 2009: 39). Das Auftreten einer Kommunikation mit ihnen ist wahrscheinlicher (vgl. ebd.).

Die humanistische Funktion bezieht sich auf das bereits erwähnte Sozialbedürfnis und dessen Befriedigung auf einer allgemeineren Ebene (vgl. Simeonov 2009: 40). Das Tier wird von Simeonov als „die Projektion der guten Seiten der Sozialität, die Dauerhaftigkeit, Treue, Verständnis und nicht zuletzt bedingungslose Liebe […]“ beschrieben (Pohlheim 2006, zit. n. Simeonov 2009: 40). Dadurch entstehe für viele Tierbesitzer das Gefühl, so Simeonov, dass ihre Bindungen zu Tieren dauerhafter und ehrlicher seien, als zu Menschen (vgl. Simeonov 2009: 40). Den Besitzern wird somit ermöglicht, sich einem Wesen zu öffnen, es zu versorgen, was v.a. für die Menschen wichtig sein könnte, die sonst keinen oder kaum soziale Kontakte pflegen wollen oder können (vgl. ebd.). Das Tier wird somit für die zum „festen Ankerpunkt im Leben“ (Simeonov 2009: 40). Ein wichtiger Ansatzpunkt in der Pädagogik, ist der von Schopenhauer angeführte „Effekt der Veredlung des menschlichen Geistes durch das Kultivieren des Einfühlungsvermögens in ein Tier“ (vgl. Greifenhagen 2007, zit. n. Simeonov 2009: 40). Das Heimtier kann somit als Ort genutzt werden, in dem Empathie geübt und verfeinert wird (vgl. Simeonov 2009: 40f).

Tierhaltung kann, wie bereits beschrieben als partnerschaftliche Beziehung zwischen Mensch und Tier betrachtet werden oder, wie Herzog es beschreibt als Möglichkeit die Natur und die Umwelt zu dominieren und den eigenen Willen durchzusetzen (vgl. Herzog 2010, zit. n. Simeonov 2009: 41). Diese Art der Beziehung zwischen Mensch und Tier findet sich in der Dominanz-Funktion der Mensch-Tier-Beziehung wieder (vgl. ebd.: 41). Auch wenn, laut Simeonov, bei extremer Dominanz die Gefahr von Tierquälerei besteht, sei es trotzdem eine normale Ausprägung der Beziehung dem Tier gegenüber und bei manchen Tierarten, wie dem Hund, sogar notwendig, um ihm einen festen Handlungsspielraum zu ermöglichen (vgl. ebd.). Weiterhin gibt sie an, dass vor allem für Besitzer, die sich sonst eher fremdbestimmt fühlen, das Tier ein Ort sein kann, in dem sie ihre Dominanz ausleben können. So kann das Gefühl entstehen „wenigstens irgendwas mit Sicherheit zu kontrollieren“ (Simeonov 2009: 41).

Nach Monika Vernooji sind die oben genannten Funktionen auch auf die Beziehungen zwischen Menschen übertragbar (vgl. Vernooji 2009: 159). Auf diesem Verhältnis basiere ein zweiter möglicher Ansatz, um das Mensch-Tier-Verhältnis zu klären, das Konzept der „Du-Evidenz“ nach Geiger (vgl. ebd.). Der Begriff, von Bühler 1922 für Beziehungen zwischen Menschen entwickelt, wurde von Geiger auf die Beziehungen zwischen Menschen und Tieren übertragen (vgl. ebd.). Nach Vernooji entsteht die Du-Evidenz im „persönlichen Erleben mit anderen Lebewesen – Mensch oder Tier – aufgrund der subjektiven Einstellung zu ihm und der damit verbundenen Gefühle“ (Vernooji 2009: 159f). Diese sei somit das Ergebnis sozioemotionaler Prozesse, die Voraussetzungen für Empathie sein könnten (vgl. Vernooji u. Schneider 2008, zit. n. Vernooji 2009: 160) und basiere auf der Annahme von Ähnlichkeiten (vgl. Vernooji 2009: 160). Greifenhagen formuliert die Du-Evidenz als eine Beschreibung der Tatsache, „dass zwischen Menschen und höheren Tieren Beziehungen möglich sind, die denen entsprechen, die Menschen unter sich […] kennen“ (Greifenhagen 1991, zit. n. Vernooji 2009: 160).

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Details

Seiten
17
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668163744
ISBN (Buch)
9783668163751
Dateigröße
784 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v317087
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,7
Schlagworte
Gender Tier Haustier Mensch-Tier Vegetarismus veggi vegan

Autor

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