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Das Wesen der Fotografie in den Essays von Roland Barthes und Walter Benjamin

Eine vergleichende Analyse

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 29 Seiten

Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vergleich ausgewählter Aspekte des Essays „Die helle Kammer“ von Roland Barthes mit Aspekten der Essays „Kleine Geschichte der Photographie“ und „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner Reproduzierbarkeit“ von Walter Benjamin
2.1. Die unterschiedlichen Betrachtungsperspektiven der Fotografie bei Roland Barthes und Walter Benjamin
2.2. Was passiert beim fotografischen Akt?
2.3. Die Rolle von Fotograf und Chemie bzw. Licht beim fotografischen Akt
2.4. Die Rezeption von Fotografien
2.5. Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Begriffe „punctum“ und „Aura“
2.5.1. Das Spezifische des punctums einer Fotografie
2.5.2. Der Zeitfaktor im punctum
2.5.3. Das Spezifische der Aura einer Fotografie
2.5.4. Ein Vergleich von punctum und Aura
2.6. Die Wesensmerkmale der Fotografie

3. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Bedeutung der Erfindung der Fotografie für die Menschheit ist unumstritten groß. Aber was ist Fotografie eigentlich? Was passiert beim Fotografieren? Was grenzt das Medium Fotografie von anderen Bilddarstellungen ab?

Mit diesen Fragen haben sich seit der Erfindung der Fotografie in den 30-iger Jahren des 19. Jahrhunderts immer wieder Theoretiker auseinandergesetzt. Die Werke von zwei der bedeutendsten Persönlichkeiten für die Etablierung einer Theorie über Fotografie sollen in dieser Arbeit analysiert und anhand ausgewählter Aspekte miteinander verglichen werden.

Dabei handelt es sich zum einen um das Buch „Die helle Kammer“ von Roland Barthes. Dieser Text soll verglichen werden mit den Essays „Kleine Geschichte der Photographie“ und „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner Reproduzierbarkeit“ (im Folgenden „Kunstwerkaufsatz“ genannt) von dem Kritiker und Essayisten Walter Benjamin.

In einem ersten Schritt soll die unterschiedliche Herangehensweise der beiden Autoren an das Medium Fotografie und die sich daraus ergebenden unterschiedlichen Perspektiven erläutert werden.

Nachfolgend soll analysiert werden, was nach Ansicht von Roland Barthes bzw. Walter Benjamin beim fotografischen Akt, also im Moment der Aufnahme eines Gegenstands bzw. einer Person durch die Kamera, geschieht.

Daran anschließend soll untersucht werden, welche Rolle bzw. Verantwortung dem Fotografen und der Chemie bzw. des Lichts bei der Entstehung eines Fotos aus der Perspektive der beiden Autoren zugeschrieben wird.

Der nächste Analyseaspekt gilt den Gedanken von Roland Barthes und Walter Benjamin zur Rezeption von Fotografien durch den Betrachter.

Daran anknüpfend soll der von Roland Barthes entwickelte Begriff des „punctums“ mit dem von Walter Benjamin geprägten Begriff der „Aura“ eines Fotos verglichen werden. Dabei soll herausgestellt werden, ob es einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Begriffen gibt und welche wesentlichen Unterschiede bestehen.

Der letzte Untersuchungsaspekt widmet sich den Erkenntnissen von Roland Barthes und Walter Benjamin zum Wesen der Fotografie. Es soll herausgearbeitet werden, durch welche entscheidenden Merkmale sich die Fotografie nach Auffassung der beiden Autoren von anderen bildhaften Darstellungen abgrenzt.

Walter Benjamin führt in seinen beiden Aufsätzen über die Fotografie, vor allem jedoch im „Kunstwerkaufsatz“, auch Thesen über das Medium Film aus. Da es sich bei dieser Arbeit aber um eine rein fototheoretische Betrachtung handelt, wird auf diese Gedanken nicht eingegangen werden.

2. Vergleich ausgewählter Aspekte des Essays „Die helle Kammer“ von Roland Barthes mit Aspekten der Essays „Kleine Geschichte der Photographie“ und „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner Reproduzierbarkeit“ von Walter Benjamin

2.1. Die unterschiedlichen Betrachtungsperspektiven der Fotografie bei Roland Barthes und Walter Benjamin

Die Ausgangsbasis der Untersuchung des Mediums Fotografie in Roland Barthes´ Buch „Die helle Kammer“ bilden einige wenige, willkürlich ausgewählte Fotografien, die für ihn existieren. Er betrachtet diese Fotografien und versucht zu analysieren, welche persönlichen Gefühle er mit ihnen assoziieren kann. Er geht somit bei der Betrachtung der Fotografien von sich selbst als Subjekt aus und untersucht, wie die einzelnen Fotos auf ihn wirken und warum sie gerade diese Wirkung besitzen. Roland Barthes stützt sich dabei auf die Methode der Phänomenologie, welche die Lehre von den Erscheinungen bezeichnet. Mit Hilfe dieser Methode versucht er herauszufinden, was sein Bewusstsein beim Betrachten der Fotos ihm über das Wesen der Fotografie mitteilt. Indem er das Individuum „Roland Barthes“ als Erkenntnispunkt seiner Theorie einsetzt, grenzt er sich klar und deutlich sowohl zur soziologischen Sichtweise von Pierre Bourdieu als auch zur historischen und technischen Sichtweise von Walter Benjamin ab. Roland Barthes benutzt eine ahistorische Betrachtungsmethode. Er untersucht die Fotografie in der Gegenwart und aus der Sache selbst heraus.

Sein Buch ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil versucht Barthes, das Wesen der Fotografie im Referenten des Fotos zu finden. Dabei nimmt er seine Betroffenheit von einigen Fotografien als Leitfaden für seine Analyse und versucht daraus eine allgemeinverbindliche Theorie zu entwickeln. Ausgangspunkt ist somit das, was ihn im Foto berührt. Bei seiner Betrachtung verschränkt Barthes das „Bildwerden“ und „Bildbetrachten“ miteinander, d.h. er kombiniert die beiden Sichtweisen des „eidolons“ und des „spectators“. Er geht von sich als Subjekt und Objekt der Erfahrung aus und untersucht das Wesen der Fotografie aus dieser Perspektive. Somit schließt Barthes die Sichtweise des „operators“, also des Fotografen aus, weil er als solcher keine Erfahrungen gesammelt hat.

Im zweiten Teil stellt Roland Barthes´ Mutter die zentrale Figur dar. Er reduziert seine Untersuchung auf das eine Bild seiner Mutter als fünfjährige im Wintergarten, das er uns nicht zeigt. Barthes nimmt nun nur noch die Rolle des „spectators“ ein, um in dieser Fotografie das Wesen seiner Mutter zu suchen.

Walter Benjamin dagegen betrachtet die Fotografie in erster Linie in ihrem historischen und technischen Kontext. Er geht zunächst bei seiner Analyse der Fotografie in der „Kleinen Geschichte der Photographie“, ähnlich wie Roland Barthes, von einigen ausgewählten Fotografien aus, die er zu interpretieren versucht. Dabei lässt sich feststellen, dass das Essay „Kleine Geschichte der Photographie“ grundsätzlich aus zwei Teilen besteht. Im ersten Teil untersucht Benjamin die historische und technische Entwicklung der Fotografie anhand der alten Porträtfotografie, welche für ihn die Daguerreotypie darstellt. Er entwickelt seine Theorie über die Entstehung, die Blütezeit und den Verfall der Fotografie aus seiner Erfahrung bei der Betrachtung der ihm vorliegenden Bildbände und der Interpretation ausgewählter Fotografien heraus. Die Grundlage des zweiten Teils bilden zeitgenössische Fotografien, wie z.B. die Fotografien von August Sander. Sander stellt für Benjamin ein Beispiel für eine Art neuer Porträtfotografie dar. Bindeglied zwischen der alten und der neuen Porträtfotografie und somit auch zwischen den beiden Teilen ist der Fotograf Atget, der nur menschenleere Straßen im Paris um 1900 fotografiert hat. Anhand der Fotografien von Atget beschreibt Benjamin den Wiederaufstieg der Fotografie. Auf einer 3. Ebene benutzt er die Fotografie, um „zu Einsichten zu gelangen, die über die Photographie hinausreichen“[1]. Dabei hat Benjamin in erster Linie die Gesellschaft und deren Veränderung im Blick. Er setzt die Fotografie zu anderen kulturellen Erscheinungen, wie z.B. die Psychoanalyse, in Beziehung.

Die in der „Kleinen Geschichte der Photographie“ entwickelten Begriffe, wie z.B. Aura und Reproduktion, sind Ausgangspunkte für den „Kunstwerkaufsatz“ und werden dort weiterentwickelt. Im „Kunstwerkaufsatz“ wird die Fotografie weniger als eigenständiges produktives Medium angesehen, sondern sie wird in ihrer Eigenschaft als unselbständiges Medium der technischen Reproduktion, vor allem von Kunstwerken, untersucht. In der „Kleinen Geschichte der Photographie“ war die Fotografie noch Hauptgegenstand der Untersuchung, während sie im „Kunstwerkaufsatz“ nur eine dienende Rolle einnimmt. Benjamin erforscht im ersten Teil des „Kunstwerkaufsatzes“, wie sich der Gesamtcharakter der Kunst durch den Einfluss der Fotografie verändert hat. Der zweite Teil dient hauptsächlich der Entwicklung einer Filmtheorie.

Trotz der unterschiedlichen Ansätze und Betrachtungsperspektiven von Roland Barthes und Walter Benjamin lassen sich einige Gemeinsamkeiten in ihrer Herangehensweise an die Fotografie feststellen. Zum einen machen beide Autoren die Porträtfotografie oder porträtähnliche Darstellungen zum Gegenstand ihrer Untersuchung. Sie beschäftigen sich beide mit dem menschlichen Antlitz und dessen Bildwerdung. Zum anderen verwenden beide, sowohl Barthes als auch Benjamin allegorische Bilder, um ihre Theorie zu entwickeln. Benjamin führt unter anderem die Begriffe „Aura“ und „das Hier und Jetzt“ in seine Sprache ein, während Barthes die Begriffe „operator“, „spectator“, „eidolon“ sowie „studium“ und „punctum“ zur Verdeutlichung seiner Fototheorie einsetzt. Roland Barthes´ Sprache ist jedoch, im Gegensatz zu der Sprache Walter Benjamins, fast distanzlos. Er bildet seine Begriffe aus der täglichen Erfahrungswelt heraus und erklärt sie so dem Leser, während Benjamin es größtenteils dem Leser überlässt, eigene Assoziationen zu entfalten.

Beide Autoren entwickeln ihre Theorie über die Fotografie, indem sie ihr Ausgangsthema immer mehr umkreisen, um es einzukreisen, es um neue Themen erweitern und so immer wieder neue Blickrichtungen entdecken. Dem Leser entsteht so der Eindruck, dass sowohl Roland Barthes als auch Walter Benjamin ihre Theorie mit ihm gemeinsam entwickeln.

2.2. Was passiert beim fotografischen Akt?

Die chemische Entstehung eines Fotos ist jedem bekannt: Lichtstrahlen treffen im Fotoapparat auf die lichtempfindliche Schicht des Filmmaterials, auf der sie ein Bild der vor der Kamera befindlichen Gegenstände erzeugen. Es entsteht ein latentes Bild, welches durch den fotochemischen Prozess des Entwickelns sichtbar gemacht wird.

Doch was passiert mit dem fotografierten Menschen im Moment der Aufnahme durch den Fotoapparat? Wie verhält er sich und was empfindet er bei der Entstehung seines Abbilds?

Roland Barthes stellt in seinem Buch „Die helle Kammer“ fest, dass ein Mensch sofort eine „posierende“ Haltung annimmt, sobald er weiß, dass er fotografiert wird. Für ihn sind in dem Begriff „Pose“ vier imaginäre Größen enthalten: „Vor dem Objektiv bin ich zugleich der, für den ich mich halte, der, für den ich gehalten werden möchte, der, für den der Photograph mich hält, und der, dessen er sich bedient, um sein Können vorzuzeigen.“[2] Barthes versucht immer, das „kostbare Wesen“[3] seiner Individualität ins Foto zu übertragen. Er möchte auf den Fotos mit seinem „Ich“ übereinstimmen, so dass er sich später auf den Fotos wieder erkennen kann. Dazu muss er aber, seiner Ansicht nach, die vier imaginären Größen miteinander in Einklang bringen. Dies ist jedoch unmöglich, da eine Pose eine Metamorphose von sich selbst ist und man nie weiß, wie man hinterher auf dem Foto aussieht, ob man „ein unsympathisches Individuum“ oder einen „prima Burschen“[4] darstellen wird. Die Fotografie kann einen Menschen nicht wie ein Gemälde verschönern. Bei einem Gemälde kann ein Mensch „mit edler Miene, versonnen und intelligent“[5] dargestellt werden, d.h. der Maler kann direkt auf das Äußere einwirken und so versuchen, das Wesen eines Menschen herauszustellen. Bei der Fotografie kann der Abzubildende seine äußere Wirkung nicht beeinflussen. Die Persönlichkeit eines Menschen kommt von innen heraus. Es ist aber unmöglich, sein Inneres vor dem Objektiv nach außen zu kehren. Somit kann die Fotografie, nach der Auffassung von Roland Barthes, nie die Persönlichkeit eines Menschen zum Ausdruck bringen. Der Mensch wird so fotografiert, wie er auf dem Objektiv erscheint. Es wird ein Ausdruck des Menschen aufgenommen, einer von vielen Ausdrücken, der aber unmöglich die Persönlichkeit des Fotografierten widerspiegeln kann. Der Fotograf nimmt eine Maske des Menschen auf. Hinzu kommt, dass man sich vor dem Fotoapparat immer von seiner besten Seite zeigen möchte und sich daher unablässig nachahmt. Für Barthes entsteht so „ein Gefühl des Unechten“[6], da der Mensch sich nicht selbst repräsentiert.

Da in der Fotografie immer nur eine Facette des Menschen dargestellt wird, kann das eigene „Ich“ nie mit dem Foto übereinstimmen, denn das „Ich“ eines Menschen ist veränderlich und dementsprechend lebendig, oder wie Roland Barthes es ausdrückt, „leicht, vielteilig, auseinanderstrebend ist mein ´Ich´, das, gleich einem kartesischen Teufelchen, nicht stillhält, in seinem Glasgefäß auf- und absteigt“[7], während das Foto „schwer, unbeweglich“ und „eigensinnig“[8] ist. Das Foto kann demnach die Lebendigkeit des Menschen nicht ausdrücken.

Im Moment der Aufnahme erstarrt der menschliche Körper in seiner Pose, d.h. er wird unlebendig, also zum Gegenstand, zum „Gespenst“. Für Barthes ist die Fotografie eine Facette der Todeserfahrung, da der Mensch in seiner Pose erstarrt, wie er das tut, wenn er stirbt. Im dem Moment, wo der Fotograf den Auslöser des Fotoapparates betätigt, ist der Fotografierte weder Subjekt noch Objekt, sondern er ist ein Subjekt, das zum Objekt wird. Der Vorgang des Objektwerdens ist genauso schmerzlich wie eine chirurgische Operation. Diese Objektwerdung kommt für Barthes vor allem in der frühen Porträtfotografie, also in der Daguerreotypie zum Ausdruck, da die Menschen damals viele Minuten ausharren mussten, um fotografiert zu werden. Die Kopfstütze, die in dieser Zeit als Hilfe verwendet wurde, damit die Menschen so lange Zeit stillhalten konnten, ist für Barthes bereits das erste Anzeichen für den Übergang zum Objekt und somit zum Tod. Der Porträtierte saß minutenlang still und erstarrte in seiner Haltung. Der Kopfhalter war somit „der Sockel der Statue“[9], die der Mensch werden sollte.

[...]


[1] Rolf H. Kraus: „Walter Benjamin und der neue Blick auf die Photographie“, S. 27

[2] Roland Barthes: „Die helle Kammer“, S. 22

[3] Roland Barthes: „Die helle Kammer“, S. 20

[4] Ebd., S. 19

[5] Ebd., S. 19

[6] Ebd., S. 22

[7] Ebd., S. 20

[8] Ebd., S. 20

[9] Roland Barthes: „Die helle Kammer“, S. 22

Details

Seiten
29
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638326407
ISBN (Buch)
9783638703635
Dateigröße
6.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v31730
Institution / Hochschule
Hochschule für Bildende Künste Braunschweig – Institut für Kunstgeschichte
Note
1,0
Schlagworte
Wesen Fotografie Analyse Essays Roland Barthes Walter Benjamin Fototheorien Thema Fotografie

Autor

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